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Der Israelit · 1930-09-19 · Heft 38 (19.9.1930) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
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Seite 26. Nr. 38 Der Israelit 19. September 1930 Jose Christoforo y Garca erschcmderte, nur die zhen Juden brachen unter deren Wucht nicht zusammen. Aufrecht standen sie dort alle zehn-, wie Felsblöcke, die man vom Berge Sinai losgesprengt hat. (Schluß folgt.) Badebrief aus Zohannisbad. Ein Beitrag zur Badephilosophie von Aabius Schach Zum dritten Mal in Johannisbad zur Sommererho lung? Das ist gar nicht modern, das ist Spießerebquemlichkeit! Nun ja, ein wenig konservativ mag es schon sein, daß man die Stätte wieder aufsucht, in der man sich einmal behaglich fühlte. Aber schließlich, ein wenig konservativ ist ja jeder Jude, — vielleicht am konservativsten, wenn er sich einbildet, hypermodern zu sein Wir sind doch ein geschichtliches Element, wir leben in der Geschichte und von der Geschichte, und geschichtlich sein heißt: konservativ fein. In der Beharrlichkeit ruht alle Schönheit und alle Tiefe. Ist nicht die wilde Sehnsucht, immer Neue zu erleben, ein Symptom unserer Großstadtnervosität? Mußten wir die Unrast, der wir entrinnen wollen, mit uns in die Natur tragen? Unsere Väter waren nirgends heimatlos, weil sie ihre innere Heimat überall mit sich nahmen. Die Menschenvon heute finden nirgends Rast, weil sie eine Zerfahrenheit, eine seelische Zerrissenheit mit sich tragen. Die Menschen streben nach neuem, weil ihnen die Harmonie fehlt, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, das alte Große immer von neuem zu erleben. Und schließlich gibt es doch nichts Neues, — wie Rabbi Akiba und vor ihm schon Koheleth behauptete. Wir geben den Dingen höchstens eine neue Form, seihen sie mit einer anderen Blille an, — das ist alles. Das ist eine Philosophie, die nach Shakespeare noch niemandem seine Zahnschmerzen beseitigt hat. Aber wir Juden wissen es aus der Geschichte — sie mildert die Herzschmerzen, setzt uns über das Zeitliche hinweg und führt uns in die Regionen der Ewigkeit. Sie narkotisiert nicht, sondern ruft uns wach. Die Orientalen nennen uns Juden „das Volk des Geistes", die Europäer, weniger höflich, sagen uns nach, „wir leben vom Wind". Aber Wind und Geist haben im Hebräischen dasselbe Wort rvn. Ja, wir konnten Jahrhunderte vom Wind leben, weit der Geist unser Lebenselement ist. Man sollte, wie man den Baedeker mitfürht, auch eine Badephilosophie mrf Reisen mit sich nehmen. Man würde da leichter über Vieles hinwegkommen und vor allem nicht das Leichte für ernst und das Ernste so leicht nehmen. Johannisbad liegt wunderschön mitten ins grüne Riesengebirge eingebettet. Es besitzt herrliche Radiumquellen zur Erfrischung der Nerven und eine schlichtfreundliche Bevölkerung, die noch etwas von der himmlischen Gabe der Naivität hat, zur Herzerfrischung. Die Kurdirektion ist noch nicht militärisch, sie will nicht herrschen, sondern den Kurgästen dienen. Das sind Eigenschaften, die man selten vereinigt beieinander findet. Dazu kommt ein wertvolles Negativum: der Ort ist frei von Luxus und Politik, den beiden Krankheiten unserer Zeit. Es ist, als wenn die Jungfrau Natur diese beiden protzigen Bewerber energisch von sich wiese. Man ist glücklich, der politischen Atmosphäre wenigstens für einige Wochen zu entrinnen und das Wort „als Mensch unter Menschen leben" nicht als Phrase und Ironie zu empfinden. Und auch der schon beinahe komische moderne Luxus, der wie eine Parodie auf unsere Not anmutet, ist eine Pflanze, die hier nicht gedeiht. Für einen, dessen Natursehnsucht größer als fein Geldbeutel ist — und diese Spezies ist heute nicht selten — ist es auch wohltuend, daß die Preise sich hier in mäßigen Grenzen halten. Ich sitze hier in meinem