Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1931)
- Date
- 1931-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450658--77617-2535259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-6.FEB.3j 5. Februar 1931 18. Schebat 5691 Nr. 6 m den Degründel vdrr Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.3V Mark monatlich; Ausland: Bierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga3.; Holland 2fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Iugoslavien W Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27, 180 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 23 Kronen; Ungarn Pengo 6 ab 1. Juli 1927; Dänemark 8:80 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige.. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Goldpf. für die stebengesp »Irene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuche» und Familienanzeigen nur »0 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textsette 2.— Mk., vorletzte Textsette 250 Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M , Rechneigrabenstratze 7, Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In- und Auslands AUetntge Jnseratenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt, Hölderliastrahe 25 Tel. 45886. Platzvorfchr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkten den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr — A^tz-rdem an: Postsparkasse iVlen Nc.7S60o — Postsvarkassenamt Buoapest Nr 18421. —Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII7254. — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 21889 — Postscheckamt Prag Nr. 79.060 — Banca Marmarosck Blank & Co ht Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle ans Abo rnemsnts oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Dr. Alarms Lehmann ' als Erzähler und Erzieher. Nachdem wir zum hundertsten Geburtstag Dr. Lehmanns bereits an dieser Stelle einen mehr, biographischen Artikel gebrächt haben, erachten wir es nicht für . ) überflüssig, hier aus einer Gedenkrede einige kü l t u r h i st o r. i s ch e Betrachtungen über die Zelt, in die das Wirken des Begründers unseres Blattes und Schöpfers U - der eigentlich jüdischen Belletristik hineinfällt, wiederzugeben. Die Red. . 'ft Marcus Lehmann war gewiß kein Umwäl- E er hat keine neue Zeit geschaffen; wie die Meisten Männer von „epochaler. Bedeutung", die mehr Werkzeuge ihrer Epoche waren. Er war über leiner der Erkorenen, der Mitarbeiten durfte an einer geistigen Rettungsaktion für ganze jüdische Generationen. Marcus Lehmann ist in eine Zeit hmeingeboren, die unter den Auswirkungen der Befreiungskriege, des Emanzipationstraumes und des Aufklärungstaumels fieberte. Nicht gar zu weit von feinem Geburtsstädtchen, in Seesen, spielte 1810 die erste Orgel beim jüdischen G'ttesdidnst die Reform ein, fünf Jahre später brausten ihre Akkorde in Verl in und nach drei Jahren in Hamburg. Es war nicht die erste, unmittelbare Auswirkung der Aufklärung. Die Epi- -gonen des „Dessauer" als Apostel der Aufklärung waren nicht die Väter, sondern die G r o ßv ater der Reform. 1800 ging es aufs Ganze, ging es bis zum Taufbecken. Die der, radikalen Assimilation folgende „Jüdische Wissenschaft", und nach chr die Reform, waren aber zu sehr -aus der Aufklärung geboren, als daß sie jüdische Eigenwerte geschaffen hätten. Aufklären um jeden Preis! Aus diesem Aufklärungsfanatismus ist das vielbändige Geschichtswerk entstanden, in dem viel Liebe gum Judentum investiert ist, aber ebensoviele schiefe Urteile und Darstellungen bedeutender Epochen der Geschichte.. Das . Judentum mußte über „Jrrtümer" in feiner Auffassung aufgeklärt werden- und so schuf und konn struierte man die „JrktüHer" und „Denkfehler nur um a u f k l ä rie Ü3z u können. So entiPand Ane- Wissenschaft' von. Geiger'schem und : Zuntz'schem Geiste; so entstand auch eine schon- -- geistige Literatur, von Kompert, Franzos und Philippson geleitet, die, nach Art der russischen chas.kala, die.Massen .