Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-02-12 · Heft 7 (12.2.1931) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 7 (12.2.1931)
Date
1931-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450659--77640-2535283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Raub einer Synagoge. Posen, 8. Febr. In Warschau weilt gegenwärtig eine Abordnung der jüdischen Gemeinde der Stadt Rawicz, Wojwodschaft Posen, die bei. der Regierung gegen die von der Wojwodschaft beabsichtigte WegnahmederSynagoge und des Semeinbeoermögens protestiert. Mit der Begründung, daß die-Mehrheit der Mitglieder der jüdischen Gemeinde für Deutschland optiert habe und nach Deutschland abgewandert ist, hat der Wojwode von Posen die Liquidierung der jüdischen Gemeinde von Rawicz und die Uebergabe des prächtigen Synagogengebäudes und einiger im. Besitze der Gemeinde befindlicher Häuser an die Stadtgemeinde ausgesprochen. Der Magistrat beschloß, den Beth Midrasch in eine Fröbelschule für Kinder der Offiziere der örtlichen Garnison umzuwandeln und die in den Gebäuden der Gemeinde wohnenden jüdischen Bürger zu exmittieren. Die Abordnung, die gegen diese Maßnahmen bei der Zentralregierung protestiert, führt ins Treffen, daß die Liquidation ungesetzlich sei, da nach Artikel 177 des preußischen Landrechts, das noch heute in der Wojwodschaft Posen Gültigkeit hat, eine jüdische Gemeinde so lange nicht aufgelöst werden kann, als noch in der Stadt ein einziges Mitglied derselben wohnt. — Die Rawiczer Gemeinde ist eine der ältesten in Posen, sie existiert seit mehreren hundert Jahren. Die polnische Regierung und die Iudenfrage. Warschau, 6.. Febr. von Spenden verarmten Kaufleuten und Handwerkern dazu verhelfen, die Gebühren für ihre Gewerbescheine zahlen zu können, die sie sonst verlieren würden. Als ein Mensch, der Polen mit seiner ganzen Seele liebt, frage ich, ob ein solcher Zustand des freien Polen würdig ist. Die ganze Institution der mit teurem Gelds zu bezahlenden Gewerbescheine ist veraltet, ungerecht und muß reformiert werden. Uns Orthodoxe bedrückt die Z w an gs sonn tagsruhe sehr. Wir leben in einer Zeit der schwersten Wirtschaftskrisis. Ein Lichtstrahl ist das Bewußtsein, daß sich das Staatsruder in starken Händen befindet und daß mit den religiösen Vorurteilen seitens der Regierungskreise aufgeräumt wird. Wir hoffen auf das Aufblühen des Staates Polen. England. Abschluß der Verhandlungen zwischen Agency und englischer Regierung. London, 6. Febr. Wie der parlamentarische Korrespondent des „Jewish Chronicle" aus guter Quelle meldet, find die Verhandlungen zwischen der Regierung und der Jewish Agency abgeschlossen worden. Ein vollkommenes Einverständnis wurde erreicht. Am Donnerstag letzter Woche fanden die letzten Aussprachen statt und Dr. Weizmann konnte am Abend unter Zustimmung der amerikanischen Agency-Führer das Abkommen mit der Regierung namens der Agency billigen. Roch am Freitag teilte alsdann das Kabinett seine Zustimmung mit. In der gestrigen Plenarsitzung des polnischen Sejm, in der. mit der Budget-Aussprache begonnen wurde, verlas der Vorsitzende des Jüdischen Parlamentsklubs, Abg. Dr. Thon, eine Deklaration des Klubs, in der festgestellt wird, daß die ungeheure Steuerlast die jüdische Bevölkerung fast erdrücke: das Steuersystemsei so gestaltet, daß es hauptsächlich die städtische Bevölkerung, namentlich den Handel und das Handwerk, belastet. Die Prozedur bei der Eintreibung der Steuern wird gegen den jüdischen Kaufmann und Handwerker mit besonderer Rücksichtslosigkeit angewendet. Der Jüdische Klub appelliert an die Negierung, endlich an die positive Lösung des jüdischen Problems nach allen Richtungen hin zu schreiten. Am brennendsten sind die Fragen der Wirtschaft. Die Verarmung breiter jüdischer Massen, die täglich mehr einer Stimmung der Verzweiflung verfallen, kann nicht eine Sondererscheinung - bleiben, sondern sie rührt nach innen wie nach außen an die Lebensinteressen des Staates. In fast allen Ländern Europas besteht ein