romantischen Waldhäuschen, schaue in die grüne Bergwelt hinein und frage mich, ob es wirklich Kultur ist, daß wir uns künstlich neue Bedürfnisse schaffen, um unser Unglück noch zu steigern? Haben unsere Weisen nicht recht, daß die Genügsamkeit die höchste Quelle alles wahren Reichtums ist? Wenn der Aufenthalt in der Natur auch einen tieferen Zweck hat, so ist es der, innere Einkehr zu halten. Wer um sich sieht, muß auch einmal in sich sehen. Jüdisches Leben? Heute versteht man darunter Versammlungen mit ein- und ausleitender Musik, Konferenzen mit Tee und Torte und schönen Paraden. Das gibt es hier glücklicherweise nicht, — von einem Blumentag mit zionistischen Mägdelein abgesehen. Im Bade geht nicht nur die Liebe, sondern auch das Judentum durch den Magen, und die Verpflegung ist hier ausgezeichnet. Man ist ia im Bade häufig Philister, seine Kultur hat man als Ballast (und aus Anast vor der Zollrevision an der Grenze) zu Hause gelassen. Aber der Philister ist hier erträglicher als in der Stadt, weil er eben in seinem Elemente bleibt und nur von Essen. Schlafen und Baden soricht. Der Banause wird erst gefährlich, wenn er anfängt, über Geist und Kunst mit einer von Sachkenntnis ungetrübten Sicherheit zu urteilen. Man muß auch mit dem Philister verkehren können. Sie bilden den Grundstock unserer Weltordnung. Es wäre eine verrückte Welt, wenn sie von Gelehrten und Künstlern regiert würde. Hie und da findet man auch einen Gelehrten oder gebildeten Laien, mit dem man über jüdische Dinge plaudern kann. Plaudern, bitte, nicht Probleme lösen, das kann man im Bade ebenso w.enig wie in der Stadt. Die Religion kommt hier — nicht gerade zu ihrem Rechte, aber man räumt ihr einen Platz auch außerhalb des Restaurationslebens ein. Freitagabend und Sabbat morgen gibt es einen schlichten, würdigen G'ttesdienst. Im benachbarten Trautenau ersetzt zwar die Orgel längst die Leere des Hauses, aber der Kultusbeamte, der nach Johannisbad herüberkommt, kann ja nicht die Orgel mit nehmen, und so ist der G'ttesdienst, der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe, konservativ und zur Er leichterung der Verdauung bekommen auch solche Kur gäste Maus, die zu Haufe sich nicht danach sehnen. Der Vorbeter freut sich, hier einen vollen- Betsaal zu treffen, während es in Trautenau — eine Gemeinde mit hundert jüdischen Familien! — häufig am Sabbat keinen Min jan gibt. (Die Leute wollen vielleicht nicht „gezählt" sein, weil sie wohl die biblische nvr» fürchten.) Das Judentum im tschechischen Teile der Tschechoslövakei? — Das ist ein trauriges Kapitel. Es stirbt allmählich ab, und alle Reformen können ihm nur einen „schönen Tod" beresten. Es packt einen eine tiefe Trauer, wenn man sieht, was aus dem alten Prag mit seiner gewaltigen Vergangenheit geworden ist. Und mit der fortschreitenden Tschechisierung des Landes wird die Sache noch schlimmer. Nicht als wenn das Judentum mit der deutschen Sprache unzertrennlich vermählt wäre. Aber — jede Losreißung von einer kulturellen Tradition, bedeutet auch eine Schwächung der religiösen Tradition, und ohne Tradition und Pietät ist ein Judentum undenkbar. Helfen könnte hier nur eine gewaltige jüdische Persönlichkeit, aber die großen Persönlichkeiten fehlen uns heute überall. Unsere Zeit nivelliert und läßt keine starken Charaktere aufkommen. Haben wir übrigens in Deutschland heute viel „jüdisches Leben"? Unsere Väter haben jüdisch gelebt, wir reden und philosophieren so viel über das Judentum. „Jüdisch fühlen!" ist heute zum Schlagwort geworden, aber — man fühlt ein körperliches Organ nicht, so lange es gesund ist und normal funktioniert, mit den Schmerzen erst kommt das Fühlen. Sollte es im seelischen Leben anders sein? Das Bad sollte eigentlich doch auch reinigen, und ein Lieblingsbild unserer Propheten ist die Reinigung des