Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1931)
- Date
- 1931-01-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450657--77614-2535255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
OCR text
Nr. 3 Seite 3 29. Janyar 1931 , können, .das- „Besessenem", das ist und bleibt dann die Triebfeder. Wir spüren das spöttMe Lächeln all der Besserwisser, die da sagen werden: nun, -einer, der die Zeit nicht.;.begreift,, der nach glaubt, die Kraft des gesprochenen Wortes,.wirke! Aber! auch wir! lächeln.; Wer dieses Mal, weil.,er ja schon zu den „Alten" gehörte, sich der Beobachtrm'g hingeben konnte, erlebte ja immer wieder, wie all die vielgepriesene Sachlichkeit, die sogar an der Organisationsform rütteln wollte, weil sie nicht begriff, daß uns -ja die Organisation nicht Selbstzweck ist, sondern daß sie uns das Instrument bedeutet, mit dem wir einzig und allein den Klallbegriff in mühevoller Arbeit zur Wirklichkeit gestalten wollen,'nicht hinaus kam über ein unbestimmbares. Etwas, das Dr. Isaak Auerbach so treffend als die Hemmung der Jugend kennzeichnete. Diese Sachlichkeit aber, und vor allem die herrschende Unklarheit, die ja-eigentlich nicht naturnotwendig damit verbunden sein muß, kann jedoch tiefer gesehen zur eminenten Gefahr werden. Schon einmal war es so: Spinoza sagt einmal: „Jedes Ding hat soviel Rechts da zu sein, als,es Macht dazu Aesitzf,° und das Streben, sein eigen-, tümliches Dasein zu erhalten, ist das Wesen aller beseelten Dinge, wie der letzte Grund alles mensch«- lichenHandelns". Es ist klar, daß die Ethik damit ihr Feld.verliert, daß die Kategorien Sittengesetz, 'Sollen Md -Pflicht, idutch die-Me Ethik hindurchgehen muß, damit inhaltsleer und, wesenlos werden. Die erstaunliche Tatsache, daß soviel gleichgesinnte Menschen, nicht einmal in der Form und im Weg zum Ziel, sich zu einigen wußten, beruht eben in dieser Sachlichkeit. Jeder ist sich „Ding an sich", jeder lebt in feinem „Bau" und spürt nicht mehr das Leben, die großen, tiefgreifenden Strömejüdischen Seins, sondern sieht nur die enge Quadratur seines auf ferne Individualität gestützten, von reiner Augenblickszweckmäßigkeit diktierten Bereitwilligkeit, sich für die allernächste Zukunft vor irgend einem Entwurzeltem zu schützen. Und denkt nicht daran, daß das im Grunde mehr negativ als positiv ist, denn die Gemeinsamkeit wird nicht getragen von diesen Imponderabilien, sondern von den hin- und herflutenden Impulsen der Fähigkeiten zum Gestalten des "Erlebens. So krankt d i e agudi>st i s ch e Jugend in erster Linie an der Zeiterschein u n g d e r S a ch l i ch k e i t. Und dazu kommt eine zweite, nicht minder gefährliche Erscheinung. Oft genug in den letzten Jahren ertönte der Ruf yach der Gestaltung des agudistifchen Milieus, und nun zeigt sich die Gefahr dieser.Unterlassungssünde. Der junge Mensch kennt: die;Forderungen an. ihn,, er hört, von den Grundsätzen und Prinzipien Md sieht, Wieso - oft das Verhälten detz 'Einzelnen. im krassen Widerspruch steht'. Wir erinnern.Nur daran, baß noch Vorstandsmitglieder von Gruppen tanzen, Familienbicher besuchen, nach jeder gesellschaftlichen Veranstaltung Arm in Arm mit'einer Game nach Hause, gehen,' alles Tatsachen, die symptomatisch sind für die Umweltsbeemflussung, denn kaum einer von ihnen dürfte den Jssur leugnen. Einerseits das Alt-Gebundene und andererseits die moderne Form mit ihren unvenneidlichen Jffurim, alles Folgen eines uns gewordenen Milieus, anstatt