Bedürfnis nach Auswanderung, aber die Einwanderungsländer schließen ihre Tore immer fester zu. Es -bleibt Polen nichts anderes übrig, als schnellstens an die Lösung der Judenfrage heranzugehen.. Es ist dies eine der brennendsten Fragen des Staates. Leider besteht auf der Seite der Regierung nicht der geringste Wille, diese Frage zu lösen. Dagegen ist aber unlängst etwas passiert, was nicht nur die jüdische Bevölkerung, sondern die gesamte demokratische öffentliche Meinung in Erregung versetzt hat. Nach 12jährigem Kampfe schien der Zeitpunkt gekommen, von dem polnischen Judentum den ihm vom zarischen Rußland angehefteten „gelben Fleck" zu entfernen. Aber die Regierungspartei im Senat hat mit schweigender Zustimmung der Regierung die endgültige Erledigung dieser Angelegenheit auf lange Zeit hinausgeschoben. Der „gelbe Fleck" der Juden ist und bleibt ein Fleck auf dem Verfassungsleben Polens. Zum Schluß erklärt der Jüdische Klub, daß seine Mitglieder dem vorgelegten Budget nicht zustimmen werden. Das Mitglied der Regierungspartei H a l u b k a rief Dr. Thon zu: „Auf solchen Wegen werden Sie nicht viel erreichen!" Dr. Thon erwidert: „Wir haben so viele Jahre um unser Recht gekämpft, wir werden weiter kämpfen!" "Darauf ergriff der von der Agudas Jisroel gewählte Sejm-Deputierte Rabbi L e w i n, der aber keiner Partei angehört, das Wort. Er wies auf die katastrophale Wirtschaftslage der jüdischen Bevölkerung hin und agte, .wie durch ein Wunder könne sich die jüdische Kaufmannschaft und Handwerkerschaft auf den Beinen halten. In vielen Städten mußten sogenannte Rettungskomitees geschaffen werden, die durch Sammeln Das neue Uebereinkommen wird in einem das Weißbuch ergänzenden Brief der Regierung an Dr. Weizmann festgelegt werden. Verfasser des Briefes ist Mr. Aitchiston, der als juristischer Berater des Spezialkomitees des Kabinetts in der Palästinafrage fungierte. Der Brief an Weizmann wird tatsächlich in den wesentlichsten Punkten eine Annullierung der Weißbuches bedeuten. Jedenfalls enthält er auf dem Gebiete des Bodenkaufs und der Einwanderung bedeutende Zugeständnisse an die Zionisten. Ker bereits angekündigte Landentwicklungsplan in Verbindung mit einer Regierungsanleihe für Palästina ist schließlich auch von Weizmann gebilligt worden. Die Errichtung eines „Legislative Council" wird von der Regierung weiter im Auge behalten, man weiß jedoch nicht, ob die arabische Seite die Ausführung des Projektes möglich machen wird. Im großen Ganzen darf man erwarten, daß die Verhandlungen eine durchaus erfreuliche Basis für die Weiterentwicklung der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina bieten werden. „Jewish Chronicle" selbst stellt die Sache allerdings so dar, als ob es sich nur um Scheinkonzefsionen zur Rettung der Führerschaft Weizmanns handele: doch darf man annehmen, daß bei dieser Beurteilung die revisionistische Tendenz des Blattes und seine persönliche Animosität gegen Weizmann mitspielen. In seiner Ausgabe von Sonnabend, dem 7. Februar, erklärt „Daily Telegraph", die Tatsache, daß nicht der Kolonienminister Paßsield, sondern der Außenminister Henderson die Regierungserklärung, in der die Ergebnisse des ersten Teiles der Verhandlungen mit der Jewish Agency zusammengefaßt werden, mit unterzeichnet hat, sei ein Anzeichen dafür, daß die Gerüchte über eine geplante Unterstellung der Palästina-Verwaltung unter das Außenamt begründet sind. Zu dieser Nachricht, des „Daily Telegraph" wird der ITA mitgeteilt, die Tatsache, daß die Regierungserklärung von Henderson unterzeichnet wurde, sei einfach darauf zurückzuführen, daß Henderson Obmann der mit der Jewish Agency verhandelnden Regierungskommission ist. Auf eine bevorstehende Unterstellung der Palästina- Verwaltung unter das Außenamt könne aus dieser Tatsache durchaus nicht geschlossen werden. Die gesamte Londoner Sonntagspresse tritt, offenbar von Seiten der Regierung inspiriert, kategorisch den Nachrichten über Demkssionsabsi'chten Lord Paßfkelds und einer geplanten