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Der Israelit · 1930-08-07 · Heft 32 (7.8.1930) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 32 (7.8.1930)
Date
1930-08-07
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 4. Nr. 12 Darum wollen wir den Delegiertentag und werden ihn rrn auch durchsetzen. Llgudas Iisroel-Jugendgruppe Hamburg-Altona Schenkolewski Lange Wirtschaftslage und Heiraksmöglichkeik. Eine Anregung von Mar Naumburg in Breslau. Eines der vielen Probleme, die uns die gegenwärtige schwere Wirtschaftslage stellt, ist die Frage der Heiratsmöglichkeit. Diese Frage ist gleich brennend für den jungen Mann wie für das junge Mädchen, bezw. den um die Zukunft seiner Tochter. besorgten Vater. In fast allen Familien ist diese Sorge bekannt und drückt auf die Lebensfreude aller Beteiligten. Ist es heutzutage in Deutschland an und für sich schon schwer, für die Tochter einen passenden wahrhaft frommen, echt jüdischen jungen Mann zu finden, so werden diese Schwierigkeiten verstärkt durch die wirtschaftliche Notlage, die den wenigsten jungen Leuten ein Einkommen gewährt, das ihnen das Schließen der Ehe möglich macht. Und dabei ist es andererseits nicht zu leugnen, daß es heute viele jüdische junge Männer gibt, die die Frühehe als das Richtigste, Sittlichste und Gesundeste anerkennen. Gegen diese Schwierigkeiten kämpft man gewiß mit Artikeln und Aufsätzen umsonst an. Wohl aber darf auf einen Punkt hingewiesen werden, der diese starken vorhandenen Schwierigkeiten noch unnötig verstärkt;; nämlich darauf, daß man auch heute noch auf die sogen, „standesgemäße" Ehe zu großen Wert legt. Und hierbei versteht man unter standesgemäß nicht die Würdigkeit und Frömmigkeit des jungen Mannes, sondern viele Eltern glauben, daß zum Glück ihrer Tochter das gehört, was ihre Eltern in Zeiten guter Wirtschaft und besserer Verdienstmöglichkeiten ihnen bieten konnten: die große Wohnung, die pompöse Einrichtung und demgemäß eine Lebensführung auf breiter, sorgloser Grundlage. Der Krieg hat viele Verhältnisse umgestaltet, hat uns in Vielem umlernen lassen. Darin aber haben gerade in unfern gut jüdischen frommen bürgerlichen Familien die Eltern nicht zugelernt: daß junge Menschen auch unter einfachsten äußeren Verhältnissen zufrieden, froh und glücklich miteinander leben können. Das Einkommen des jungen Mannes, der 300—400 Mk. im Monat verdient, erscheint den Eltern zu gering. Er muß mindestens 600—700 Mark im Monat verdienen, eine Einkommenshöhe, die die Wenigsten erreichen, weshalb die Meisten ledig bleiben. In sittlicher, und darum gewiß in jüdischer Beziehung bedeutet dies eine ungeheure Gefahr. Wirbt ein junger Mann mit dem oben genannten, allerdings. nur für bescheidene, anspruchslose Menschen knapp reichenden Einkommen — aber wer sollte eigentlich nicht in diesen Zeiten gelernt haben, bescheiden zu leben und sich zu bescheiden — um die Hand eines Mädchens aus seinem Elternhaus gesellschaftlich gleichgestelltem Hause, dann stößt er, wie erwähnt, in vielen Fällen auf völlige Verständnislosigkeit. Und so bleiben die jungen Leute gerade aus gutjüdischen Kreisen Junggesellen, und die Töchter aus diesen Kreisen ledig. Die Wirtschaftslage, so hat es wenigstens den Anschein, wird sich in nächster Zeit nicht ändern. Und damit ist die Möglichkeit daß in Bälde wieder höhere Einkommen erzielt werden können, so gut wie nicht