eines solchen, in dem wir in Reinheit und dennoch freudvoll leben. Dieses Hin- und Hergeworfensein führt zum Dualismus, zum Doppeltmenschen, gar nicht zu sprechen von deM Ber-i halten manches kaufmännischen Angestellten im Berufsleben. Es ist-aber weiter u. E^ der Grund dafür, daß alles Erlebnisfähige allmählich äusgeschaltet wurde, und hier liegt der Schnittpunkt mit der Sachlichkeit: Seien wir einmal ehrlich, wieviele gibt es doch.Mter uns, die, rein sachlich betrachtet, jsich als ^agudistisch bezeichnen, und in ihrem^Elgendasein'scyon an der Peripherie.stehen, ^moderne Menschen" sind, ihr Träum- und. Wunscherleben, in die Umwelt hineingetragen haben, Kino und Theater, gegen das wir hier im Prinzip nicht einmal etwas sagen wollen, sondern nur über den Grad seines Einflusses auf die Er- Der.Israelit Blätter_ lebnisfähigkeit des "jüdischen Menschen, Gesellschaft Und Kasfeehausbesuch, Tanz und Koketterie in eben dem gleichen Maße als ihre Dafeinsform betrachten, wie sie sachlich agudistisch arbeiten. Und weil diese ungeheure Differenziertheit im Erleben heute stärker? denn je ist, will man — vielleicht unbewußt —, m der Agudas Jisroel „Sachlichkeit" fördern, „sachlich" beraten und beschließen. Es ließe sich noch manches darüber sagen, aber , wir wollen nicht unnötig Pessimismus fördern, denn wir glauben an die sieghafte Kraft unserer Idee und sind schließlich auch von dieser Jugend und ihrem ehrlichen Willen selber so überzeugt, daß wir hoffen, daß sie sich durchringen wird. Die neue Leitung hat eine große und schwere Aufgabe übernommen, wir haben zu ihr das Vertrauen, dessen sie bedarf, und wenn auch der Vorsitzende in seiner weltanschaulichen Einstellung dem Austrittsstandpunkt sehr ablehnend gegenübersteht, ein Moment, das in seinen tieferen ZusammenhäMen möglicherweise der A. I. zur Gefahr werdM könnte, so kennen wir ihn als viel zu objektiv' und gewissenhaft, als daß wir darin neue'Gefahren sehen müßten. i; Die Aguda In Lettland. , Ohne viel Pomp und Trompetenschall geht die lettländische Agudcr langsam und sicher-ihre Wege, großen Zielen entgegen. Die Aguda ist in Lettland ein politischer Machtfaktor, mit dem alle auch auf ökonomischem Gebiete rechnen müssen. Man muß es beinahe als Wunder anfehen. Riga, eine Stadt, die in der russischen Zeit ein Durchschnittsjude nicht betreten durfte, deren bevorzugte Juden eine assimilatorische Aristokratie darstellten, eine Stadt ohne Trockrition und Vergangenheit, hat doch jetzt ein Zentrum jüdischen Lebens, aus das die Weltorthodvxie stolz fein kann. Das ist nicht zuletzt das Verdienst dreier Männer, die an der Spitze des orthodoxen Judentums in Lettland stehen, Gymnasialdirektor S. I. Wittenberg, Direktor C h o wo k o w und Rabbi Joel B a r a n s k i, der insbesondere als Führer der Jugendbewegung große Verdienste auszuweisen hat. Ihre Leistungen zeigen sich in einem Netz von „Thora-im-Derech-Erez- Schulen", das sich auf das ganze Land erstreckt, einem orthodoxen Gymnasium in Riga, für bas die Aguda-Jugendorganisation ein eigenes großes Gebäude mit großem Hof und Garten erworben hat. Die Lehranstalt umfaßt heute 600 Knaben und Mädchen, die hier die Reife für die Universität erlangen. Die Aguda besitzt eine eigene Bank, in der ausschließlich orthodoxe Angestellte beschäftigt sind. -Durch positive Taten hat die lettische Agudaes'soweit gebracht, daß Misrachi als Partei in Lettland nicht existiert, es gibt höchstens hie'''und da einige