Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-11-06 · Heft 45 (6.11.1930) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 45 (6.11.1930)
Date
1930-11-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450644--77395-2535051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

MWWW 5«s*fT3V* v.*ssä> J *%r: Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Alenschenschickfals und einer Zeitywche. '£:±._,._. _, Von S. Jrchaki. M e i k e m e i e r. -— der Name wuchs ihm erst später an wie die Haare und die Zähne — erblickte das Licht der Welt am . . .. Man hätte es im Hause des frommen gelehrten Gemeindeschächters, Rabbi I echte l, unterlassen, im Kalender nachzüsehen, es war bei Nummer sechs auch gar nicht-so wichtig. .Im Fnihjahre muß es gewesen sein,' denn Rabbi Iechiel erinnerte sich ganz genau/ 'am Abend vor der Geburt des „sechsten" beim Gebete gezählt zu haben — wieviel wußte er nicht mehr. Auch piepsten, als der Morgen graute und das Kindseine ersten Schreie von sich gab, die Spatzen aus dem Dachfirst des kleinen Häuschens so laut und geschwätzig, als müßten sie die Kunde gleich' in die Gaffe hinauspfeifen. Als das Kind dergestalt das Nachtlichtlein der Welt erblickte, schloß es gleich wieder unwillig die Augen und gab durch mörderisches Schreien kund, wie wenig es ihm in dieser Kammer, die sich Welt nannte, behagte. Man hing zu feiner Beruhigung Bibel- und Gebetsprüche an die Wand, und Abend für Abend kamen in der ersten Woche die Chederbuben mit Sonnenuntergang ins Haus gestürzt, um an der Wiege — es war mehr ein Wäschekorb, in dem vor ihm schon fünf andere Geschwister sich großschrieen — laut im Chore Sch'ma zu beten, wofür sie mit je einer Handvoll abgekochter Bohnen und Erbsen entlohnt wurden. Die Beruhigung trat fürs erste ein. In der Nacht zum achten Tage saß der fromme Schächter, Rabbi Iechiel, im Nebenzimmer mit seinen Freunden, Eisik, dem Melamed und Oscher, dem Maggid, und lernte bis zum grauen Morgen für . das Gedeihen des neuen Ankömmlings. Auf dem kunstvoll geschnitzten „Sessel des Propheten Elijahu" in der Schul lag' tags darauf das Kind im Schoße des alten Ortsrabbiners wohlgeborgen wie im Schoße Abrahams selbst, und bekam durch die Hand des eigenen Vaters, der Meister auf dem Gebiete war, das „Zeichen Abrahams" aufgedrückt. - Die lauten Gebote und ' Segenswünsche der Gäste übertönten alle Protestschreie des Kindes. Es bekam den Namen M e »j denn es sollte, eine L-e uchte werden/ wie ' ein Ahn der Familie, der diesen Namem trug und danach war... Damit war der Zwischenfall im Hause des Schächters Rabbi Iechiel erledigt. Der kleine Meier, oder wie man ihn jetzt kurz und kosend nannte, Merke, — später wurde aus beiden Namen ein Meikemeier — wurde genährt, geschaukelt, gekost und hatte zu gedeihen, wie alle jüdischen Kinder gedeihen. WMu r kt, das Kindheitsparcwies Mettes, war ein Städtchen, das auf der Gvenzscheide zwischen Litauen, Polen und Preußen lag, zu Rußland gehörte und im Ganzen ein j ü d i - sch es Städtchen warin dem alle Kriterien einer jüdischen Kehilla, Rabbiner, Schächter, Chasan. Schul, Gemeindebad, Stadtnarr, manche in Duplikaten, vorhanden waren. ' - ■ V Zwischen Fr i e d Hof und katholischer Klosterkirche schlummerte oder reckte, sich das Städtchen. Der Friedhof lag am Ostrande auf einem Hügel, von einem dichten Gestrüpp, wie von einem Urwald umgebeneine?