Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Teullleton. Beilage Dr. 3« 1930 Verfasser: Samuel Hakohen (11. Jahrh.) Selicha mit Uebersetzt von Saul Kaah. , - Erbarmende Engel, ihr himmlische Chöre, O betet für uns, daß Gott uns erhöre. Vielleicht nimmt sich an er. gnädig und schont Des Volks, das in Leid und in Elend wohnt. Vielleicht erbarmt e r' sich unser. Vielleicht erbarmt er sich unser, Des Restes Josefs, des weithin versprengten, Von der Schmach und Verachtung der Welt bedrängten, '' Der verkauft um ein Nichts ward wie WM ohne Wert Und Versöhnung von Gott im Gebete begehrt. Vielleicht erbarmt er sich unser, Der grausam von drückenden Fesseln Umrvund'nen, Mit Schmerzen Vertrauten, in Martern Verbund'nen, ' -; /:l Die erdulden der Wut und des Schimpfes Frohn, Den Völkern ringsum ein Spott sind, ein Hohn. Vielleicht erbarmt er sich unser Und wird auf sein Volk hernieder mild sehen, Die Armen erhören, die demütig stehen ' Geschart zum Gebet und die Augen in Weinen Erhoben zur Gnade des Einzigen-Einen. Vielleicht erbarmt er sich unser. Die Vergebung wir heischen für all unsre Sünden, Bereit alle Zeit, seinen Ruhm zu verkünden, Die zusammengeschlossen von meiner Not Heiß schütten das Herz aus dem Herrn Zebaoth. Vielleicht erbarmt er sich unser, Des Stammes, der zwiefache Strafe empfangen, Den Löwen zerrissen, den Wölfe verschlangen, Der gebüßt seine Schuld und in Todesgefahren Doch nimmer vergaß, Gottes Lehre zu wahren. Vielleicht erbarmt er sich unser, Die wir tief unser Antlitz zur Erde erniedern, Beschimpfungen hören und nicht sie erwidern, Auf den. allein hoffend vertrau'n alle Zeit, Dessen Liebe nicht aufhört in Ewigkeit. Vielleicht erbarmt er sich unser. Wann wird er uns Frieden uNd Tröstung bringen, Den Ruf des Erlösers uns lassen erklingen? Wann heilt er die Wunde, wann sftllter das Leid, Läßt fe iiN Reich erstehen, in Herrlichkeit? - : Erbarmende, Engel;: ihr himnMsche Chöxe,: ''-si:' ynbetet fsir uns, daß Gott uys^erhöre.- U,,! Melleicht. nimmt.sich an er gnädig und schönt. Ms Volks, i-bas iy Üeid und' in "Elend wohnft in Vielleicht erbarmt er f-kch' un ser.*/siu :vii . ' •; -irr- --'il . Schofartöne im Kerker. Von Julius Csermely. (Einzig autorisierte Uebersetzung aus dem Ungarischen von Maurus Mezei in Wien.) - - Rach "der Regierung Ferdinands und> seiner Gemahlin Jsabella gab es in Spanien schon keine Juden mehr. Heimatlos wurden die spanischen Juden gemacht, von den Stätten ihrer Ahnen in die weite Welt vertrieben. Jenen, die ihrem spanischen Vaterlande soviele Gelehrte, soviele Dichter, soviele Staatsmänner und anerkannte Weisen gegeben hatten, d>enen drückte der mit Blindheit geschlagene wilde Haß als Entgelt den Wanderstab in die Hand. ' In Hispanien gab es keine Juden mehr; an Stelle des lebhaften Verkehrs, hatte Grabesstille ihre Zelte aufgeschlagen; Gewerbe, Handel und *) Auf'Wunsch des Uebersetzers ist in dieser Slicho der Name Gott nicht abgekürzt worden; wir bitten daher, das Blatt nicht wegzuwerfen. Red. Produktion waren erstorben, und« wo früher blühende Gärftn .gewesen waren, dehnte, sich jetzt traurig./öiNi gxaues:. Brachfeld..aus. Häß Lebep. stand still, zum Teil war es sogar erstorben, was kümmerte sich aber die kurzsichtige, beschränkte Gehässigkeit darum? Wen es nach Blut und Menschentränen dürstet, der kümmert sich nicht darum, wenn die erfrischenden Quellen versiegen. ,Jn