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Der Israelit · 1930-10-23 · Heft 43 (23.10.1930) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 43 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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L Grzidfjuna und Lei; llsraelit e zum - E.D-Gl, Organ -es Kun-es gesehestrruer Mischer Kehrer Deutschlands. Elternabende. Von Dr. Frieda Fuchs in Frankfurt a. 21t. In feinen Grundzügen ^als Vortrag bei der Südwestdeutschen Rundfunk A. G. Frankfurt a. M. gehalten. Einer Skizze über Elternabende ist vorauszuschicken, daß im Schulgesetz keine Bestimmung zu finden ist, die Anordnungen enthält über Elternabende, die in der Schule oder von Lehrern abzuhalten seien. In den Bestimmungen für den Regierungsbezirk Wiesbaden besagt eine Notiz vom 3. 4. 23 lediglich, daß zu den Amtsobliegenheiten der Konrektoren die Vorbereitung der Elternbeiratswahlen und der Elternversammlungen gehört. Nach dieser Feststellung erlaube ich mir die Behauptung, daß die Abhaltung von Elternversammlungen eine Angelegenheit der modernen Schule ist. Wenn bei manchen Forderungen des modern eingestellten Lehrers immer wieder behauptet wird, sie hätten früher auch schon bestanden, so trifft dies für viele Disziplinen siche» zu. Es gab auch früher schon Lehrer, die zu ihren Schülern in einem wahrhaften Vertrauensverhältnisse standen. Mit vollem Recht dürfen die Vertreter des alten Schulsystems für sich in Anspruch nehmen, daß es auch unter ihnen schon Männer und Frauen gegeben hat, die es verstanden haben, in den Mittelpunkt ihrer Arbeit das Kind zu stellen, die vielleicht noch mehr mit ihrem ganzen Sein sich für das Wohl des Schulkindes einsetzten als gar mancher junge Kollege, der sehr viel zu sagen weiß von der neuen Schule. Auch früher hat der rechte Lehrer sich bekannt gemacht mit den häuslichen Verhältnissen, weil er wüßte, daß er seinem Zögling in jeder Hinsicht nur gerecht werden kann, wenn ihm das Milieu nicht fremd ist, in dem der Schüler sich außerhalb der Schulzeit befindet. Ein jeder von uns kennt Männer und Frauen, die in ihrer dienstfreien Zeit jugendpflegerische Arbeit geleistet haben. Das ist eine Angelegenheit, die nichts mit der Modernität einer Berufsaufassung zu tun hat, obwohl sie dabei vielleicht eine gewisse Rolle spielt infolge der augenblicklich im Schulleben herrschenden Spannungen. Daß der Gegensatz alt — jung nicht wesentlich ist, das wurde mir so recht bewußt, als ich in Frankfurt am Main an einem kalten 2. Januar, also mitten in den Ferien, morgens vor 8 Uhr am Allerheiligentor vorbeiging und einen älteren Kollegen mit einer größeren Schar fröhlicher Buben, zu einem Ausflug in den Taunus bereit, versammelt sah. — Ich will damit sagen, daß wir Lehrer von der neuen Methode gar nicht daran, denken, zu glauben, daß wir alles in der Schule aus neue Grundlage gebracht hätten, oder daß wir alles so gut machten ,wie es vor uns nie einer verständen hätte zu tun. Nach dieser einschränkenden Erklärung wage ich aber trotzdem zu behaupten, daß Elternabende etwas Pnd, das wir als ein novum für uns in Anspruch nehmen können. Man könnte dagegen einzuwenden versuchen, daß es auch früher schon ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern gegeben hat, daß auch früher schon gar mancher Lehrer der väterliche Berater seiner Schüler und der Hilfsreiche Freund der Eltern dieser Schüler gewesen ist, und daß es auch früher schon Lehrer gegeben hat, die ein offenes, kritisches Wort seitens der Eltern wohl anzunehmen verstanden. Aber wenn ich hier auseinanderzusetzen versuche, was ich mir unter einem Elternabend vorstelle, werde ich vielleicht nicht auf Widerstand stoßen bei der Behauptung, daß es sich in allen den erwähnten Fällen um etwas ganz Anderes handelt. Durch Elternversammlungen soll ein Kontakt hergestellt werden zwischen den Eltern und der Schule. Er soll so innig werden, daß er fürs ganze Leben unlöslich wird. Er soll nicht zufällig entstehen, sondern.ganz bewußt geschaffen werden, durch verantwortliche Zusammenarbeit. Diese ist aus ganz verschiedenen Gründen anzustreben. - Zuerst