Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1930)
- Date
- 1930-08-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Nr. 35 Der Israelit 28. August 1930 den Buhne steht ein dünner Jüngling in Schülermütze | Glied in das treibende Rad des Alls einreiht. Ich pflegte und angelt. Ein Idyll, ein Stilleben bei rauschenden Wellen. Dann aber, so gegen elfe, rauscht eine Welle des Lebens heran, ist der Menschenhaufen am Nordstrand beisammen, wälzt sich im Sande, tanzt mit den Wellen; die Zigeunerlager in der Sonne vor den Wagenkabinen sind aufgeschlagen. JnÜianergeheul wetteifert mit den Wogen, Bälle rollen durch die Luft und den Sand und in die Brillengläser kurzsichtiger Zeit- und Badegenossen. Dann ist der Zeitpunkt da, der Dich auch hier verschwinden heißt. Du gehst durch den Kurgarten zu deinem Warmbade oder, wenn Lust und Notwendigkeit vorhanden, an stille Arbeit-bis zur Mittagstafel. Am Nachmittag. Am Nachmittag holen die Menschen alles, was sie am Vormittag an Toiletten versäumt haben so gründlich nach, wie man am Mittag des neunten Aw die morgenausgelassenen Segenssprüche nachträgt . . . Der Strand ist ein Korso mit großer Modefchau. Aus den Strandcafes gröhlt das Saxophon und lärmt das Schlagzeug. Wilde Jazzbandwogen und blonde Dauerwellen, und die See zieht sich, etwas belustigt, langsam und majestätisch zurück . . . Man geht dann besser in den Kurgarten, wo eine Kapelle gute Musik macht, bequeme Klubsessel zum beschaulichen Ausruhen einladen und ein Lesesaal mit feinem vornehmen Schweigen die von den Wogen benommenen Sinne wie in sanften Ruhekissen einbettet Die Regale bieten erlesene Zeitungslektüre, es ist ein zweites Städtedenkmal in Papier. Da liegt die „Frankfurter" neben dem „Lokalanzeiger", Ullstein ruht neben Scherl und Hugenberg, „Der Stahlhelm" und die „C. V.- Zeitung" teilen oft das gleiche Fach. Extreme Blätter fehlen. Ein schöner Alleenweg, der durch die Baumlücken den Blick auf den weißen Dünensand frei läßt, führt zur Napoleonschanze hinunter. Woher dieser Platz seinen heroischen Namen bezieht, wann und für wen der große Korse hier eine Schanze geschlagen hat, ist mir nicht bekannt. Heute bewegt sich auf dem Platz ein Kleinkinderkarussell und an einer winzigen Schaukel taumeln die Kleinen, indes die Großen auf der Veranda ihren Kaffee schlürfen. Daneben bewegen sich aber die Flügel einer Windmühle im Winde. Keine Windmühle etwa wie der Spindel in Großmutters guter Stube, zu Schmuck und Zier, sondern eine richtige Mühle, in der Roggen oder Weizen vom Winde gemahlen wird. Wenn dort auf der See bei günstigem Winde die Segel aufgezogen werden und die Fischerboote ausfahren, beginnt auch hier der Riesenkäser seine Schwingen zu bewegen. Im Rundraum drinnen sind die dickbauchigen Säcke hochaufgestapelt und wir steigen die halsbrecherische Holztreppe hinauf, wo der Geselle mit Bolzen und Schrauben diesen primitivsten Apparat zur Gewinnung von Brotmehl bedient. Und draußen wartet Müllers Esel; beladen mit Sack und Pack, ganz wie es im Märchenbuche geschrieben steht. Ich habe Kinder gesehen, auf die dieses lebende Windmühlenbild mehr Eindruck machte, als die Nordsee mit dem wilden Spiele ihrer Wellen Im Busche davor hatte ich oft Gelegenheit, Kinder beim Spiele zu belauschen, Kinder der Heime und des Golde-Kreises. Wie hier Kinder verschiedenen Alters und aus verschiedenem Milieu mit f e st e r Hand geleitet und behütet werden, ohne daß sie den Zwang einer in offiziellen Heimen unvermeidlichen Hausordnung zu spüren bekommen, mußte ich immer bewundern. Lust, Licht, Lied und Liebe schaffen den Kleinen eine Zauberwelt, in der es keinen Raum für Heimweh oder derartiges