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Der Israelit · 1930-09-11 · Heft 37 (11.9.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 37 (11.9.1930)
Date
1930-09-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14. Nr. 37 Der Israelit 11. September 1930 un-d Regen, aus den Häusern üppiger Wohlhabenheit und aus dem „Tempel der drei Trauernden" in eine geschloffene Meßbude und — in ein allen sabbatgestimmten Menschen weit geöffnetes Beamtenstübchen verkrochen . . . -tz- An meinem Geburtstag. Zweihundert Kilometer von meinem Wohnort, fünf Kilometer von meiner Heimat entfernt, stehe ich an meinem Geburtstage mit meinem Sohne auf einer Bergeshalde, die sich mit breitem Rücken in eine fruchtbare Ebene hineinschiebt. Eichenwaldungen bedecken die Hänge, den Fuß umsäumt ein Hain von Obstbäumen. Ein lockerer Kiesboden, durch den der Regen überall tiefe Rinnen gezogen hat, matt braune und graue und grüne Streifen zwischen bii'e Baumreihen. Auf htlber Höhe zieht sich im Walde ein Wall um einen Teil des Berges, die „Schwedenschanze", in der im „Dreißigjährigen Krieg" die Bevölkerung Schutz vor den Schweden gesucht hat. Die Krönung bildet eine sanft ansteigende Ebene, ein sogenanntes „Feld". Der Aufstieg war mühsam; denn der Weg ist steil und durch die schweren Holzfuhrwerke mit tiefen Furchen durchhöhlt. Er führte in der Nähe eines Felsenkellers vorbei, wohin heute — es ist Pfingsten — die Klänge einer Musikkapelle die ländliche Bevölkerung gelockt haben. Unser Ziel war dieser Ort nicht. Das Feld war unser Ziel. Hier herrscht feierliche Abendstille. Der Blick wandert von da weit hinaus auf die mit üppigem Pflanzenwuchs gesegnete Ebene bis zu den Bergkuppen de-r Rhön im Westen und den scharf gezeichneten Kegeln der beiden Gleichen im Nordosten. Aber er bleibt nicht auf den Wohnstätten der Menschen dort unten haften, nicht aus den landschaftlichen Reizen, die sie umgeben; mit unwiderstehlicher Gewalt fesselt ihn ein Bild tiefften Friedens in nächster Nähe. Denn das weite Feld ist — das „Haus des Lebens", das „ F e l d der Toten ". Ein schier unübersehbares Viereck inmitten des Waldes auf stolzer Bergeshöh, fast ausgefüllt von langen Gräberreihen, die sich rechts und links voni Hauptwege bis zum Walde hinziehen. Bis zum Wald und in den Wald! Denn keine Mauer und kein Zutun haben ihn gehindert, die älteren Teile des ehrwürdigen Friedhofes zu überwuchern. Da und dort schauen größere oder kleinere Teile eines Grabsteins aus dem filzigen Gras und Moos zwischen dichtem Gebüsch empor und erinnern daran, daß unter und zwischen chnen fronnne Männer und Frauen ruhen, deren Geschlechter längst dahingegangen sind und die kein Nachkomme mehr besucht. So ziehen sie denn liebevoll die Denkmäler, die ihren Zweck erfüllt haben, zu sich in die Erde hinab, und sanft und ehrerbietig deckt die Natur ihren Teppich über das, was einst gewesen, um einst zu sein. Hier stehe ich trauernd an den Gräbern derer, die mir die größten Wohltäter waren in meinem Leben, und meine Gedanken durchwandern Reihen von Jahrzehnten, — von Glück durchglänzt, solang die Augen jener Teuren darauf geruht, vom Schmerzlichsten durchbrochen, seitdem ihre hellen Sterne erloschen, — indessen sich das hehre Bild dieses weihevollen Ortes der Seele meines Sohnes einprägt und in ihr das ungesprochene Gelübde keinem läßt, nach seinem Vater Pfleger und Heger dieser teuren Stätten zu werden. Kein Blumenschmuck ziert diesen Ort. Er würde ihn verunzieren! Denn ein unvergleichlich größerer Schmuck als der, den gärtnerische Kunst erzeugen kann, ist über ihn gebreitet. Mit seltener Prachr gießt die Sonne ihre Lichter über diese Stätte, zwischen die Reihen gleichmäßiger und bescheidener Steine hindurch, hier Helle Streifen, dort tiefe Schatten erzeugend, urth je nach der Höhe der Stelle, je nach ihrer Entfernung vom Walde leuchtet der Glanz feuriger oder gedämpfter, zeichnen sich die Schatten lockerer oder verschwiegener, indem sie malen, was das Leben gebiert: Morgen und Abend, Freude und Leid, Entstehen und Vergehen. Ein leiser Hauch zieht über das Ganze und bewegt die Blätter an den Büschen und die Gräser auf den Gräbern, und feine Vogelstimmen lispeln dazwischen. Fliegen und Falter schwirren dahin und statten ihre Besuche lab, all den Plätzen, wo Menschen ruhen seit Tagen und Jahren und Jahrhunderten. Sie machen keinen, Unterschied gleich der Sonne, die bald von dieser, bald von 'jener Stelle ihre goldenen Strahlen sendet, und gleich dem Winde, dler liebevoll all diese Ruheorte streichelt und den Toten von den Gefühlen der Güte erzählt, die nie sterben. Es wird Abend. Die Vöglein zwitschern wehmutsvoll und gehen schlafen. Ein köstlicher, fast betäubender Duft steigt aus den Gründen empor. Wir müssen scheiden.