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Der Israelit · 1930-11-27 · Heft 48 (27.11.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 48 (27.11.1930)
Date
1930-11-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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mm 'AK Neikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Mimfchenfchicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Man mußte es gesehen haben, wie Selig zwischen Morgenandacht und Unterrichtsbeginn in der Frühe, rocklos in gebückter Haltung, mit auf dien Boden baumelrrden Schaufäden sich zwischen den Beeten bewegte imitv seine Zwiebelpflanzeü begoß, als wäre es Fortsetzung des Morgengebetes oder schon Anfang des Unterrichtes in den heiligen Buchstaben! Hatte es nachts geregnet und gestürmt, so daß die Knollen ohnehin in Wasserlachen standen, hob und glättete er jedes Blatt, wie man Kinder beschwichtigt, wenn sie gefallen, sich gestoßen oder eine Strafe erhalten hatten und nun wieder alles gut war. Selig wußte, junge Pflänzlein brauchten zu ihrem Gedeihen Sonne ü n d Regen, Mitunter auch Wind; mehr Sonne als Regen und Wind ... Im Zwiebelfelde sowohl wie in der Chederstube ... Daß es noch andere Pflanzen, Blumen und köstliche Früchte gab, als Zwiebeln, ahnte wohl Selig; er hatte auch schon im „Hose" rote und weiße Rosen gesehen und kleine Blümchen in allen Farben. Das war etwas fürs Auge, für die Rase, und jüdische Augen und jüdische Rasen hatten was Besseres zu tun, als die Nichtigkeiten dieser Welt zu schauen und zu riechen. Aber die Zwiebel war eine echte rechte jüdische Frucht. Das Auge schaute und zerfloß iin Tränen ... Die Nase roch und' der paradiesische Duft köstlicher Sabbatspeisen drang ins tiefste Innere, wo die Sabbatseele schon am Donnerstag morgen des Freitagabends harrte... Wie da in der Mutterfrucht ganze Generationen eng und warm ineinander gebettet waren . . . Und aus dem Stamme trieb ein grünes Geschlecht nach dem anderen in die Höhe ... In der Liebe zur Zwiebel drückte sich Seligs weinerliche Liebe zur Natur und Pflanze, zu G'tt und zu Israel aus ... So wuchs Meikemeier, äußerlich klein und schmächtig, schlecht genährt und dünn gekleidet, zwischen.Zwiebeln und Olef, Beth zusehends aus den Urftadien in. die höheren Sphären des ..flüfr: sigen Textlesens-hinein und war schon zu Beginp des. Wintersemesters, als die Zwiebelfelder -Seligs umgelegt waren, reif für den.Ghumischlehrer M e i e r Zf mm es.; ■ * 7r ■■■ III. 7' * Meier Zimme s hatte in seinem Wesen und seinem Gesichte nichts, aber auch gar nichts von der Annehmlichkeit und Lieblichkeit der köstlichen Sabbatspeise, der Ambrosia dieses Namens. Ob derName aus seiner Vorliebe für dieses ■ Möhrengemüse, mst dein die SabbalMe km Städtchen reichlich genährt wurde, herrührte oder nur eine korrumpierte Bezeichnung für eine Ahnmutter, die Zinne oder Zille hieß, stand nicht sicher. Die Namen und Beinamen im Städtchen, letztere von Volkswitz und Spottsucht geschaffen, waren bündig für Kindeskinder. Wie schon angedeutet, war Meier Zimmes von ganz - anderer Gemütsart als sein Kollege Selig Ziebel. Die Liebe zu Natur und Pflanze fehlte ihm, und die strahlende Sonne störte ihn nur bei der Unterrichtsarbeit. Hätte er es vermocht, er hätte sie angeschrieen oder mit dem Riemen nach ihr ausgeschlagen wie Nach einem vorlauten Schüler. Er war vom Range Chum i s ch m e l a m e d, der auf dem von Selig vorbereiteten sonnigen Grunde mit starker Hand, mit Gehämmer und Getöse weiter in' die Höhe baute. Wenn er den Kindlein