Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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oeite 2 Nr. 1 Der Israelit 1. Januar 1931 Nähma schinen Bequeme Zahlungsweise PFAFF Martin Decker Jh! Gr. Friedbergerstr. 18/20 hin, wenn auch öiie Entwicklung noch nicht so auf die Spitze getrieben ist wie in Amerika, wenn dieser Entwicklung sich auch noch ethische Widerstände entgegenstemmen. Ethische Bekämpfung kapitalistischer Uebermacht war von dem Mischen Gesetz schon bei seiner Offenbarung vor dreiundeinhalb Jahrtausenden dekretiert worden. Das Judentum ist durch und durch sozial, freilich nicht im Sinne des Kommunismus, sondern m Sinne der heutigen, leider bisher fast nur theoretisch gebliebenen Bodenreform-Bewegung. Die jüdischen Sozialgesetze setzen ein jüdisches Palästina zu ihrer Verwirklichung voraus; — aber ihr Geist ist auch in der Diaspora verpflichtend, und es war ein Fehler, der sich heute schwer rächt, das vergessen zu haben. In Rußland ist es nicht seine jetzige soziale Gestaltung, die für seine Judenheit tragisch geworden ist. Die Juden könnten sich auch in ein kommunistisches Gemeinwesen einordnen, wenn dieses nicht nur die materielle, sondern auch Me ideelle Gleichberechtigung seiner Bürger durchzusühren suchte, d. h. jeden nach seiner Fasson, selig werden liehe. Doch die geringste religiöse Unterweisung der Jugend bis zum achtzehnten Jahre wird wie das schwerste Verbrechen drakonisch bestraft. Die Schulen, die die Jugend besuchen muß, verspotten systematisch den Schöpfer der Welt und alles, was sich vor ihm beugt. Die Retorte der Wissenschaft soll alle Probleme lösen. Eine in solcher Atmosphäre herangewuchsene Jugend kann nicht mehr zu jüdischen Vätern und Müttern werden! Aber vielleicht lernt auch die Regierung des Sowjetstaates, die dach schon manche Konzession machen muhte, daß die Mütze auf ihrem Denkapparat unmöglich auf jeden Kops in Rußland passen kann! Vielleicht ersteht auch wie einst zur Zeit der Tyrannei eines Antiochus Epiphanes aus all der Verwüstung ein Hasmonäergeschlecht! Es ist nun schon einmal so, daß schwere, zerstörende Zeiten in einigen Auserlesenen unter uns schöpferische Kraft aus tiefster jüdischer Erkenntnis zur Entfaltung bringen. Aber die Thora wurde nicht einigen Auserlesenen, sondern dem ganzen Volke gegeben. Daher muß man die heutige Situation der Judenheit, auf die in den vorstehenden Worten nur ein Streiflicht geworfen wurde, als eine höchst tragische betrachten.*) wochenrundschau. Dichtung und Anwahrheit der „weltbühne". In Berlin erscheint eist viel gelesenes Journal unter dem Titel „Die Weltbühne". Kurt T u ch o l s k i, ein Tausendkünstler von unheimlicher Vielseitigkeit, der Mit gleicher Unbeschwertheit des Gemütes poMstert, polemisiert, dichtet, rezitiert und in Wirtschaftspolitik macht, alles in linksradikalem Sinne, ist der Regisseur dieser „Weltbühne". In Nr. 49 dieser Zeitschrift, vom 2. Dezember, ist aber eine D i chtun g enthalten, — diesmal nicht aus der Feder Tucholskis, sondern einer Mitarbeiterin, Julie Blasius, — die nicht unwidersprochen bleiben darf. Julie Blasius behandelt das Problem des „Mädchenhandels" und fchilderi, als wäre sie dabei gewesen, mit drastischer Genauigkeit, wie sich ein solcher Mädchenkauf im Osten abspielt. Der Händler, natürlich ein Jude, taucht da auf, wo das Elend am größten ist, gibt sich als Freier aus oder ehrlich als Händler und führt die Tochter — oder die Töchter — mit Wissen und Willen der jüdischen Eltern gegen einen bestimmten Kaufpreis oder eine jährliche Rate über das große Wasser. In vielen Fällen werden die Töchter, wenn sie nicht willig sind, von den Eltern dazu gezwungen. Die Hauptschuld, so weih Julie Blasius, treffe die Rabbinen und Lehrer der Religion, die „die Leute in d>em abscheulichen nationalistischen Glauben lassen, es fei bester, sein Kind dem ersten besten jüdischen Schuft anzuvertrauen, als mit einem anständigen Andersglänbigen zu verheiraten." * Ernst T o l l e r' s jüngst erschienenes Buch „ Ouer durch", (296 Seiten und 40 Abbildungen Kartonniert Ml. 4.