Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1930)
- Date
- 1930-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seils 2. Nr. 33 Der Israelit liefung — des Wortes, des Gesetzes. Der R a w hüte keinen Schulchan Aruch — mit Berücksichtigung der Lurjanifchen Bräuche — kodifiziert, wäre er gesonnen gewesen-, nur auf ein Jota des Gesetzes, auf e i n e Vorschrift der Weisen zu verzichten. Was soll bei den liberalen Neuchassidim verinnerlicht und vertieft werden, wenn das Wort nicht mehr gilt, wenn d t s G e s e tz seine B i n d u n gs k r a f t nicht m e hr hat; wenn Montefiore in der gleichen Retze als einen der Beratungspunkte die Frage aufstellen darf: „wieviele der alten 13 Glaubensartikel des Maimonides haben für uns noch Geltung?" Einer dieser Glaubensartikel lautet, wie wir wissen: „Ich glaube mit vollkommenem Glauben, daß diese Thora nicht ausgewechselt und von keiner anderen Thora ersetzt werden kann." Schon obige Fragestellungwirft diesen Glaubensgrundsatz — und mit ihm auch alle anderen — über den Haufen Und das ist bereits mehr als Revolte, es ist Vernichtung und Zerstörung an Grund und Mauern, bei der das' schöne Wort vom Chassidismus wie böser Hohn wirkt. Hohn klingt auch ohnehin zwischen vielen Unklarheiten, Verschwommenheiten und Verworrenheiten in reichem Maße durch. Oder ist es nicht etwa Hohn, wenn ein amerikanischer Führer konstatiert, daß die unerschrockene radikale Reform in Amerika Viele von der Taufe zurückgehalten hätte? Was hätte in der Tat die evangelische Reformkirche dem sreigeistigen Juden in der neuen Welt noch zu bieten, was ihm sein jüdischer Sonnagsreformtempel nicht bietet?Sogar den Pfarrer kann er dort zuweilen hören. Dieses amerikanische Eisenbartrezept gegen . die Taufe kann von durchgreifender Wirkung sein! . . . Man hätte in Amerika alle wissenschafliche Forschung in Einklang mit dem Judentum gebracht und so die Jugend Resormjv.dentum als beste Deutung d e r Z e i t u n d d e r W i s s en - schaft begreifen gelehrt. Erst in Einklang gebracht, dann . . . Wer denkt da nicht an das Gleichnis vom treffsicheren Schützen, der erst schießt und dann erst die Scheibe und das getroffene „Zentrum" zurechtstellt! . . . Und endlich preist man uns das „Gebet als religiöse Wirklichkeit!" Welche unwissenschaftliche Torheit, auf die psychologischen Voraussetzungen des Liberalismus mit seiner negativen Einstellung gegen den Offenbarungsbegriss der Tradition jene E m u n o gründen zu wollen, die die Vorbedingung alles ehrlichen Betens ist! Es wäre müßig, noch Einzelnes aus dem Gange der Verhandlungen herauszug-reifen. Wo Ideologisches und Programmatisches -in Referat und Diskussion zur Sprache kamen, wo nach Positivem gesucht wurde, blieb alles , dunkel und verworren, viel- und nichtssagend. Das liberale Judentum hat die Aufgabe, eine Lehre herauszuarb-eiten über die neuen Pflichten unter den neuen Bedingungen ufw. Also neue Nichtl'ini e n! Was wird aus den alten? Unbekannt! Von welchem Geiste werden die neuen getragen fein? Weiß man noch nicht! Auch die peinliche und ängstliche Vermeidung einer A u s ei n ander setzungmitdemZionismus — wo blieb die Berliner Allianz? — ist aus der Psyche der Versammlung und ihrer Scheu vor jeder klaren Stellungnahme zu Fragen, die Eindeutigkeit erheischen, heraus zu erklären. Klarheit und Einmütigkeit herrschte, wie immer seit Bestehen des jüdischen Liberalismus, nur in dem, was man n i ch t wollte, wenn es ans Abreißen und Ab schaffen ging. Darum konnten sich aus dem Chaos widerstrebender Meinungen und- Ideen einheitliche Beschlüsse nur in Sachen des religiösen Frauenrechtes klar lösen-. Die Resolution postuliert 1. die vollständige Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne in Ehe- und Scheidungsfragen, 2. die Befreiung derjenigen Ehefrauen, die ihren Ehegatten im letzten Weltkrieg verloren haben, ohne daß deren Tod erweisbar ist, von ihrer