Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1930)
- Date
- 1930-11-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 48 Der Israelit 27. November 1930 Grammatik und Beherrscher des hebräischen Stils. Sodann war er eine Autorität auf dem Gebiete der Politik. Nochum Leiser war der einzige im Städtchen, der Zertu n g <e n las, richtige Zeitungen, die in Petersburg und in Warschau in hebräischer Sprache erschienen. Er war über die politische Lage ganz auf dem Laufenden und wußte, wann „der Terk" (Türke) „den Ruß" angreifen wird und wer von den übrigen sich zu Gunsten des einen oder des anderen in den Streit emmischen wird immer schon Wochen voraus. Dieses Wissen um die weltbewegenden Dinge schien seiner sanften Frau Reisel nicht ganz geheuer, auch nicht ungefährlich, und mehr denn einmal warnte sie ihren Gatten: „Laß doch den Terk und den Nuß, den Franzos und den Br'tt ihre Sachen allein miteinander ausmachen. Misch Du Dich nur um G'tteswillen nicht ein ..." (Fortsetzung folgt.) Tobias. Ein jüdisches Idyll. Ueberfetzt von Saly Geis in TelAwiw. (Fortsetzung.) 7. Tobias verlobt sich. Sie kehrten in Reneils Haus ein und wurden mit großen Ehren ausgenommen. Als Reneil Tobias erblickte, sagte er zu seiner Frau Edna: „Dieser Jüngling sieht wie ein Sohn meiner Schwester aus." Er sagte sodann: „Woher seid ihr, meine Brüder?" „Vom Stamme Rastatt und von den Gefangenen Nrnewes." „Kennt ihr meinen Verwandten Tobias?" „Wir kennen ihn." Er erzählte ihnen nun all das Gute, das ihm Tobias getan hatte. Da sprach der Engel: „Der Mann, nach dem du gefragt hast, ist der Vater dieses Jünglings." Reneil sprang auf, fiel Tobias um den Hals, küßte ihn uüd sagte unter Weinen: „Ein Gesegneter G'ttes bist du, da du der Sohn eines geraden und makellosen Mannes bist!" Auch Edna, seine Frau, und Sarah, seine Tochter, hörten Öie Nachricht, und auch sie weinten. Reneil befahl, zu schlachten und eine Mahlzeit zu bereiten. Als sie am Tisch saßen, drang Reneil in seine Gäste, zu essen. Doch Tobias sträubte sich, indem er sagte: „Ich werde weder essen noch trinken, bis du mein Verlangen bewilligt hast, mir deine Tochter Sarah zur Frau zg geben!" , Als Reneil diese Worte hörte, blieb fein Herz stehen, denn er gedachte der Vorfälle mit den sieben Verlobten und fürchtete, daß auch ihn ihr Geschick ereile. Er zögerte mit der Antwort. Da nahm der Engel das Wort. „Fürchte nicht, ihm deine Tochter zu geben," sagte er, „denn einem g'ttesfürchtigen Manne ist sie aufbewahrt worden, und deshalb ist sie keinem anderen Mann zu Eigen geworden." Sofort erwiderte Reneil: „Nun weiß ich, daß G'tt mein Flehen erhört und nicht auf meine Tränen geschwiegen hat. Er hat euch zu mir geschickt, um meine Tochter >einem Manne aus meiner Familie zu geben; wie uns Moscheh befohlen hat. Ich werde sie dir darum nicht verweigern." Er nahm die Rechte seiner Tochter, legte sie in die Hand Tobias und segnete die beiden: „G'tt, der G'tt Awrahams, der G'tt Jizchaks und der G'tt Jaakows, fei mit euch! Euer Teil sei gesegnet, und G'tt, der Herr, entbiete euch seinen Segen!" Sie schrieben die Worte als Zeugnis in ein Buch, aßen und tranken und priesen G'tt. Reneil rief seine Frau und befahl ihr, ein Zimmer einzurichten. Als die Mutter ihre Tochter in ihr Zimmer führte, begann sie weinend: „Ach, wie bin ich unruhig, meine Tochter! Möge der G'tt des Himmels den Fluch in Segen umwandeln!" (Fortsetzung