— 1930, Berlin, Gustav Kiepenhauer Verlag) gibt in seinen amerikanischen und russischen Reisebildern einen guten Begriff, wie es heute! in diesen Ländern aussieht. Toller, ein Jude von Geburt, ist hinsichtlich der jüdischen Interessensphäre unwissend und indifferent und beschäftigt sich nicht mit ihr, doch die Folgerungen aus seinen Schilderungen, sind für den jüdisch interessierten Juden nahegelegt. Das ist, eine so bösartige Verleumdung, irr einerZeitzdyunfere Rat-ionalsozialisten in ihrem blinden Wahne so scharf hinter den Ostjuden — sie meinen die Juden schlechthin — her sind, daß man sich gar nicht entschieden genug dagegen ver» wahren, kann. Schalom Asch, der für sich in Anspruch nehmen darf, die Verhältnisse des jüdischen Ostens bester zu kennen, als die Akteure der Berliner „Weltbühne", schWert in seinem bekannten, von uns aus anderen.Gründen abgelehnten Drama „G'tt her Rache", wie sine in sehr üblem Rufe stehende jüdische Familie aus tiefster geistiger und sittlicher Niederung doch den einzi-- gen Wunsch hat, d>ie eigenen Kinder vor dem Geiste im Haufe zu bewahren, ihre Seele rein zu erhalten, und wie sie diesen gegenüber sogar — durch Schreiben einer Thorarolle —eine Versöhnung mit G'tt und der bürgerlichen Gesellschaft vortäuschen. Aus ber Tatsache, daß das alles Nichts nützt, daß das Gift, von dem die Bude durchtränkt ist, dennoch den Weg auch in Me junge Seele der Tochter gesunden hat, ergibt sich die erschütternde Tragik dies Stückes. A f ch ist ein Dichter, der sich die Menschen und Dinge seiner Schöpfungen aus dem vollen Leben zu holen pflegte, um sie als Typen undnicht als Ausnahmen zu zeigen. Wer vor einigen Jahren die bei uns abgedruckte Novelle „Die Perle aus Aegypten", ebenfalls aus der Feder eines genauen Kenners des Ostens, gelesen hat, weiß,, welcher Jammer über die einfachen ärmlichen Leute im Städtchen leinbricht, wenn sie vor der Gewißheit stehen, d>ah ihre Tochter ein Opfer menschlicher Gemeinheit und Gesunken!) eit geworden ist, ja, wie diese Töchter des Ostens, soweit der Urgrund ihrer Seele rein ist, sich bis zur Aufopferung undl Selbstveruichtung zur Wehr fetzen, so sie sich von einem solchen Geschick bedroht sehen. In materiellem undl geistigem Elende verkommene Menschen gibt es unter der Millionenbevölkerung in den östlichen Metropolenin den alten Gaffen des Leides und Lasters, ähnlich — prozentual weniger — wie in allen Großstädlten der Welt. Wie kommt aber Julie Blasius, wie kommt die ^„Weltbühne", die sich als Hüterin des Rechtes und Künderin der Wahrheit geviert, wie kommen sie dazu, defen Abschaum zu typsieren und zu sagen: das ist das Ostjudentum? Unter den obwaltenden Verhältnissen kommt eine solche Volksverleumdung schon der Brunnenvergiftung eines „Völkischen Beobachters" gleich. Leider darf sich die Artikelschreib eM> u. a. auf einen Bericht dl e r Völke r b u n d> kommt s s i o n berufen. Der Bericht der Völkerbundskommission in diesem Belange ist nicht sehr - -~rhrr Zoseph wemke... Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die Träne ist nach einem Worte altjüdischer Weisheit das Gnadengeschenk G'ttes an den Menschen gewesen, dem seine Sünde um das Paradies auf Erden gebracht. In der Freude wie im Schmerze lösen sich die Gefühle und Empfindungen, die uns bewegen, in Tränen auf. Wo das Wort versagt und der Fluß der Rede gehemmt wird, kündet die Träne, die im Auge des Meuschen perlt, am eindringlichsten von dem, was sein Inneres durchwühlt. Der Prophet, der das Elend mit eigenen Augen geschaut, der auf den Trümmern des zerstörten Heiligtums klagt und trauert, wünscht sich gleichsam als Balsam für sein krankes Herz und seine wunde Seele: 'vsn;n' '»V na ’M>n ns n^vonv naasi nsm npn wt nm O, daß mein Haupt voll Wassers, ein Tränenquell mein Auge wäre, daß ich Tag und Nacht weinen könnte über