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Der Israelit · 1930-10-30 · Heft 44 (30.10.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 44 (30.10.1930)
Date
1930-10-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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30. Oktober 1930 er nach Kapstadt eine Antwort zugehen, die, wie es scheint, auch für die anderen genannten Diplomaten berechnet ist. Er behauptet, die Auffassung der Opposition beruhe auf unvollständigen Berichten. Die Regierungserklärung könne gerechter- Veife nicht als Aufgeben der Balfour-Deklaration bezeichnet werden. Er beruft sich wiederum aus die „Bedrohung der nichtjüdischen Vevölke rung" durch gewisse Methoden des jüdischen Auf baus, die England an die doppelte Verpflichtung des Mandates gemahne. Es müsse dabei bleiben daß die jüdische Einwanderung die Aufnahmefähigkeit des Landes nicht überschreite. Im übrigen soll die jüdische Kolonisation auf den bereits in jüdischem Besitz befindlichen, noch nicht erschlossenen Ländereien keine Hemmung erfahren Marburgs I'accufe! Felix M. Marburg begründet seinen Rücktritt als Obmann des A. C. der Jewish Agency mit einem Schreiben an die. ITA., das wegen seiner historischen Bedeutung hier im Wortlaute wiedergegeben sei. Drnch das. Palästina-Mandat wurde England zum Treuhänder eingesetzt für die Errichtung des Jüdischen Nationalheimes, die von England selbst, wie aus der während des Krieges erlassenen Balfour-Deklaration hervorgeht, angestrebt wurde. Lord Paßfields Erklärung bedeutet einen grausamen und unfairen Verrat an der England übertragenen Aufgabe. Wir Amerikaner haben England bei der Erfüllung dieser Aufgabe stets nach Kräften unterstützt. Das Palästina-Mandat sieht eine Jewish Agency als öffentliche Körperschaft für Beratung und Mitarbeit mit der Palästina-Regierung in jenen wirtschaftlichen sozialen und sonstigen Fragen vor, die aus die Errichtung des Jüdischen Nationalheims Bezug haben. Die Mandatskommission des Völkerbundes hat die Mandatarmacht ausdrücklich davor gewarnt, „die Entwicklung des jüdischen Nationalherms in ihrem jetzigen Stadium erstarren zu lassen". Das Palästina-Mandat hat an die Zionistische Organisation die Forderung gestellt, sich die Mitarbeit aller jener Juden, die zum Aufbau des Jüdischen Nationalheims beitragen wollen, zu sichern. Nach eifrigen Bemühungen und dank der Führerschaft des verstorbenen Louis Marshall sind Nicht-Zionisten aller Länder in die im Vorjahr geschaffene' erweiterte Jewish Agency eingetreten. Auf Grund unseres Vertrauens zur englischen Regierung haben wir Millionen von Pfund ins Land gebracht und ein gewaltiges Maß von Arbeit für Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse, Aufbau jüdischer Kolonien, Förderung von Landwirtschaft, Industrie und des Erziehungswesens, bas von der Hebräischen Universität gekrönt wird, geleistet. Ausrottung der Malaria, Verbesserung der Lebensverhältnisse, Straßenbau, wissenschaftlich betriebene Landwirtschaft, Entwässerung und Aufforstung, industrielle Entwicklung durch Werkstätten und kleine Fabriken, Ausbau der Elektrizitätskräfte und Verwertung der Naturschätze des Toten Meeres — alle diese Errungenschaften sind zur Gänze den durch jüdischen Enthusiasmus aufgebrachten Summen oder den vorwiegend von den Juden Palästinas e,ntrichteten Steuern zu verdanken. Der Fortschritt im Lande ist in hohem Maße der arabischen Bevölkerung zugute gekommen und wir freuen uns darüber, denn es ist uns klar, daß ein Land nicht gedeihen kann, wenn es in ihm nur einem Teil der Bevölkerung wohlergeht. Tatsächlich hat sich der Lebensstandard der Araber seit dem Beginn des jüdischen Aufbauwerkes wesentlich gehoben. Zu den gesamten Kosten der Kolonisation, Bodenverbesserung, Auforstung und Bewässerung hat der englische Steuerzahler keinen Penny beitragen müssen. England hat das Land bloß als Mandatsterritorium verwaltet. Den bisherigen High Commissioners kann Begünstigung der Juden nicht zum Vorwurf gemacht werden. Sie haben alle verfügbaren Staatsländereien den Arabern gegeben, den Juden aber nicht einen einzigen Dunäm. Sogar die Fürsorge für die unschuldigen Opfer der - Unruhen im August 1929 wurde fast ausschließlich der jüdischen Wohltätigkeit überlassen. Die Regierung hat für dieses Hilfswerk einen jämmerlich geringfügigeit Beitrag geleistet."" Der englische Ministerpräsident hat von der Tribüne des Völkerbundes aus vor aller Welt erklärt, England würde