Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450648--77465-2535125- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nr- 49 Meikemeiers. Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer . Zeitepoche. ' Von S. Jzchaki. L; (Fortsetzung). Als nach der großen Brandkatastrophe im Städtchen, der das Badehaus zum Opfer gefallen war, Nochum Leiser im „Hameliz" einen umfangreichen Bericht veröffentlichte, der in poetischer Ausschmückung mit kühnem Schwung bis zum ersten Menschen zurück, dem von G'tt die Licht- und Feuergabe gegeben worden war, die Wohltaten-des Feuers schilderte und das große Weh, wenn das Element losgelösten ist, um dann auf das traurige Ereignis in Burki zu kommen und die bittere Not d er Burki er in schwärzesten Farben auszumalen, die Freitag um Freitag am Grabe ihrer Habe stehen und durch die rauchenden Trümmer nur noch schmerzlicher an jenen Rauch erinnert, wurden, der früher den graben Weg durch den Schornstein steil zum Himmel nahm und die schwitzenden Freuden auf der obersten Badbank verhieß — als all dieses mit der Unterschrift Nochum Leisers schwarz aus weiß in schönen Quadratlettern, mit Zitaten aus Jesajas, Jirmija und den Psalmen reich gespickt, zu lesen war, stieg Nochum Leisers Ansehen ins Unermeßliche, ja ins Unheimliche. Er war seitdem d i e Zeitung, und gewissermaßen verantwortlich für das politische Wetter und für alles Wohl und Wehe der Welt . . . „Nun, was hat Nochum Leiser wieder in der Zeitung geschrieben? Gibt es Krieg?" Bei all dem war aber Nochum Leiser ein einfacher Melamed, der von früh bis spät seiner Kinberfchar die hellige Schrift vorsang. Aber auch darin zeichnete er sich in einigem stark von seinen Zunftgenossen ab. Sein Lieblingsstudium war Jesajas, und er liebte, gewisse Verse in ein Burkier „Hochdeutsch" zu kleiden, wie man munkelte, nach der deutschen Uebersetzung des D e f s a u e r. Kontrollieren konnte es niemand, da keiner im Städtchen die Uebersetzung des Dessauer besaß. Ging man an Sommertagen am offenen Fenster Nochum Leisers vorbei, so konnte Man die Kinder im hellen Chore singen hören: ' ‘ i '■ ■■ ■' „L'mischpat ,w'hine Mißpoch! - .. Und er hoffte aus Gerechtigkeit; n Und siehe, es war Schlechtigkeit!" L'zdoko — auf Wohltat: * V'hine Zeoko — es war Verrat!" Das stimmte manche mißtrauisch, vielen aber imponierte es, so auch Rabbi Jechiel, dem Schächter, der eine gewisse Vorliebe für die deutsche Art und Ordnung hatte. Meikemeier kam mit acht Jahren ins Cheder Nochum Leisers, wurde wie ein Jungreis auf einen Boden verpflanzt, aus dem alle Bildung und alles Wissen um die Welt und um die Zeit für das Städtchen floß. Die Chederjahre im Hause Nochum Leisers waren entscheidend für sein ganzes spateres Leben. Im Hause Nochum Leisers liefen alle Fäd^n der großen Politik zusammen. Hier zog man mit an den Strängen der Weltgeschichte. Daran arbeiteten alle Bildgngsbeflifsene, besonders welthungrige Jugend, tapfer mit. Man kam hierher, um zu hören, was die .Zeitungen schreiben Und sie hatten zur Zeit über große, welterschütternde Ereignisse zu berichten. In Moskau wurde der Zar Alexander H. ermordet. Eine Hoffnung für die Juden — der Zar zeigte einen Ansatz liberaler Ideen — war. damit totgetreten. Aber es ' kam' Noch schlimmes Jüdische Namen waren in der''Liste der Attentäter. Die Bestürzung, die sich schon in den Riesenlettern der Ueberfchristen im „Hameliz" widerspiegelte, erhielt noch ihre eigene jüdische Note. Es war zu erwarten, daß nun alle Schuld auf die Juden geschoben werde. Alexander m., der neue Zar, war als grimmiger Judenfeind bekannt und in der Hand einer Clique, die den Judenhaß für andere Dinge brauchte. Die hebräischen Zeitungen besprachen alle denkbaren Möglichkeiten. Der „Hamagid", der in Preußen erschien und über die Grenze geschmuggelt wurde, durfte offen die Lage besprechen, „Hameliz" und „Hazefiroh" sprachen vom Lande „Suria" (Syrien) und meinte „Russie" (Rußland). Alle verstanden. Die Erwartungen wurden in entsetzlichster Weise übertroffen. Es dauerte nicht lange, und die Zeitungen kamen mit breitem schwarzen Rande auf der ersten Seite. „Eine Stimme wird aus Rama hörbar", begann mit der Klage aus Jirmijahu die Schilderung der Ju de n Metzeleien in Südrußland, in Odessa, Jeliswetgrad, Kifchinew und anderen Städten. Zum ersten Male hörte man das Wort Po.g r o m, und das Wort klang so Hart und so scharf wie ein Beil- Hieb. Jeder fühlte den Hieb am eigenen Leibe. Das Cheder Nochum Leisers war belagert, auch -von Menschen, die sonst auf Zeitung nicht viel gaben. Man wollte hören, was geschehen sei, warum es geschehen und was noch geschehen soll. Die Kinder nahmen teil an der tiefen Erregung. Meikemeier hatte in jenen Nächten die ersten Angstträume, die ihn bis ins spätere Leben hinein nicht verließen. Er sah die „Kazappes" in roten Hemden, wie sie in der Zeitung' geschildert waren, das Mordbeil in der Hand, sich einen Weg durch die Straßen, in die Häuser bahnen. Ein roter Blutstrom floß vor ihnen her und zeigte ihnen den Weg. Hinter ihnen tanzte und prasselte das Feuer von Dach zu Dach; eine Feuerwand, ein Blutstrom. Dazwischen schreiende Menschen, tobende rote Bestien. Er wachte mit Geschrei auf und es dauerte lange, bis er sich in den stillen armseligen Frieden des Schächterhauses, der höchstens vom letzten Gegacker eines Huhnes gestört wurde, wieder hineinsinden konnte. Zitternd ging er durch die Straße in Cheder und Beshamidrasch, zitternd weniger vor Angst als vor Wut. Er hatte damals nur einen einzigen Wunsch: G'tt möge ihm die Kraft Simsons oder-Gideons und Jiftachs verleihen. Er wollte dann mit Siebenmeilenstiefeln nach Südrußland eilen und es ihnen zeigen, daß ihnen die Lust vergeht,;-mit Juden anzufangen. Im Geheimen machte er sogar fleißig Faustübungen und glaubte oft, G'tt habe sein Gebet erhört und die geheimnisvolle Kraft.; fei über ihn gekommen, daß er Erretter seines Volkes werde . . . Im großen Beshamidrasch wurde ein Trauerg'ttesdienst für die Opfer abgehalten, der Meikemeier im Gedächtnis blieb. Es war abends vor dem Maariw-Gebete. Viele Talgkerzen, große und kleine, zitterten und geisterten im Räume und weinten ihre heißen Talgtränen. Rabbi Mauschele, der uralte Ortsrabbiner, dessen Sache schon in der Jugendzeit das Reden nicht war, und der sich darum nur zweimal im Jahre auf der Kanzel zeigte, bestieg jetzt düs Podium. Schon der ungewohnte Anblick, die kindlichen Augen und der lange, schneeweiße Bart des Greises regten zu Tränen an. Als er dann noch zu husten anfing, setzte ein Schluchzen in der Gemeinde ein, in dem die paar leise gesprochenen Worte vollkommen untergingen. Dünn aber stand Bäruch, der Stadtmaggid, auf der Kanzel Und legte dem Auditorium mit den wuchtigsten Säßen' aus Bibel, Talmud und Midrasch, vornehmlich aus