Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1930)
- Date
- 1930-08-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeuilleton Beilage Dr. 35 iw WC® r Die Schachpartie. Von H. Kaköerman. Aus dem Englischen v. Ar. ZZernhard Kirschöerg-Zchrader. Die .Geschichte, die ich -erzähle/ ist vollkommen wahr und kann erhärtet werden durch Familiendokumente, welche sich im Besitz des Adelsgeschl-echtes Rodriguez-Menides, der Nachfahren eines Mainzer Rabbiners, befinden. - , . Von. 1157—1197, lebte in Mainz ein gerühmter Rabbiner, der wegen seiner großen Kenntnisse Und feiner Frömmigkeit nicht nur von den jüdischen Gemeinden'seiner Heimat hoch,verehrt' wurde, sondern auch, von Juden, die in fernen Ländern lebten. Es waren viele Legenden über die vornehme Denkweise und die große Gelehrsamkeit dieses Mannes.,gerbreitet, Md noch heute wirduer von manchen jüdischen Theologen als Auitorrtät zitiert. Dieser gelehrte Rabbiner zeichnete sich, außer durch Frömmigkeit und Bildung noch durch meisterhaftes Schachspiel aus, sodaß sogar der Fürstbischof von Mainz, ein großer Verehrer dieses Spieles, ihn häufig zu einer Schachpartie einlud. . [=;•• Der Rabbiner war noch jung. Er hatte viele Kinder, von denen ein sechsjähriger Knabe fein Liebling war. Schon in frühester Kindheit hatte der Junge eine ganz b>esondere Entwicklung, gezeigt.. Stundenlang saß er neben dem Vater beim Schachspiel, verfolgte aufmerksam den Verlauf der Partie und erriet nicht selten den Zug, den der Vater zu machen beabsichtigte. Eine ganz besondere Freude empfand der Knabe, wenn sein Vater als Belohnung für gutes Betragen mit ihm eine Vartie spielte. Eines Tages verschwand das Kind spurlos. Die Kunde verbreitete.sich mit Blitzesschnelle und versetzte die jüdische Gemeinde in ungeheure Erregung. Es tauchten allerlei Gerüchte und- Vermutungen auf. Aber alle Bemühungen der erschütterten Eltern und einflußreichen Persönlichkeiten, selbst des Fürstbischofs, das Kind zü finden/waren vergeblich. Es vergingen viele Jahre. Das Rätsel., über das gesieiMnisvolle Verschwind^ des JupMN war nM^sntnier nicht.gelöst/ *5,; Sesi'Hm Tage> an-d>em der Mabbiner..fein Kiüd verM/änderte er/feirre LMnswHe. Hxzög. sich voch den 'Äü.^weÄ/zurE'.'-^irÄ^„ÜW^ rEmbA^ von'seineMLeid ab^üsenken^.Ashst. nicht Ne''DrdhuNgeü Äs Fürstdischöfs, der Hn als Partner beim Schachspiel sehr vermißte.' Seit jenem Tage rührte er keine Figur mehr an. Man. hörte MitiAter, wie er vor sich hinsprach: „Ich fühle und bin überzeugt, daß mein Jung? teßt., aber M'- AMewißheit'' über sein "Schicksal' lötet, mich. " Ein anderes Mal rief er in tiefstem Schmerz cmst- „Welchen Ruhm hätte er uns hMgen können! Durch Hn? wäre meM' Geschlecht unsterblichgeworden." Seine Gedanken waren Immerbei dem verschwundenen Knaben. "Die Zeit verstrich, doch'-die.lairoen> Äahke.'W duldeten Leides brachten feinem , Kummer'AM. Linderung. Alle seine/Söhne und Töchter hatten sich'verheiratet. Er.hM derMs ENkesiiNde^ aus seinem Schoß und. liebkoste sie, aber stets bachtö er dabei' an seinen verschwundenen LieblmgSk daß Papst GretzörvE-MaiM W besuchen gedenke. Aus'diese KMde/ versammelten sich die Häupter^dtz'ß MWert^MimeÄM und beschlossen, . — 't* ..-V üütex Führung ihres hochverehrten. Rabbiners Mm.Papste' mit einem Gesuch um Äushebung einiger Beschränkungen vorstellig zu werden. Als der große Tag gekommen war, legten der Vorstand der jüdischen Gemeinde und der Rabbiner Festgewänder an, und sie traten vor den Papst. - Im Gegensatz zu seinen Vorgängern empfing er sie mit betontem Wohlwollen und unterhielt sich mit dem Rabbiner eingehend über einige Dogmen des jüdischen G'ttesdienstes, von denen er kein klares Bild hatte. . Doch kaum hatte sich der Papst mit geneigten Worten bei dem Rabbiner nach! dessen Gesundheit und dem Wohlergehen seiner Familie erkundigt, entfärbte sich das Antlitz des Greises unter einem Anfall von Schwindel und Schwäche. Per,,Papst ließ ihm einen Sessel reichen. . ».; „Haben Sie häufig solche Anfälle?." fragte der Papst noch zärtlicher . „Sind . Me krank.?" " .