sich durch Mord und Gewalttat nicht von der Erfüllung seiner Verpflichtungen in Palästina abschrecken lassen. Zur Untersuchung der Ursachen der Unruhen wurde die Shaw-Kommission nach Palästina entsandt. Diese Kommission hat einen Bericht erstattet, der vom englischen Ministerprädenten im Verlauf einer mit mir geführten Unteredung und von der Mandatskommission des Völkerbundes einer scharfen Kritik unterzogen worden ist, da er Vorschläge enthält, die eine Ueberschreitung der Befugnisse der Kommission bedeuten und auf Grund unzureichender Untersuchungen unter Vernachlässigung der im englischen und amerikanischen Gerichtsverfahren üblichen Methoden zur Klarstellung des richtigen Sachverhalts erstattet worden sind. Der Israelit Eine neuerliche Untersuchung "des palästinensischen Boden- und Wirtschaftsproblems durch den ehemaligen indischen Verwaltungsbeamten Sir John Hope Simpson sollte das Gefühl der Enttäuschung über den Shaw-Bericht mildern. Obwohl wir uns dessen bewußt waren, daß die Betrauung eines Einzelnen mit einer verantwortlichen Untersuchung, von der die künftige Entwicklung des Jüdischen Nationalheims abhängig genlacht werden sollte, eine Gefahr bedeutete, haben wir von der Entsendung Sir John Hope Simpsons, den der Ministerpräsident mir gegenüber als einen für diese Aufgabe besonders geeigneten Mann hingestellt hatte, das Beste erwartet. Es fehlte auch nicht an Protesten und Kundgebungen der Ungeduld und Enttäuschung angesichts der Untätigkeit und des Zögerns des Kolonialamtes. Doch wurde uns auch während dieser Zeit wiederholt versichert, daß die Regierung das Mandat vollinhaltlich auszuführen beabsichtige. Infolge der Suspendierung bereits erteilter Einwanderungsbewilligungen erhielt unser Vertrauen zur Regierung neuerlich einen Stoß, wurde aber durch abermalige Versicherungen der englischen Regierungwiederherge stellt, die mir in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Administrative Committee der Jewish Agency gegeben wurden. Laut Mandatsbestimmung und wie die englische Regierung auch im Wege ihrer amerikanischen Vertretung bestätigt hat, ist die Jewish Agency die verantwortliche und bevollmächtigte Repräsentanz des Judentums bei Unterhandlungen mit der Mandatarmacht und hat die Aufgabe, gemeinsam mit der Palästina-Regierung an der Entwicklung des Landes mitzuarbeiten. Dessenungeachtet wurde sie stets geflissentlich übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Es wurde ihr sogar die Einsichtnahme in den Simpson-Bericht und die Regierungserklärung, in der eine völlige Aenderung der bisherigen Palästina-Politik angekündigt wird, vor erfolgter Veröffentlichung verweigert. Der Inhalt der Regierungserklärung steht in krassem Widerspruch zu den Versicherungen, dieLord.Paßsield mir am 2 2. August in einer zweistündigen Unterredung gegeben hat, zu der ich aufseine persönliche Einladung nach London gekommen war. Er ermächtigte mich damals, in seinem Namen vor dem Administrative Committee der Jewish Agency, das einige Tage später in Berlin tagte, gewisse Erklärungen abzugeben. Zu meinem Bedauern sehe ich mich auf Grund der von Lord Paßsield jetzt veröffentlichten Dokumente genötigt, zu sagen, daß ichirregeführtwurde und unschuldigerweise selbst zum Werkzeug dev-Irreführung meiner Kollegen in der Jewish Agency geworden bin. Ich sagte meu nen Kollegen, die Regierung würde Obligationen für die Zwecke der landwirtschaftlichen Entwicklung ausgeben. Jetzt erfahre ich, daß ein vorwiegend die Jnteresen der arabischen Bevölkerung berücksichtigendes Agrarprogramm durch Steuern finanziert werden soll, die naturgemäß zum größten Teil von Juden Palästinas aufzubringen sein werden. Die jüdische Einwanderung muß weitestgehend eingeschränkt und der Landkauf so erschwert werden, daß Transaktionen selbst bei Bezahlung hoher Bodenpreise fast unmöglicherscheinen. Gerade diejenigen von uns, welche hinsichtlich des Aufbaus Palästinas einen gemäßigten Standpunkt eingenommen haben, empfinden heute bitterste Enttäuschung. Ich habe alle Welt aufgefordert, Vertrauen zur englischen Regierung zu haben. Ich habe mitgeholfen, die Jewish Agency zu chaffen. Ich habe in der Erwartung, daß andere meinem Beispiel folgne werden, über eine Million Dollar in investiert. Wir haben unser Bestes getan. Heute ist Dr — * - - - ■ - - Nr. 44. Seite 3 demissioniert. Zu meinem tiefen Bedauern muß ich den u., Administrative Committee der Jewish Agency niederlegen. Ich habe den