Spanien gab es keine Juden mehr — und doch gab es noch welche, nur lebten sie ein zweifaches Leben. Das eine offen,/ das. andere, das wirkliche, insgeheim. Sie nannten sich Märanen; vor der Welt lebten sie wie Christen, aber innerlich, im Herzen, in der Seele folgten sie dem G'tte Abrahams. * * , . . Es war in Barcelona, vor mehr als drechundert Jahren/ än eitlem Sonntag des! Mö-- nats September. Der'Himmel war nvchMtöatH, die Stadt noch in Schlaf versunken, aber Frömmigkert und G'ttesverehrung. waren schon wach.' Ist/deft Garten, des.stillen Hauses von. Don Ma-'. nuel Butguete huschte vorsichtig hin Und wieder eine Gestalt und verschwand m der Tiefe des Kellereinganges, —- dann noch eine, eine lünfte, eine zehnte Gestalt. '/Md unten ltn zwestest Hefter, in Mer fenster-' losen,'stockfinsteren Höhle, hinter einer mit leeren. Fässern verstellten geheimen schmalen Tür erklang das herzergrefende, traurige Geständnis: „Lecho Hafchem hazdoko wolonu baufches haponim. . . Dein ist die Gerechtigkeit, o Herr, aber unser die zerfleischende Selbstanklage." Zum ersten Slichoth versammelten sich hier in dem scheinabr schlafenden Hause Don Manuels die Maranen Barcelonas in der Stärke eines Minjans. „Und so G'tt will," dachten sie bei sich, „werden wir auch am Rosch-Haschono und am Jom-Kippur hier zusammenkommen, um für das kommend neue Jahr zu beten: koßwenu befepher chajim tauwim .. koßwenu befefer slicho umchilo." . . . Die Frömmigkeit war wach, wach war aber auch der g'ttlose Haß. Don Jose Christoforo y Garcia, die Hyäne und der Tiger der Maronen — ihre Hyäne, weil er sie auch unter der Erde hervor ausgrub, und ihr Tiger, weil es ihn nach deren Blut dürstete. — Don Jose Christoforo y Garcia, der nach monatelangem Spionieren dieses Nest der Maranen entdeckt hatte, gabseinen Leuten ein Zeichen und sie umzingelten das Haus; dann drang er mit einigen Bewaffneten in den Keller ein und stürzte auf die betenden zehn Männer los. Diese waren mit dem, Gebet noch gar nicht fertig, übriarvar noA.daH „machnisst rachmim 'hüchniW/Mchmenu' abetffchon. sah'ey sich dit^zehn' Mäüner sft Heften geMlagem " 5)pti Manüel - BüDWEe ' hättö - 'nu^ chpch. soviel Hst-, AW'Lxst'HAWf/aft.sich zü peh- 'm-en' unki!,unM^'Hemd' zu' veWften/ Wärwn er getan,'!;er'ütüHte,^s' selbst' nicht' ’iifirtj1 WA kMer 'bbn ihnen Wh'x'Men Bosch-hasHosto:$f=, leben; mWlich, daß man schän morgen, deü Scheiterhaufen unter ihnen anzünden wird. Er konnte also selbst keinen Grund hierfür angeben, warum er den Schofar zu sich genommen hat; vielleicht hat er auf eine Eingebung GTtes gehört und das.' Horn deshalb an feiner/Brust versteckt. „Das war ein guter Fang," rühmte sich Don Jofe y Garcia vor dem Oberhäupte d>er Inquisition, Don Pedro Romanvnes Alvarega! „Ich habe sie alle aus ihrem Nest hervorgeholt; nicht ein einziger konnte entfliehen ... alle sind sie hier." „Du hast brav gehandelt, Garcia. Zur Belohnung will sich die Gefangenen Eir anvertrauen. Zu den WaDposten habe ich schon kein Vertrauen mehr; entweder es gibt auch unter diesen solch.' g'ttlose Maranen, oder sie lassen sich bestechen und fliehen zusammen mit ihnen mit dem Judasgelde, das sie bekommen. Dich werden deine Gefangenen nicht bestechen'können." „Wahrlich nicht, mein Herr," bekräftigte Don Garcia. „Ich laste alle zehn in eine gemeinsame Zelle sperren, ich selbst aber lasse mir das anschließende Zimmer