eherechtlichen Stellung als „Agunoth" (Frauen, die an den verschollenen Ehemann gebunden sind), 3. daß die Nichausführung der Chaliza-Zeremonie kein Hindernis für die Wiederverheiratung von Witwen sein soll. Ist das der Zweck der Uebung, dann hätte es des Apparates des Weltverbandes und, der zwei Weltkonferenzen dazu nicht bedurft. Diese dünne — und doch so tiesdringende — Quintessenz der wortreichen Tagung zeigt doch, daß der jüdische Liberalismus von Geiger bis Claude Montefiore, von Braunschweig bis Berlin und London wenig hinzugelernt hat. Der dichte Nebel von Rhetorik und Ideologie kann seinen inneren Kern nicht verhüllen, er heißt: Bruch mit dem Schulchan Aruch-, Bruch mit dem Judentum! Angesichts dieser Tatsache mutet die Berufung auf den Chassidismus schon mehr wie eine Selb st Verhöhnung an. Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Qualität zu billigsten Preisen“. Uhren aller Art Gold . Silber Juwelen Bestecke Trauringe Nur Zeil 95 u. Töngesg. 25-27 14. August 1930 Wochenrundschau. Eine interessante ideologische Auseinandersetzung. In der vom deutschen Misrachi herausgegebenen Monatsschrift Zion wird zur Zeit eine durch mehrere Nummern fortgesetzte Diskussion um den- „Sinn des Misrachi" geführt, in deren Verlauf u. a. Rabbiner Dr. Unna in Mann-- heim eine nach mehrfacher Richtung für die agudistische Orthodoxie bemerkenswerte Auseinandersetzung veröffentlicht. Dr. Unna steht dem „Misrachi" von jeher freundlich gegenüber und betrachtet'— im Gegensatz zu uns — das misrachistifche Schulwerk in Palästina als „-einen der wichtigsten Aktivposten des gesetzestreuen Judentums in Erez Jisroel". Um so wertvoller scheint es, daß Herr Dr. Unna nicht nur den bekannten misrachistisch-zionistischen Uebertreibungen in der Herabwürdigung gesetzestreuen Lebens im Golus -entgegentritt, sondern daß er auch in der ihm eigenen ruhigen Weise, aber mit großer Entschiedenheit genau dieselben grundsätzlichen- Bedenken gegen die misrachistische Ideologie geltend macht, die an dieser Stelle unzählige Male entwickelt und unterstrichen worden sind-. Er schreibt u. a.: Das jüdische Volkstum — und damit kommen wir zu dem entscheidenden Punkt — ist nicht ein Erzeugnis europäischer Provenienz, wie es der Zionismus vertritt, es hat vielmehr seinen eigenen Charakter. Es ist schon richtig, daß für das traditionelle Judentum im Begriff „Thora" das jüdische Volkstum eingeschlossen war. Aber in dem Begriff des Volkstums, wie ihn der Zionismus lehrt, ist die Thora nicht eingeschlossen. Man hat nicht mit Unrecht gesagt, der Liberalismus erstrebe die Assimilation des Einzelnen, der Zionismus die des Volkes. Leibowitz meint, wenn man die zionistische Forderung ablehnt, müsse man „der Thora einen neuen Sinn geben". Er vergißt aber vollkommen, daß der Zionismus dem jüdischen Volksbegriff einen neuen Sinn gegeben hat. Er hat ihn mit europäischem Ideengehalt erfüllt, und sein Ziel ist ausgesprochenermaßen die Säkularisation des Judentums. Darin eben liegt eine ungeheure Gefahr, die sich auf allen Gebieten auswirkt. Man betrachte doch nur das Geschichtswerk von Dubnow, das ganz auf diesem Prinzip beruht, und da^ die jüdische Geschichte in eine ganz andere Sphäre rückt. Man betrachte ferner die Werke moderner hebräischer Schriftsteller, die die Bezeichnungen für religiöse Begriffe dem Sprachschatz der heiligen Sprache entnehmen, so daß. der Außenstehende sie für gläubige Juden halten muß, die aber einen ganz anderen Sinn damit verbinden. Hier handelt es sich nicht mehr um nebensächliche Kleinigkeiten, es geht ß lelzfdi uriD SOHn Kleines Feuilleton. <kin Zwischenfall auf dem Orienkalistenkongreß. Im „Israelit" Nr. 24 unterzog Herr Rabbiner Dr. Kaatz eine vom Philo-Verlag in zweiter Auflage herausgegebene, mit allen nur erdenklichen, von den Bibliotheken Berlins bis zu den assyrisch-babylonischen Keilschrifttexten von Boghazköi reichenden Wissensstoffen angefllllte Schrift des Dozenten Dr. Harry Torczyner „Die Bundeslade und die Anfänge der Religion Israels" einer Kritik und wies dieses radikale Erzeugnis „jüdischer" Wissenschaft als eine Ausgeburt wilder Phantasie zurück. Im Gegensatz hierzu brachte eine Woche später die C. V.