streng, elegisch Ünd wuchtig vorsang: „Bereischisl Zu Anfang erschuf G'tt Himmel und Erde!", da wußten die Kleinen, daß diese Welterschaffung eine ernste Sache war, daß Meier Zimmes jeden Fehler, im Nachsagen und fm Uebersetzen wie eine frivole Beschädigung 'des durch , „zehn Aussprüche entstandenen Weltalls" streng ahnden würde. Aber-über die zitternde Furcht vor dem grimmigen Rebben half und tröstete der herrliche Text hinweg. Die schweren, nie gehörten Worte verloren an Schwere und Härte, so sie Zeichen und Striche in dem farbenreichen grandiosen Bilde wurden, das' .sich in dieser Wunderwelt des Chumisch Meikemeiers suchendem Auge und sinnendem Geiste austat. Adam und Eva im Paradiese. Wäs ein Paradies war, wußte er ganz genau. Der Zwiebelgarten Seligs war es nochüicht. Der- Hpfpark des Knias, in den man manchesmal am Säbbatnachmittag hineinschauen durfte, war es ganz gewiß. Die Blumen, 'die wie buntgekleidete Kinder auf dem Boden kauerten, die Rosenstöcke, die sich in die Höhe hoben, die gewaltigen Bäume,, in deren Aesten unsichtbare Bögelchen sangen,'der breite Bach, der sich zwischen Wiese und Berg schlängelte und in dem ganz kleine rote und goldene Fischlem sich herumtummelten, das alles kann schon Paradies gewesen sein. In der blumenumrankten Hütte saßen sie, der Adam und die Eva, dieweil sie ganz nackt waren und sich vor dem lieben G'tt schämten. Dann wurden sie. hmausgewiesen und durften nicht mehr hinein. Aus war es. Bor der Türe standen Lutte und Nikolai, die beiden Wächter, mit ihren mächtigen Hunden, die groß und' schwarz waren wie die Bären. „Wohin, Jud? Eintritt verboten!" Wie Karn den Abel erschlug, hatte man schon in der ersten Lernpause auf dem Platze vor dem Cheder ausgeprobt. Meikemeier, der Schwächere, mußte dabei leider immer den Abel abgeben. Ganz ungerecht und gegen den Wortlaut im Chumisch war es aber, daß e r daheim für zerrissene Hosen noch die Prügel einstecken sollte, die doch ganz gewiß den Kains gehörten, die den Brüder mordeten und sich mit ihm im Sande herumwälzten ... Es kam immer schöner. Die große Flut, die hatte er schon einmal gesehen, als im Frühjahre der Njemen über die Ufer trat, dem Badehause die Hintermauer halb abriß und die Unterstadt bis M Jätkegaß unter Wasser setzte, daß her weiße Dampfer „Frumkin" — die Arche — fast vor dem Fenster vorbeidampfte, bis er im Flachwasser über dem„Bodberg" — dem Ararat — stehen blieb und einen ganzen Tag festllag. Auch das mit dem h o hen Turm bis zum blauen Himmel leuchtete ihm ganz ein. Er hatte, seitdem er zum Himmel schauen konnte, sich schon immer gedacht, daß so etwas kommen müßte ... Er wänderte mit Abraham weit hinaus, über den „Hof" des Knias, durch die finsteren Tannenwälder, zitterte mit Isak auf der Opferbank, träumte mit Jakob. Und als die Geschichte von Josef mit den Brüdern begann, war er in eine Spannung versetzt, die ihn Essen und Trinken vergessen ließ-. So einen Zigeunerwagen von Midianiten stand auch schon einmal im Städtchen, auf der Sandsläche vor dem Njemen. Auch damals hieß es, sie'schleppten Kinder mit. Gewiß waren sie es, die Josef Nach Aegypten verschleppten. Und wie die Brüder zu ihm kamen, mit ihren leeren Säcken, und er war ein König auf dem Throne! Und er erkannte sie gleich. Sie aber erkannten ihn nicht, und er, Meikemeier, wußte alles ... Er nahm sich vor, nichts zu verraten, kein Spielverderber zu sein .' . G ewiß - hatte seine Freude am Fabulieren, die entscheidend für seine Zukunft wurde, ihre Wurkr.