Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4. Nr. 15 Der Israelit Blätter 19. September 1930 Wirtschaft die Wunden, die der wertezerstörende Krieg ihr geschlagen Hat, noch nicht zu heilen vermocht. Insbesondere sind in Europa die kurzen Konjunkturperioden von lang andauernden und immer weitere Kreise erfassenden Krisen abgelöst worden und gerade in unseren Tagen erleben wir, daß auch in außereuropäischen' Ländern Folgeerscheinungen von Wirtschaftskrisen schwerwiegende Veränderungen zur Folge haben. Die deutsche Judenheit war und ist dem Veränderungsprozeß innerhalb der deutschen Wirtschaft aus dem Grunde ganz besonders»ausgesetzt, weil sie in ihrer aus Zwang geborenen ständischen Gliederung zu jenen Berufsgruppen ein wichtiges Kontingent stellt, bei denen sich die Wirkungen dieser Wandlung besonders auswirken. Es ist deshalb nur zu leicht verständlich, daß die jüdische Oeffentlichkeit in der letzten Zeit über diese mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängenden Fragen besonders eingehend diskutiert. Die verschiedenartigsten Projekte sind aufgetaucht und immer dringlicher zeigt sich die Notwendigkeit, Mittel und Wege aufzuzeigen, wie der Exiftenzvernichtüng wirksam entgegengearbeitet werden kann. Für die ältere Generation wird aus vielfachen Gründen eine völlige Veränderung der Existenzgrundlage unmöglich sein. Durch Berufsausbildung an eine bestimmte Berufstätigkeit, durch die Familie an einen bestimmten Ort, durch Beziehungen und Neigungen an eine bestimmte soziale Sphäre gebunden, erscheinen Bemühungen zur Berufsumschichtung fast aussichtslos. So ergibt sich überall die Notwendigkeit, auch aus der eingeengten Existenzbasis die Wetterführung des wirtschaftlichen Kampfes zu versuchen. Eine Absperrung gegenüber den Forderungen der veränderten wirtschaftlichen Situation ist um so unsinniger, als heute jedem Berufstätigen die Richtschnur für sen Handeln von außen aufgezwungen wird. Es besteht also auch alle Veranlassung, die Fragen der Vorsorge für das eigene Alter und die Sicherung der Familie unter diesen veränderten Gesichtspunkten wirtschaftlicher Art zu betrachten. Früher konnte man mit einiger Sicherheit die normale Entwicklung der eigenen Berufstätigkeit im Voraus bestimmen. Ein sparsames Leben garantierte die Ansammlung gewisser Kapitalien, die ihrerseits dann wieder zur Verbreiterung der Existenzgrundlage dienen konnten und die Sicherheit für einen ruhigen Lebensabend boten. Heute ist angesichts der andeutungsweise geschilderten wirtschaftlichen Situation mit der Ansammlung solchen Sparkapitals nur noch in den seltensten Fällen zu rechnen. Aber selbst für die wenigen, die heute spanen können, fällt die absolute Sicherheit für die Familie fort, da niemand bei der hohen Sterblichkeitszisfer der Kriegsgeneration vorweg bestimmen kann, wie lange er zu einer solchen Rücklage fähig ist. Trotzdem liegt jedem verantwortungsbewußten Familienvater die Sorge um die Zukunft seiner Familie schwer auf der Seele. Schon in den Zeiten der Höchstkonjunktur in Amerika spielte die Lebensversicherung im wirtschaftlichen Denken dieses reichen Landes eine ganz andere Rolle als bei uns. Die aufschlußreichen und mit deutschen Zahlen gar nicht zu vergleichenden Bestands- und Abschlußziffern der amerikanischen Versicherungsgesellschaften beweisen, daß die wichtige volkswirtschaftliche Funktion der Lebensversicherung sich im Bewußtsein der breiten berufstätigen Masten Raum verschafft hat. Wenn wir heute so gern das beliebte Schlagwort von der Amerikanisierung unserer Wirtschaft zu gebrauchen pflegen, so scheint doch diese, heute für weiteste Kreise fast allein noch mögliche Form einer weit voraus schauenden wirtschaftlichen Sicherung noch nicht in ihrer Wichtigkeit voll erkannt zu sein. Sparen ist aus vielfachen.