Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1930)
- Date
- 1930-09-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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wST Der jsraelit 'AiV Im «ruhigen Hafen". K'leine Erlebnisse auf großer Tour. Meine Sommerferien münideten ineine kleinere Stadt mit großem Hafen ein, in der ich einige Tage stet Rauch und Regen verbringen mußte.- Das Fenster meines Weinen, guten Hotels führte zur Hafenstraße. Imei Uhr nachts ratterten und klingelten n o ch die elektrischen Trambahnen, vier Uhr morgens ratterten und klingelten sie s ch o n. In der Zwischenzeit rollten Lastkraftwagen, schrieen Autohupen, heulten Schiffssirenen wie am jüngsten Tag. Betrunkene Matrosen''.sangen, riesen und» rauften. So ging es die gaüze Nacht hindurch. - Morgens sieht die Straße rauchig und staubig aus. Endlos lange Häuserfronten aus rotgrauem Backstein, weder altinteressant, noch in der geraden Linie'der neuen Sachlichkeit. Es konnten'ebensogut Kasernen, Fabrikgebäude, Lagerräume oder Mietshäuser fein. Dazwischen eine ragende rote Kirche mit vielen Türmen und einer gotischen Domspitze. Aus hohen Schloten jagen Rauchfahnen zum grauen Himmel. Brandgeruch vermischt sich mit dem Duste frischer Fische. Die Menschen auf der Straße tragen wie die Häuser und alle Einrichtungen das Gepräge der harten Arbeit im Gesichte. Wohin man geht, gelangt man an Wasser, das irgendwie mit dem Hafen verbunden ist, wie dieser selbst mit der großen See. Hoch! über das Gewässer wölben sich Brücken mit gewaltig verzücktem Betongeländer. Im Hafen surrts und summts und raufchts und hämmerts, als wäre eine ganze Division von Heinzelmännchen losgelassen, um rasche Arbeit zu vollziehen. Kräne heben und senken sich, erfassen Zentnerlast, als wäre sie ein Spielball, werfen sie federndhinauf und hinunter, Dampfer rauchen und fauchen, Motore rauschen und rattern,, Sirenen tuten und Menschen schreien sich Befehle zu, die man nicht hören kann. Auf der weit ins Wasser hinausgebauten Werft ist ein Arbeiten und- Hämmern, als sollte die Welt aus ihren Angeln gehoben werden. Kranke Schiffsleiber sind auf hohen Operationsstuhl, geschraubt. Fast verschwindet der Mensch und ist erdrückt von der Schwere des Materials. Kleine Boote bewegen sich, mit und ohne Segeln, wie die zitblichen Muscheln. Alles rännt, rauscht, schreit, hämmert, wie im Chorus einer großen Lärmsymsthome. Das ist der „stille Hafens. Von allen menschlichen RedesiSarten, die lügen, scheint mir die vom „stillen, ruhigen Hafen" die allerverlogenste ... * * * In der Hafenstadt ist gerade Messe, eine Budenmesse mit Juxplatz, wie man sie auch anderswo kennt. Hier strahlt sie vom Marktplatze aus in alle engen Gassen rechts und links, weit und breit. Ueberall werden Karuffels gebaut und orientalische Cafes laden zu einem Täßchen ein, „schwarz wie der Teufel, heiß wie die Hölle und süß — wie Allah im Paradies". Achter- und Rutschbahnen hängen halbfertig in der Luft wie Galgenbäume, und Bude reiht sich an Bude, Zelt an Zelt, mit allen- Artikeln des täglichen Bedarfesdes bunten Flitters und der billigen Leckerei. - Es ist Freitag nachmittag. Auf einer halbfertigen Bude aus Zelttuch bleibt Mein Blick haften. Hinter feinem Warenlager sitzt ein schlanker- Mann, den fchwarzen Filzhut auf dem Kopf, das knorrige, knochige Gesicht ist schwarzgrau bebörtet und um die Ohren hängen schämig versteckte Seitenlöckchen. Vom