Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1930)
- Date
- 1930-08-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Hfäffci* fievausgegeßen von dev landesoeganifaüon den Dgudas-Jiseoel in DeuifcßlandL 6. Jahrgang Hamburg, 21. August 1930 / 27. Ab 5690 Nummer 13 Schriftleitung: Wolf S. Jacobson in Kawönrg. Menschentum, Judentum und — Agudismus! Noch sind die großen Tage, „die Tage, welche sprechen", nicht gekommen, doch schon werden wir alltäglich für eine kurze Weile in ihren Bann gezogen, wenn in unseren G'tteshäusern das Schaufor tönt. Es ist nur eine kurze Tonfolge, und dennoch wühlt sie unser ganzes Inneres auf, stehen wir, wenn auch nur für kurze Frist, ganz in ihrem Bann. Im.Anschluß an den G'ttesdienst erklingt das Schaufor, mit einem Fuß stehen wir schon wieder draußen, in der Welt mit ihren uns heute mehr denn je aufreibenden Sorgen und Nöten. Und da denken wir an jene berühmte Forderung des Heiden, der auch „stehenden Fußes" eine Lehre, die ganze Lehre vom Judentum erfahren wollte. Zu eindringlichem Studium, zu langsamem Eindringen ins Gesetz, fehlte es ihm an Luft und gutem Willen, so wie uns an den arbeits- und mühereichen Wochentagen es an Rast und Sammlung mangelt. Und Hillel gab dem Heiden Antwort, sagte ihm das Ganze in wenigen Worten, und aus dem Heiden ward ein Jude. Möge seine alles beinhaltende kurze Lehre uns auch aus dem kurzen Schauforklang vernehmbar werden. Und dies ist die Lehre: „Was dir nicht lieb ist, tue auch nicht an deinem Genossen, dies ist die ganze Lehre, das Uebrige ist Erläuterung. Gehehinund „lerne "." Ziel und Weg wies Hillel: Geläutertes Menschentum, durch Judentum, durch Thora, durchs „Lernen" errungen. II. Menschentum, Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Güte: das ist das Große und Letzte, nach dein wir ringend streben sollen. Ein herrliches Ziel, aber so erhaben wie es ist, so schwer ist es zu erreichen, in Wahrheit zu erreichen. Denn nicht des Menschen irrendes Herz, sondern allein G'ttes unbeirrbare Weisheit „kündet dir, o Mensch, was gut ist." Oft halten wir für Güte, was nur Schwäche, für Menschlichkeit, was nur Blindheit ist. Uns Menschen fehlt so oft der Blick, die Fähigkeit, klar und scharf zu unterscheiden. Wir sind so leicht geneigt, das gefällige Aeußere zu lieben, fö schwer bereit, hinter harter Schale den guten Kern zu suchen. Freundliches Schmeichelwort lockt uns, feste Mahnrede stößt uns ab. Hillel sagt dem Heiden nicht nur: E r st r e b e Menschentum, er gibt ihm das Rüstzeug mit für den Weg zu diesem Ziel: Gehe hin und „lerne". Von der Thora laß dir sagen, was gut ist und was menschlich ist. Schau hinein in diese Thora, dann findest du dich hin zu Inn n"\ dann bückst du dich nicht mehr vor fremdem G'tt. Klassisch bemerkt der große Chumesch-Erklärer: „Es ist nnn mit großem i geschrieben, wohl um es vor Verwechslung mit i, welches nnn lauten würde, zu schützen, ebenso wie demgegenüber nnn bnb nwwn nb mit großem 1 geschrieben ist, um es nicht mit nnn zu verwechseln. Das des polytheistischen Gedankens ist gefällig rund. Das l der jüdischen Wahrheit Zurückweisend eckig. . Mit Verlust dieser kleinen Schärfe wird das 7nn: "Inx"- Mit diesen wenigen Worten hat, so glauben wir, Samson Raphael Hirsch, den ganzen Unterschied zwischen wahrer und falscher Güte, wahrem und falschen Menschentum gekennzeichnet. III. Dieses Ziel und diesen Weg: Ein Anderer unserer Großen, Hillels Lieblingsschüler, Rabbi Elosor, er lehrt die gleiche Lehre. Das Ziel: „das gute Herz", der Weg zum Ziel: „Sei ständig bemüht, Thora zu lernen, und wisse, was du dem Apikauros zu antworten hast." Alles verzeihen, alles verstehen, bedeute nicht: alles gutheißen. Liebe, die blind macht, ist keine wahre Liebe. Die Wahrheit ist der Güter höchstes. Wer sie verhüllt, umbiegt, entstellt, hat das höchste Menschheitsgut geschändet; ihm darf man drum nicht gut sein, ihm sich nicht zugesellen, mit ihm Gemeinschaft nicht pflegen. Letzter Sinn des Dienstes am Nächsten, höchste Blüte der Nächstenliebe, ist: Ihn bereit machen für Wahrheit und Tugend, so wie dies der Dienst, der rechte Dienst am eigenen Ich ist. IV. Agudismus! Was hat Agudismus mit vorstehenden Erwägungen zu tun? Sehr viel hat er damit zu tun! Wie oft wirft man den Agudisten Fanatismus, Engherzigkeit, Mangel an Gefamtheitsliebs, Herbheit und Strenge vor, ein versteinertes Herz anstelle des wahren, guten jüdischen Herzens Mit feiner großen, alle und alles umfassenden Güte. Weil wir kein Ziel kennen, ohne den Weg, kein anderes Ziel als das, zu welchem dieser Weg der Thora führt, darum müssen wir so gehen, wie wir gehen. Darum mögen wir den „Gefügig-Runden" als die „Zurückweifend-Eckigen" erscheinen. Weil die Agudisten die Hüter des "ins sein möchten in einer Welt, die vielen Göttern dient, Hüter der Wahrheit in einer