Erklärungen, die Lord Paßsield im Namen der englischen Regierung mir gegenüber gemacht hat, vertraut — das jüdische Volk ist dadurch irregeführt worden. Die Aufrechterhaltung jener Beziehungen zur englische nRegierung, die die Stellung eines Vorsitzenden des Administrative Committee bedingt, ist mir weiterhin unmöglich. Ich schlage die Einsetzung eines intermistischen Komitees zur Fortführung der Gechäfte der Jewish Agency vor. Unverändert bleibt meine Ergebenheit für die jüdische Sache und für Palästina. Ich werde weiterhin meine besten Kräfte dem Werke widmen, das unsere tiefsten Interessen berührt. In einem Zeitpunkt voll Hoffnung und Enthusiasmus haben sich Zionisten und Nichtzionisten gefunden, um Palästina aufzubauen. Sie werden noch inniger verbunden bleiben angesichts dieser tragischen Enttäuschung. Wir verttauen darauf, daß der Sinn des englischen Volkes für Recht und Billigkeit und die verständnisvolle Einsicht der öffentlichen Meinung in allen Ländern es uns ermöglichen wird, die gegenwärtigen Hindernisse zu überwinden. Wir beschränken uns an dieser Stelle auf den Tatsachenbericht. Was wir von uns aus dazu zu sagen haben, findendie Leser in der W o ch e n r u n d s ch a u. D I A12N ~ Puder bewahrt Ihren Liebling vorWundsein. Wochenrundschau. 3ut Krise des Zionismus. Aus der Flut von Materialien und Berichten, die im Laufe dieser Woche den Redaktionen der jüdischen Zeitungen zum Thema der neuesten englischen Palästina-Politik zugegangen sind, bringen wir das Wichtigste an leitender Stelle dieser Nummer. Wir möchten aber unseren eigenen Betrachtungen, die wir vorige Woche unter dem ersten Eindruck der Katastrophe niederschrieden, noch einiges ergänzend hmzufügen. Zunächst eine Vorbemerkung. Aus unserem Leserkreise sind uns Beschwerden darüber zugekommen, daß die Ueberfchrift jener Bemerkungen: „Der Zusammenbruch der zionistischen Palästina-Politik", im Gegensatz zu dem Inhalt des Aufsatzes selber, den Eindruck hätte erwecken können, als ob wir für die feindselige Stellungnahme der englischen Regierung zur weiteren Entwicklung des jüdischen Nationalheims die zionistische Politik v e rantwortlich machten. Das lag keineswegs in unserer Absicht. Daß die gegenwärtige zionistische Palästina-Politik, die ja nicht Jischuw Erez Israel treiben will, sondern die „öffentlichrechtliche Heimstätte" als Lösung der Jude n f r a g e erstrebt, daß dieser politische Zionismus tatsächlich in dem Augenblicke als zusammengebrochen gelten muß, in dem politische und wirtschaftliche Grundsätze nach Art der in dem neuen Weißbuch niedergelegten, für die engische Palästina-Politik als maßgebend erklärt werden, das ist eine Tatsache, die wir um der Wahrheit willen in sinnfälliger Weise konstaieren mußten. Ein Werturteil über die zionistische Politik sollte damit gar nicht ausgeprochen werden, noch weniger eine Anklage. Was wir an der zionistischen Politik ausznetzen haben, soweit es sich um Weizmannsche und nicht um Jabotinskysche Politik handelt, liegt auf einer ganz anderen Ebene des Denkens wie auf der politischen und wirtschaftlichen. Die tragische Schuld des Zionismus ist es, daß er von vornherein das Band des jüdischen Volkes und des jüdischen Bodens mit seiner religiösen Ueberlieferung zerrissen und damit das ganze yar. 'Allem es ist jetzt nicht der Augenilick über die Konstatierung dieserTat-! a ch e hinaus, im Angesichte der allen an Erez Jisroel interessierten Volkskreisen drohenden Geahren darüber zu rechten. Soviel ist klar: Das Verbot oder die äußerste Einschränkung der freien Einwanderung und die Verhinderung der Vodenkäuse durch Juden trifft die Orthodoxie ebenso stark wie die zionistischen Kreise. Der Versuch, in d i e s e r H i n s i ch t von einer schlecht unterrichteten oder von mißverständlicher Auffassung geleiteten englischen Regierung an die öffentliche Meinung Großbritanniens zu appellieren, ist gewiß gerechtfertigt und verdient allseitige Unterstützung. Dagegen können wir uns ganz und gar nicht einverstanden erklären mit einer Politik des persönlichen Veleidigtseins, wie sie in verschiedenen Aeußerungen zionistischer Kreise zutage getreten ist. Man kann begreifen und muß es billigen, daß Prof. Weizmann selbst, nach.allem, was er bei seinen intimen Beziehungen mit der englischen Regierung erlebt hat, sich zurückzieht: man wird auch Verständnis haben für die Anklagen, die in den Briefen Felix War-

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