-alte Totenstadt, m der kein Grabstein mehr. Auskunft über Alter und Entstehung gab. Einige weißgemauerte Zelte, wie heller Kalk auf grauem Stoppelfelde, bargen die Gebeine großer Rabbis oder besonders verdienter Männer. Dazwischen schoben sich die Hügelchen mit winzigen, halbverfaulten Brettern oder billigen Steinen davor, zertreten und zerstampft, in- und durcheinander, wie die verscheuchten, in sich verkrochenen Schafe einer Riesenherde. Anhaltend lagen dort Frauen auf den Gräbern ihrer Männer oder Mütter tm Gebete für ein krankes Kind oder um Abwendung irgend einer sonstigen Gefahr. Cs hörte sich so an, als kämen die Stimmen aus den Gräbern, als feien es die Toten/die weinen. DenFriedhossberg hinunter stürzte ein kristallklarer Quell, sammelte sich unten zu einem schmalen Bach, der gemächlich in den Njemen hinunterplätscherte. Das spiegelklare Wasser kontrastierte so sehr zu dem sumpfigen, mit Schilf und Unkraut bedeckten, von allerlei Gewürm umkrabbelten Sumpfboden, daß es-sich ganz fremd ausnähm. Es gehörte auch Nicht den Lebenden. In diesem Bächlein, das wußten die Kinder ganz genau, wuschen sich um öle Mitterttachtsstunde die vom Hügel herabsteigenden Toten, bevor sie sich in d!er großen Holzschul zum Gebete sammelten . . . Nicht um die Welt hätte Jemand auch von den Erwachsenen gewagt, um diese Stunde in die Nähe von Friedhof und Bächlein zu kommen oder an der großen Schul allein vorbeizugehen. . . Am anderen Ende schloß die Judenstadt mit der katholischen Klosterkirche ab, die den Juden nicht weniger gehimnisvoll und unheimlich war als der Friedhof aus der anderen Seite. Bon der Kirche drinnen sah man nur die ragenden verzweigten Zinnen mit den stahlblauen Riesenkreuzen, und den Glockenturm, von dem herab es oft wild und brausend dröhnte. Um die Kirche herum war eine weite, massive und hohe Steinmauer gezogen, und gewaltige Kastanienbäume innerhalb der Mauer überragten teilweise sogar die Zinnen. An Sonn- und Meßtagen hörte der monotone Gesang der Prozessionen im Klostergarten ni'cht auf. Wenn sich um die Mittagszeit am Sonntag die Portale des Klostergartens auftaten und die Bauern in ihren kurzen Ziegenpelzen, die Frauen in ihren bunten Kopftüchernin endloser Riesenschlange herausströmten, bedeutete das guten Verdienst für die jüdischen Kramläden und Schankbuden, oder auch — G'tt erbarme sich! —blutige Köpfe und eingeschlagene Fensterscheiben. Wie es gerade kam! Man stellte sich auf beides ein^;; - -' " Vom Friedhof zum Kloster* dehnten sich drei Parallelgassen in die Länge, die die Judenstadt ausmachten: 'In der „Langgaß", der „Jaiksgaß" (Metzgergasse) und ,>Bodgaß" (Badehausgasie) spielte sich das jüdische Leben ab^ Aus dem'freien weiten Platz zwischeM'Beshamidrasch, Schul und Gemeindebad wogte am Montag und-. Donnerstag und an besonderen Messetagen der-Markt, wo Juden aufgeregt und geschäftig hin und her rannten, schrieen, handelten und- Geld verdienten. Bauern boten auf ihren strohbelegten Fuhren Kartoffeln, Aepfel und Gänse fett. Gaukler stellten ihre Tischlein auf und lahme Bettler saßen auf dem Boden und näselten, Almosen heischend, Kirchenlieder. Unbekümmert um dieses Treiben sangen im nahen Beshamidrasch ein paar j Putzend Jünger ihre Lernmelodien, saßen dort in der Dämmerstunde die Männer an langen Tischen, studierten den Talmud oder lauschten auf die Worte des Maggid. . Wo die katholische Klosterkirche aufhörte, über der Brücke, beganndie kleine R ü s s e n st a d t. Sie gruppierte sich um das Rittergut eines russischen Fürsten, den das Städtchen selten zu sehen bekam, dieweil er im Sommer in Petersburg Dienst tat und im Winter m Pariser Nachtlokalen sich von den Petersburger Hoffesten erholte. Sein Gut . mit vielen Waldungen und einem' richtigen Palais mit grünem Kuppeldach mitteniM einem herrlichen Park wurde von echten Russen verwaltet. Der