Welt, die schon die Alten, als „Welt der Lüge" kennzeichneten; well wir selber auf dem Weg zum Ziel noch sind, und um diesen Weg, Schritt für Schritt, mit den Andern, aber vor allem und zuerst mit uns selber, zu kämpfen haben, darum sind wir so, wie wir sind, können und dürfen wir nicht anders fein. V. Das Schaufor des Ellul tönt. So lasse es in unser Herz hmeintönen die Lehre von der wahren Menschenliebe, einer Liebe, die aus G'ttes Wahrheit fließt, und die im Streben nach dieser Wahrheit uns den rechte n Weg findest lasten wird zu jedem, der unser Bruder ist. W. S. I. Umgestaltung der Agudas Jisroel - Jugend - Organisation. In Verfolg der von der Hamburger AgudasJisroel - Jugend gruppe ausgehenden Bestrebungen eine Umgestaltung der Agudas Jisroel-Jugendorganifation Deutschland vorzunehmen und ein Erziehungsprogramm aufzustellen, hatte die A. J.-Jugendgruppe Verl i n eine Reihe agudistischer Jugendführer zu einer Aussprache eingeladen. Der Referent gab einen kurzen historischen Ueberblick über die Entwicklung der deutschen Jugendorganffation und zeichnete in klaren,. eindringlichen Worten die Notwendigkeit b-er obengenannten Bestrebungen. Um eine geistige Arbeit leisten zu können, beantragte er die Einsetzung einer Erziehungskommission. Nach ihm nahm der Kölner Delegierte das Wort, um für die baldige Einberufung eines Delegiertentages einzutreten, da er nur von einem Delegiertentag eine Besserung der augenblicklichen Situation erwartet. In der darauf folgende!: mehrstündigen Debatte, die aus einem sehr hohen geistigen Niveau stand, wurde die Notwendigkeit der Aufstellung eines Erziehungsprogramms einstimmig anerkannt uud gefordert, daß die A. I.- Jugendorganisation versucht, mit dem Esra auf friedlichem Wege zusammen zu arbeiten. Es wurde sodann die nachstehende Resolution angenommen: Am 10. August ds. Js. fand in den Räumen der Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Berlin, eine Besprechung agudistischer Jugendführer aus Berlin, Hamburg und Köln statt, in der die Lage der Jugendorganisation in Deutschland von allen Seiten.beleuchtet wurde. Es wurde Einstimmigkeit darüber erzielt, daß der Moment gekommen sei, die Arbeit der Agudajugend auf breitester Grundlage und in Fühlungnahme mit gesinnungsverwandten Kreisen zu beleben und zu vertiefen. Als geeignetes Mittel hierfür wurde die alsbaldige Einberufung eines Delegiertentages und dessen gründliche Vorbereitung erkannt. Hierzu sollen in größeren Gruppen von den dazu Berufenen klar formulierte Richtlinien für den inneren und äußeren Ausbau der agudistischen Jugendgemeinschaft ausgearbeitet und einer besonderen Delegiertentagskommission als Material vorgelegt werden. Man erwartet vom O. V., daß er diese Bestrebungen in jeder Weise im Interesse der Jugendorganisation unterstützen wird. Für Berlin wurde sofort eine Erziehungskommission gebildet, der sich führende Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt haben. Ein Memorandum der Agudas IsroelzurpalSstinensischen Einwanderungsfrage. Die „Agudas Jisroel"-Zentrale in Jerusalem hat Sir John H o p e S i m s o n ein Memorandum überreicht, in welchem, nachdern einleitend die Legitimation und besondere Wesensart der Agudas Jisroel dargelegt ist, zur Sache folgendes ausgesührt wird: Agudas Jisroel, d. h. die selbständige orthodoxe Judenheit, ist an Palästina hauptsächlich mit Rücksicht auf die r e l i g i ö s e Vorschrift, das Land zu besiedeln, interessiert und im Hinblick aus die besondere Helligkeit des Landes und seiner heiligen Stätten „Denn Deine Diener wenden ihre Liebe seinen Steinen zu und ihre Zuneigung seinem Staube" (Psalm 102, Vers 14). Seit dem Beginn der neuen Wiederbesiedlung Palästinas durch Juden aus Zsntraleuropa vor etwa 100 Jahren und der darauffolgenden Ausdehnung dieser Rückwanderung vor 50—60 Jahren war es das Ziel der Ansiedler und derer, die sie förderten, in Palästina ein geistiges Zentrum für Thora und G'ttesd i e n st zu errichten, wie es der Heiligkeit des Landes und der Aufgabe des jüdischen Volkes entspricht. Seitdem sind unzählige Juden nach Palästina gegangen lediglich in dem Gefühle der unbegrenzten opferreichen religiösen Hingebung, bereit, die härtesten und gefährlichsten Lebensbedingungen auf sich zu nehmen, ohne ökonomische Berechnungen anzustellen oder auf ein bequemes Leben zu spekulieren. Die Juden der Diaspora nahmen es auf sich, den Ansiedlern, um die Besiedlung des heiligen Landes zu ermöglichen, zu helfen und ihre Lebensbedingungen zu erleichtern. Die Hilfe, die auf diese Weise geleistet wurde, bestand in der Ausrechterhaltung kommunaler Institutionen wie Schulen, Altersheime, Waisenhäuser, Spitäler und außerdem in direkter Unterstützung der individuellen Ansiedler. Zu diesem Zwecke wurden besondere Palästina-Kassen in allen europäischen Ländern er-