graum-eihen Zeltdach hebt sich das Gesicht doppelt asketisch ab... Auf dem Tisch, auf dem fein buntes Zeug ausgebreitet ist, liegt ein Buch und er sitzt davor auf einem Koffer. Der Oberkörper schaukelt in rhythmischen Bewegungen, als säße er auf einer Karusfel. Ein A,uge ist geschlossen, das andere an;hie Blätter des Buches geheftet. »h „Frieden über Euch, Rebb Jüd!" rufe ich ihm in die Bude hinein. >r Zuerst keine Antwort, dann führt er den Zeigefinger an den Mund, schlägt mit Hilfe des nassen Fingers lein Blatt um, deutet bis zu einem Satz, steht auf undreicht mir die Hand. „Ueber Euch der Friede! ..." „Wo seid Ihr her?" „Wo soll ein Jüd her fein? Stamms aus der Gegend bei Krakau und wohne in Leipzig. Habe auch schon einmal in Frankfurt gewohnt, in Antwerpen auch. In Berlin? Selbstverständlich, : in der Grenadierstraße . . . Jetzt wohne ich in-Leipzig und fahre mit meiner Ware auf die Messen." „Und wie geht das Geschäft?" „Gelobt sei der Name des Herrn," sagt er hebräisch. „Bei dem Regen,.bei d e r Kälte! .. Der erste Mensch, den ich seit Wochen dem Herrn danken höre für Regen und Kälte. Er hat nämlich Wollwaren und wollenes Unterzeug feil ... „Sie haben da eine -interessante Lektüre?" Lektüre? Er kennt diese Ware nicht. Er gehe nur den Woche n a b s ch n i) t t, zweimal Text unb einmal Targum, durch. Es sei ja heute noch kein Verkaufstag. „Guten Sabbat!" „Guten Sabbat, gutes Jahr!" * Die Hafenstadt hat eine jüdische Gemeinde von etwa hundertzw-anzig Mitgliedern, die in d-er Meistzahl recht wohlhabende Leute sind. Die Reedereien sind gute Brotgeber. Mit Ausnahme eines älteren Herrn, der -immer schon, bevor er noch in den „ruhigen Hafen" eingezogen ist, streng den Sabbat hielt, kennt keiner -inder Gemeinde die Sabbatruhe. Viele sind auch schon über Roschhafchonoh, manche auch über Jom- Kippur hinaus. Die Synagoge ist geräumig und im Innern hübsch und stimmungsvoll ausgestattet. Aber die Betgemeinde am Freitag abend fetzt sich zusammen aus einem zugereisten verkrüppelten Wanderarmen, drei Messegästen, (der Leipziger Wollhändler ist natürlich dabei), drei Einheimischen, die mit schwärzümbordeten Talith anzeigen, daß sie Jcrhrzeit oder „Trauer" hierhergeführt, meiner Person und den zwei Kultusbeamten, .der Gemeinde. Wäre der arme Ääst nicht zugereist, wäre ich nicht durch eine Verkettung merkwürdig ger Umstände hier haften geblieben, wäre heute keine Budenmesse in der Stadt, hätten die drei „Eingeborenen" nicht die Trauer im Herzen, ja, wäre nur eine dieser Zufälligkeiten nicht eingetroffen, der öffentliche G'ttesdienst hätte nicht stattgefund-en. Vorsichtshalber erkundige ich mich vor Beginn des G'ttesdienftes bei einem der einheimischen Trauergäste in der Synagoge, ob hier vielleicht eine Orgel oder Harmonium sei. „Rein," wehrt er entschieden undmit Ueberzeugung ab, „so fromm sind wir hier nicht . . ." Am Sabbat Morgen ist der G'ttesdienst nicht viel trostvoller. Der Herr Lehrer, ein älterer, würdiger Herr m-it aalglattem Gesicht und einem Kragenschoner von Gebetmantel um die Achseln, hält nach Einheben der Thorarolle eine kurze Ansprache. In einem guten, korrekt eingeternten Buchdeutsch mahnt er, von einem Texte der Schrift ausgehend, zum f l e i ß i g e r e n S y - n a g o g e n b e f u ch. Die heiligen Feste stehen ja vor der Türe. Wem gelten die Mahnungen? Der Nr. 37 1939 Krüppel, die Meßgäste und ich sehen uns unwillkürlich