den Teilen/'die die ZerstöxuNg des Tenlpels behandeln Md; .vom „Volke-. G'ttes/n bas 'dem Hchwerte anheimfiel", sprechen, die:,GchpM^;des Unglückes mM. Jeder <8atz ein Aufschrei, jedes Wort ein Zug am Rade, das neue Tränenströme aus Herzenstiefen hervorpumpte. Und zum Schluß verrichtete Abba Perez, der Stadtchasan,, das Totengebet für die Märtyrer. Tausendjähriges Golusleid riß sich los, wie die Eisdecke des Njemen, wenn alle Flüsse, Sümpfe und Bäche ihre Tränen im Frühling in den Strom hineinweinten. Der achtjährige Meikemeier stand in der Ecke hinter dem Almemor und konnte nicht weinen. Er ballte nur beide Fäuste. „Lieber G'tt, gib mir Flügel, daß ich zu ihnen fliege; gib mir Kraft, daß ich mit meinen Händen, wie Simson, die Säulen aus dem Boden reiße und sie, vielleicht auch mich mit, darunter begrabe! ..." Neue Berichte in der Zeitung. hielten mit großen Lettern und in Sperrdruck das Cheder Nochum Leisers und Umgebung in Spannung. In Kattowitz, einer Stadt mit unangenehmem Namen, seien jüdische Männer gusammengekommen und hätten erklärt, das jüdische Volk gehöre ins LandIsra e l. Große Millionäre, so Baron Rothschild und Moses Montefiore, wollten Palästina „vom Terk" für die Juden abkaufen. Studenten aus Moskau, Petersburg, Cherson und G'tt weiß woher ziehen, zum Teil zu Fuß, nach dem Lande Israels und singen „Haus Jakob, auf, wir ziehen im Lichte G'ttes" aus Jesajas, genau so, wie man es im Cheder Nochum Leifers fang, und fo, daß die Anfangsbuchstaben das Wo,xt „ Bilu " ergaben. Dort, wo der Jordanstrom fließt und die Zeder blüht, gab es die erften jüdischen Dörfer, in denen Gideon und Boas auferstanden, am Pfluge zogen und in der Tenne droschen. Meikemeier hatte Träume und Visionen, in denen ihm fortwährend Engel erschienen und ihm zuriefen: „G'tt mit Dir, tapferer Held, warum sitzt Du hier? Gürte Deine Lenden und ziehe zu Deinen Brüdern, dahin, wo der Jordan fließt und die Zeder blüht und der Philister ins jüdische Feld emfällt! . . iv. Als Meikemeier mit zehn Jahren das Cheder Nochum Leisers verließ, beherrschte er nicht nur die ganzen ersten und zweiten Propheten, sondern hatte auch einige Kenntnisse der hebräischen Grammatik und wußte eine Menge Dinge von der großen und jüdischen Welt, von denen seine gleichaltrigen Freunde noch keine Vorstellung hatten. Er hatte schon ein gewisses Weltbild im Kopfe. Aus den Zeitungen und Gesprächen im Kreise Nochum Leisers war mancherlei in seiner jungen Seele hasten geblieben, das sich die eigene Form schuf. Der Vater hatte ihn inzwischen in die Anfangsgründe des Talmuds eingeführt, da hinein, wo „der Ochse die Kuh stößt" und damit einen ganzen Komplex von Fragen und Gegenfragen hervorruft und ein Streiten ohne Ende,zwischen den Schulen vom Jordan bis zum Euphrat anhebt." Was nicht so ein dummer Ochse alles anstellen kann! ..." So ausgerüstet, kam Meikemeier noch für einige Jahre in die Chederschule von Jossel W i l k o m i r e r. Ob für ein Jahr, oder zwei Jahre oder länger, konnte bei Jossel Wilkomirer im Voraus keiner sagen. In diesen Jossel Wilkomirer schien die Seele des Daniten Eldad gefahren zu sein, er war Wandergeist, den es selten länger als ein Jahr in der Dachkammer seiner Schule hielt. Dünn verschwand er ohne Meldung und Abschied, ohne ein Wort -zu sagen« Stand eines Morgens auf, betete, faltete den Gebetmantel hübsch zusammen/ üß etwas, nahm den Stecken in