folgt.) Jüdische Familiennamen in Südindien am Ausgange des 17. Jahrhunderts/' Von Arturo Vab in Rivera (Argentinien). In dem zum britisch-indischen Kaiserreiche gehörigen Fürstentume Lochin gibt es bekanntlich zwei jüdische Gemeinden, eine „weiße" und einer „schwarze", die, wie es nun einmal in Indien aber auch anderwärts z. 23. im Lande der Yankees, Sitte ist, unter sich keinerlei Berührungspunkte oder gar Verkehr haben. Diese indischen Israeliten sind alteingesessen: denn wie Inschriften aus den, im Tempel der weißen Juden aufbewahrten, Broncetafeln beweisen, schenkte im Jahre 750 Rhaskari Ravi Varma, König von Malabar, dem jüdischen Notabeln Joseph Rabban das Land Cranganor als rinhabhängiges Königreich „so lange die Wett und der Mond besteht. Wie es scheint waren die Juden bereits. am Ende .des fünften Jahrhunderts aus Persien — 80 000 Seelen — nach Südindien eingewandert; daß dieselben nach der Zerstörung des ersten Tempels durch Salamanaffar oder des zweiten durch Titus bereits sich, auf der indischen Halbinsel angesiedelt hätten, ist jedoch in das Reich der Fabel zu verweisen. Das jüdische Königreich bestand zwar nicht solange, wie der Mond scheint, jedoch immerhin an achthundert Jahre. Als aber 1524 der König von Kalikut dem Fürsten von Lochin den Krieg erklärte, verband sich der König von Lranganor (der 72. direkte Nachkomme in männlicher Linie von Joseph Rabban) mit dem letzteren zumal sein Land zwischen den be,den streitenden Herrschern lag, also nicht gut neutral bleiben konnte. Aber wie oft in der jüdischen Geschichte mutzten die Hebräer die von anderen eingeworfenen Fensterscheiben bezahlten. In langandauernden Kämpfen wurde Cranganor geplündert, verwüstet, die Einwohner massakriert, so daß den lleberlebenden der Fürst von Lochin eine Zufluchtstätte in seinem Lande anbot. Aber ein zweites Unheil suchte die Ueberbleibenden heim. Die Portugiesen besetzten bald darauf die Malabarküste, errichteten 1563 in Goa ein Jnquisitionsgericht, und die Häscher des Glaubenstribunales drangsalierten, natürlich mit Vorliebe die Cochiner Juden. Was Wunder, datz dieselben ein Jahrhundert später (1663) mit großer die toleranten Holländer begrüßten, welche den Portugiesen die südindischen Küstenländer entrissen. Als die jefardische Gemeinde Amsterdams erfuhr, datz in der neuen Kolonie sich Glaubensgenossen befänden, sandte dieselbe im Jahre 1685 eine Komission nach Indien, mu ihre Stammesgenossen zu begrüßen und ihre Sitten, und Gebräuche kennenzulernen. Nach ihrer Rückkehr veröffentlichte einer der Sendboten, Moises Pereira de Paiva, einen Reisebericht, der, in altertümlicher portugiesischer Sprache geschrieben, wegen seiner klaren übersichtlichen und ausführlichen Schilderung jedem modernen Berichterstatter zur Ehre gereichen würde. Vor einigen Jahren hat der Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Lissabon, Herr Moses Bensabat Amzalak, diesen Bericht im Urtert und Faksimile mit einer erklärenden Vorrede wieder veröffentlicht; und Herr Adolfs Benares, Verfasser einer jüdischen Geschichte in portugiesischer Sprache — sicherlich das erste derartige Werk im Idiom Camoens —, hatte die Freundlichkeit mir diesen Neudruck zu übersenden. In diesen Blättern werden wohl vor allem die Familiennamen der südindischen, vor fast 250 Jahren lebenden Israeliten interessieren. Die Zahl der weißen Juden, welche heute an