« wo zeln im Cheder Meier Zimmes, wo Josef und seine Brüder auseinandergingen und sich, gewissermaßen unter seiner Mitwirkung, wieder fanden. Wie der Winter zu Ende ging, das Eis zerbrach, der Schnee in gelben Pfützen zum Njemen hinunterfloß und im Cheder Meier Zimmes's Jakob verschieden und schließlich auch Josef „in eine Bahre getan wurde in Mizrajim", wurde die Beendigung des ersten Buches vom Chumifch mit einem großen Feste gefeiert, einem Feste, wie es Meikemeier später nie wieder erlebte. Was waren die Theater und Prunksalons und Kommerse und Tanzsäle mit den tausend bunten Lichtern, die er später sehen durste, gegen dieses erste Fest in seiner kindlichen Erinnerung, im Cheder des Meier Zimmes! Soviel Glanz und Freudenftrahlen hatte das spätere Leben nicht mehr für ihn . . . Es war abends: Auf der Ofenbank brannte, gang wie im Liede, das Feuerte in. Die Petroleumhängelampe zeichnete einen Lichtkegel auf den Tisch. In den Ecken aber, außerhalb dieses Lichtkreises, auch auf dem Fensterbrette, standen gelbe Talglichtstümpse in Messing- und Blechleuchtern, wie in Flaschen und Tintenfäßchen und leuchteten ihr eigenes Licht wie Sterne um den Mond herum. Das gab eine Helligkeit, die fast blendete. Jeder der Schüler hatte eine Kopeke. mitgebracht, und dafür gab es gutgesüßten Tee und einen mürben Stritzel für jeden und —. Wunder aller Wunder! — ein freundlich lachendes Gesicht Meier Zimmes's. Der Mann war verwandelt. Wie sich der verharschte Boden verwandelt, wenn die Frühlingssonne ihre Goldlinien auf dem grauen Grunde zieht ... So glücklich mag ein Baumeister sein, der den ersten Stock eines großen Baus fertig hatte, wie Meier Zimmes an diesem Abend. Es war fein Werk, er hatte es geschafft, daß zehn Knirpse nunmehr das ganze erste Buch 'der heiligen Thora, vom ersten bis zum letzten Worte, mit „allem, was Raschi sagt," mit Zutat und Melodie, fast auswendig beherrschten. „Eßt, Kinüerlach, trinkt und lernt mit Cheschek! ..." Und das bärtige mürrische Gesicht war zu einem breiten Lachen verzogen. Wenn Meikemeier später im Leben einen feuerspeienden Berg gesehen hätte, der plötzlich mit Rosinen um sich zu werfen begann, er hätte an Meier Zimmes an jenem Abend denken müssen ... . Drei Semester blieb Meikemeier in der Chederschule von Meier Zimmes, bis er sich in all den fünf Büchern der heiligen Schrift so auskannte, wie in dien Gaffen und' Gäßchen von Burki, von der LangestraHe bis zur Bodgaffe. Auch die Erläuterungen und Erklärungen in der krausen Schrift unter dem Texte hatte er zum guten Teils im Kopf. Die überlieferte Singweife der heiligen Sätze lag ihm im Ohre. Er war acht Jahre alt und reif für den T a n a ch - U n - terricht, für den Nochum Leiser, der Tanach-Melammed, zuständig war. Nochum Leiser war eine der markantesten Gestalten im Städtchen. Ein ganz kleines, unansehnliches Männchen^ mit einem schärfen Mick,- der den Kleinen Angst einjagte und den Großen bis auf Herz und Nieren zu dringen schien, lebendig- undbehende in all seinen Bewegungen, tänzelte er mit heftigen Gestikulationen durchs Leben? Wie fein Gang, war auch feine Sprache, scharf, lebhaft, eindringlich, überlegen ündbestimmt. Er wüßte über alles Bescheid und kannte Lehren und Schriften, von denen sonst im Städtchen kein Mensch eine Ahnung hatte. Obwohl von chasstdischer Herkunft, stand et im Rufe eines geheimen „Maskil" (Aufgeklärten). In diesen Ruf kam er zunächst durch seine für die Begriffe im Städtchen immense Bildung. Er galt als großer Kenner der Propheten, der hebräischen

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