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Der Israelit · 1930-10-23 · Heft 43 (23.10.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 43 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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23. Oktober 1930 Nr. 43 Frankfurt a. M., den 1. Marcheschwan 6691 Begründet von Dr. Lehmann tn Matrix Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.3V Mark monatlich; Ausland: Bierteljatzrpreise (entsprechend dem deutschen^ Inlandspreis zuzüglich Kosten: des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—;. Amerika 1 Donar; England 4 sst.; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.87.' Belga 5.; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Jugoslavien 85 Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty;! Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengo 6 ab 1. Juli 1927; Dänemark!3.5V Kron.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. .Einzelnumnier vierzig Goldpfennige.■ Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Goldpf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Dia 75 wm breite Reklamezette: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Textseite 250 Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M, Rechneiarabenstraße 7. Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In» und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, II, Tel. Hansa 25885. Platzvorschr. ohne Verbindlichk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.79805. —Postsparkassenamt Budapest Nr. 18424.—Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. 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Noch fehlt im Augenblick die Möglichkeit eines Studiums des für heute angekündigten Weißbuchs über die kümftig-e engl i sch e Pa l ä ft i n a - P o l i t i k — aber die Tatsache, 'daß Chajim Weizmann, fast möchte man sagen: endl i ch, die Geduld verloren und den Leidensweg grausam getäuschter Hoffnungen nicht weiterschreiten will, ist beredt genug, um über die Tendenz des englischen Palästina-Programms klaren Aufschluß zu geben. Die offiziellen Erklärungen der aufeinander folgenden konservativen, liberalen und sozialistischen britischen Regierungen zur Palästinapolitik haben von Anbeginn an — und sicherlich mit vollem Bewußtsein — einen hoppelten Zweck verfolgt. Sie sollten einerseits die politischen Verpflichtungen der Mandatarmacht gegenüber dem Zionismus möglichst einschränken und England alle Konzessionen an das Arabertum offen lassen, andererseits aber weder der Phantasie der jüdischen Volksmassen im Osten den Flügelschlag lähmen, noch der zionistischen Propaganda die Eroberung der Herzen und die Beschaffung der enormen Geldmittel für den Palästina-Aufbau erschweren. Darum formulierte man den Balfour-Brief" von .vornherein so, daß lediglich von einem „national hörne" in Palästina und. nicht, wie verlangt und erwartet, von "Palästina a l s national home die Rede war: wie groß oder wie klein dieses Nationalheim werden solle, blieb eben derZukunft Vorbehalten. Churchill reduzierte dann schon 1922 in seiner berühmten Rede das national home gar zu einer „community“, was ebensowohl eine Kirchengemeinde wie irgendwelche Zweckgemeinschaft bedeuten kann. Durch die Berufung HerbertSamuels,des jüdischen Statthalters, durch Bankettreden englischer Politiker und zionistischer Führer aber, die politisch zu nichts verpflichteten, schuf man dennoch eine Stimmung, die immer wieder die Vorstellung wachrief, es sei letzten Endes die A bs i ch t Englands, in absehbarer Zeit ein jüdisches Commonwealth, eine ausgedehnte, autonome jüdische Siedlung, die Keimzelle eines jüdischen Staates, im heiligen Lande erstehen zu lassen. Auf diesem Wege einer nach allen Seiten vorsichtig lavierenden Politik nun, die juristisch keinerlei Verpflichtung übernahm und dennoch die Fata Morgana einer jüdisch-nationalen