Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1930)
- Date
- 1930-08-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Nr. 33 Der Israelit .14. August 1930 e i n o e r st a n d e n s e i d u n dsi e a u fe in e r Konferenz der jüdischen Gemeinden zur Durchführung bringen werdet!" „Nein," antwortete der Rabbi fest. „All eure Drohungen und Strafen werden mich nicht dazu bringen, eure Maßnahmen gegen -die Religion zu billigen und zu empfehlen." Also blieb es bei drei Jahren Kaftrama. Die letzte Rache wollte Lunof noch üben, indem er anordnete, daß die Abreise nach Kastrama am Sabbat erfolgen müsse. Der Rabbi erklärte aber, er würde es wohl nicht hindern können, wenn er mit Gewalt getragen werde. Von sich aus würde er keinen Schritt am Sabbat über die vorgeschriebene Sabbatgrenze tun. Alle Bajonette Rußlands würden nicht imstande seich ihn zu einer Sabbatentweihung zu zwingen. „Werden wir schon sehen," schrie der zu Wahnsinn gereizte Lunof. Bis zum nächsten Sabbat aber kam die letzte Depesche aus Moskau: „Verschickung aufgehoben. Rabbi Schneersohn sofort z u e n t l a s s e n. Hat aber umgehend Rußland zu verlassen." Den ersten Sabbat nach seiner Befreiung feierte der Lubarvitscher Rebbe unter dem begeisterten Jubel seiner Getreuen in R i g a. Brief aus der Rhön. Es ist jetzt Tischobeaw Nachmittag. Großen Geistern sagt man nach, daß sie am besten mit hungrigem Magen geschrieben haben, da Sattheit nicht gut für den Geist sei. Ich maße mir nicht an, zu den Großen zu gehören, wohl aber zu denen, die zur Zeit hungrigen Magens sind und bei dieser Gelegenheit möchte ich Betrachtungen darüber anstellen zu Nutz und Frommen aller Erholungsbedürftigen, denen es so geht wie mir. Sie möchten ausspannen. Schön soll es sein, aber — kosten nicht viel. Diese Armen im Alltel möchte ich kostenlos beraten und ihnen sagen, daß ich in Gersfeld in der Rhön ein derartig ideales Plätzchen gefunden zu haben glaube, das den an ihn gestellten Ansprüchen in jeder Weise gerecht wird. Man kann ruhig sagen, es ist von verschiedenen Seiten zu erreichen, sowohl durch Bahn als auch durch Postomnibusverbindung; liegt mitten im Herzen Deutschlands und ist berühmt — (soweit es dies aber noch nicht sein sollte, es durch mich werden soll) — durch seine erstklassige Verpflegung in der Metzgerei, Pension oder wenn man sogar sagen will, in dem Hotel Grünebaum, dem erstklassigsten und einzigen Unternehmen dieser Art am Platze, das, ausgestattet wie ein städtischer Betrieb, — sogar mit Kühlraum — für seine Gäste sorgt. Da wetteifert die ganze Wirtsfamilie miteinander in der Sorge um das Wohl ihrer Leute. Mama Grünebauni zerbricht sich von früh bis spät den Kopf, was sie noch und noch in ihre Treuumsorgten hineinpfropfen kann. Papa Grünebaum, ein stiller aber nichtsdestoweniger lieber Mann, oder gerade deshalb so beliebt, kommt bloß auf ausdrückliches Bitten auf den Platz, berat aber dann Interessenten um so besser. Ein erstklassiger Einkäufer der zum „Dickwerden für Gäste" (soweit sie es werden wollen, wenn sie sich nicht nur doppelte Fleischportionen, sondern von allem Guten doppelt reichen lassen) auch notwendigen Kälber usw. ist der Sohn des Hauses. Er spricht außer Deutsch noch Englisch, Französisch und sogar etwas Spanisch, ist imstande, die größte Gästeversammlung wirklich geistreich und gut zu unterhalten und wo immer er erscheint, herrscht Frohsinn. Die Gäste rekrutieren sich aus allen Lagern und Gegenden und sind trotzdem alle harmonisch aufeinander abgestimmt. Sie stellen sogar Rekorde im Szemiraus-Singen auf, wer die meisten und schönsten Nigunim zu bringen versteht. Andererseits dürfen alle, wenn auch schon ziemlich abgetragenen und aus der Mode gekommenen Kleider Revue passieren, man braucht sich also zu einem Aufenthalt hier nicht extra neu einzukleiden. Gersfeld zählt