Herzens. Wie wäre es, wenn wir aus dem Bade auch tiefere, religiöse Anregungen nach Hause mitbrächten? In der Elul-Stimmung, die doch nicht nur ein Motiv für lyrische Dichter ist, rückt uns die Betrachtung der Innenwelt etwas näher. Die Synthese von G'tt und Natur, Religion und Leben ist ja Ausgangspunkt aller Religionsphilosophie. Lebenserneuerung, Neugeburt, das sind Worte, die man so leicht ausspricht, ohne zu bedenken, wie tief sie in die Seele greifen. Alle Naturschönheit und alles Große in der Außenwelt ist nach jüdischer Weltanschauung nur Relief des großen g'ttlichen Werkes, nur Ausstrahlung der Geisteswelt. Die Schönheit soll uns erheben und nicht erniedrigen, freimachen und nicht fesseln. Die Feierstunden in der Natur sollten uns zum Höchsten, das in uns und über uns lebt, geleiten. Die Rückkehr von der Naturrische in den Elul. — es gibt symbolisch nichts Schöneres. Aus dem täglichen Leben eines Großen. III Der Chatam-Sofer in den Heiligen Tagen. Am Rüstetage zu Roschhaschono fastete Rabbi Mosche Sofer bis gegen Abend. Am ersten Festabend von Roschhaschono betete er tn der großen Schul, wo ihm nach dem G'ttesdienst alle Gemeindemitglieder „ein gutes Jahr" wünschten. Zu Hause warteten seiner die Schüler, die Dajanim und die Gelehrten der Stadt. Er trug ihnen Agada vor und entließ sie mit herzlichen Glückwünschen für. das neue Jahr. Auf der gedeckten Tafel standen alle Kräuterarten, die im Schulchan-Aruch genannt sind. Nach dem Mussafgebete am Roschhaschono sprach er noch den Psalm 81. Am ersten Festtage nach Mincho stieg er mit seinen Schülern den Garten hinan, der sich auf dem Berge hinter seinem Hause befand und von wo man freien Ausblick auf die nahe Donau hatte. Dort sprach er das Taschlich-Gebet. Er sagte nur die vorgeschriebenen Bibelverse ohne die Vor- und Nachgebete. Darauf pflegte er sich, bei gutem Wetter, einige Stunden in Gesellschaft von Gelehrten in seiner Gartenhütte aufzuhalten. Es wurden dabei verschiedene Früchte aufgetragen. Am zweiten Festabend hatte er eine Anzahl neuer Früchte für den i2"nnv-Spruch. Er pflegte beiP Genuß einerneuen Frucht erst und dann me betreffende ro^a zu sagen. Vom ersten Slichaustag bis einschließlich Jomkippur pflegte er in der großen Schul zu beten und sich darin nach den Gebeten noch lange aufzuhalten. Man sagte, daß er in diesen Tagen alle 6 Traktate der Mischna mit Kommentaren auslernte und den ganzen babylonischen und jerusalemitischen Talmud durchging. In den zehn Bußtagen lernte er mit seinen Schülern täglich die Teschuwa-Vorschriften des Maimonides. Das Gebet B>»m 'wns sagte er nicht, sondern verweilte beim Tachanun solange,' bis die Gemeinde mit jenem Gebete fertig war. Am 7. Tischri, der fern. Geburtstag war, lernte er mit Schülern Chumisch zu Ende und beschenkte sie mit Geldmünzen für Leckereien. Im Laufe der Slichaustage ging er auch das ganze Tilimbuch durch. Er schlug „Kaporaus", entsprechend der Lurjanischen Ansicht, am Rüstetag zu Jomkippur vor Morgengrauen. Er sah es aber nicht gern, daß auch Andere bis zu diesem Zeitpunkte warteten, damit die Schochtim nicht-gar zu sehr auf einmal bedrängt werden. Er empfahl, schon nach den Fasten Gedalja damit anzufangen. ~ Er ließ sich am Rüstetage zu Jomkippur von einer ganzen Minjan-Gemeinde gelehrter Männer von seinen Gelübden entbinden. Nach dem Mincho-Gebet am 2"' 215 besuchten ihn die Gelehrten der Stadt, um von ihm den Segen zu empfangen. Nach der letzten Mahlzeit benschte er seine Kinder und Familienangehörigen unter heißen. Tränen. Vor Kol Nidre nahm er noch einmal ein Tauchbad. In der Kol Nidre-Nacht blieb er in der Schul bis die Gemeinde mit dem ersten Buche des Tillim fertig war. Wenn Jomkippur 'auf Sabbat fiel, ließ er nach Kol Nidre das tnv dy>V *v>b? umn sagen. In der Jomkippur-Nacht lernte er zu Hause mit seinen Schülern aus