an. Es' chirkt grotesk. Ms dem PropherenMchtlit-te ' hätte man vorhe^' gelesen: „Eine Stimme ruft in die Wüste! ..." ' * Und in dieser geistigen grauen- Ode ein Lichtpunkt, eine kleine Oase. Der Mann auf verlorenem Posten, der hier eid heiliges Amt ausübt und mit Hilfe ferner vortrefflichen Gattin Reisenden für. geringes Gold einen guten sauberen Tisch deckt, dieser Mann von chafsiöischiem Feuer und heiligen heimatlichen Erinnerungen, zieht schon am Donnerstag seinen Sabbatrock an, läßt am hell-ichten Tage alle Lichter m seiner bescheidenen Behausung brennen und wandelt sämtliche Rosenblatt-Pl-atten auf seinem Grammophon ab, ctll'es aus Freude über das Sabbatgefchent, das ihm m-it einem jüdischenHJuden von einer' gütigen Vorsehung Äs . Haus geschickt wurde Am Freitag abend ist heiliger Sabbat in diesem kleinen engen Beamtenhäuschen. Auch der kranke Wanderarme, -der wie ein blinder Passagier durch die 'Welt geworfen wird, hat an dieser Sabbattafel seinen Platz. Und mir gegenüber hat der Wollhäsidlek aus Leipzig em flammendes Gesicht. Er hat die Wolle und das Unterzeug samt Bude und Messe vergessen und hängt mit verzückten Augen an einem Sohar- Gebet vor dem Kiddufch. Der Hausherr singt und tanzt und klatscht in die Hände vor Freude, da er seinem „tapferen Weibe" das Sabbatlied weiht. Neben den elektrischen Birnen brennen sechs Stearinkerzen auf dem weißgedeckten Tische, und d-as kleine Häuschen ist ganz itr Licht gehüllt. Zwei Kinder sind auch da, die -fragen, lachen und singen und prächtige Einfälle haben. Mich interessiert am meisten das lichtumflosfene knochige Gesicht des Messekrämers aus Leipzig, mit den verzückten, halbgefchlosienen Augen. Er hatte sich die Woche über — unöi alle Wochen — schwer geplagt, und nun hat er hier seine Bude aufgestellt. Was wird sie bringen? Freitag, eine Stunde vor Nacht, lief ein Ozeandampfer in den Hafen ein und setzte achthundert Mann Besatzung an Land. Andere Schiffe kamen aus Südamerika, aus Afrika. Die Stadt wimmelt von Matrosen mit gefülltem Geldbeutel. Die Werft wird Samstag mittag taufende von Arbeitern mit guter Wochenlöhnung in die Stadt schicken. Sie alle werden sich auf dem Markt, auf der Messe herumtummeln, von Bude zu Bude gehen. sind Geld§, vsel Mlä ausgeben. Viele Matrosen müssen fchost Montag früh wieder für Wochen und Monate an-«Bord und werden »sich mit neuem Unterzeug allsstatten. Was schert das alles ihn, den Wollhändler aus Leipzilg? .Ex. hat fstnen Gqbbyt, er hat seinen Sohar, er hat - seinen; Kiddusch. Er hat Bude samt Markt und »Messe gänzlich vergessen.' Ob er total verrückt sei?, fragte ihn der Mesfeinspekt-or, als er eine Stunde vor Nacht seine Bude schloß. „Jo, so ein bissel meschugge sein mir schon immer gewesen", gab er zur Antwort und ging. Die hundertzwanzig Großka-ufleute, Industriellen, Agenten, Schiffsmakler der Stadt, die nur gelegentlich von tiefer Trauer in den „Tempel" geführt wurden, sind die „Verstandesklaren". Aber im heiligen Sohar steht es anders . . . Arme, arme Menschen, die den Sabbat'nicht kennen! . Der Hausherr singt östliche Smirothweisen. der Gast gibt Erklärungen zum ThoraabschnÄt, der Leipziger Messekrämer trägt den „Nigun des Rebben" vor, der Wanderarme gibt Schnurren, Anekdoten und Erlebnisse auf langen Reisen zum Besten, und das kleine Häuschen strahlt im Sabbatglanze. Der Sabbat hatte sich in dieser rotgrauen Stadt d-er harten, atemlosen Arbeit, bei Rauch