„Nein, Eure Heiligkeit, zum,.,ersM.Mche durchlebe ich ein solches Gefühl und vermag es nicht einmal der Verehrung zuzufchreiben, die mir Eure Person emfloßt. Aber etwas in Ihrem Gesicht, noch mehr in Ihrer Stimme, berührt in nur eine Wp^de, die mir vor.. prelssn. Achtens Ü.wtze'"SchmeMn bereifethatte." Der Rabbiner hielt inne und versank in tiefes Sinnen. Als er sich wieder erholt hatte, sprach er vor sich hin: „Welche Gesichte, welche Illusionen!" Die Deputation erhielt die Zusage des Pap- .stes, ihre Wünsche wohlwollend zu prüfen, und wurde gnädig entlassen. Darauf fragte der Papst den Fürstbischof, welches Leid den Rabbiner quäle. Er habe bemerkt, daß der Greis ein Leid-werberge, und absichtlich vermieden, durch unmittelbares Befragen seinen Schmerz zu. vermehren. „Die Juden,7 erwiderte der Fürstbischof, „sind ^ein exklusives Volk. Sie verfügen über eine ungeheure Kraft, Leiden zu ertragen, doch sie empfinden sie tiefer als. andere Menschen." Der Fürstbischof erzählte ferner von der Weisheit des Rabbiners, von dessen großer Persönlichkeit, die in gleicher Weise van Inden und Nichtjuden geschätzt würde, undl hob noch die Meisterschaft im Schachspiel hervor, die der jüdische Gelehrte vor etwa vierzig Jahren gegenüber dem damaligen Fürstbischof des öfteren bewiesen Hätte. Zu jener Zeit habe er eines Tages feinen Lieblingssohn verloren und seitdem nicht' mehr, gespielt. ...;z- ' ..: .„Ein großer KchyMpieler? 7. fragte; der-MM erregt^ ^Jch hm HlbH sinh'' nsictz 'freM.si-iHs ,j>M- -eipemParken. .GKnerPeM -Kräfte.-mesien^MN-k WiesieW gelingt es/ihn zu einer. Pärtje, mit! mir i ..„Ich werde Ks,versuchen," erwideM. denFürsts' bischof, „obwohl, wie man erzählt, mein Vorgänger, der ein leidenschaftlicher Schachspieler war, alle Mittel vergeblich angewandt haben soll, ihn an den Schachtisch zu bringen. Es ist aber nicht ggsgeschlasstn, daß^er..sich Eurer Heiligkeit zuliebe dazu besftmmen lassen, wird." ».u .Undals der Rahhin^r ersMnen war, batihn der Popstzmit.ihm.eine^Partie Schach zu spielen.! PerRabbinerqrbehte und vermochte, sich-kaum aufrecht zu erhalten. /Doch er ermannte »sich und vm/iy. ... , -uivo Ti- * •- V> - /,E^/ist, der Mlle deK Allmächtigen. Er ge-, schehe/ -Der Helch. meiner Leiden -ist noch nicht bis. zum Rande gefüllt. .Ich stehe zu Ihrer Ver- ■ Mit etwas Mexnder Stimme befahl nun der- Papst, eip- Schachbrett zu bringen, und bat alle Änwesenoen^ sich .zsirückzugiehen und ihn unter keinen UmstanhKN zu stören.>- - Das Spiel zog sich in die Länge. Beide schwiegen. Man vernahm nur das Geräusch, das durch die Bewegung der Figuren verursacht wurde. Plötzlich sprang der Rabbiner auf, veranlaßt durch einen unerwarteten Zug des Papstes, der alle seine Kombinationen umgeworfen hatte. Er. schaute mit tiefem, forschendem Blick dem Papst in die Augen und fuhr dann im Spiele fort. Als sich das Spiel dem.Ende zuneigte und es den Anschein hatte, daß der Papst die Position nicht mehr halten könne, .machte dieser wieder einen ganz besonders eigenartigen Zug und änderte die Situation zu seinen Gunsten. Da sprang der Rabbiner erneut auf und rief aus: „Wer sind Sie? Woher kennen Sie diesen Zug? Das ist mein Zug. Kein Mensch außer meinem verschwundenen Sohn kannte ihn. Ich frage Sie nochmals, wer Sie sind, wie . . .?" Den Satz beendete er nicht mehr, denn im nächsten Augenblick, hielten sich fest umschlungen Vater und Sohn, der Majpzer Rabbiner und das Haupt der christlichen Kirche.