- Der Abstieg ist fast noch schwieriger als der Anstieg. Wir müssen vorsichtig aus den Weg achten. In der Nähe des Felsen keller s werden unsere Gedanken unsanftin die Gegenwart zurückgeführt. Zank und Streit und Jammer haben die Weisen der Kapelle unterbrochen, und wir empfinden jäh den Gegensatz zwischen der heiligen Stille dort oben und der unheiligen Stimmung hier unten. Noch einen kurzen Aufenthalt nehmenwir in einem gastfreundlichen Hause des Dörfchens am Fuße des Berges. Hier hat früher eine stattliche Gemeinde bestanden, die gleich vielen anderen leider niedergegangen ist. Dann wandern wir d'urch duftende Felder und Wiesen zwischen mannshohen Halmen undl leuchtenden Blütensternen dahin, still, sinnend, tief denkräftigen Pflanzenduft einatmend und oft zurückschauend nach dem breiten Bergrücken, dessen Bild sich in unsere Seelen gesenkt hat als Sinnbild der Unvergänglichkeit hehrer Gefühle. Im Schlafe mischen sich dann Zeiten und Farben und Erfahrungen und Gedanken und Befürchtungen und Hoffnungen zu einer Empfindung, die sich gleich einer Decke über das Auge breitet, das niemals weiter blicken wird, als die Maschen tiefes Gewebes zulassen. Bald weicht die kurze Nacht einem hellen Sommermorgen, und das Leben beginnt von neuem. H. E. Aus dem täglichen Leben eines Großen. II. Wie Chatam Sofer lehrte und lernte. Die Lernmethode des Rabbi Mosche Sofer war immer auf das Praktische gerichtet und auf die volle Klärung der Halacha. Zu Beginn des Schiur auf der Jeschiwa pflegte er die Mischnah als Grundlage der Sugja mehrmals zu wiederholen, unter Betonung jedes Wortes, als hätte er die Stelle noch nie im Leben gelernt. Ein gleiches tat er, wenn er zu Hause für sich lernte oder in großer Versammlung vorlernte. Er wandte dabei den Bibelsatz an: i'mivn nrn wv-m „Jeden morgen grüßt uns die Thora von neuem". Das Semester pflegte er mit einer agadischen Abhandlung und Mussar-Worten einzuleiten, darin er die Jünger zu guter Sitte, zu Demut und Wahrhaftigkeit gemahnte. Der Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag auf der Preßburger Jeschiwa unter dein Namen „Peticha" erhalten. Je vor dein Schiur trug er eine Biertelftunde aus rna^n mam vor, wobei er keine Bemerkung, nicht einmal Vorrede und Einleitung ausließ. Ein anderes Muffarbuch benutzte er nicht, aber er empfahl den Schülern, in Freistunden „Menorath Hamaor" zu lernen. Er selber lernte mit seinen Töchtern aus diesem alten Buche der Agada und Moral. Nach dem Vortrage aus marnn niain sagte einer der Schüler das Lernkaddisch, nach dem Hauptschiur sprach er stets selber das Kaddischgebet. Er lehrte aus der Jeschiwa einen ganzen Traktat fortlaufend, ohne Abschweifungen nach anderen r-vrnvv Der gründliche Schiur () erstreckte sich auf dreimal in der Woche. Am Mittwoch wiederholten die Schüler das Pensum und am Donnerstag vormittag war die Wochenprüfung. Beim Vortragen des Schiur durften die besseren Schüler mitreden und Diskussionen über das Gehörte in Gang setzen. Er ließ es auch bei öffentlichen Sugjavorträgen im Beshamidrafch zu. Er sah peinlich darauf, daß die Schüler das Lehrpensum mehrmals wiederholten, auch er selbst wiederholte das Gelernte viermal im Tage! Beim Lernen strahlte seinem Gesichte eine Freude aus, die sich auf den ganzen Kreis übertrug. Zu Haufe mußte er aber nach dem Schiur die Wäsche wechseln, da er durch die Anstrengung und Anspannung ganz in Schweiß gebadet war. I Er pflegte seinen Schülern zu sagen: „Ich, der Lehrer, darf auf der Suche nach der Wahrheit auch einmal etwas Unwesentliches und Nebensächliches sagen, Ihr aber habt Euch die Lehre gesiebt und geläutert einguprägen." Am Sonntag, Montag