die Erschlagenen meines Volkes!... Die Träne ist uns ein Gradmesser für die innere Ergriffenheit eines Menschen, für seine Teilnahme und sein Mitgefühl, — aber auch für seine sittliche Verfassung und sein Reinheitsleben. Das macht uns verständlich, daß in der Lebensgeschichte Josephs gerade in ihren Höhepunkten wir den Helden der Erzählung immer wieder weinen sehen. Es ist nicht etwa Schwäche, nicht Weichlichkeit des Charakters und Wesens, für die uns die vielen Tränen Josephs zeugen. Im Gegenteil ohne Weinen. ohne Murren und Klagen nimmt er jedes ihm persönlich widerfahrene Leid hin. Nur dort, wo seine Gefühle förmlich überquellen, da füllen sich seine Augen mit Tränen und ebenso, wo sich sein sittliches Gefühl in seiner vollsten Schärfe und Reinheit zu erkennen gibt. Hierfür ist geradezu charakteristisch, was uns der Wochenabschnitt erzählt. rms’i onos nn o epr» ms nn’i us ubaa ms mnr? io ns nV a'M azw qvi' irnvv Als die Brüder Josephs sahen, daß tot war ihr Vater, da sprachen sie: es könnte Joseph doch uns grollen und an uns heimzahlen all' das Leid, das wir ihm zugefügt, qoi' Vs is'i rnrrV im» ■»aoh m 1'as ms!» da entboten sie den Joseph und ließen ihm sagen: Dein Vater hat vor seinem Tode also geboten -pVna nsn o nnsöni *pns ss sv sss tpT>V irnsn na ■pas 'piVs oay xwdV sn sv nnxi> So sprechet zu Joseph: o vergib doch die Missetat deiner Brüder und ihre Sünde, daß sie dir Leid angetan und nun (so flehen wir dich an) vergib doch die Missetat der Diener des G'ttes deines Vaters, i'Vs n-oia *jdv> -ja’i da weinte Joseph, als sie zu ihm redeten... Sinnig bemerken hier die Alten: iV mm m *pas ms:» oiVvn nana mwV cnsV. Aus dieser Erzählung geht hervor, daß es erlaubt ist, um den Frieden gu erhalten, sich auch einer Notlüge zu bedienen. Also unsere Lehrer nehmen es als selbstverständlich an, daß niemals Jakob einen solchen Auftrag erteilt haben kann. Dafür kannte er seinen Sohn zu gut, um anzunehmen, daß er etwa nach seinem Tode seinen Brüdern mit Lieblosigkeit oder Groll begegnen könnte. Daß die Brüder diese Furcht hegten, ist vielleicht menschlich verständlich und auch zu verzeihen, wenn sie in ihrem Zagen, daß Unfrieden, Zwist und Hader von neuen auflodern könnten, sich mit ihrer Bitte auf den Vater beriefen.— Joseph aber, unerreichbar in seiner Liebe und Pietät, ist tief erschüttert darüber, daß seine Brüder ihn noch immer verkannten. Darum weint er, wie sie so zu ihm sprechen, als ob die letzten Jahre es ihnen nicht bewiesen, daß jeder Groll von ihm gewichen — und sie nicht überzeugt seien, daß stärker als der Tod die Liebs fei und die Pietät, die alle Zeit sein Inneres erfüllten für den Vater. Diese Tränen sind ein herrliches Ruhmeszeugnis für Joseph und vollenden sein Bild als das eines Edlen und Tugendreinen, der es wahrlich als sein Vermächtnis aussprechen durste: nr» mivxv ns cm'Vxni aans 'piVs npa’ npo der Herr wird eurer gedenken, nur führet meines Gebdine herauf von hier! Meinen Glauben und meine Hoffnung, meine Zuversicht und mein Vertrauen macht euch zu eigen, das sind ’nuaxy mein Wesen, meine Daseinsgrundlage so gedenket eurer G'tt. Es ist dieses Wort Josephs allen Zeiten und Geschlechtern gesprochen und birgt einen Kern der Erfüllung in sich für alle, die Joseph voll zu würdigen wissen und seinem edlen Vorbild nachleben und nachstreben. kleines Feuilleton. König Friedrich MlhelmII. und der jüdische Glaser. Von Egon Faß in Schweich an der Mosel. Schönlanke, an der Bahnstrecke Schneidemühl-Berlin gelegen, wurde um das Jahr 1580 gegründet. Erst «u 150 Jahre später, um das Jahr 1730, wurde die Niederlassung von Juden erlaubt; im Jahre 1739 durften sie sich eine Synagoge bauen. Das Jahr 1750 brachte das Judenreglement mit den bekannten Einschränkungen Uttb. Erniedrigungen zur Einführung; ferner auch wurde Heu dortigen Judendas Wohn- und Schutzrecht eingeräumt. Für den Handel mit Materialwaren, Tabak und dergleichen, bedurften die damaligen Juden einer Kon»