der Awoda des Hohenpriesters bis lange nach Mitternacht. Erst wenn er vom Schlafe überfallen war, verabschiedeten sich die Schüler unter Tränen. Die meisten waren vor Morgengrauen wieder da, um seinen Segen zu empfangen. Er bat sie, ihn in ihre Gebete einzuschließen. Am Jomkippur stand er den ganzen Tag bis Nacht auf den Beinen. Im Greifenalter ließ er sich von dem Gelübde entbinden, für den Fall, daß er von einer Schwäche übermannt werden sollte. Es kam aber nie dazu, daß er von der Befreiung hätte Gebrauch machen müssen. Jedes Jahr wurde ihm vom Vorstand von neuem das Vorbeten von Ne'llah übertragen. Cr hat aber nie von dieser Ehrung Gebrauch gemacht. Gleich nach Jomkippur-Ausgang traf er die ersten Vorbereitungen für die Herrichtung und. Ausgestaltung der Sukkoh. Unbeliebter Rosch-Haschono-Gast. Der „Schweiz. Wochen-Abreiß-Kalender" der Agudas Jisroel hat sich seit einer Reihe von Jahren gut eingelebt und bildet in unzähligen, jüdischen Familien der ganzen Schweiz den liebgewordenen, fast unentbehrlichen Wand- und Büroschmuck. Mikol Melamdai hiskalti — Es braucht nicht gerade ein Melamed zu sein, von dem man Belehrung und Kenntnis empfängt. Auch der Aguda-Kalender sorgt mit und trägt Vieles bei für Thora, Awodo und Gemillus Chesed. Schon Wochen vor seinem Neuerscheinen bestellen und zählen die 'vielen Abnehmer gerne und willig die fünf Franken, um ihn dann desto sicherer als willkommenen Roschbaschono-Gast begrüßen zu können. Sein buntfarbiges Ueberkleidchen mit den kurzen, aber bedeutsam-vielsagenden Worten „L'schono touwo tikoseiwu" ist das Erste, was wir. ihm abnehmen und wir Alle so sehr benötigen. Dann an jedem Sabbat-Ausgang nach Hawdolo machen wir's ihm leichter, so daß beim Jahresschluß nur noch das letzte leere Blatt auf bemaltem massiven Untersatz übrig bleibt. Auch mit guten Rosinen in Gestalt eingeflochtener Postscheck-Formulare ist unser „Allezeitoerkünder" reichlich gespickt, denen man nur einen beliebigen Betrag einzufügen braucht. und „Bederech Zedoko timozei", der Weg des Wohltuns ist schon erreicht. Welche Fülle an Belehrung, besonders altjüdischer Geschichts- Ereignisse lassen sich unserem Kalender entnehmen und so beim bloßen Anblick wieder wachrufen. Ein Luach, so bequem und handlich es ist, muß man erst aus der Westentasche nehmen, dann das große Gebiet der Sabbate, Fest- und Fasttage, Sidros und Haftorous, Jahrzeiten- und Bar Mizwo-Fälligkeit usw. nachschlagen, uchen und blättern. Ganz anders bei unserem Wohen-Wandgebieter. Beim ersten Blick — schon von ferne — leuchten die großen schwarzen und roten Zahlen deutlich vor unseren Augen. Hierzu kommt die schön übersichtliche Halbierung auf jedem Blatte — oben die jüdischen und unten die weltlichen Daten. Hin und wieder, wenn auch selten, sehen wir dabei die kalendarische Merkwürdigkeit, daß oben und unten die gleichen Zahlen stehen und so das jüdische und nichtjüdische Datum varallel laufen. Gerade im laufenden Jahre 1930 hatten wir kurz nacheinander diese Eigentümlichkeit. Die Januartage stimmten genau mit denen unseres Teweth und der März harmonierte ebenso mit unserem Freudenmonat Adar. Seit 1927 fyatten wir nicht solchen Gleichlauf; damals lief der Juni mit Siwan und der Juli mit Tamus parallel. Blatt für Blatt nähert sich unser „Wandgeselle" dem Ende seiner kurzen Erdenwanderung. Mit Jahresschluß ist auch 'eine Uhr abgelaufen und nur der steife Träger, seiner 52 Wochenblätter beraubt, bleibt übrig und mit ihm die beiden großen Kriegs-Waisenhäuser er Aguda oben und die doppelten Kandelaber mit je 14 leuchtenden Kerzen zu beiden Seiten unten. - Lehrer Michael Neuberger in Lengnau (Schweiz). , Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ©. nt. b. H., Frankfurt a. M.— Druck: Hermon-Druckerei» Frankfurt a. M.

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