erwähnt sei der zunächst rein äußerlich teleologische, zweckbestimmte. Durch die Clternversammlungen sollen die Eltern der Schulkinder interessiert werden für die Interessen der Schule. Alle Schulen, seien sie staatliche oder private, haben es bei den ihnen nur in sehr beschränktem Maße zur Verfügung stehenden Mitteln bitter nötig, durch das Interesse der Eltern an einer guten Schule zu Mitteln zu gelangen für Zwecke, für die ihnen sonst Gelder nicht zur Verfügung stehen. Man braucht nur zu erinnern an die Frühstücksspeisung, bei deren Verwirklichung manche Schule aus besonderen Gründen in ganz besonderem Maße ganz besonders angewiesen ist auf das Wohlwollen weiter Elternkreise. Wenn eine Schule es erst einmal zu einer aktiven Mitarbeit bewußter Elternteile an ihren Zielen in einem relativ vollkommenen Sinn gebracht haben wird, dann kann sie noch für ganz andere, nicht minder wichtige Schulzwecke Vorteile erringen und die Schularbeit in jeder Hinsicht bereichern. In bunter Folge seien nur erwähnt der Ausbau der Schüler- und Lehrerbibliothek, die Anschaffung eines Schulradios, Schulausflüge, Ferienfahrten und die Gründung eines Landheimes. Damit wende ich mich ab von einer rein äußeren, ich möchte sagen, peripheren Grundlegung für die Pflege von Elternversammlungen. Die zweite viel zentraler zu erfassende Notwendigkeit, zu Elternversammlungen zu gelangen, ist die Gemeinsamkeit in der erzieherisch und unterrichtlich pfleglichen Behandlung des Schulkindes. In Frankfurt und gewiß auch in vielen anderen Orten gibt es Lehrerkollegien, die das Glück haben, fast möchte man sagen, denen die Gnade zuteil geworden ist, in einem Kreise arbeiten zu dürfen, in dem fast alle Eltern von ihrer hohen Aufgabe dem Kinde gegenüber erfüllt sind. Mitunter hat man sogar den Eindruck, als geschehe zuviel des Guten und als müßte man auf Grenzen des auf dem pädagogischen Gebiete Möglichen aufmerksam machen. Dies vermag man aber nur zu tun bei den Elternabenden, an denen die Eltern mit dem Lehrer zusammen sind. Nun soll man aber einen Elternabend nicht als einen bloßen Vortragsabend sehen, an dem ein oder zwei Persönlichkeiten aus dem Lehrerkollegium ein Referat halten mit anschließender mehr oder weniger gut vorbereiteter Diskussionsfolge, so daß die Eltern darnach heimgehen und sagen, „der Herr, jene Dame haben gut gesprochen". Ein solcher Abend kann recht wertvoll und lehrreich sein, als Elternabend für das Land oder für höhere Schulen kommt er vielleicht in Frage, obwohl darüber von berufenerer Feder zu schreiben wäre; einen Elternabend für die Volksschule bedeutet er aber keinesfalls. Auf dem Lande dürfte bei Gestaltung der Elternabende Volksbildungsarbeit mit erledigt werden; in den Großstädten gibt es Gelegenheiten genug, gute Vorträge zu hören. Wenn die Eltern in die Elternabende kommen, dann sollen sie ihre Gedanken und ihre Sorgen um ihr Kind mitbringen und zum Ausdruck bringen. Das werden sie nie tun, nachdem sie ein großes, stark angelegtes Referat gehört haben, nachdem dann vielleicht noch ein Korreferat gehalten wurde, das auf einem wissenschaftlich sehr hohen Niveau stand und viel des Wissenswerten enthält. Woher sollen denn darnach unsere Eltern den Mut nehmen, in einfachen Worten zu sagen, was sie auf dem Herzen haben? Handelt es sich doch gar oft um Menschen, die gar nicht gewohnt sind, vor einer Versammlung in wohlgesetzten Sätzen zu reden. Und wenn diese Ellern, die vielleicht sehr viel zu sagen haben, und von denen wir Lehrer sehr viel lernen können, nicht zum Reden kommen, dann hat der Elternabend seinen Zweck verfehlt. Es wird darüber geklagt, und man kann es. bei den verschiedensten Gelegenheiten hören, daß die von Schulen eingerichteten Elternabende nicht genügend besucht seien. Wer das als ein Zeichen dafür nehmen wolltedaß die Institution der Elternabende ad absurdum geführt sei, der irrt. Wenn sie mitunter nicht reüssieren, dann müssen wir den Gründen hierfür nachspüren. Seien wir uns klar darüber, daß Elternabende nur dann gelingen können, wenn sie zweckgebunden sind. Kein vernünftiger Schulmeister wird sich