-Zeitung eine anerkennende Besprechung des Torczynerschen Buches. Nun fand inzwischen in Wien der sechste Orientalistenkongreß statt, an dem die hervorragendsten Vertreter der orientalischen Wissenschaft aus allen Teilen der Welt teilnahmen. Auf diesem Kongreß hielt auch Dr. Harry Torczyner ein Referat über das mit den Theorien seiner obigen Schrift in Zusammenhang stehende Thema „Autorschaft und Echtheitsfragen im biblischen Schrifttum". Hierbei kam es zu einem überaus peinlichen Zwischenfall, den wir nach dem Bericht der unter Mitwirkung Nahum Sokolows herausgegebenen zionistischen Wochenschrift „Haolam" Nr. 28 wiedergeben. Es wird dort über das Torczynerfche Referat folgendes berichtet: „Dieser Vortrag des Dozenten einer Berliner Rabbinerbildungsanstalt stellte eine solche Verleugnung der Ueberlieferung dar, daß er die Entrüstung der ch r i stl i ch e n Professoren erregte. Und sie traten aus, um die Bibel gegen die Angriffe eines Juden zu verteidigen. Der berühmte christliche Professor Hoppe erteilte dem Vortragenden den Rat, sich eines größeren Verantwortungsgefühls und einer größeren Wissenschaftlichkeit zu befleißigen, besonders aber sei seine Kenntnis des Assyrischen sehr mangelhaft und seine Vergleiche und Folgerungen seien unzuverlässig. Diese Bemerkung des christlichen Gelehrten brachte begreiflicherweise Herrn Torczyner in größte Aufregung, und er forderte den Professor Hoppe auf, seine Worte zurückzunehmen. Aber dieser lehnte es ab und betonte, daß er für das, was er sage, einstehe und bereit sei, seine Behauptung zu beweisen. Es entstand ein noch größerer Skandal und ein noch größerer Chillul Haschern." Soweit der Bericht des „Haolam". Aus der Schlußandeutung geht hervor, daß es in dieser aus der Elite der Gelehrtenwelt sich zusammensetzenden Körperschaft zu einer unwürdigen Szene kam. Aber gleichviel welcher Art dieses Vorkommnis war, auf das der Berichterstatter des „Haolam" nicht näher eingeht, die Tatsache, daß die jüdische Bibel von Christen gegen einen Juden verteidigt werden mußte, bedarf keines Kommentars. (Die jüdische Abstammung der Habsburger.) Ein Frankfurter Freund unseres Blattes schreibt uns: Ihr Artikel „Um die jüdische Abstammung der Habsburger" in Nr. 28 veranlaßt mich. Ihnen mitzuteilen, daß ich im Besitz der vierten Auflage von Meyers Konversations- Lexikon bin, welches im Jahre 1887 erschienen ist. Dort finden sich im Band 7 Seitg 987 folgende Stellen: Spätere Geschichtsschreiber des Hauses leiteten im 13. und 14. Jahrhundert die Abstammung der Habsburger von der römischen Familie der Pierleoni her, aus welcher im 12. Jahrhundert auch ein Papst, Anaklet II, stammte. An diese Abstammung reihte sich dann alsbald der Versuch, die Ahnenreihe der Habsburger bis zu den altrömischen Aniciern oder, wie andere wollten, zu den Scipionen hinaufzuleiten, während in Wahrheit die römischen Pierleoni jüdischer Abkunft waren. Dagegen verwarf man später diese ganze Ueberlieferung und kehrte zu der in St. Trudpert aufbewahrten Abstammungssage von Lintfried zurück. Dieses Grafengeschlecht des 10. Jahrhunderts wird vorher genannt. I. H. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnow itz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schackinowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag;: des Israelit und Hermon ©• in. b. H., Frankfurt a. M. — Drucke Hermon-Druckerei. Frankfurt a. M. Wochenkalender. v. 16. — 23. August 1930 o. 22. — 29. Ab 5690 Samstag 16 22 2pV Sonntag 17 23 Montag 18 24 Dienstag 19 2« 25 Mittwoch e 20 26 Donnerstag 21 27 svp N1L2 DV>' Freitag 22 28 Samstag 23 29 - ennn paian nrrn