gibt ... Nacht. Abends sind die Stimmen der Menschen am Strande gedämpft. Das dunkle wilde Element ist allüberwältigend. Zu Paaren und in Scharen wandeln die Menschen, auf dem Steinparkett, angeregt, gut aufgelegt, vom Winde angeweht, gehemmt oder angetrieben, mit fliegenden Gewändern und fest sitzenden Mützen, hinauf und hinunter. Von der Landseite her schimmert der bunte Flitter der, wie es scheint, noch leeren Cafes und Tanzdielen auf den kleinen Anhöhen. In der nach dem Meere geöffneten Halle singt ein fahrendes Bajazzopaar bei Laute und Zupfgeige und vorgehaltenem Sammelteller italienische Romanzen (oder ist es ostfriesisches Platt? Man versteht die Worte nicht.) Alles Singen und Klingen, Rauschen und Reden wird von dem gewaltig monotonen Sange der hochgehenden Wellen restlos verschlungen. Am westlichen Himmel hängt ein voller, runder, blanker Mond und spiegelt sich in gleicher Größe und Helligkeit unten im kristallblauen Wasser. Weit im Horizonte, wo es nach England gehen soll, schwimmen über dem großen Wasser große und kleine pechschwarze Wolkenrisse, die sich suchen und finden und dann von roten Streifen umrandet sind. Blitze leuchten plötzlich in geringer Höhe über dem Meere auf, als wollten sie den Himmel spalten. Weit in Meeresferne blinken verlorene Lichter, leuchten auf, verlöschen, bewegen sich, winken und blinken. Sind es Schiffe, Leuchttürme, die diesen den Weg zeigen oder kleine Inseln? Vielleicht auch Irrlichter, die Menschen samt Schiffen ins Verderben locken? Menschen von schwacher Nervenkraft sollen abends dem Strande fern bleiben, sagt man. Ich fand etwas . „ . , , -- _,_, liebte aber nicht, ungemein Beruhigendes in der gigantischen Symphonie' -diese Neigung der Oeffentlichkeit zu zeigen. der nächtlichen Flut. Menschliche Kleinheit verliert ihre Bedeutungslosigkeit, wenn sie angesichts des Gewaltigen als solche erkannt wird und sich dann willig als winziges nach solchen abendlichen Spaziergängen ein Psalmwort in mein Nachtgebet einzuflechten: „Ich sehe Deine Himmel, Deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die Du errichtet und frage: Was ist der Mensch . . . Allein, Du hast ihn um ein Weniges nur hinter G'tt gestellt und mit Ehre und Pracht hast Du ihn gekrönt . —tz. Aus dem täglichen Lehen eines Großen. Dik^ Preß bürg er Jugend gruppe der Agudas Jisroel schenkte der jüdischen Welt ein prächtiges Büchlein, das die Bräuche und Lebensgewohnheiten des Chatam Sofer in kurzen Aphorismen regi-- striert. (Zusammengestellt von Rabbi Josua Löb Schill.) Der Ellul-Monat erscheint uns als geeignete Zeit, einiges aus diesem ethischen Perlenkranze wiederzugeben. Morgens stand Rabbi Mosche Sofer stets um vier Uhr auf, sowohl an Wochentagen wie am Sabbat, obwohl er erst nach Mitternacht zu Bette ging. Im Sommer verrichtete er sein Morgengebet um Uhr, im Winter gleich mit Morgengrauen. Er tat so auch am Sabbat. Er betete stets in seinem Lehrhause mit seinen Jüngern. An Tagen, da er den Vorsitz im Besdin führte, verrichtete er das Mincho- und Maariw-Gebet in der Besdin-Stube. An Festabenden besuchte er zu Ehren der Gemeinde die große Schul. Er ging morgens in fein Lehrhaus angetan in Talis und Tefillin, mit einer Eile und Behendigkeit, die Bewunderung erregte. Sowohl morgens wie abends gab er vor dem Gebete Spenden für die geheime Büchse linon |nn), getreu dem Satze i'» ntriK pnxn»ut „Ich erscheine mit Wohltun vor Deinem Angesichte." An der Gebetsordnung, wie er sie im Lehrhause vorfand, traf er keinerlei Aenderungen Er betete aus dem Gebetbuch des A r i, aber in der Hauptsache nach aschkenasischem Ritus. Für sich beobachtete er einige sepharidifche Gebräuche; wenn