- praktischen und psychologischen Gründen für viele heute unmöglich. Die Abzweigung einer bestimmten .monatlichen oder vierteljährlichen Summe für Prämienzahlung aber ist erfahrungsgemäß selbst bei einem durch die Not der Zeit engeengten Etat keine Unmöglichkeit, denn sie stellt mit den lebenswichtigen Ausgaben jenen Etatsposten dar, der eine gewisse Sicherheit in das unsichere Leben unserer Tage hineinträgt. Die Lebensversicherungs-Gesellschaft Phönix, die die Vertragsgesellschaft unserer Organisation ist, bietet aus Grund ihrer großen und langjähvigen Erfahrungen und als zweitgrößte private Gesellschaft des Kontinents alle erdenklichen Vorteile, die heute dem Versicherungsnehmer zugesagt werden können. Der Empfehlungsvertrag sichert überdes noch so erhebliche Vorteile, daß in einer Phönix-Police wirklich jener Sicherheitsfaktor gefunden fein dürfte, dessen Bedeutung nunmehr wohl nicht mehr ernsthaft streitbar ist. Vielfältig sind die Ausgaben und Pflichten, die in dieser Zeit der Wirtschaftssorgen dem Berufstätigen obliegen. Eine, wenn nicht vielleicht die wichtigste Form, aus der Vergangenheit zu lernen, in der Gegenwart zu arbeiten und für die Zukunft zu sorgen, ist also der Abschluß einer Lebensversicherung. Entgegnung auf den Artikel «Wirtschaftslage und Heiraksmöglichkeik." Ich habe, sehr geehrter Herr E. C. L., Ihre Veröffentlichung im „Israelit" mit großem Interesse und noch größerer Verwunderung gelesen. Man könnte danach meinen, daß die jüdische Frau in der Ehe hauptsächlich Wert auf „seidene Strümpfe, seidene Kleider und die übrigen „seidenen Geschichten" legt. Daß dem nicht so ist, wissen wir alle ganz genau, und ich kenne genügend junge Mädchen und Frauen, die sich mit ihren billigen baumwollenen „Geschichten" begnügen. Kein Mädchen wird dem Mann, besonders aber dem Mann, der sie ohne Mitgift zur Frau nimmt, Schwierigkeiten in der von Ihnen geschilderten. Weise machen. Wiederum könnte man aber auch verstehen, daß ein Mädchen aus wirtschaftlich besser gestellten Kreisen nicht gern ganz proletarisch leben möchte, wenn ihr zukünftiger Mann, wie es ja leider zu oft vorkommt, eine größere Mitgift verlangt. Abgesehen davon müssen wohl die meisten Mädchen unter" ihrem Stand heiraten und tun es auch gern, besonders heute,.wo die Heiratsaussichten so schlecht geworden sind. Vollständig rätselhaft ist mir aber, wie ein Ehepaar selbst bei alleräußerster Anspruchslosigkeit mit 120 Mk. monatlich brutto auskommen kann .Nach meiner Erfahrung muß ich sagen, daß ein Existenzminimum in einer Mittel- oder Großstadt für ein Ehepaar ohne Kinder nud bei orthodoxer Lebensweise nicht unter brutto Mk. 320-^350 zu denken ist, da eine aus 2 Zimmern bestehende Wohnung oder Teilwohnung nicht unter Mk. 80—100 zu haben ist. 1928 waren die Wohnungen übrigens noch teurer. Es könnte sein, daß in der Kleinstadt oder aus dem Lande das Leben, besonders das Wohnen, wesentlich billiger ist, doch hat dies keine allgemeine Bedeutung, weil der größte