achttausend Seelen zählen, war damals gering, und die Mehrzahl war erst nach Zerstörung des cranganorifchen Königreiches eingewandert. Die Liste führt nur 24 „Bahale Batim", das.heißt Familienväter, auf. Auch diese scheinen nicht alle gänzlich weiß gewesen zu sein, denn dre den Namen beigefügte Buchstabe „b" der laut einer Anmerkung „branco", d. h. „weiß", bedeuten soll, fehlt bei fünf derselben. Trotzdem unsere Heimat durchaus nicht Indien benachbart ist, stammten doch aus Deutschland die Großväter von Jeuda und David Asquenazim und David Levy Medulhar.. Aus Spanien stammte der Urahn von Elia und David Castiel (aus Castilien). Von Nordafrika waren die Vorfahren von Semuel Barrioti (aus Constantina) und Jsaac Tob!y (aus „Berberia") gekommen. Jerualemer Ursprungs war Elia Reuyaly mit der Anmerkung, »aß 'sein Ahnherr der älteste jüdische Immigrant in Cochin außer den Eranganoren gewesen sei. — Der Urgroßvater von H. R .Harm Belilia stammte aus Fafet, was vermutlich ein Druckfehler ist und Safet, ein Ort im nördlichen Palästina, bedeuten soll, während Amelnah, von welcher Mosseh und Meyr Mizerah stammten, möglicherweise die fransjordanische Stadt Rabat-Amen ist. Aus Syrien ^änderten ein die Vorfahren von Hia Pinto (Damaskus) sowie David Raby, Mosseh, Jsaac und Abraham Aleva, alle vier von Aleppo.. Aus derselben Stadt kam.Laim Belilia, dessen Beinamen Hazan Söfar Mahrr bedeuten soll, daß er ein Sänger und Thoraschreiber war. Mahir ist vermutlich ein Druckfehler und soll „Mähet" heißen. Aus Persien stammten Sasson Michael aus Tiras (Schrras). Joseph Asury aus Babel (abylon) und Joseph *) Wir entnehmen den Aufsatz dem Hefte 21 der „Jüdischen Familienforschung" (Berlin W. 9 Potsdameritraße 5). Von weiteren interessanten Aufsätzen dieses Heftes nennen wir: „Zur Geschichte des Judentums" von Prof. Alfred. Schuhmann, „Die Familie in der deutschen Literatur" von Dr. I. Bloch u. w. m. Susany aus Susa. Eine mir nicht ganz klare Anmerkung bei letzterem „babale batin“ soll vermutlich bedeuten, daß er mit den angesehensten aus Earanganor stammenden Familien verschwägert sei, während das hinter den Namen in Klammern gesetzte Wort „6uer" ohne Zweifel Sngibt, daß das Geschlecht von einer anderen Religion, möglicherweise den Parsis, zum Judentum übergetreten sei. Von den vornehmsten Familien des ehemaligen Königreiches leiteten Joseph und Zacharias Zatay ihren Ursprung ab, deren Großvater Celomo Zakay ein berühmter Synagogensänger gewesen war. Alle diese Familien lebten zur Zeit des Amsterdamer Besuche^ in der ebenfalls Cochin genannten Hauptstadt des Fürstentumes in angesehener sozialer und befriedigender ökonomischer Lage. Nur Herr Semtob Castiel war vom holländischen Gouverneur in 23atavia nach Parn, einer Stadt im Innern Cochins, verbannt worden „wegen einiger Unstimmigkeiten, die er mit Daniel Levy, dessen Posten er früher einnahm, gehabt hatte". , Die Nachkommen des letzten Königs von Cranganor, Aron Azar, welche 1685 aus einer älteren Dame mit einem Sohne und zwei Töchtern bestanden, lebten nicht im Lande, sondern in Jerusalem, erhielten aber von Cochin monatlich eine Pension zugeschickt. Als bedeutende „Chachamim" d. h. Rabbiner und Religwnslehrer, welche die Gemeinde gehabt hatte, werden erwähnt: R. Samuel Alevy, R. Jeuda Alevi, Rabenu Nissim aus Spanien stammend und R. Abraham Aben, der aus Jerusalem einwanderte, aber auch nach dort