wenige Misrachi-Mitglieder. Nicht zw vergessen die große Rigaer Jeschiwa, eine Gründung der.Aguda-Jugendorganisation, und geleitet von? Oberrabbmer S a ck. Die Aguda-Deputierten vertreten die lettische Judenheit nach außen bestens. Die Arbeit der Aguda in Lettland kann als mustergültig für alle Welt bezeichnet werden. B. D. Ans der Bewegung. London. Zu Ehren des Präsidenten der Agudas Jisroel-Weltorganisalion, Rabbi Dt.' .Pinchas Kohn aus Wien, fand letzten Sonntag im'Jewish Centre ein Empfang statt. Mr. H. A. G o o d m a n präsidierte und gab ssiner Freude über den Besuch des unermüdlichen Leiters der „Agudas Jisroel" ,in England Ausdruck: Rabb. Dr. Kohn sei in einer.wichtigen politischen Mission, nach London gekommen, bei der ihn dis'guten Wünsche der thoratreuen Judenheit der gänzen Welt begleiten. Rabbi. H. Ferber schloß sich mit., einem Willkommengruß im Namen des rabbimschen Komitees der englischen Agudas Jisroel' an. Der neue Sieg der polnischen Orthodoxie bei den Wahlen zum Sejm und Senat, sei im wesentlichen den. Grundlagen zu verdanken, die Herren Dr.. Kohn vor Jahren gelegt habe, . Rabbiner Dr. Kohn gab' seiner Freude über das Zusammentreffen mit seinen Londoner Freunden Ausdruck. Die Entwicklung der politischen Angelegenheiten hätte seinen Besuch tm Interesse der Orthodoxie und im Interesse Palästinas erforderlich gemacht. Er habe gesunden, daß überall, wo ex.,für die Aguda aufgetreten sei, ihm doch ein: williges Ohr für die Wünsche der "Thora und ihrer Anhänger geliehen wurden. Wir alle seien Diensr G'ites und bemühten uns als solche, unsere'Pflicht zu erfüllen. Heute sei es mehr als je wesentlich für die Orthodoxie in England, ihren Anteil an den Ausgaben der Probleme, der Wsltorthodoxie zu nehmen. Es sprachen noch Rabbi Moscpvitich, Rabbi Dr. Gutnick und die Herren Lieber mann und I. Bier, indem sie sich den Willkommensgruß an den ausgezeichneten Gast anschlossen. London. Mrs. F. Lunzer präsidierte diese Woche einen Meeting in Sachen der ersten L ondoner Beth Jaco-b-Schule/ die jüngst im Jewish Centre eingeweihl worden ist. Sie äußerte ihre Freude über das Entstehen dieser Schule, die sich der internationalen Beth Jacob-Organisation einsügt. Rabbi Dr. Munk berichtete über eine Inspektion, die er in der Schule gehalten habe. Sie ist vor 7 Wochen mit 10 Schülerinnen eröffnet worden und heute seien es ungefähr 30 in 2 Klassen. Obgleich die Schule noch wichtiger Lehrmittel entbehre, seien die bisher erzielten Fortschritte doch bemerkenswert und er glaube, daß bet geeigneter pädagogischer Führung die Schule sich entwickeln werde. Die Mädchen hätten jedenfalls das lebhafteste Interesse an den Lehrfächern, die ihnen Kenntnis der Prinzipien und der praktischen Hebung des traditionellen Judentums vermitteln sollten. Mt. H. A. Goodman wies auf die Notwendigkeit eines Beth Jacob-Schulsystems in England hin. In Ostlondon seien zwei gefährliche Einflüsse am Werke, derjenige der Reformer und der der Missionäre und man habe bisher jede konstruktive Gegenarbeit auf der Seite der konservativen Judenheit vermißt. Der "Kern einer solchen Arbeit ser unzweifelhaft Beth Jacob. Das Bedürfnis, je, vorhanden und . es. sei wesentlich für alle diejenigen, .denen das Interesse der jüdischen Mädchen am Herzen liegt, die ja, die jüdische,: Mütter von morgen sind, an der Lösung der neuen Aufgaben mitzuarbekten. Ein Komitee wurde gebildet aus den Damen F. Lunzer Portugal, Gutnick, O. Kahn Ettinghausen, Goodman und Miss Hetty Bier. Das pädagogische Komitee besteht MS den Herren Rabbi Dr. Munk, Rabbi Dr. Gutnick, Rabbi Dr. Kirzner Rabbi Moscovitz, Rabbi Ferber und Rabbi Z i mm e r m a n n. Nürnberg. Am 10. Januar fand die sehr gut besuchte B. der Nürnberger Chewras Bachurim (A. I.