Teil unserer Glaubensgenossen in den Mittel- und Großstädten wohnt. Sie haben sich die Sache mit der Erwähnung des Existenzminimums sehr leicht gemacht, und ich möchte, daß Sie uns erzählen, wieviel davon auf Wohnung, Verpflegung, Kleidung, Arzt und sonstige Ausgaben (gegebenenfalls auch Entbindung mit den dazu gehörenden Unkosten) entfällt. Es dürfte Ihnen auch nicht unbekannt sein, daß die Kleidung der Frau infolge der Leistungsfähigkeit der Konfektionsindustrie viel, viel billiger ist als die des; Mannes, daß die Frau Sommerkleider unter Mk. 10.— und Winterkleider von ca. Mk. 18.— an kaufen kann, der Mann aber selbst für einen Konsektionsanzug mindestens Mk. 80—100 und noch mehr ausgeben muß. Konfektion kann ein orhtodoxsr Mann aber nicht tragen und ist daher gezwungen, für einen sehr bescheidenen Maßanzug mindestens Mk. 140—150 auszugeben. Die dazu gehörige.Wäsche kostet sehr viel, besonders auch die Instandhaltung derselben in der Großstadt. Wenden Sie nicht ein, daß sich die Frau bei jedem Wechsel her Mode eift neues Kleid kaufen will, wir alle haben längst gelernt, darauf zu verzichten und finden nichts dabei, in altmodischen oder von uns selbst umgearbeiteten Kleidungsstücken herumzulausen, solange diese heil und sauebr sind. Außerdem stellen sich sehr viele Frauen-ihre Kleider aus sehr billigen Stoffen selbst her. Auch tragen wir heute in der Woche keine seidenen Strümpfe, sondern bevorzugen die sogenannten Berufsstrümpfe, die für Mk. 0.75 das Paar zu haben sind. Die jungen Mädchen verstehen alle, sich bis aufs Kleinste einzuschränken, unsere jungen Leute hingegen lassen sich bei der Wahl der Frau von der Höhe der Mi.tgUt wesentlich beeinflussen. Die jungen Leute sollten lernen,, hiervon unabhängig zu wählen und sich glücklich zu schätzen, wenn der Vater des Mädchens zu einer Aussteuer und einer bescheidenen Zwei-Zimmer- Einrichtung verhilft. Frau W. Wirtschaftslage und Heiratsmöglichkeik. Es war mir eine Freude, von vielen Seiten zu sehen, wie meine Ausführungen Veranlassung gegeben haben, darüber nachzudenken und darauf einzugehen. Auf fünf Anfragen war es mir vergönnt, direkt den Weg zu jweisen, wie man auch bei ganz kleinem Einkommen glücklich und zufrieden werden kann; nun will ich auch hier, in aller Oeffentlichkeit, noch einige Worte hinzufügen. Ich behaupte noch einmal, daß Mk. 300.— Einkommen im Monat schon zu den sogenannten gehobenen Gehältern gehört, und nur wenig junge Leute, die im heiratsfähigen Alter stehen, haben solche Stellungen inne. Es ist richtig; mein Gehalt, das zur Zeit unserer Verheiratung Mk. 120.— brutto betrug, ist nicht als Maßstab zu nehmen; ist auch von mir nur als Kuriosum bezeichnet worden; ich gab als Durchschnittseinkommen per Monat Mk. 200.—, 250.— an, und damit läßt sich -bei gegenseitigem Verstehen, bei Liebe, ganz gut zuerst leben; schließlich hat ja jeder junge Mann die Absicht, im Laufe der Jahre in eine gehobenere, größere verantwortungsvollere Position emporzurücken, wodurch sich automatisch dann auch das Einkommenn anpaßt. Auch wenn dem jungen Paare Kinder anvertraut, ist man bei Mk. 200—250— imstande, diese groß zu ziehen: die ersten Jahre brauchen Kinder keine extra Räumlichkeiten, sondern können gut und gerne mit den Eltern schlafen, und bekommen eine Spiekecke in der zuerst ausreichenden Zweizimmerwohnung eingerichtet. Mögen meine Ausführungen dazu beigetragen