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Der Israelit · 1931-01-29 · Heft 5 (29.1.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 5 (29.1.1931)
Date
1931-01-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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m. 5 m sap: Meikemeiers Weg zum Kremln Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer ZeU^oche. Von S/ Jzchaki. (Fortsetzung). Im sauberen Schulzimmer im Vorbau der kleinen deutschen Kirche mitten im Parke hielten , ^err Ammann, der deutsche Lehrer, und Gospodm Skobeljew, der russische Lehrer, abwechselnd,^'in.it oen Kindern.der Beamten, Gutsarbeiter. ife; der BaUeiM'! eines Nächstliegenden Dorfes ^Schule. Werter unteni, dem Strome zu, 'in dem auä drei. Judenhäusern bestehenden Judenviertel, hatte der achtzehnjährige Jeschiwajünger in der Oberkammer des Siw'schen Warenhause sein kleines Schulreich. Es war in diesem Reiche nicht gerade leicht und einfach zü regieren. Weder die Methode von Nochum Leiser, noch die Rabbi Noachs Meß sich hier mit durchschlagendem Erfolge anwenden. Die fünf Schüler waren verschiedenen Alters, auch grundverschieden in ihren Charakteren, Eigenschaften und Neigungen; gemeinsam war ihnen 'allen die Ützlust, ja, die Abneigung gegen alles, was geschrieben und gedruckt war. Es leuchteten Wiesen draußen, es glitzerte der Rjemenspiegel, es wogte das reifende Korn, die Eichhörnchen kletterten an den mächtigen Eichen des Waldes hinauf und hinunter, der Jäger hatte mächtige Hunde, mit denen man spielen konnte wie mit braven Kälbern. Mu, mu! machte im Stalle die Kuh. Was sollte bei all dem das Chsder und der dünne Jüngling, der ihnen endlose. Reihen von schwarzen, schier unbegreiflichen Punkten in den Kopf hineinzuarbeiten suchte? Meikemeier begann seinen Tag, nicht zu früh, mit einem Sammelwerke, das schon beinahe einer Messiasarbeit gleichkam. Er mußte sich feine Schüler einzeln zusammensuchen, und hatte er den einen in sicherer Hand, war ihm der.andere auf irgend eine Weise entwichen. Der Aelteste half schon im Geschäfte aus und war nicht von den Warenballen wegzubringen, der zweite war am sichersten zu finden in der Heuscheune Jssers, des Händlers. Der dritte faß angelnd auf einem Baumstamm am Rande des Stromes, die bloßen . Füße 'im Wasser, undärgerte ' - sich, wenn der ' „Rebbe" durckpseinen!plötzlichen Ruf die Fifchchen kurz vor dem "Anbeißens verfchMhite.' Der vierte rvEbei der Ksth im Stall und do^ fünfte! bei dW 'Schafen auf der Weide. Es verging wohl'-eine gute Stunde, bis-er feine kleine-zerstreute Herde oben in der- Dachkammer beisammen hatte. " j I Dann begann der Unterricht. Die Kleinen konnten noch nicht lesen, ihnen mußte das „Komez Alest O" beigebracht werden, die Größeren konnten es wohl einmal schon, legten aber keinen großen Wert darauf, die erworbenen Weisheiten zu pflegen und"zu mehren: Sie allesahen -im Schulzimmer nur eine unangenehme-' und unerklärliche Ablenkung von den tausend Freuden in Feld' und Flur draußen. Der -junge Bachur, innerlich' reich, aber nicht im Besitze dev äußeren Mittel, um von diesem Reichtum aüf junge w i d e r st r e b e n d e ' Seelen zu übertragen, hatte es nicht-Reicht bei dieser Arbeit des Seekenschleifens: - Zu. seinen Obliegenheiten gehörte noch der Unterricht an ein Mädchen, das kaum zwei Jahre jünger war, als er, die Tochter der Bäckerswitwe, die Marjafchka genannt wurde und wegen ihrer wundervollen' feurigen Augen schon viele stille Anbeter in der kleinen deutschen Kolonie hatte. Der geistige Verkehr mit diesem Mädchen, das schon vieles von dev Welt wußte und die deutsche Sprache vollkommen beherrschte, dabei sich einfach, natürlich und lernbegierig gäh, entschädigte lfm für manche bittere Stunde bei seinem harten Handwerk. Es kam bald so, daß er den ganzen Tag auf die . Stunde, in der Marjafchka kommen sollte, zv artete. Es war zum ersten Mal,'--daßer ein leises, geheimnisvolles Zittern verspürte in der Nähe .eines Menschen vom anderen Geschlechtes das er bis jetzt in seinem jungen Leben vollkommen übersehen hatte.. . .