- Jugendgruppe) statt. Der^ Vorsitzende, Herr R. A. Dr. Klein gab einen Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr. Durch den Zugang von 12 neuen Mitgliedern besteht der Verein aus 70 außerordentlichen und 73 ordentlichen Mitgliedern. Die Tätigkeit des ^Vereins umfaßte die regelmäßig gut besuchten: ünd gelungenen Freitagabend-Veranstaltungen auf denen/-' eingangs jeweils ein Referat gehaiten wird, und die vtä 'Älsm den Auswärtigen ein angenehmes jüdisches Milieus»bjeten. Außer dem seit Jahren bestehenden Cchmrim hat der Verein wissenschaftliche Kurse, bei Anlässen gesellige Veranstaltungen abgehalten und in jüngster. Zeit mit Arbeitsgemeinschaften angefangen. Der Vorsitzende erwähnte ferner, die Tätigkeit der Stellenvermittlung, sowie der Mittelstandsküche über die später gesondert von Herrn A. Klugmann und Herrn Schild berichtetwurde. Die St. V. hat im vergangenen Jahr ca. 20—25 Stellen vermittelt, hauptsächlich für jüngere Kräfte. Die Mittelstandsküche, die einen regen Zuspruch hat, hat sich trotz der ungünstigen Zeiten halten können. Im Sommersemester hat der Verein einen Platz im Stadion, um den Mitgliedern Gelegenheit zu sportlicher Tätigkeit zu bieten. Die Bibliothek des Vereins, die in vorzüglichster Weise von den Herren Gelernter und Gugenheimer, nach einer Neuordnung. verwaltet wird, wird eifrig von den Mitgliedern benutzt. -Der Referent legte des weiteren die Stellung des Vereins zu den übrigen Verbänden (Esra,' Ostjüd. Jugendgemeinschaft und meutr. Jugendbund) dar und behandelte die Betätigung:, des Vereines innerhalb der Jugendorganisation der A. I. Nach einem warmen Appell an die. Mitglieder, auch im kommenden Jahr eine starke Initiative. zu entfalten, schloß er seine Ausführungen. Es folgte der Kassabericht, dem zu entnehmen ist, daß die gesamten Einnahmen im 32. Geschäftsjahr des Vereins Mk. 2050.— betrugen, denen Ausgaben in ca. gleicher Höhe gegenüberstehen. Nach Prüfung der Bücher durch die Revisoren wurde dem Kassierer Entlastung ^tzriejlt. In der Generaldebatte wurde verschiedentlich der allgemeinen Zufriedenheit über die Wirksamkeit und Anregungen des Vorstandes Ausdruck gegeben. Des weiteren wurden verschiedene Anträge behandelt. Der Antrag auf Schaffung von Arbeitsgemeinschaften ebenso wie derjenige auf gemeinsame Arbeit mit anderen Organisationen riefen eine lebhafte Debatte hervor. Zum ersten Antrag war ausführliche schriftliche Darlegung eingegangen, die einen ernsthaften Widerhall bei den Mitgliedern fand und als Ergebnis muß festqehalten, daß der Vorstand beauftragt wurde, die Durchführung in die Hand zu nehmen. Hinsichllich des zweiten Antrages, der sich aus Nürnberger lokalen Verhältnissen ergab, ist zu bemerken, baß er großen Widerspruch erfuhr, daß sich gegen ihn, sowohl prinzipielle, wie erzieherische Bedenken gellend machten, zumal die Struktur des neutralen Jugsndbundes, an den in erster Linie gedacht war, da fa mit dem Esra und dem ostjüd. Jugendverband freundliche Beziehungen bestehen, ausgesprochen liberaler Tendenz ist. So wurde der Antrag mit großer Majorität abgelehnt. Ein gewiß interessantes Novum bildete die Ablehnung des Antrages auf Erniedrigung