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Der Israelit · 1930-09-04 · Heft 36 (4.9.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 36 (4.9.1930)
Date
1930-09-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ich lache. And dennoch: Line Lllulbetrachtung. Von Heinrich Wstädter. HL' .Es hat;doch viel!^für sich/'baß h-eutzutagejeöer, der es nur irgendwie ermöglichen kann, sich alljährlich ein paar freie Wochen gönnt. Ob er nur eine Kur braucht und dazu in einen Badeplatz fährt, ob er eine Sommerfrische aufsucht oder eine Wanderung unternimmt, — gleichgültig! Jedenfalls kommt er fö einmal in eine andere Umgebung, zu anderen Menschen und — was die Hauptsache ist — auf andere Gedanken. Leute, die miteinander gespeist, am Kaffeetifch beisammen gesessen oder sich beim Spazierengehen angesprochen haben, finden aneinander Gefallen. Schnell sind-Bekanntschaften geschlossen, viel rascher als sonst in der Heimat,, das Zufällige und Fremdartige l regt an, stimmt heiter, die Zwanglosigkeit macht den Geist frei-, und so ergeben sich Unterhaltungen, die zuweilen die gewohnten Geleise verlassen, Und wenn sie trotzdem nicht zu Entgleisungen führen, weil sie von bewährten Und gefestigten Menschen gesteuert werden, dann entstehen manchmal daraus Werte, die auch über die wenigen Wochen des Beisammenseins hinaus ihre Geltung behalten. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, wie sie der Zufall an dem Kurort zusammengesührt hat, macht heute einen Ausflug nach dem Dirshorn, einem erloschenen Vulkane. Von vielen gleichgültigen Dingen wirdunterwegs gesprochen. Der schmale Pfad nötigt die Gesellschaft, sich -in kleine Trupps aufzülösen, und erst, als man das Ziel erreicht hat und sich alles um den Rand des Kraters sammelt, kommt eine Vereinigung der Teilnehmer zustande. Es ist August. Zwar sind die Tage noch sommerlich warm, aber die kurze Dämmerung hat schon ein herbstliches Gepräge. Ueber den Tälern, die sich wie gerade Linien zwischen den Waldungen hinziehen, liegen graue Dünste. Der kleine See zwischen den Tannen zeigt eine -schwarzgrüne Färbung und erzeugt eine Vorahnung der finsteren Nacht hier in dieser Einsamkeit. Kein Gehöft ist in der Nähe. Kein Laut dringt zu unserem Ohr. Nur ein kühler Luftzug, der sierv hier oben weht, läßt manchmal die Aeste leise erzittörn. ' "" ' " Und vor uns eine Mulde zwischen grauem Geröll, der K r a t e r. Die Dämmerung läßt uns nicht mehr bis auf seinen Grund schauen, den daher unsere Phantasie viel tiefer verlegt, als er in Wirklichkeit ist. Kein Wort wird laut; alle stehen da in schweigendem Sinnen. Die Damen ziehenfröstelnd die-Mäntel-und'-Shawlsufrertfyre. dünnen Sommerkleider, und. als ein 'Steich'-vön meinem Füße angMößen, ast-idie' rbllt, dch läßtf eine- Frau, indem1 fieWnen!! Schritt 'züWsweicht eineü halblauten Schreckesisrus ertönen!' „Hüh!"!? 'M.Mtzß ich lackt auflächM? D'ie Dache,-eine lustige'/ kömperamen^yolle Rhemlanderm,' ' schaut mich mit entrüsteter Miene an: „Natürlich, Sie müssen lachen und unsere herrliche Gmselstimmung stören. Ich habe mir gerade vvrgestellt, wie das war', , als einst sich, dieser Schlund öffnete und glühende Ströme sich nach allen Seiten ergössen, als'die 'Bäume, hie damals hier am Rande fchnden, Me Fackeln emporlohten und ein grausigschöner Springbrunnen feurigflüssiger Erzmassen bis zum Himmel emporstieg?' ' „Wer gibt Ihnen die Versicherung, daß dies sich nicht eines Tages plötzlich wiederhöl-t?" erwiderte darauf ein Fabrikant. „Meinen Sie vielleicht, das Erdinnere habe sich inzwischen abgekühlt? Die vielen warmen Quellen, die hier in der Nähe entspringen, überzeugen Sie jeden Tag davon, daß Sie aus einer glühenden Kugel mit feuerflüssigem Kern stehen und nicht wissen, wie dick die Rinde an dem Orte ist, an dem Sie sich gerade befinden." >er Jsraelit Ü!