ca. 30 jüdische Familien. Eine große Anzahl derselben stellt sich gern zur Aufnahme von Fremden aus der Pension, die dort keinen Platz mehr zum Schlafen finden, zur Verfügung. Die Ortsansässigen sind stolz auf ihre so schöne Schul und können dies auch ruhig sein. Schabbosnachmittag können sie dieselbe aber nicht schnell genug verlassen. Sie schenken sich sogar den im Sommer in anderen Kehillaus üblichen jeweiligen „Perek". Dann eilen sie, wie mir gesagt wurde, geschlossen hinaus in das grüne Freie, die herrliche G'ttesnatur. Da winkt die Wasserkuppe, der Reesberg, die Schwedenschanze, der Wachtküppel, die Eube und wie all die schönen Berge, die bezwungen werden wollen, mit Namen alle heißen. Wer sich aber andere Kehillaus in der Nähe von hier ansehen will, wie Wüstensachsen, Fulda usw., der findet Postauto- und Bahnverbindung dahin. Er kann nach dreiviertelstündiger Wanderung von Fulda aus das jüdische Landgut Rötges besichtigen, wenn er sich vorher ankündigt. Mehrstündige Fußwanderungen über Berg und Tal bis Wildflecken und von da aus per Bahn nach Brückenau ist auch möglich, ganz abgesehen von dem wundervollen Skigelände im Winter. Wer hier baden will, kann dies sogar mit Sole und Moor tun, und wer nicht weit gehen will, der kann schon nach 5 Minuten immer wieder eine Bank, mit oder ohne Sonne, je nach eintretendem Bedarf finden. — Ich denke, ich habe alles, was ich Schönes über hier zum Ausdruck bringen wollte, gesagt und hoffe, daß viele, die dadurch Lust bekommen sollten, sich von der Richtigkeit dieser Behauptungen zu überzeugen, mir begeistert zustimmen werden nach hier verlebtem Urlaub. Amderecke. Feind und Freund. Don Heinrich Einstädter. I. Ein Novembertag geht zu Ende. Ueber den Straßen der Stadt Lille hängt grauer Nebel. Die Gardinen hinter den Fenstern schließen sich, und da und dort blitzt das elektrische Licht in den Wohnungen bereits auf. In den Wohnvierteln herrscht kein starker Verkehr. Die Stadt ist von den Deutschen besetzt. Ein dumpfer Schmerz, ein geheimer Druck spricht aus den Gesichtern. Es dünkt uns, als ob jeder sich eile, seine Angelegenheiten zu besorgen, um so bald als möglich wieder nach Hause zu kommen. Ein deutscher Soldat fällt uns aus. Schon öfters hat er Einheimische angesprochen, um nach dem Wege zur Synagoge zu fragen; denn der Sabbat wird bald beginnen. Aber obwohl er alle ihm geläufigen französischen Bezeichnungen wie synagogue, eglise, temple, cathedrale des juifs gebraucht hat, stets war ihm Mit einem Kopfschütteln geantwortet worden. Endlich sieht er einen schwarz gekleideten Herrn, einen Zylinderhut auf dem Haupte, in einen Straßenbahnwagen steigen. Rasch folgt er ihm und verläßt nach mehreren Minuten gleichzeitig mit ihm den Wagen. Er hat richtig gedacht. Der Herr geht in die Synagoge. Er gehört zum Vorstand. Der Deutsche stellt sich bescheiden in eine der letzten Bänke. Kalte Blicke streifen ihn. Niemand reicht ihm ein Gebetbuch. Niemand wünscht ihm am Schlüsse einen „Guten Schabbos". Und dennoch wirkt der G'ttesdienst auch aus ihn. Schon nach den ersten Sätzen des Gebetes har er seine Umgebung vergessen. Er befindet sich in Gedanken im heimatlichen G'tteshause, seine Söhne stehen neben ihm, und zu Hause sitzen Gattin und Töchterchen am festlich gedeckten Tische vor den silbernen Leuchtern, betend und harrend. Und es wird ihm warm ums Herz; denn der Liebe Strahlen treffen es trotz der Entfernung von vielen Meilen, und tausend gute Wünsche und liebe Grüße finden den gleichen Weg zurück. Den Sabbat im Herzen, folgt er nach beendigtem G'ttesdienste seinem „Führer", der ihm unbewußt den Weg zur Synagoge gezeigt hatte. Dieser biegt in ein Villenviertel ein und tritt nach einer Viertelstunde in ein stattliches Haus. Der Soldat merkt sich Straße und Hausnummer und kehrt alsdann zurück. II. Einige Tage später