und Dienstag lernte er in der Dämmerstunde zwischen Mincho und Maariw mit den Jeschiwajüngern „Tur Schulchan-Aruch" und „Jore-Dea" mit „Schach". Den Mittwoch, an dem kein Schiur stattfand, benutzte er, um die Thoraerrungenschaften der Woche niederzuschreiben. Er hatte alles Wesentliche ausgezeichnet. Dringende halachische Fragen beantwortete er sofort, ließ sich aber nie dazu bewegen, ein zweitesmal auf die Fragen einzugehen, wenn sich der Fragende nicht zufrieden gab. In den Briefen, die er erhielt, blieben die Einleitungen mit den Titulierungen ungelesen. Er gründete Lerngruppen in seiner Gemeinde sowohl für die Thorakundigen wie für die Unwissenden. Ebenso errichtete er Vereine zur Unterstützung von Thoragelehrten und Jeschiwajüngern. Am Mittwoch und Donnerstag nahm er den ganzen Wochenabschnitt durch mit Raschi und dem Kommentar des Nachmanides. Er bezeugte von sich, daß er von seinem zehnten Lebensjahre an keine vier Ellen ohne Thoragedanken gegangen sei und daß seitdem kein Tag in seinem Leben verging, ohne min 'vn'n zu produzieren. Auch in seinen täglichen, profanen Gesprächen kamen die Worte aus seinem Munde wie gezählt und gewogen, wie blinkende Perlen. , (Die jüdisch-medizinischen Handschriften aus dem Mittelalter im Vatikan.) Rabbiner Markus Vorhand aus Nitra, der bekanntlich längere Zeit Studien in der vatikanischen Bibliothek betrieb, um die medizinischen Handschriften der mittelalterlichen Juden zu erforschen, machte dem JTA-Vertreter interessante Angaben über seine Forschungsarbeiten. Vorhand begann seine Studien im Vatikan im Jahre 1925 und erhielt von dem damaligen Kardinalsekretär Gaspari die Bewilligung, die Handschristensammlung der vatikanischen Bibliothek zu benützen. Unter diesen Handschriften fand er über 500 Manuskripte hebräischer Aerzte aus dem Mittelalter, von denen er die wertvollsten Seite für Seite photographieren ließ, da eine Bearbeitung in der Bibliothek selbst oder eine Entfernung aus derselben unmöglich war. Die Handschriften, die für das hohe Niveau der jüdischen Heilkunde des Mittelalters sprechen und interessante Zusammenhänge zwischen Ritus, Medizin und Hygiene aufdecken, zerfallen in drei Gruppen, in denen die Heilkräuter im Allgemeinen, ihr Wesen und schließlich Anwendung und Namen der aus ihnen herzustellenden Medikamente behandelt werden. Bei vielen Manuskripten besteht über die Autorschaft Unklarheit, und es ist bereits erwiesen, daß es sich in manchen Fällen um Kompilationen verschiedener Urheber und um Sammlungen aus der Praxis und Erfahrung der medizinischen Behandlung bei den mittelalterlichen Juden handelt. Man findet Abhandlungen über Kopf- und Brusterkrankungen, Harn-, Fieber- und Geschlechtskrankheiten. Manche Therapien haben viel Aehnlichkeit mit modernen Behandlungsmethoden; so erinnert eine der Methoden zur Fieberbehandlung an die moderne Prießnitz-Methode. Rabbiner Vorhand wird demnächst wieder nach Rom reisen, um die Vorarbeiten abzuschließen. Er will das Material ins Deutsche übertragen. Familiennachrichten. B a r m i z w v h : Albert-Abraham, Sohn des Herrn Eduard Schloß Hamburg 13, Johnsallee 60 am 13. September 1930 x-on -»a nae> Jakob, Sohn des Kaufmanns David Goldberger, Nürnberg, Josephsplatz 20 v'282 'a- Gestorben: Dr. phrl. Abraham Schapira, Frankfurt a. M., Herderstr. 8 am 4. 9. 30. 57 Jahre alt. Briefkasten. .>.>dlcr in St. Dollar 3.77 eingegangen und für Abonnement, welches jetzt bis zum 31. 3. 1931 bezahlt ist, verbucht. L». W. Ml', in M. und Andere. Wir müssen darauf Hinweisen, daß Reiseberichte, die nur schildern, wie man gefahren ist und wie gut man da und dort gegessen hat, keinen Anspruch auf Veröffentlichung haben. Die Rersefchilderungen, auf die Sie sich berufen, haben künstlerisches Niveau und nichts mit Reklame zu tun. Solche gehört in den Inseratenteil. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowttz, Frankfurt a. SR.; Inserate i. B.: S- Schachno Witz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer ß, Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). - Verlag des Israelit und Hermon Gm. b. H., Frankfurt a. SR. — Druck: germon=®ruderet, Frankfurt a. SR.

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