zurückgekehrt. Als letzter Rabbi wird R. Jf Bär Joseph genannt, der als Enkel von Jf Adayan aus dem Geschlechts des bedeutenden Cohen Gadol bezeichnet wird. Unter den zahlreichen Fragen, welche die.Amsterdamer Gesandten ihren indischen Glaubensgenossen vorlegten, befindet sich auch die, ob unter den ersten Einwanderern sich Nachkommenden Davids befunden hätten. Die Antwort lautet, daß deren drei Männer und drei Frauen waren: doch wird Näheres über dieselben nicht angegeben. Wie schon erwähnt, hat sich die Zahl der weißen Juden im Laufe der letzten zweieinhalb Jahrhundert beträchtlich vermehrt, trotzdem das Klima Cochins - — es liegt auf dem 10. Breitengrade — der Entwicklung der kaukasischen Rasse sicherlich nicht zuträglich ist. Dies Anwachsen erklärt sich dadurch, daß laut neueren Nachrichten die jungen Ehochiner Männer sich ihre Frauen mit Vorliebe aus dem Irak oder anderen vorderasiatischen Ländern wählen, und auf diese Art immer frisches Blut der Gemeinde der weißen Juden zugeführt wird. Die Zahl der schwarzen Juden war am Ende des 17. Jahrhunderts bedeutend größer wie die ihrer weißen Brüder. Mosseh Pereira zählt in sechs verschiedenen Städten des Fürstentums 460 Familien, die teils in befriedigenden, teils in ärmlichen Verhältnissen lebten. Mit Namen wird nur David Raby oder eby als der angesehenste und wohlhabendste unter ihnen angeführt. Ueber. den Ursprung dieser „schwarzen Juden" behaupten die "weißen,, in nicht gerade liebenswürdiger Weife, daß dieselben „Sklaven der Sklaven und vermischt mit Kananitern, Guerim und Umailim seien". Die Amsterdamer Komission läßt die Frage offen, ob ihre dunkelhäutigen Glaubensgenossen von der Sonne angesengt oder „amnlatiert" seien. Nach neueren Lichtbildern zu urteilen, die ich Gelegenheit gehabt habe zu betrachten scheint mir kein Zweifel, daß die äußerst intelligent aussehenden, Wohlgestalten „schwarzen Juden" einen tüchtigen Schuß Blutes der dunklen Dravidavölker, welche Südindien bewohnen, in ihren Adern haben. Die weißen Juden sehen dagengen.auf den Photos schwächlicher und kümmerlicher als die schwarzen aus. Man hat den Eindruck, daß das Tropenklima auf ihre Konstitution drückt. Es dürfte nicht schwer halten, durch britische Gesellschaften oder direkt durch die Gemeinden in Cochin die heutigen Familiennamen dieser Glaubensgenossen zu erfahren. Denn wenn die Israeliten Südindiens auch Malaylam, das Idiom ihrer andersgläubigen Mitbürger sprechen, so verstehen doch ihre Vorsteher, welche angesehene. Kaufleute sind, zweifelsohne perfekt englisch. O JULIUS SCHMIDT V FRANKFURT AM MAIN O ^LANGESTRÄSSE 7 2 TELEFON HANSA 25865 — FRANKFURTMAIN 142 853 5 EINZIGE INSERATEN.AN- NÄHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS-INSERATE DES - »ISRAELIT« AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN, WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINALPREISEN ♦ANNAHME VON DRUCKSACHEN (HANDEL, GESCHÄFTE, PRIVATE) FÜR DIE HERMON-DRUCKEREr BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLER. AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ- UND BUNTDRUCK Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Jnserate i. V.: S. Schach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer. 8. Kaufmann, in Sprendlingen -(Kr. Offenvach). — Verlag des Israelit und Sermon <S. m. b. H., Frankfurt«. M. - Druck: Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.