er aber am Vorbeterpulte stand, bestrebte er sich, nicht einmal in einer Melodie von der bestehenden Tradition abzuweichen. Er dehnte das Gebet lange aus, und die Teilnehmer waren durch ihn stets zu tiefer Andacht und zu Tränen hingerissen. Täglich sagte er nach dem Morgengebete drei Psalmen, sodann noch die Psalmen 37, 121 und 144, zuletzt das Jehi Rozaun Nach dem Morgeng'ttesdienste lernte er, noch in Talis und Tefillin, ein Stück aus „Tur Orach Chajim" und „Mögen Awrohom", an besonderen Tagen Teile, die den Ablaß betrafen. Dieser Schiur fiel aus am Freitag morgen und an Tagen, in denen er als Mohel bei einer Beschneidung wirkte. Während dieses Morgenlernens brachte man ihm eine Taffe Kaffee, den er, ohne die Tefillin abzulegen, trank. In seinem Lehrpulte war stets eine gefüllte Wasserflasche, daraus er je vor einem Gebet oder Segensspruch die Hände wusch. Nach dem Morgenschiur streifte er die ersten Tefillin ab «nd legte die des Rabbenu Tam an, worauf er noch einige Gebete verrichtete. Nach Vollendung dieser Gebete begab er sich nach Hause zum Frühstück, auf das er großes Gewicht legte. Nach dem Frühstück verbrachte er zwei Stunden mit der Vorbereitung für den Hauptschiur in der Jeschiwa, worauf er sich in das Lehrhaus begab. Nach dem Schiur wurde ihm in seinem Studierzimmer in der Wohnung die Post vorgelegt, die täglich einen Stoß von religiösen Anfragen aus aller Welt brachte. Während er die Briefe las und sich die Antworten überlegte, wurde ihm in seinem Zimmer das Mittagessen aüfgetragen. Am Tische der Familie aß er nur am Sabbat. Er las auch während des Essens, und als er nach Tisch sich zu einem kurzen Mittagsschläfchen begab, waren zumeist die Antworten und Entscheidungen in seinem Kopfe schon klar formuliert. Er aß nur leicht verdauliche Speisen. Oft stellte er eine Speise zurück, weil sie ihm besonders schmeckte. Wenn er sich aufs Sofa zur Mittagsruhe begab, rahm er zumeist den Thorakommentar des Rabbi Pinchas Hurwitz (Baal Haflo) zur Hand und las darin bis ihm die Augen zufielen. Nach dem —cktagsschlaf beantwortete er alle dringenden Ansraaen eigenhändig. Andere Briefe fanden ihre Erledigung Mittwoch und Donnerstag, an den Tagen, an denen die Jeschiwa keine höhere Anspannung erforderte. In der Dämmerstunde zwischen Mincho und Maariw lehrte er wieder auf der Jeschiwa. Die Türe seines Hauses stand zu jeder Zeit für Jedermann offen, mit Ausnahme der Stunden, da er mit einen Jüngern lernte. Als aber diese einmal einem Petenten in solcher Stunde den Einlaß verwehrten, erteilte er ihnen einen Verweis. „Es war vielleicht," sagte er, „ein dringender Fall, der rasche Hilfe erforderte." Er suchte die Einsamkeit, Er ging stets mit gesenktem Haupte und sah darauf. Jedermann mit dem Gruße zuvorzutommen. Vor älteren Leuten stand er auf, auch wenn er sie nicht kannte. Er achtete peinlichst darauf, keinen Dienst von einem Thoragelehrten anzunehmen. In einer fremden Stadt stattete er stets dem Ortsrabbiner und den ortsansässigen Gelehrten seinen Besuch ab, erkundigte sich dabei, ob nicht in der Stadt etwas in Sachen der Jüdischkeit zu bessern sei. Niemals kam ein Fluch oder eiu böses Wort über seine Lippen. Er verwies auch diejenigen, die aus religiösem. Eifer Flüche ausstießen. Gold und Gut achtete er wenig, insbesondere wenn es galt, sich damit ewige Werte zu erkaufen. Er führte sein Amt mit großer Strenge, aber fern von.jeder Spur persönlichen Ehrgeizes. Er nahm nie Honorar für Din-Thora und Lehrtätigkeit an. Dagegen erhielt er aus seiner Tasche viele Thoragelehrte und unterstützte benachbarte notleidende Rabbiner, ohne daß es an den Tag kommen durfte. Er liebte es, die religiösen