Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1931)
- Date
- 1931-02-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Atenschenschickfals und einer Zeitepoche. Von <S. Jzchaki. (Fortsetzung). Meikemeier ging gleich zu richtiger Literatur über, zu Schi l l er, G oeth e und- Lessing, er las Zeitschriften. Herr Amman mußte nachgeben und warvon dem Erfolge höchlichst überrascht./ Neben den Klassikern las er philosophische Werke, aber auch schöngeistige Schriften. In den „Hof"-kamen deutsche Zeitungen, auch-die „Gartenlaube", und Melkemeier verschmähte auch diese leichte Kost, nicht. Worte, die ihm zum ersten-Male begegneten, notierte er in ein Heft, ließ sich dann von Herrn Ammann deren Bedeutung erklären und lernte die Vokabeln auswendig. Er wußte sie auch .bald alle richtig zu deklinieren, konjMeren Md anzuwenden. . Er schrieb Aufsatze Mer Weitverzweigte Probleme, die Herr Ammann nicht lösen konnte, aber sprachlich zu korrigieren hatte. So lernte er Deutsch nach einer eigenen, aus Not und Bedürfnis heraus geborenen Methode. Herr Ammann konnte stolz sein aus diesen Schüler aus eigener Prägung. In den Romanen von Marlitt und Werner in der „Gartenlaube" erinnerte vieles an 'das Milieu, in das er verschlagen wurde. Sie spielten zumeist auf Rittergütern, hatten Hauslehrer zu Helden und schilderten Seelenkonslikte, die siA aus dem Gegensätze der Stände — wenn die Liebe einend dazwischen trat — ergaben. Es ging Mch Glück' immer alles gut aus. Oft trat aus ÜM Zeilenreihen ganz unvermutet das Bild Marjasthkas vor feine Seele, die stolz und anmutig'mit pechschwarzen Augen lachte .... . Mit neunzehn Jahren las er den deutschen R o di n s o n C r u s o e . aus einem schönen Quartbande mit bunt umrandeten Seiten und kuriosen Bildern aus dem abenteuerlichen Jnselleben, mit der gleichen Spannung und inneren Teilnahme wie fünf Jahre früher, das hebräische „Ahawath Zion" von Abraham Mapu. Er lernte in der Folge auch ändere wichtige Dinge, von denen er .bis. dahin .kaum eine blasse Vorstellung hätte. Sogar eine Geige bekam er in dep Arm .gestemmt,, und er.lernte ganze Md halbe'Noten und Vierteltakt. Gr sah einen Glob u s, zum erstenm al b ekam er "eine Karte in di e Hand, auf der Striche, Punkte und Linien, über blaue Meere gezogen,' die -eiü^elnM Länder, Städte, Berge und Meere angaben. Zum erstenmale hörte er'über die weite Welt -einfach und sachlich, ohne die Wundermären Jossel Wilkomirers sprechen. Geographie ohne „Sambation" und „zehn Stämme" ... Gar zu gern hätte er jetzt die Werke von Karl Marx, Engels und anderen im Original gelesen. Aber solche Bücher waren in der kleinen Volksbibliothek, die der Herr Baron für die deutsche Kolonie errichtet hatte und von Herrn Ammann geleitet wurde, nicht zu haben. Dagegen gab es neben der. „Gartenlaube" und den Klassikern Reisebeschreibungen und Zeitungen mit illustrierter Sonntagsbeilage. Er las, was ihm in die Hand kam und fand Gefasten an der Schilderung der Freuden unter dem .strählenden Weihnachtsbaum,: genauso wie an,' Wer abenteuerlichen Reise zu -den kannibalislhen Indianern, die mit Armbrust Md Giftdolch grausam wüteten. Sv. ganz.Innerlich und äußerlich umgewandelt, kam er gelegentlich auch wieder in die kleine Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Formen hatte er immer noch nicht ganz erlernt, aber er gab sich doch bereits so, daß Förster Janke keinen Grund ,'zü spotten' fand und Marjaschka ihn sticht mehr schämig verkeugnete. / Wie der Sommer zu Ende war, beherrschte er die deutsche