vorhanden. Was wäre zu tun? Es gibt nur ein einziges Mittel: Daß die Jugend sich völlig auf einen niedrigeren Lebensstandard umstellt und einstellt, und daß die beiderseitigen Eltern sich mit dieser Umstellung freudig und bewußt einverstanden erklären, indem die Eltern des jungen Mannes nicht als Erstes fragen: Wieviel bekommt sie mit?, die Eltern des jungen Mädchens nicht: Wieviel Monatsverdienst hat der junge Mann? Die erste Frage gelte den Persönlichkeitswerten, der Fa- Der Israelit Blätter milie, und danach fasse man auf beiden Seiten die Entschließung. Die Zeit der Wohnungsnot hat ja gelehrt, daß die jungen Menschen auch in einer Zweizimmerwohnung glücklich sein können. Daß die schöne Einrichtung und die große Aussteuer ebenfalls nicht das höchste Ziel der Heirat und der Ehe ist, ist auch allmählich unfern jungen Menschen zum Bewußtsein gekommen. Wie solche Erkenntnis in die Praxis umzusetzen ist? Durch Beispiel und Vorbild. Wenn angesehene jüdische Familien bei der Wahl des Schwiegersohnes von den bisher geltenden Normen abgehen würden, den Mut hätten, bescheidenere Lebensformen für chre Tochter als die natürlichen, durch die Zeit bedingten anzuerkennen, — immer vorausgesetzt, daß sonst die Verhältnisse zueinander passen, und auch das junge Mädchen so erzogen ist, daß es die arbeits- und freudenreiche Ehe im einfachen, schlichten Rahmen dem behaglicheren Nichtstun und, möglicherweise, schließlichem Versauern im Elternhaus vorzieht, — dann würde es anders und besser werden können. Dann könnte der junge Mann es wagen, auch bei bescheidenerem Einkommen zu heiraten, dann würde die Ehe wiederum zur natürlichen Grundlage jüdischen Lebensglückes und jüdischer Lebensbetätigung, werden können. Ein Brief aus Württemberg. Die Aufgabe, die sich Agudas Iisroel gestellt, ist jedem Juden, der Interesse für sein Judentumhat, bekannt. Großen Dank schulden wir den Männern und den Frauen, die sich mit aller Kraft für die iJdee, der Agudas Iisroel und für die aus dieser erwachsenen Gründungen Keren Hakorah, Veth Jacob etc. eingesetzt haben und einsetzen. Sie können auf schöne Erfolge zurückblicken. An vielen Orten wurde Schlummerndes geweckt, sodaß neues Leben aus Ruinen blühte und doch bleibt noch viel zu tun übrig. Es sei mir gestaltet, auf einiges die Aufmertsamleit zu lenken: Würde z. B. nur ein Teil der Energie, der Willenskraft und der Zeit, die oft für Machlaukes, und zwar für nebensächliche, für nichtige Dinge ausgebracht bzw. vergeudet werden, für wirtlich jüdische Zwecke sreigemacht werden, mit G'ttes Hilfe wäre es anders um unser Judentum bestellt. Welche Riesenbeträge werden auch heute für Flirt, Hausbälle, sogenannte gesellschaftliche Verpflichtungen usw. leichtsinnigerweise verpraßt, selbst in Kreisen, die sich gesetzestreu nennen. Ünd man bedenkt nicht, daß Bruder und Schwester neben uns, oft in der gleichen Straße, in Armut schmachten, oft geradezu dem Verhungern nahe sind. Hat da jeder Jehudi, jeder an seiner Stelle mit seinen, wenn auch oft nur schwachen Kräften, das Möglichste getan? Ich glaube Viele, ja die Meisten unter uns, werden sich nicht ganz frei sprechen dürfen. Viele unserer Glaubensbrüder besitzen die geistigen Fähigkeiten und verfügen auch über die materiellen Mittel, um helfend einzugreifen, anderen mit gutem Beispiel, das Nachahmung wecken würde, voranzugehen. Ist es Bequemlichkeit oder ist es die