Gebote mit Schönheit zu umgeben. Er gab ein Vermögen aus, die selbstgeschriebene Thorarolle seines Lehrers, Rabbi Nathan Adler, zu erwerben, außerdem ließ er für sich ein Sefer schreiben, das er mit kostbarem Zubehör versah. Er sagte einmal einem Schüler, daß er die Mitternachtsstunde noch nie in seinem Leben schlafend verbracht hätte. In seinen jungen Jahren ging er schon nach Sonnenuntergang ins Bett und stand vor Mitternacht auf, um zu lernen, im späteren Alter aber ging er immer erst nach Mitternacht zu Bett. Er pflegte angezogen zu schlafen. Er zog nur die Schuhe und das Halstuch aus und verwechselte der» Oberrock mit einem Schlafrock. In der Nacht zu Freitag pflegte er im Lehrhause mit den Jeschiwajüngern „Tikkun Chazoth" abzuhalten und dabei bitterlich über Jerusalems' Zerstörung zu weinen. (Fortsetzung folgt.; (Wichtige archäologische. Entdeckungen in Palästina.) Die von Professor Albright geführte gemeinsame Expedition des Tenia-Seminärs und der Amerikanischen Schule für Archäologie, hat in Tel-Beit-Mirsin, 13 Meilen von Hebron entfernt, wo einmal die Stadt Kirjath Sepher gestanden hat, wichtige Gegenstände ausgegraben, die biblische Angaben über verschiedene Ereignisse beglaubigen. An diesen Funden läßt sich die kulturelle Entwicklung Palästinas von 2000 bis 586 Jahren vor der üblichen Zeitrechnung verfolgen. Prof. Albright erklärt, er habe Spuren aus der Zeit, da Abraham aus Canaan auszog, bis zur Zeit der Eroberung dieses Landes durch die Juden und dann weiter bis zur Zeit, da Nebuchadnezar Kiryat Sepher dem Boden gleichmachte, gefunden. Der Führer der jüdischen Arbeiterpartei Palästinas und bekannte Archäologe Jsaac Ben Zwi hat in einem verödeten Dorf in Ober-Galiläa die Ruine eines jüdischen Hospizes ausgegraben. Die Türbalken enthalten hebräische Inschriften, aus denen zu entnehmen ist, daß das Hospiz noch in der talmudischen Epoche erbaut wurde. Das Hebräische enthält einen starken Einschlag von Aramäisch. Das Gästehaus stammt wahrscheinlich aus der Zeit des dritten bis sechsten Jahrhunderts nach Christi. Aus katholischen archäologischen Kreisen wird mitgeteilt: Durch die neuesten Grabungen des römischen Bibelinstituts in Transjordanien bei Tell Gasful, etwa 6 Kilometer nordöstlich vom Toten Meer am Wady el Jorfeh, soll nun die Stätte des geschichtlichen Sodom festgestellt worden sein. Es wurden an dieser Stelle zahlreiche Häuser, die Reste von Oefen, Kornspeichern und Mühlen zusammen mit menschlichen Ueberresten freigelegt, daneben eine große Menge von Messern, Pfeilen, Tonscherben, Halsketten, Alabasterkugeln usw. Weitere Grabungen wurden dann nach dem Norden und Süden auf einem Gebiet von etwa 600 Metern vorgenommen, und im Süden wurde ein Gebiet von etwa 1500 Quadratmetern durchforscht, in dem die Fundamente von Steinmauern zutage traten. Infolgedessen ist man zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Stätten von Sodom und Gomorrah im Norden des Toten Meeres lagen, nicht im Tale Siddim am Südende des Toten Meeres, wie man früher angenommen. Wochenkalender. p. 30. August bis 6. September 1080 / v. 6. — 13. Elul 8890 Samstag § 30 6 Sonntag c 31 7 Montag 73 1 8 Dienstag 2 9 Mittwoch 3 10 Donnerstag (!) 4 11 Freitag ■8 5 12 Samstag 6 13 CPBBW rowr’3 Aamiliennachrichken. Barmizmo: Iösef, Sohn der Frau Samuel Bamberger, Thüringerstr. 23. Synagoge Friedberger-Anlage. a'tHJiv 'a. — Jakob, Sohn des Herrn Bernard Tannenbaum, Frankfurt a. M., Röderbergweg 40. Synagoge Börneplatz. b>bbw nvio. 30. August 1930. _ Arno, Sohn des Herrn Victor Rhein, Zürich, Vrandschenke- Straße 20. km b -d ptl. ~ V erlobte: Selma Steinhof, Bad Segeberg mit Bemat Berkovits, Tasolya.