„aufzuklären" hatte über dunkle Ecken in ihrem geistigen und sozialen Leben wie in ihrer Glaubenslehre. Aufklärung um jeden Preis! Und sie brachte Vertuschung, Verwischung und Verwirrung schlimmster Art. Lehmanns stärkstes Jugenderlebnis dürste wohl das Sturmjahr 1848 gewesen sein, das allen Frecheitsgelüsten neuen Auftrieb gab. Freiheit in jüdischen Kreisen war aber gleichbedeutend mit Befreiung von den. Fesseln des religiösen Gesetzeslebens. Die an die Wurzel gehende Geiger'fche Lehre erstarrte in kleinlichen Formen und Reformen des kleinen, in der Nachäffung fremder Kulte schwelgenden Jacobson. Wie es um diese Zeit in Frankfurt a. M. aussah, erzählen uns die Akten aus der Vor-Hirschifchen Zeit, Daß ein Rabbi Salman Trier, der letzte fromme Rabbiner der Frankfurter Gesamtgernemde, ein apologetisches Werk zur V e r t erdig u n g d e r Miloh vor und für Juden schreiben mußte, das versteht man Heute auch in liberalen Kreisen nicht mehr. Im Mainz lagen die Dinge nicht anders. Dort kam die Orgel 1853 mit Dr. Aub. In Frankfurt kämpfte eine kleine treugebliebene Schar um ihre Existenz, um die Existenz des Thorajudentums, mit übermenschlicher Anstrengung gegen eine Sturmflut, die alles wegzureißen drohte. In' Mainz war es die kleine Gemeinde .um Rabbi Schemuel Bondi, R. Jakob Lern, R; Moses Reis, Jfaac Fulda u. a., die die Fahne des alten Mageyzo, von R. Herz Scheuer übernommen, tapfer verteidigte. Ungefähr zur gleichen Zeit, da S. R. Hirsch, bereits ein gereifter Mann und erprobter Kämpfer, an die Spitze seiner kleinen Frankfurter Makkabäerschar trat, wurde. Marcus Lehmann, ein junger, unerfahrener Mann, einzig mit der Waffe des Wissens, und der großen Liebe im Herzen ausgestattet, an die Spitze seiner Mainzer Gemeinde gestellt, um zu helfen, zu retten, was noch zu retten war. Drei Namen leuchten — neben vielen, denen der Kampf nicht lag — aus dieser bedeutsamen Periode der Wdischen Geschichte als Helden und Helfer in der Not hervor: S. R. Hirsch, Esriel Hildesheimer (feine Berliner Wirksamkeit und damit seine Weltbedeutung beginnen 20 Jahre später) und Marcus Lehmann. So verschieden diese drei Männer ihrem Wesen,' ihrem Wirken und ihren Wegen nach sind, so verbindet sie doch ein gemeinsames, nämlich der Wille, den Feind mit. sein er eigenen Waffe zu schlagen — Lehmann wählte die leichtesten Kalibers — und damit zeichnen sie sich auf einer Grundlinie von den Männern und religiösen Führern in der Frühzeit der Reform, auch von den Rabbinen und Lehrern des heutigen Ostens ab, die in der Weife gegen die Krankheit vorgehen, daß sie Türen und Fenster schließen und ihr den Zugang versperren, wobei man freilich die bereits von der Krankheit Erfaßten verlorengeben muß. Die Kämpen im Westen mußten jedoch den Weg der neuzeitlichen medizinischen Wissenschaft einfchlagen: mit dem i! t r a n kheitsstoff selbst die Krankheit heilen; mit dem Serum, das ganz leicht den OrgänisiHUS infiziert und ihn gerade dadurch immun, macht gegen die Krankheit, dieweil es in ihM Gegenkräfte entwickelt und mobil macht, die sich gegen eine weitere Ausbreitung des Bazillus mächtig und mit Erfolg zur Wehr setzen. Hier im Westen, wo der Jude, auch der des Gesetzes, mitten in das offene Licht des Kulturlebens gestellt war, also in der Atmosphäre der G'ttfremdheit zu atmen hatte, gab und 'gibt, es nur diese eine Heilmethode, wenn eine geistige Panierung erzielt werden sollte. Darum sind sich die drei genannten Männer über die Grundlinie ihres-'Schlachtenplanes vollkommen einig und im Klaren. Ihre strategischen Wege führen auseinander, aber sie bleiben Parallel-Wege, zu einem Ziele: Alle drei wissen, daß ihre Gemeinde nur Boden und Basis fein kann für die Regenerierung des jüdischen Geistes in der großen, unsichtbaren Gemeinde Israels in Deutschland und in der Welt, gewissermaßen,'— um ein Bild der modernen Zeit zu gebrauchen — nur ein Flughafen, von dem aus der große Start unternommen wird. Und so schafft sich ein jeder vsn ihnen nach den ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine eigene W e l t b ü h n e , die Kanzel, von der aus sein Wort an Gesamtisrael, ergeht. S. R. Hirsch schreibt seine 19 Briefe, seinen E h o - r e b , seinen Kommentar, gründet seinen. „Jeschurun", der die „Briefe an die jüdische Nation" in die Welt hinausträgt. Esriel Hildesheimer errichtet sein R a b b i n e r s e m i n a r , das den. Gemeinden religiöse Führer stellt, die.^ mit jüdischem Wissen und moderner Bildung? den Reförmtehrern ein mächtiges Gegengewicht, bietem Marcus Lehmann begründet den „Israelit" und schreibt seine Novellen und Romane. Wer darf sich heute erkühnen, abzuwägen, welchem von diesen Männern die erste Palme gebührt und wer größeren oder minderen An-