— —. Der Rabbisohn war als? Kind entführt und bei seinem Aufstiege bis zur höchsten Stufe dem Vaterhause und seinem Volke entfremdet worden. Aus dem Reiche der See und Soune. II. Morgengebet am Meere.*) Als in der letzten Woche die Zahl der jüdischen Juden in Norderney mählich zusammenfchrumpfte, gab es in der kleinen Synagoge keinen Minjang'ttesdienst mehr. Ich ging dann morgens an den Strand, und die kleine, wie ein Zigeunerwagen auf vier in den Sand gesenkten Rädern ruhende Kabine ward G'tteshaus. Hast Du, lieber Lesers schon einmal auf oder am Meere Dein Morgengebet gehalten, so ganz allein, nur G'tt, Du und die Wellen? Am^Strande weit und breit um diese frühe Stunde keine Dkrnschenseele. Das Meer ein Kessel voll kochenden Bleis, versilbert am Rande. Wellen kommen'von hinten nacheinander gestürmt, wie Untiere, die einander in den Rücken fallen, Feinde, die über die Leichen der Vordermänner ins Land eindringen und doch am harten Damme das Genick brechen. Und darüber ein Himmel, hellgrau mit weißem und rotem Besätze, der schon im nahen Horizonte sich wie eine Rückwand aus blindem Glas zum Meereskessel herabneigt. Und. hier, wo Wolken, Wasser und Erde sich im Ringen umschlingen, stehst Du ganz allein: eine starke Brise weht Dich an, weht die Fäden, die Dich im Gebete an G'tt binden, nach allen vier Enden, ünd die Zeichen des G'ttesbundes ruhen Dir an Stirn und Arm. Und Du schaust in die grüngraue Unendlichkeit und lobpresest Ihn, der „erschuf Himmel und Erde, das Meer und alles, was darin ist, der hütet die Treue immerdar —" „Dir, G'tt, die Größe, die Macht und die Pracht und die Ewigkeit und die Schönheit, wie alles, was Im Himmel und auf Erden ist . . . Du schufest sie alle -r_-und Du belebest sie alle, und des Himmels Heere bücken sich vor Dir-—" Es ist die Zeit, imd derPxt, da.gstch dtzr AMöWMdgecklhren Hochganst erfäh'rön'können. . .WegmAu^ein -kleines. Tillim--.oder MWyabuch--bei Dir chäsLW^'es nun zur rechten"Zeibcherckü'ä- .der Worte mäMAunksex/Smnwird Dir. j^h. klar'au^gchen. f!Darty ^geM Düzum^. FrühstrA. Die Veranda f'des HMlsl;ift.zMieser^Stunde noch^kMünd Du-°rvirst räsch sinh Ht/cheÄMt?/dhlüh erweHt Tiä£fl)oteI. Kircher lärmen hie Meppe hrnünter, .Schlafröcke schieben W dazwischen . wie ,Sanhsäcke. Bademäntel und Pyjamas schistern. in. gllen - Farben. Die Tische find besitzt von Effendis, 'Mandarinen, Maharadschas und den Frauen der Maharadschas. Jeder -fragt jeden, 'was er vom Wetter halte, ob er gut geschlafen habe, ob er nach Helgoland fahre > .-/. -.Hanü istä Zeit, 'daß . Du gehest, dahin, wo die Wellen rauschen und „Abgrund zu Abgrund" mit mehr Geräusch und dennoch diskreter spricht. - Noch. ist . der Strayd' wenig "belebt. Der einäugige Diener fegt mit großem- Pesen Abfälle menschlicher Kultur: Zerlungsblätter, Fähnchen, leere Pralinenschachteln in die Fluten und gibt mit ostfriesischer Trockenheit dem Kurgast ^Auskunft über- »das Wetter: „Wind dreht nach Ost. Wenns heute nichrt regne>.t, gibts das schönste Wetter! ....Bei.-her Sperre schr-eibt der;Portier mit Kkeid'e an die Tafek: '„'Höchslut 9.2j)~ Uhr, Wassertemperaiur Grad". Eine Schwestet?/ in weißein Häubchen, selbst noch halb ein Kind mit grüßen Äugen, führt eine Kolonie blasser^ hohlmaygiger Buben und Mädels an den Wasserrand unh. heißt sie,. Arm.Hochhalten und tief atmen. Die Jungen öffnetz. den Mpino..ünd.vergessen vor Stäünen, "ihü"'zu Mließen.' ' " - ' VomrHafen fahren ein-paar Fischerboote'^mit geschwellten Segeln aus. Auf der weit in die See hinauslangen- 0 "*) Siehe den unter diesem Titel erschienenen Norderneyer Brief in Nr. 32. .