steht der Deutsche vor dem Eingang zur Villa. Er läutet, und ein Hausmädchen erscheint, das ihn auf seinen Wunsch bei der Herrschaft anmeldet. Er stellt sich vor und bittet um ein Zimmer. Doch stößt er auf Abweisung, und es nützt nichts, daß er erklärt, er sei Sube, Familienvater, Besitzer eines Geschäftes in F., er bitte nur um ein Dachzimmer, da er schlecht untergebracht sei , in einem Raum, den er mit vielen Kameraden teilen müsse. Die Mienen der Leute werden um keine Schattierung freundlicher. Er bleibt der - „Feind". Man erklärt ihm schließlich, diese Straße sei von der EinquartierunNskommission den Offizieren Vorbehalten worden, und er werde darum mit seinem Wunsche auch bei der deutschen Behörde nicht durchdringen. Allerdings begegnet er auch dort Schwierigkeiten. Doch er hat gute Freunde, und da er ja nur ein Dachzimmer für sich wünscht, so erhält er schließlich Me Erlaubnis. Mit der Genehmigung in der Tasche begibt er sich in Begleitung eines Feldwebels der Einquartierungskommission abermals zu seinen neuen Bekannten, und jetzt wird er, wenn auch mit deutlichem Widerstreben, aufgenommen. Man weist ihm zwar keine Mansarde an, sondern ein ganz gutes Zimmer; aber man zeigt ihm deutlich, daß man ihm fernbleiben möchte. Er sieht in den nächsten Tagen selten einen seiner Wirte, und wenn ihm doch zufällig jemand im Hause begegnet, so geht man mit stummem Gruße an ihm vorüber. Er bleibt für diese Leute — der Feind. III. So kommt wieder der Freitagabend'" heran. Unser Freund legt sein frisches Handtuch über ein Tischchen, steckt in zwei Flaschen Kerzen, die er vorher gekauft hat und legt zwei Wasferbrötchen und ein Dosendeckelchen mit Salz daneben. Dann „entzündet" er und begibt sich zur Synagoge. Beim G'ttesdienste ist «er nun schon bekannter Er nimmt den gleichen Platz ein wie in der vorigen Woche, und wenn auch seine Umgebung ihn wie Lust behandelt, so hindert das ihn nicht, sich sabbat'licher Stimmung hinzugeben. Als er aber dann in sein „Quartier" zurückkehrt —, welche Ueberraschung wird ihm da! Er war in Gedanken an seine Lieben heimgekehrt und hatte so seine Tür geöffnet —, wie war er da fast erschrocken zurückgeprallt! Hatte er sich geirrt, und war er in ein anderes Zimmer getreten? Das zwar nicht, aber wie verändert traf er alles an! An dem Lüster in der Mitte brannten sämtliche Flammen. Ueber den Tisch war ein feines weißes Deckchen gebreitet, und darauf standen prächtige silberne Leuchter mit dicken Kerzen und ein silbernes Salzfäßchen. Einige Schalen mit feinem Obst und ein Blumenstrauß waren hinzugekommen. -— Seit jenem Tage war das Verhälnis des Deutschen zu seinen Wirten gänzlich verändert. Sie zeigten sich ihm freundlich, luden ihn oft zu sich und suchten, ihm alle Wünsche von den Augen abzulesen. Ein Jahr blieb er bei ihnen. Aber nicht so lange brauchte er, um das freundliche Verhältnis zu einem herzlichen zu gestalten. Der Franzose bewunderte die Treue, mit der sein Gast an jedem Gebote seiner Religion festhielt, und die Selbstverständlichkeit, mit der er alle Entbehrungen hinnahm, die ihm dadurch auferlegt wurden. Die Dame des Hauses ergänzte in rührender Fürsorge die Lebensmittel, die er genießen durfte. Sie suchte ihren Haushalt seinen Anschauungen möglichst anzupassen, und ihr Gatte, der seit vierzig Jahren keine Tephillin mehr angelegt hatte, schaffte sich wieder welche an und kehrte mit Innigkeit zur frommen Uebung seiner Väter zurück. Auch als der Krieg beendigt war, hörte die Verbindung nicht auf; sie dehnte sich vielmehr auf die Gesamtfamilien aus. Ein regelmäßiger Briefwechsel wurde gepflogen, und kein Rauschhaschono verging seitdem, an dem nicht mit Liebe ausgewählte Geschenke ausgetauscht wurden, um die Gefühle zu künden, die diesseits und jenseits der Grenze auf dem Boden der gegenseitigen Wertschätzung erwachsen waren.