Liebe zum Gelde, daß so wenige Beispiel sein und geben wollen? Man spricht so viel von der Erhaltung der Kleingemeinden als dem Reservoir des gesetzestreuen Judentums. Man spricht so viel von ihnen und tut so wenig für sie. Wer bringt diesen heiligen Gemeinden wirkliches Interesse entgegen, bewahrt sie vor ihrem Untergang? Es können und müssen Darlehnskassen für die großen, aber vor allen Dingen für diese Kleingemeinden geschaffen werden, damit neue Existenzen gegründet, alte, schwach und mürbe gewordene gestützt und erhalten werden. Wer verhilft heiratsfähigen Jünglingen und Jungfrauen zur großen Mizwah der Ehe? Wer opfert ihnen von seiner Zeit, von seinem Geld, stellt seine persönlichen Bekanntschaften in den Dienst solcher Liebestal? Der Einwand, die heutige Notlage läßt dieses nicht zu, darf nicht gellen, wenn wir sehen, daß für persönliche Zwecke, auch für teure Badereisen, viele, sehr viele über Barmittel verfügen. Ob wohl immer -der Maasser-Kassei ihr voller Anteil abgeführt, ob nicht manchesmal Geld, das den Anderen gehört, für eigene Zwecke in Anspruch genommen wird? Das Problem der Frühehe wurde, wie ich höre, auf der Kenessio Gedaulo in Wien angeschnitten. Soll es, darf es nur bei den Ideen bleiben? Müßten nicht unsere Großen und auch unsere Kleinen — ich habe nur die Verhältnisse in Deutschland im Auge — die Kraft und den Mut ansbringen, jeden Jehudi bei jeder Gelegenheit auf dieses wichtige, hochwichtige Problem hinzuweischr? Täten sie es, bei gutem Willen müssen sich auch Wege finden lassen, und ich denke hierbei an Ehetassen, an die kräftige Unterstützung schon bestehender und an die Einrichtung neuer Hachnossas Kalloh-Vereine. Ich habe aus vollem Herzen einiges niedergeschrieben. Mögen d sich in der Agudas Iisroel die Männer finden, die diese Ideen ausgreifen und in die Tat um- 7. August 1930 wandeln. Wenn wir einander helfen, dann wird uns auch G'tt seinen Beistand geben und wir werden vorwärts schreiten auf dem Wege zur Erfüllung unserer jüdischen Aufgabe, die so groß ist und so vieles umfaßt. Louis Adler-Braunsbach. Ein orthodox-jüdisches Zentrum in Ost-London. Es sind schon viele Versuche unternommen worden, um die tragische geistige Lage der Londoner Eastend- Judenheit, besonders der Jugend beiderlei Geschlechts. die im Londoner Ghetto lebt, zu erleichtern. Während der letzten Jahre haben die Reformer und die Liberalen große Anstrengungen gemacht, um die Seelen der Eastend-Massen zu erobern. Große „settlements“ sind errichtet worden, gut geleitete Elubs hat man geschaffen, G'ttesdienste, bei denen das Bekenntnis des Reformjudentums gepredigt wurde, eingerichtet und so bestand die Gefahr, daß das Herz des jüdischen London, das bisher doch im wesentlichen orthodox war, allmählich dem verwüstenden Einfluß des Reformjudentums anheimfiel. Andererseits haben auch die Missionäre ihre Tätigkeit nicht verringert. Ihre Institutionen, ihre Lesezimmer, Versammlungen und G'ttesdienste werden mit größerer Energie als je betrieben und obgleich der Erfolg glücklicherweise klein ist, ist ihr Einfluß doch im ganzen Eastend viel zu beträchtlich. Man suchte bisher vergeblich nach einer entsprechenden Anstrengung auf Seiten der Orthodoxie, um dieser Beeinflussung entgegenzutreten. Gewiß gibt es Talmud Thoras und ähnliche Institutionen für Kinde r. Aber die reifere Jugend wird sich selbst überlassen und verliert so ihren