als Wohnstätte einrichten. Wann tritt das heilige Gericht zusammen?" „Uebermorgen, Dienstag, um 1 Uhr Mittag." Zwei Tage später standen alle zehn Maranen vor Don Pedro und und seinen Richtern. Und nicht ein einziger von den Gefangenen leugnete oder gebrauchte irgendwelche Ausflüchte; alle zehn erklärten fest, daß sie Juden seien und den jüdischen G'tt anbeten. Das einstimmige Urteil war das übliche: Tod auf dem Scheiterhaufen für alle zehn Üut'en, als letzten für den Hauptsünder, Don Manuel Burguete. „Wenn es auch unserem G'tte so beliebt, dann werden wir sterben," sprachen die Angeklagten gleichsam aus einem Mnude. „Gelobt sei Er, der ewig einzige, gerechte Richter."; „Was heißt, wenn es Eurem G'tte so beliebt?" schrie sie Don Pedro, der> Vorsitzende, an. Er war ein unnatürlich dicker, kleiner Mensch mit einem kurzen Hals; bei der geringsten Aufregung stieg ihm das dicke Blut ins Gesicht. „Was heißt, wenn es eurem G'tte so beliebt?!" fuhr er die zehn Juden wütend an und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Was heißt, wenn es eurem G'tte so, beliebt?!" tobte er auch schon zum drittenmal. „Ihr werdet sterben, weil es mir so beliebt!" „Das Leben gehört unserem G'tt, auch der Tod gehört unserem G'tt," entgegnete der Hauptan'geklagte, Don Manuel. „Nun, wir werden ja sehen, wem euer Leben gehört, wir werden sehen, wem euer Tob gehört," schrie, donnerte der Vorsitzende. „Ich fordere euren G'tt heraus, ihr Juden; er soll zeigen, was er vermag. Wann habet ihr euren Feiertag, dieses Neujahr?" „Am kommenden Montag Und Dienstag," war die Antwort. „Und nicht wahr, dann schlägt G'tt — eurem Glauben nach — das Buch des Lebens und das Buch des Todes auf. Und der Name eines jeden Menschen, sei er nun ein Säugling oder ein Greis, wird entweder in das eine oder in das andere Buch eingetragen ... Ist es fo, ihr Juden? Sprechet!" „So ist es," sagten voll festen Glaubens alle zehn. „Und es fleht natürlich ein jeder Jude zu G'tt, daß er seinen Namen in das Buch des Lebens eintrage?" „Jawohl, sie stehen darum, denn das Leben ist ein großer Schatz, ein wertvolles Geschenk." ... Die Augen Don Pedry^ blickten bei jedem Wort irWyer hämischer, immer wollüstiger. Und salbungsvoll setzte er fort: . f /Ich hafte ein Pecht, ihr Heiden,.unter, euch auch sch'o.h, .heute Nachmittag den Scheiterhaufen ü'nZuzünden. Ich warte aber damit bis nach euren Feiertagen. Um euch. Zeit zu lqssen (hier machte er zynisch eine Pause./eine sehr lange Pause), um euch Gelegenheit zu geben, ihr Juden,, zu eurem G'tt ums Leben zu flehen." Don Pedro hatte erwartet, daß feinen Worten Verzweistungsausbrüche und ein Jammergiefchrei folgen werden. Aber gerah^ das Gegenteil war 'ber Fall. .. „Jawohl," sagte Don Atanuel trotzig, erhobenen Hauptes, „wir. werden ums Leben beten. Nur in unseres G'ttes Hand ist Tod und Leben!" - „Sachte, sachte," setzte der Vorsitzende des Gerichtes hämisch fort. „Euer Leben mag vielleicht in G'ttes Hanid liegey, aber euer Tod, der liegt wahrlich in meiner Hand. Nun, ich fordere euren G'tt, ihr Juden, heraus. Ich habe euer aller Namen in das Buch des Todes, geschrieben ... so möge er, euer G'tt, es deyn versuchen, sie in das Buch des Lebens einzutragen! Wir werden ja sehen, wessen Beschluß gelten wird: der meine oder der seine?'.' ' Es waren das schreckliche Worte, es erschauderten davor alle seine Mitrichter und auch Don