erste Verwalter, Kornossow, spielte selbst den Fürsten und wurde von der Bevölkerung „Herr Knias" angeredet, was er mit regelrechten Fürstenlaunen, im Guten oder im Bösen, wie es sich gerade traf, quittierte. In dieser Enklave hörte man Russisch sprechen, während man in den anderen Stadtteilen nur Jüdisch, ein wenig Litauisch und auch Deutsch sprach. In diesem Teile wohnten auch die wenigen russischen Beamten, und die Offiziere eines auf die Gegend bis zur Grenze verteilten Dragonerbataillons hatten dort ihr Kasino, aus dem des öfteren rauschende Feste schmetternde Musik ins Städtchen hinausschickten, die das Quaken der Frösche im Sumpfe und die Lieder der Flößer auf dem Njemen verschlangen. Die Woche über ließ sich kaum ein jüdisches Gesicht' in dieser Russenstadt blicken, nur an sommerlichen Sabbatnachmittagen pflegte sich Jungvolk, müde des Betens und Lernens, in dem Parke des Knias, schlechthin „der Hof" genannt, zu ergehen, um sich an den Blumenanlagen zu ergötzen und die würzige Luft aus den angrenzenden schwarzen Tannenwäldern einzuatmen. Dazu gehörte aber die gute Laune des Ersatzfürsten Kornossow. Grollte er den Juden aus irgend einem Grunde, ließ er durch Hüter und Hunde vor der Türe deutlich erkennen, daß „der Hof" für den Sabbatspaziergang gesperrt sei. Manchmal, wenn am Sabbat gegen Abend der westliche Himmel feuerrot wurde und aus der vergoldeten Zwiebelkuppel der kleinen russischen Kapelle im „Hofe" die Glocken mit Donner und Braus sich in Bewegung setzten, um den Sonntag einzuläuten, liefen die Juden wie in panischer Angst, von selber davon, vom dröhnenden Geläute wie vom Haß der Jahrhunderte gejagt. Diese Glocken klangen ganz anders, als die der katholischen Klosterkirche, greller, barscher, wie klirrende Scherben. Im allgemeinen standen sich die Juden mit dem „Hof", d. h. mit dem Verwalter Kornossow nicht schlecht, kauften ihm vieles vom Ertrage der Ländereien ab, verkauften ihm manches für seine Wirtschaft unddas große Hausgesinde, und er lieferte obendrein mehrere Klafter Holz aus den fürstlichen Wäldern zur Beheizung des Beshamidrasch und der Schul. Der „Russe" war nicht so kleinlich und engherzig wie die Litauer der umliegenden Dörfer. Alle Häuser des Städtchens standen auf fürstlichem Grund und Boden und die Hauseigentümer hätten''jährlichen Platzzins zu zählen. Aber Kornossow. der Russe mit dem wetten Herzen, ließ mit sich, reden. Hatte er einem am Sonntag die Sabbatleuchter pfänden lassen, so gab er sie ihm Üch . Freitag ,ganz gewiß wieder zurück, wenn man den'„Herrn Kniah" nur hübsch zu bitten verstand. Einmal im Jahre, gegen. Sowmerende, kam der r i ch t i g e K n i a s, der Fürst Wladimir W a s i l z i k o w, auf. der Reife ins Ausland, mit Familie durch das Städtchen und nahm für einige Tage Wohnnng in seinem- Palais, das wochenlang vorher fieberhaft für diesen höheren Zweck hergerichtet wurde. An die Dampferlandungsstelle begaben sich dann die Notabeln der Gemeinde und setzten zu ihren Kaftanen die monströsen Zylinderhüte auf, wie an hohen Feiertagen. Der Kronrabbiner, im Privatberuse ein mehr gefürchteter als geachteter Winkeladvokat, wurde damit betraut, in schönerrussischer Sprache an der Spitze der Deputation den Knias mit einer Ansprache zu begrüßen und „die Stunde zu preisen, da das Städtchen von einem Sonnenstrahl seiner Gnade geküßt wurde." Den Herrn Fürsten interessierte aber in der Regel weniger das glatte Gesicht und die mehr oder weniger glatten Worte des Redners, als die schönen langen Bärte der alten Juden, aus die und deren Träger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.