-/'-Der Jüngling, aus Gemoro, Musiar und neuhebräischer Lektüre hervorgegangen, fand sich bald mit einer angeborenen Akkomodierungsgabe in die neue Umgebung hinein. Er war bald eine reputierliche Persönlichkeit, eingereiht und eingegliedert in eine kleine Welt voller Rührigkeit. Der Strasni'k und Uradnik schlossenzuerst vollen Frieden-mit ihm, sie grüßten ihn mit „Herr Lehrer"../, . . Als er aber einmal in die gute Stube des Krugs zur Gesellschaft mitgenommen wurde, hatte er einen recht unglücklichen Abend. Er benahm sich so linkisch, daß er im Gefühle dieser Unsicherheit immer hilfloser wurde. Die jungen Eleven machten Marjafchka den Hof, und er wußte nicht, was ihn das eigentlich anging, daß ex! dabei immer mißmutiger wurde. Er hatte auch nicht den Mut, fortzugehen. Erst als der gehässige, nichv mehr ganz nüchterne . Förster Janke, mit den großen weißen Augenbrauen, ihn fragte, ob er wohl aus dem Walde komme und ins Kloster wolle, daß er so still und schüchtern dasitze und die Damen so schlecht unterhalte, worauf schallendes Hohngelächter folgte, wartete er auf den ersten Augenblick, um durch die Hintertüre zu verschwinden. Förster Janke spielte mit dem Verwalter und einigen älteren Herren Karten, die jüngeren Leute tanzten. Marjafchka hatte einen feuerroten Kopf und tanzte auch. Sie vermied es,, Meikemeier anzuschauen und tat, als hätte sie ihn nie gesehen. Herr Ammann, der Lehrer, fuhr elegant mit dem Fidelbogen über die Saiten und. entlockte ihnen lustige Walzer. Wenn er selber tanzte, saß eine der jüngeren „Hofdamen" an einem uralten Flügel mit zum Teile ganz schwarzen und stummen Tasten. Gospodin/Skobeljew wischtesich hinter der Bank, ans der ein neues Faß angestochen war,, den buschigen Schnurrbart und konnte weder spielen noch tanzen, da Kopf und Körper alle Gleichmaße verloren zu haben schienen. Er lallte etwas . auf russisch und 'war selige ' / Durch den stockdunklen Hinterraumtastete sich | Meikemerer vorsichtig und sehr bedrückt ins Freie. - Ganze Welten schienen ihn jetzt von diesen Mens schen'ünd ihrem Gehaben, mit denen, er hart inj Räume leben mußte, zu trerjyen. ,:!1 . I Rach. hÄiri gründlich gerPnglücktien., Debist faßte der Jüngling den festen Entschluß!, die Weltflucht zu ergreifen und sich ganz auf ferne j Lehrtätigkeit und den letzten Zweck derselben, die Finanzierung der Auslandsreise, zurückzuziehen. Allein die Kultur, vertreten durch den russischen und deutschen Lehrer, ließ ihn nicht locker. Rußland und Deutschland rangen jetzt um seine Seele, wie einstmals Jeschiwa und Lesehalle. Er konnte dem Netze nicht.entgehen. Gospodin Skobeljew drückte 'ihm tags darauf seine Hochachtung aus, daß er dieser „faden, hohlköpfigen und tugendsatten Gesellschaft" ohne Gruß den Rücken gekehrt hatte. Auch er, Skobeljew, hätte es getan, wenn der Vierzapfen nicht so ganz in seiner Nähe offen gestanden hätte und der braune Saft ihm nicht in die Knie wie Blei gedrungen wäre, so daß er sichnicht ohne Umstände erheben konnte. - Als dW Jüngling .'nun noch s el n e Gedanken über dMSippe 'her Satten, über die übertriebenen Gesellschaftsförmlichkeiten und über die Kluft zwischen Herr