Sprache, nach den gegebenen Umständen, so gut wie vollkommen. Wohl verwech- . selte! ex . poch scharfe und schwache Konsonanten, und die Umlaute bereiteten ihm Schmerz an Lippen und Zunge. Aber er konnte im Ganzen grammatikalisch richtig sprechen und schreiben und hatte eine Menge Literatur wahllos in sich auf- - genommen, mit der er hinter keinem Deutschen . von Durchschnittsbildung zurückblieb. Im Winter wandte er sich nunmehr dem Russischen zu, worauf der Kulturträger des Ostens, Herr Skobeljew, schon lange eifersüchtig gewartet hatte. Er fing: mit dem ABC an, ohne die deutsche LektMe ganz aufzugeben. Die quadraten russischen Buchstaben waren gefälliger für! das Auge als die pittoresken gotischen Lettern l der Deutschen. Auch die Grammatik war ein- - facher und leichter, die Ausdrücke etwas roh ge- ' zimmert, aber von Klang und kerniger Kraft. Er : lernte nach der gleichen Methode.,' wie das Deutsche, und Gospodin Skobeljew war; kein Pedant, er ließ' seinen Schüler, sich seinen eigenen Weg suchen, und blieb nur in seiner Nähe als Führer. Skobeljew war kein Lehrer von der Art Ammanns, eigentlich überhaupt kein Lehrer. In den Unterrichtsstunden, die mehr mit freier Unterhaltung ausgefüllt waren, erfuhr Meikemeier bald, daß diesem Skobeljew andere Lieder in die Wiege gesungen wurden, als die in diesem litauisch-deutschen Spießerneste verständlich waren. Er war Sohn eines höheren Beamten, hatte das Gymnasium in Moskau absolviert und kam dort auch auf die Universität. Ein Eigenbrödler und Außenseiter, der er von Kindheit auf war, wurde er bald in Umtriebe verwickelt, an deren Ende ansonst in Rußland zumeist Sibirien oder Galgen stand. Davor konnte ihn die Stellung des Vaters noch mit knapper Not retten. Aber mit der Universität war es zu Ende, und er fand hier in der Einsamkeit, am Wettenrande, eine Notlandung, wie er sagte, um eines Tages die Fahrt von neuem zu beginnen. Es wurde Meikemeier klar, daß Skobeljew seine Verbannungszeit nicht in Muße und Trunkenheit vertat, wie er erst dachte. Er arbeitete, wenn er nicht trank, und trank immer nur, wenn er nicht arbeitete. Sein Beruf nahm ihn nicht viel in Anspruch, die russischen Stunden ' in deb kleinen Schule waren auf' ein Minimum beschränkt.'' Er! führ in seiner freien Zeit auf sein - Ziel los, führte eine - ausgedehnte' Korrespondenz mit der halben Wett, hatteeine gewisse Schlüsselsprache un d a u ch fto etwas wie ein geheimes Archiv angelegt. 0t empfing zuweilen auch Besuch, der auf geheimen Waldwegen kam und im Dunkel der Nacht .' wieder verschwand. In diesem weltentlegenen und g'ttverlassenen, auf keiner Karte verzeichneten Erdenwinkel, jenseits der Welt, wurde mancher geheime Plan ausgeheckt und ausgearb-eitet. der Petersburg und Moskau und ganz Europa. in Beben versetzen konnte. Die Umgebung wußte von diesen Dingen nichts. Vielleicht war die Trunkenheit Sköb-eljews, — nur Meikemeier kam dahinter — gar nicht echt, vielleicht war sie nur .ein Aushängeschild für eine gewisse Harmlosigkeit, hinter der ein Vulkan brodelte. Der litauisch^ Jüngling chatte zunächst keine Lust, seine im. Eisenladen von Slabodko gewonnenen sozialistischen Anwandlungen hier unter Leitung von Skobeljew biszur höchsten Vollendung'auszubauen, so sehr' sich dieser darum bemühte. Er wollte zunächst nur einmal Russisch lernen, und er war.in einem halben Jahre soweit, daß er Turgenjew, Dostojewski, Lev T olstoi und die anderen grüßen Russen im Original. lesen konnte. Diese Bücher kamen aus der geheimen. Privatbibliothek