Renaissance schuf, ist es England zwar gelungen, dem Zionismus zur Festhaltung eines Teiles seiner gläubigen Massen und vor allem zur Ero b e r u n g der am e r r k a n i s ch - j ü d i - sch en Ho ch f i n a n z i n Form de r „Jewish Agency " zu verhelfen, nicht aber, die steigende arabische Unzufriedenheit zu beseitigen. Diese Unzufriedenheit der arabischen Massen mit ihrer i wirtschaftlichen Lage hätte zwar an sich niemals zu einer politischen Revolution oder gar zu gewalttätigen Ausbrüchen der Mord- und Raubgier geführt, ohne die Hetzarbeit der Großmufti-Kreise — aber das wirtschaftliche Elend war (wie im Deutschland des Nationalsozialismus) der Nährboden, auf dem die Giftsaat der religiösen und nationalen Fanatiker vom Schlage des Mufti üppig gedeihen konnte. Damit aber war für die englische Weltpolitik Mit ihrer -Bindung an den Pan-Arabismus — das muß man ehrlicher Weise anerkennen — eine Zwangslage heraufbeschworen, aus der es mit den b i s h e r f e st g e h a lt e n e n M e t h od e n ein Entrinnen nicht mehr gab. Nach der politischen Seite braucht das neue Weißbuch nichts weiter zu tun, als an den berechneten Wortlaut der Balfour-Erklärung und an das Churchill-Weißbuch von. 1922 mit seiner „community“ zu erinnern, denn dieses Weißbuch ist schon damals von der zionistischen Organisation notgedrungen akzeptiert und nur von den Radikalen vom Schlage Jabotinskys, des „Jewifh Chronicle" usw. unentwegt als angeblicher „Wortbruch" bekämpft worden. Dieser politische Inhalt des Weißbuchs also hätte sicherlich Weizmann nicht zum Rücktritt, das heißt zum offenen Bekenntnis des Scheiterns der offiziellen zionistischen Politik, bestimmt. Entscheidend sind vielmehr diejenigen Teile des Weißbuchs, die scheinbar rein wirtschaftliche Bedeutung haben: die Haltung der englischen Regierung zu den Fragen der Einwand e.r u n g und des Boden erwerbs. Wenn die jüdische Einwanderung und der Erwerb von Boden durch Juden solange eingeschränkt oder gar ganz verboten werden sollen, bis die „gegenwärtigen arabischen Arbeitsmethoden" zur Höhe moderner Arbeitsproduktivität emporgehoben (mit wessen Kapital soll das geschehen?) und damit die Nöte der arabischen Arbeitslosigkeit beseitigt sind, so ist das gleichbedeutend mit der Erklärung, daß für absehbare Zeit das „national Home" sich auf die bereits im Lande wohnenden und etwa hinZukommenden bemittelten oder vom Auslande ernährten Einwanderer beschränken muß. Alle politischen Berechnungen, die auf eine jüdische Massensiedlung im nächsten Jahrzehnt oder gar eine jüdische Mehrheit, die dem Lande den Stempel ihrer Kultur aufdrückt, Hinzielten, sind damit — insbesondere, wenn man die arabische Geburtenrate und die steigende arabische Kulturentwicklung ins Auge faßt — zu bloßen Träumen geworden, die vom Standpunkte des nüchternen Denkens keinerlei Wirklichkeitswert mehr besitzen. Man kann also vollkommen begreifen, daß Weizmann den Augenblick für gekommen hält, das Scheitern seiner auf dem reinen Rationalismus des Baseler Programms aufgebauten jüdischen Politik zu bekennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Was aber soll und wird geschehen? Viele Zionisten mögen glauben, daß Herr Jabotinsky, der Militarist mit der gepanzerten Faust, nunmehr als lachender Erbe in die Räume von Rüssel-Street einziehen, dem englischen Kolonial- Amt den Krieg erklären und auf dem Umwege über die öffentliche Meinung Englands und Amerikas den jüdischen Staat, dem arabischen Widerstand zum Trotz, mit jüdischen und englischen Bajonetten aufrichten werde. Aber der „lachende Erbe" hat Montag Abend schon nicht mehr gelacht, als er während seiner Rede im Frankfurter Zoologischen Garten die Nachricht von Weizmanns Rücktritt erhielt; man spürte vielmehr förmlich die Peripetie, das gelinde Grauen, das jeden nicht von aller Vernunft 1

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