</ ßr. rö \m Eine andere Dame tritt näher. . „Sie machen einem wirklich Furcht. Man ist doch so in der Tat in jedem Augenblick den größten Gefahren ausgesetzt. Man bedenke, ein wie unsicherer Aufenthaltsort unsre Erde ist! Was läßt sich eigentlich dagegen tun?" „Man müßte Panzerplatten um die Erde legen lassen oder mit einem Raketenflugzeug nach einem anderen Planeten fliegen. -Würden Sie, Frau S., mit von der Partie sein?" „Ja," antwortete die Rhemländerin, „und Ihnen unterwegs' die Augen auskratzen, wenn Sie alles ins Lächerliche ziehen wollen. Jetzt aber antworten Sie einmal ernsthaft auf die Frage, ob man in der Tat seines Lebens froh werden kann, wenn man an solche Dinge denkt." „Ich meine doch," sage ich daraus ernster. „Mer Sie müssen mir schon gestatten, mit einem Gleichnis aufzuwarten. Sie werden uns — leider — in einigen Tagen .verlassen und zwar mit der Eisenbahn, obwohl in < der letzten Zeit so viele Unglücksfälle vorgekommen sind. Werden Sie keine Angst haben?" . „Eigentlich nicht," versetzte Frau S. „Ich vertraue im allgemeinen auf die Betriebssicherheit unserer Bahnen und die Pflichttreue der Beamten?' „Und Sie haben recht. Wenn Sie auch den einen Blick von dem begnadeten Manne zum Abschied zu erhäschen. Auf dem Bahnhof befand sich gerade ein ganz hoher Beamter' aus dem Innenministerium tri Petersburg, eine bekannte Persönlichkeit und ein Machtfaktor im politischen Leben. Der hohe Beamte staunte, über die große Menschenansammlung und erkundigte sich, wem diese Abschiedsfeier gelte. Man sagte ihm, ein jüdischer Fürst des Geistes, der Kownoer Raw, fei da, er fahre gerade weg und alle seien gekommen, um ihn zu ehren. Man wies dabei auf den Greis, der im Wartesaal erster Klasse, umringt vonden Verehrern, dastand. Wie gebannt war der hohe Regierungsbeamte von der ragenden, bartumwallten Gestalt des Rabbi. Und wie er ihm näher ins Gesicht schaute,'erkannte er ihn bald. /Es war ja der merkwürdige ehrwürdige Rabbh der schon wiederholt im Innenministerium in Petersburg vorsprach und auch bei ihm in Angelegenheiten seiner Gemeinde und seines Volkes vorstellig war. Er reichte dem Rabbi die Hand und begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Die Männer der Ehrendeputation wichen respektvoll ein wenig zurück. Der Kownoer Raw konnte kein Wort Russisch sprechen. Bei Interventionen bei der hohen Obrigkeit pflegte fein Sohn und späterer Nach- Zugführer nickst kennen, dürfen Sie ihm wohllfolger, Rabbi Hirfchel, sein Dolmetsch zu sein vertrauen, ebenso den Stationsbeamten, Weichenstellern ufw. Obwohl gar viele Personen und vielerlei Umstände in Betracht kommen, was die Sicherheit gewiß nicht -erhöht, ist eine Aengstlichkei-t nicht' am Platze. Und Sie selbst werden alles tun, was Ihnen möglich ist, um Unannehmlichkeiten und Gefahren vorzubeugen. Sie kaufen eine Fahrkarte, geben Ihr Gepäck richtig auf, lehnen sich nicht wider die Wagentür, kurz — Sie tun Ihre Pflicht?' „Und nun?" Und nun? Die Weltenlenkung steht einem einzigen Wesen zu, einem Wesen, das alles weiß, nie irrt, nie fehlt. Dem können wir doch gewiß vertrauen! Also bleibt nur —" „Daß auch wir unsre Pflicht und Schuldigkeit t u n, " fährt' mein Nachbar fort. """;; Eine Pause tritt ein. Manches Kinn-senkt sich auf die Brust. Und während wir uns wieder dem Abstieg zuwenden, fragt ein Herr: „Wann ist eigentlich Rausch