Unterstellung der Verwaltung Palästinas unter das Außenamt entgegen. Gleichzeitig erklären dis Blätter, daß das neue Dokument der englischen Regierung über Palästina noch im Laufe dieser Woche veröffentlicht werden wird. Der Inhalt des neuen Statements werde keine grundsätzliche Abkehr von der bisherigen Palästina-Politik der Regierung bedeuten und in hohem Maße deMCharakter einer Verteidigung des Weißbuches tragen. Die Erklärung werde wohl in einzelnen Punkten, nicht aber in den Hauptlinien Konzessionen an die zionistischen Forderungen enthalten. Sitzung des Board of Depulies in London. London, 8. Febr. Der am vorletzten Sonntag in London abgehaltenen Sitzung des Jewish Board of Deput i e s lag ein Bericht des Joint Foreign Committee vor, in dem erklärt wird, die Lage in D e u t f chland sei noch immer unsicher. Die letzten Nachrichten aus Rumänien ließen erkennen, daß die Regierung! nunmehr entschlossen ist, schärfere Maßnahmen als früher | zur Ueberwachung der antisemitischen Verleumdungs¬ und Hetz-Kampagne zu ergreifen. Der Bericht erwähnt sodann die Schwierigkeiten der Einbürgerung von Staatenlosen in der Tschechoslowakei, wo im Verlaufe der letzten 8 Jahre von 12 000 jüdischen Staatenlosen nur 772 das Staatsbürgrerecht erhalten haben, während 768 jüdische Staatenlose ausgewiesen wurden. Das Joint Foreign Committee verfolge weiters aufmerksam die Maßnahmen der polnischen und litauischen Regierung gegenüber den jüdischen Staatenlosen. Wie die Exekutive der Jewish Agency für Palästina dem Komitee mitgeteilt hat, wurden Schritte zum Weitertransport der seit etwa 18 Monaten in Aden untergebrachten 130 jüdischen Flüchtlingswaisen eingeleitet. Namens des juristisch-parlamentarischen Ausschusses erklärte Rechtsanwalt H. H. Haldin, der Ausschuß habe die Frage der Schaffung neuer gesetzlicher Bestimmungen zu stärkerem Schutze der jüdischen Religionsgemeinschaft gegen Verleumdung sorgfältig geprüft. Leider bestehe vorläufig keine Aussicht auf Aenderung der bezüglichen gesetzlichen Vorschriften. Auf Grund eines Berichtes von Lady Sp ielman über Schulsragen wurde beschlossen, eine vom Abgeordneten Michael Marcus zu führende Deputation zum Präsidenten der staatlichen Erziehungskommission zu entsenden, um ihm die Wünsche des Boards bezüglich dessen Mitwirkung bei der Ernennung jüdischer Religionslehrer oorzutragen. Schweiz. Das internationale „Nansen "-Amt für Flüchilingswesen. Genf, 10. Febr. Dem Völkerbundsrat wurde das von Dr. M. Huber verfaßte Statut des auf Vorschlag von Viscount Cecil of Chelwood nach Fridtjof Nansen benannten Internationalen Flüchtlingsamtes unterbreitet. Die Aufgaben des Amtes werden einerseits in der Sammlung von 3n[onnationsmateriat, andererseits in der Ausarbeitung von Richtlinien für die Tätigkeit der bestehenden Hilfsorganisationen und direkter Hilfsarbeit für die Flüchtlinge bestehen. Als Sitz des Internationalen Flüchtlingsamtes wurde Genf bestimmt. (JTAJ. Palästina. Empfang einer Agudo-Delegation bei Shoukat Ali. Jerusalem, 8. Febr. Der zur Beerdigung seines verstorbenen Bruders, des berühmten arabischen Führers Mohamed Ali, hierher gekommene, ebenso einflußreiche und in der arabischen Welt angesehene Shoukat Ali, empfing heute eine Delegation der Agudas Jisroel, die ihm das aufrichtige Beileid der Weltorganisation und der palästinensischen Agudo an dem schweren Verluste, den das arabische Volk durch das Hinscheiden Mohamed Alis, erlitt, zum Ausdruck brachte. Ein Beileidsschreiben war Shoukat Ali bereits in dem Augenblick seines Eintreffens in Palästina überreicht worden. Der Empfang hat insofern eine nicht uninteressante Vorgeschichte, als Weizmann die zionistische Exekutive und die Kneses Israel telegraphisch ersucht hatte, das Eintreffen Shoukat Alis nicht ohne eine entsprechende Sympathiebezeugung vorübergehen zu lassen, daß aber der Waad leumi sich, nicht entschließen konnte, diesem vernünftigen Ersuchen des zionistischen Führers Folge zu leisten. -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.