Halt, weil keine organisierte Anstrengung in ihrem Interesse unternommen wurde. Der junge Mann wächst ohne tiefere Kenntnis der Lehren des Judentums heran, er weiß nichts von den Schönheiten des jüdischen Lebens und der jüdischen Literatur. Roch weniger kümmert man sich um das junge Mädchen, das seinen Eltern entfremdet wird, weit es sie nicht versteht und auf diese Weise wächst in East-London eine Generation heran die keiner jüdischen Gemeinschaft zur Ehre gereichen wird. Das jetzt geschaffene „jüdische Zentrum" will sich bemühen, diesem Hebel in einem gewissen Grad abzuhelsen. Es soll ein Mittelpunkt jüdischen Lebens werden. Es enthält eine Synagoge, die Platz für 150 Männer und Frauen hat, und eine Gruppe Londoner Rabbiner wird abwechselnd an den Freitag-Abenden im Winter und Sabbat-Nachmittagen im Sommer englisch und jiddisch dort sprechen. Spezielle G'ttesdienste werden für die Jugend eingerichtet werden; literarische und soziale Abteilungen werden gebildet, bei welchen Vorlesungen, Arbeitsgemeinschaften und soziale Unternehmungen im Mittelpunkt stehen. Bei der Arbeit werden die orthodoxen Jugendvereinigungen in London tätig sein und zwar die Sinai-Liga, die Agudas Iisroel Jugendgruppe, die die Initiative ergriff, und der Verein Ben-Sackai in North-London. Für die Bajs Jaakauw-Mädchen wird eine Abendschule eingerichtet. Man hofft, daß das Londoner Bajs Jatow-Komitee und die Union jüdischer Frauen diese Abteilung in Verbindung mit der Internationalen Bajs Jakow-Bewegung unter ihre Protektion nehmen werden. Ein jüdisches Lesezimmer und eine jüdische Bibliothek wird im Gebäude eingerichtet, Zeitungen, besonders die jüdische Presse wird den jungen Leuten zugängig sein. Das „Jewish-Eentre" wird so das Hauptquartier der jüdischen Arbeit in London-East werden. Verschiedene jüdische Gesellschaften werden von den Räumen des Hauses Gebrauch machen. So wird eine fühlbare Lücke im jüdischen Leben Londons durch diese Institution ausgeführt werden. * * Das Haus, in dem das oben geschilderte Jewish Centre eingerichtet wird, ist auf besonderer Initiative von Mr. H. A. Goodman durch die Agudas Iisroel Ortsgruppe in London erworben worden. Aus der Bewegung. Berlin. Auf Grund der Initiative der seit kurzer Zeit reorganisierten A. Gruppe der Agudas Iisroel wurde kürzlich ein Verein irua mnö» gegründet. Das Gründungskommitee veranstaltete am Mittwoch, dem 23. Juli a. c. im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, Rosenstr. 2—4, eine Gründungsversammlung, in welcher Vorstandsmitglieder von 10—12 n’sma vn wie auch Vertreter verschiedener orthodox eingestellter Vereine anwesend waren. Die Versammlung wurde von Herrn Mendel Lieber eröffnet. Sodann wies Herr Stern auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit der von dem Verein übernommenen Arbeit hin. Er schilderte die traurige, geradezu katastrophale Lage, die auf diesem Gebiet herrsche. Nach verschiedenen Anträgen und Vorschlägen wurde ein aus 15 Personen bestehendes Kommitee zur Bearbeitung dieses Problems gebildet. Die erste Aufgabe, die sich das Kommitee gestellt hat, ist, sich vorerst -mit den: Rabbinat in Verbindung zu setzen, welches bei der Lösung dieser dringenden Aufgabe vor allem mithelfen muß. Das Kommitee hofft, daß sich die breiten Massen hierfür interessieren und die Arbeit fördern werden.

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