Haschonoh?" Dercheneral und seiuLebensretter. : Um das Haupt des; Ga-on an -der Schwelle unseres Jahrhunderts, Rabbi I izch o-k E kch ott on ä u-s 'Ko wn ö,?wind^ lsich ein üppiger Lchendenkränz. Eswurde schon ^ü seinen Lebdamit begönnen und nach-seinem Tode haben; LiO-e '»Md Verehrung nöch Manche herrliche Blume - hineingeflochten. Die Generation, die den Rabbi mit dem großen jüdischen Herzen noch persönlich kannte, und gar. diejenigen, die, wie Schreiber dieses, noch das Glück hatten, als ganz junge, werdende Menschen sich in semem Antlitze zu sonnen, können die Nachwirkung der vondiesem Manne ausgehenden, eine ganze jfi* bische Epoche beherrschenden Zaubergewalt^wohl verstehen.; - - Folgende/Geschichte gehört aber nicht in den Kranz der üppig und wild wachsenden Legendenranken, sond ern ist eine/ wahre und beglaubigte Begebenheit. Rabbi Jizchok Elchonon begab sich eines Tages in wichtigen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaftnach 1t l n a. Wie immer bei der Ankunft des Großen, wurde ihm im „litauischen Jerusalem" ein feierlicher Empfang bereitet. Die Stadt legte Festesschmuck an. Bei seiner Abreise war ganz Wilna auf dem Bahnhof. Die Menschen überboten sich mit Freundlichkeiten- und Dienstfertigkeiten, und jeder suchte noch ein Wort, Nun hielt er die Hand des hohen Beamten fest und ließ sie nicht los. Die beiden Männer sahen sich stumm und voller Zuneigung ins Gesicht, verständigten sich nur mit Gesten und Mienen. Aber der Rabbi ließ des Russen Hand immer noch nicht.' locker. Als der hohe Beamte endlich die Hand frei hatte, war der Zug nach Petersburg abgefahren. Der nächste ging erst am..folgenden Tage. Der Russe war außer sich vor Äerger und Aufregung, zeigte es aber zunächst nicht. Als aber der Gegenzug mit dem Rabbi abgefahren war und sich die Mengte zerstreut hatte, machte er seiner Wut Luft? Man sollte mit Juden nie was anfangen,- schimpfte er. Wichtige Regierungsgeschäfte warteten seiner in der Hauptstadt, und da hielt ihn ein Judenrabbi auf, daß er einen ganzen Tag verlor. Es war für ihn eine wahre Katastrophe, und er erging sich in Ausfällen gegen die.Juden und ihre umständlichen Rabbis. Abends lief in Wilna eine Depesche ein, daß der mittags abgegangene Petersburger Zug bei Dünaburg e i n e n Z u s a m m e n st o ß e r l i tt e n hatte, wobei es Tote und Verwundete gab. Später kam heraus, daß die Attentäter, die das Unglück herbeigeführt, es auf den B e a mten abgesehen hatten, den sie in diesem Zuge glaubten. . . Der Regierungsbeamte sah nun im Geiste das gütige Auge, mit dem ihn der Kownoer Rabbi anschaute, und spürte noch seinen Händedruck. Die schwache Greisenhand war zu einer eisernen Klammer geworden und sie ließ den Russen nicht eher los, als bis der Unglückszug abgefa-hren war. Wenn bei späteren Anlässen- Rabbi Jizchok Elchonon nach Petersburg kam, pflegte ihn der vielmögende Beamte im Innenministerium mit den Worten zu begrüßen: „Mein Lebensretter!" Aus dem Reiche der See und Sonne. III. Auf See nach Helgoland. Wenn man sich eine Zeitlang da oben zwischen Strand und Hafen aufhätt, lernt man zu vielem anderen auch ein neues Deutsch, so hart, platt (plastisch) und bildhaft, daß man es bald liebgewinnt. Die neuen Worte haben etwas vom starken salzigen Geruch des Meeres. Das Schiff fährt nicht einfach ab, sondern macht klar und sticht ins Meer. Es wird bei der Ankunft nicht ausgeladen, sondern gelöscht. Hat das Schiff Schlagfeite nach Backbord (was ist das?) dann tut man gut, sich m der Nähe der Reeling zu halten. Eine

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