des HeW; Skobeljew. ||; Die Werke Dostojewskis fesselten' ih'ü' ünd Ä-' schreckten -ihn zugleich, wühlten seine Seele von Grund aus auf. War des Menschen Inneres schwarze Erde, in die man bohren und bohren konnte, daß abwechselnd so viel Schlamm und so viel klares Wasser heraufspülte? War unser Ich eine Dunkelkammer voll Gespenstern im Kampfe mit Engeln? Hatte unsere Seele so viele Falten und Fättchen, die man nach Belieben auf- und zumachen konnte^ um etwas herauszuholen und hineinzulegen? Los kam man aber von. diesem Tanze der. Seelen, war man einmal m dessen Bann, so wenig, wie aus seiner Haut heraus, in der man einmal steckte. Er lebte und litt schwer mit Raskolnikow und träumte nachts dessen Angstträume. Er wäre in dieser Zeit imstande gewesen, sich selbst zu des Studenten Mordtat zu bekennen ... Herr 'Ammann hielt nicht viel von Dostojewski. „Uebertrieben, überspannt und überspitzt, wie all die. verrückten Russen," lautete sein Verdikt. „So kompliziert ist keines Menschen Seele!" „Des ehrbaren Bürgers und Spießers nicht," bemerkte Skobeljew anzüglich und herausfordernd, obwohl er sonst jeden Zusammenstoß mit seinem deutschen Antipoden vermied. Es-lohnte nicht . . . Und dann hielt er Meikemeier einen ausgiebigen Vortrag über das zweite Ich, das Maß, in dem der Mensch zu seiner Tat, die nur selten ein Teil von ihm sei, steht, über Schuld und Schicksal, die Grenzen zwischen Schein und Sein, die, wie bei Raskotznkow, durch innere Stürme bis zur Unkenntlichkeit verweht und verwischt sein können . . . Hatte Raskolnikow den Mord begangen? Sein erstes Ich ja, fein zweites, das grübelnd über dem ersten steht, nicht... Meikemeier hatte es anders gelernt, nämlich von zwei Trieben, die in unser Ich hineingesetzt sind, daß sie es erproben. Unser Ich selbst aber war eine Einheit, und nur ein Wille entströmte ihm, der den guten oder bösen Trieb über sich Gewalt gewinnen lassen konnte . . . Dieser Dostojewski, erfuhr er von Skobeljew, lebte in der sibirischen Verbannung und starb in Wahnsinn. Menschenschicksal: Auf selbsterrichteten Höhen von Schwindel befallen zu werden und kopfüber hinunter zu stürzen . . . Anders war es mit T o l st o i. Hier tat sich ihm eine Welt auf, so weit, so groß, so voller Eis und Sonne, so voll der Rätsel und Geheimnisse, wie die endlose russische Erde, yon deren Leben und Lärm nur ein leises Nachbeben im 'Städtchen daheim, in der Russengasse, verspür-- bar war. Hier waren es nicht, wie in den:.hebräischen Erzählungen oder in den deutschen Sonntagsfeuilletons- Geschehnisse, die sich mit' oder ohne Zwang ineinander verschlangen, hier lebten und litten Menschen aus Fleisch und Blut, griffen Welt- und Menschenschicksal ineinander. Charaktere standen da, aus einem harten Gusse, jeder eine Wett für sich, und alle zusammen die große, weile russische Wett. Awna Kareni.na, Lewin, all diese Männer und Frauen der russischen Gesellschaft, wieviel Gemeinmenschliches hatten sie in ihrem dunklen Drange und offenen Handeln, mit ihrem Leid und Lastier, und dennoch lag über dem Ganzen das typisch Russische, uns unerschlostene' Geheimnis der russischen Steppe! Er las die K r e u tz e r f o n a t e " und verstand nicht, wohin das alles, hinaus sollte. Für Sonaten war Herr Ammann zuständig. Er kannte und spielte'Beethoven. Aber über den Sinn diese r Krfutzersonate konstte nur der ganz und gar Mntusrkalische Gospodm Skobeljew Aufschlüß geben. ' - Konflikt aus innerer Unnatur, die. der Mensch in seiner Kleinheit und -Gemeinheit zur Natur