einbilden (und jeder rechte Schulmeister besitzt doch von Natur aus eine gute „Einbildungskraft"!), daß die Ellern feiner Schulkinder alle so zufrieden sind mit der Schule, und es wäre ein sehr großer Fehler, wollte man über die Meinung der Unzufriedenen etwa mit einem leichten Achselzucken hinweggehen. Damit ist unserer Arbeit am Kinde nicht gedient. Wenn eine Mutter unzufrieden ist mit der Tätigkeit des Lehrers oder mit seinem Verhalten dem Kinde gegenüber, dann wird der Grund dafür nicht aus der Welt geschafft, wenn sie bei ihren Bekannten, vielleicht gar noch im Beisein des Kindes auf Schule und Lehrer zankt. Vielleicht ist die Unzufriedenheit unberechtigt, vielleicht entspringt sie nur einer gewissen Ueberheblichkeit und einem ungerechtfertigten Stolze, vielleicht hat aber der Lehrer Unrecht; in allen Fällen jedoch ist ein Vergehen am Kinde zu konstatieren, wenn nicht Ettern und Lehrer sich offen aussprechen und auf diese Weise Klarheit schaffen. Wie kann der Lehrer von diesen Dingen wissen? Der sauberste Weg ist doch der, daß die Eltern es dem Lehrer selbst sagen, und das fällt ihnen relativ am leichtesten in der Elternversammlung, wo sie einen gewissen Rückhalt an der Masse der anderen Eltern haben, und wo ihnen aus natürliche Weise die Gewißheit geworden ist, daß sie nicht Gefahr lausen, eine Verstimmung des Lehrers ihrem Kinde gegenüber hervorzurufen. Denn die Elternversammlung ist ihnen als die Gelegenheit gezeichnet, bei der ein offenes Für und Wider zwischen Eltern und Lehrer in allen Fragen der Erziehung am Platze ist zum Besten der Kinder. Wenn man hier und da hört, daß bei einzelnen Lehrern Eltern sich jederzeit aussprechen können und es auch tun, indem sie einzeln in die Sprechstunden kommen, so daß es den Anschein haben könnte, als seien darum die Elternabende überflüssig, so ist diese Auffassung leicht zu widerlegen. Gewiß gibt es Sonderfälle, die naturgemäß am besten unter vier Augen besprochen werden, aber Angelegenheiten, welche die Gemeinschaft betreffen, sollten auch von ihr gemeinsam erledigt werden. Ob die Eltern der Schule feindlich oder freundlich gegenüberstehen, ob sie ihre Arbeit verwerfen oder anerkennen, das Interesse des Kindes verlangt eine Erörterung aller wichtigen Probleme. Ob man nun Schul-Elternversammlungen oder Klassen-Elternversammlungen fordern soll, ist jeweils abhängig von den örtlichen Verhältnissen. In einem großen Schulkörper möchte ich mich entscheiden für Klassenelternversammlungen. Sie sind qualitativ nicht verschieden von den Schulelternabenden, und was von diesen verlangt wird, haben auch jene zu erfüllen. Es ist aber sicher gut, wenn sie in temporärer Hinsicht den großen Schulelternversammlungen vorangehen. Technisch bietet die Einrichtung der Klassenelternabende kaum Schwierigkeiten. Wünschenswert ist, daß sich möglichst alledie Kollegen an ihm beteiligen, die in der Klasse unterrichten. Wie man den Abend gestalten soll, dafür läßt sich keine Regel angeben. Dafür ist die Angelegenheit zu individuell. Wichtig ist, daß die Aussprachen ungezwungen stattfinden — Lehrer und Eltern stellen in bunter Folge Probleme zur Diskussion, und auch wer nicht formvollendet reden kann, sagt, was er zu sagen hat. Im Klassenelternabend erfährt der Lehrer manches, was ihm bei seiner Schularbeit gut helfen kann, und die Ellern lernen die Ziele der Schule kennen und die Arbeit an ihrem Kinde besser verstehen und würdigen. . So vermag der Klassenelternabend sicher an manchen Schulen Wegbereiter zu sein für große, wertvolle Schulelternversammlungen, die schließlich vorbereitend wirken können zum großen Endziel der Schulgemeinde. Dahin gelangen könnte gar manche Schule, wenn alle, die guten Willens sind, ihre Kräfte dafür einsetzten. Da müßte ein Schulwerk entstehen, das in jeder Beziehung Vorbildliches zu leisten imstande ist. Dies zu erreichen, dazu bedarf es intensiver Arbeit und liebevoller Hingabe. Wenn Lust und Liebe die Fittiche zu großen Taten sind, dann hat gar mancher Schuloerband die Möglichkeit, zum großen Ziel zu gelangen.

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