und Dienex äußerte, umarmte ihn der Lehrer.mit dem breiten nqrdrussischen Herzen, und. sagte weinerlich, er sei sein Mänrr-, G'tt habe ihn hierher in die Wüste geschickt, eigens zu seinem Tröste ... Von ganz anderer Art waren die Beziehungen des Herrn Ammann zu dem litauischen Bachur. Ein Schulmeister, wie, ihn. G'tt geschaffen hatte und ein Ostpreuße von vollendeter Blondheit, Schlankheit und Korrektheit, fand er eine ganz unerklärliche Neigung für den jungen unbeholfenen Menschen, in dem er vielleicht ein ausgiebiges und geduldiges Objekt seiner erzieherischen Kulturtätigkeit erblickte. Er nahm sich seiner an mit einer Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit, wie sie nur einem wahren Erzieher eigen sein können. Er zupfte ihn zurecht und schob an chm herum, wo er nur konnte, korrigierte seine Sprach^ lehrte ihn, wie man gehen, reden und sich kleiden müsse, alles ohne Aufdringlichkeit, aber mit der uneigennützigen Liebe und unbeirrten Eindringlichkeit eines Missio nax s, der die Ausgabe hat, im dunklen Afrika Seelen zu retten. Schon nach wenigen Tagen eröffnete er .Meikemeier, daß er sich in diesem Anzuge in der Gesellschaft nicht zeigen könne. Er wollte ja gar nicht mehr in die Gesellschaft, gab Meikemeier unwillig zurück. Aber die Gesellschaft wolle ihn, sagte der Lehrer entschieden. Und auch sonst, der Kinder wegen. Der Kragen muß weiß und der Rock, so er von Natur aus zum schwarzen Stoff gehört, schwarz fein, und nicht umgekehrt. Als Meikemeier die leeren Taschen andeutete, fragte Herr Ammann, ob er wisse, was 'das deutsche Wort „Vorschuß" bedeute. Nein, das wußte er nicht. Er erklärte es jhm in seiner ganzen Begriffstiese. Dann aber redete er mit Herrn Siw. Dieser genehmigte. Er, Herr Ammann, suchte selbst den Stoff aus. Er ging mit ihm ins nächste Dorf zum Schneider, um Schnitt und Form anzugeben. Herr Ammann duldete so wenig ein Stäubchen auf dem Rocke seines jüngeren jüdischen Freundes, wie eine falsche Redewendung aus dessen Mund. Kleiderbürste und Kamm kannte Meikemeier früher schon. Von der Institution einer Nagelschere und einer Zahnbürste erfuhr er erst durch Herrn Ammann, und er sah ein: es waren nicht eitel „deutsche Narrheiten". Aeußerlich umgewandelt, arbeitete der litauische Jüngling nunmehr an der Umwandlung seines inneren Menschen. Er hatte Abend für Abend, wenn die Tagesplage mit den Schülern zu Ende xoar, regelrechten deutschen Unterricht. Er lernte aus .Grammatik- -and Lesebüchern.;Sie pädagogische Kunst s des ostpreußischenL-ehrers bereicherte sich um manche wertvolle Erfahrung. Ost kam die, ganze Seminarweisheit Herrn Ammanns ins Wankssn .gegenüber dem an Widerspruch gewöhnten'und in Freude am Diskutieren und Analysieren herangebildeten litauischen Bachur. Er hatte gelernt, nach dem Woher und Warum und Wieso zu fragen. Hier aber war alles Gesetz, Axiom, Regel. Herr Ammann bekam oft einen roten Kopf, aber seine Lachmuskeln kamen auch trotz Feierlichkeit und- Korrektheit mächtig,-in Bewegung, wenn einmal die zwei Kulturen in besonders kurioser Weise auseinanderprallten. „Also", dozierte Herr Ammann, „nehmen wir nach dem Lehrbuche durch: "Der Mensch". „Der Mens wiederholte sein Schüler mit matter, litauischer Zunge. „Nein, Mensch!" korrigierte Herr Ammann. „Ich sage doch Mens!" Das litauische Ohr hatte kein Gehör für schärfere Betonung. „Nein, Mensch!" (Der Mensch war nicht mehr der vom Lesebuch, sondern sein Schüler, mit dem er längst auf Du stand.) Nun, wir wollen mal den Zischlaut üben: Schfchsch! . . . So, mit der Zunge schnalzen. So . .

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