haben, unsere jüdischen jungen Männer auszusordern, nicht nur die jüdischen Mädchen für voll anzusehen, deren Eltern als wohlhabend, als reich zu bezeichnen sind, sondern auch die weniger bemittelten als ebenbürtig zu halten, dann sind wir auf dem besten Wege, die viel besprochene. Mischehe stark und scharf und erfolgreich zu bekämpfen. Nur wenige Stunden noch trennen uns - von den ernstesten Tagen, da rufe ich allen Säumern, allen denen, die da noch bei Seite stehen, zu, d a h i n z u g e h e n, wo das Herz uns hinzieht, und nicht, wo der größte Geldbeutel klingelt. Kantor Erich Cohn, Leobschütz O.-S. Aus der Bewegung. London. Sonntag wurde im Zentrum der Stadt das Agudaheim im eigenen Hause mit Klub, Synagoge, Talmud-Thora und Ves Jakow-Schule .eröffnet. Das Fest stand unter der Leitung des englischen Generalsekretärs der Aguda Harry Goodman. Eine Reihe angesehener Rabbiner hielten eindrucksvolle Reden. Am Abend fand ein großes Bankett statt. Man darf sich von diesem Agudaheime recht viel für das^ jüdische Leben in London versprechen. Krakau. An der Rayon-Konferenz der Zeire Ag. Israel in Tarnow waren über 40 Delegierte beteiligt. Den Vorsitz führte der Präses der Tarnower Agudajugend. M. Kleinhändler. Nach einem Mitgliederchor folgten die Begrüßungen. Das erste Referat hielt Herr Steuer über die Frage „Wie sanieren wir die Aguda- Bewegung in Galizien?" In diesen Zeiten des Abfalles könne nur eine Vertiefung in die Lehre die Rettung bringen. In kleinen Kreisen möge sich die Jugend mit den Agudaidealen befreunden und unablässig Erziehungsarbeit an sich leisten. — Herr Rosenfeld wünscht, daß die warme Atmosphäre des Beshamidrasch in die Reihen der Aguda hineingetragen wird. Cs folgen Tätigkeitsberichte der einzelnen Führer. Sonntag abend fand eine öffentliche Verammlüng statt, in der der Sekretär der Poale Agudas Iisroel, Herr Orleans im überfüllten Saale sprach. Redner schilderte die traurige Lage der jüdischen Arbeiter und die Apathie, die immer noch in der Orthodoxie Galiziens herrscht. Es sei höchste Zeit, daß die jüdischen Massen erwachen, zur Rettung ihrer schwer bedrohten materiellen und geistigen Besitztümer. — Erst am Montag abend fand die Rayonkonserenz mit einem Bankett im Bes Iakow-Lokal ihren Abschluß. ' Rabka. Vor kurzem fand in Rabka eine Konferenz der Lehrerinnen und Führerinnen der Bnoth Agudas Iisroel statt. Auf der Tagesordnung standen Angelegenheiten der Töchtererziehung und der Ves Jakauw-Literatur.. Nach einem Berichte des Herrn Friedensohn folgte eine lebhafte Debatte, in der auch Programm und Richtlinien für die nächsten Arbeiten festgelegt wurden. Es sprachen Frau Schenierer, Dr. Salomon Birnbaum und I. L. ,O r l e a n. Herr F r i e d e n s o h n versprach noch einen weiteren Ausbau des Bes Iakauw- Iournals und seine Verwandlung von einem Monatsjournal in eine Zweiwochenschrift. In weiteren internen Sitzungen wurden unter Vorsitz von Fr. Landsberg Fragen der Schulliteratur besprochen und geklärt. äobrrn. Der Kobriner Raw, Rabbi Pesach Frunkin, der ein ganzes Jahr hindurch in Amerika für dis .in ihrer Existenz bedrohte Kobriner Jeschiwa tätig war, kehrte mit gutem Ertrag zurück. Er brachte auch zwei amerikanische Jeschiwajünger mit. In der Gemeinde und Jeschiwa wurde dem Rabbiein feierlicher und ehrender Empfang bereitet. Der Lehrbetrieb auf der Jeschiwa wurde wieder in vollem Umfange ausgenommen.