Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1930)
- Date
- 1930-08-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Nr. 32 Der Israelit 7. August 1930 Verputzes, wenn die Sonne das Ganze überglänzt, ein Farbcnspiel von fast südlicher Schönheit. Am Scheidepunkt, von dem mehrere Straßen nach rechts und links ausstrahlen, steht ein eigenartiges Denkmal. Einfach, primitiv und doch bedeutsam. Eigentlich nur ein Steinhaufen, aber von der Art der „zwölf Steine im Jordan, nacb den zwölf Stämmen Israels". Denn jede Stadt der deutschen Lande hat einen mehr oder weniger schönen Stein mit Aufschrift und Wappen dazu geliefert. So ist ein Städtedenkmal entstandeu, vieileicht in symbolischer Anspielung an den Namen des Mannes, der Deutschland die Städteverordnung gegeben hat. 'Es ist ein pazifistischer Steinhaufen und sollte wohl heißen: Hier sind alle Städte und alle Stämme in Frieden und Eintracht vereinigt. Hier, aus dieser Insel der Seligen schon . . . Und rechts von diesem Steinhaufen, in einem kleinen, schmalen Gäßchen, eine Ueberraschung für den Juden. Ein länglicher rotgelber Bau, der sich mit seinen schmalen, bunten Fenstern und sauberem Vorgärtchen so harmonisch und selbstverständlich in das Straßenbild einfügt, als hätte ihn der Schöpfer der Welt schon am ersten Tage, da er das feste Erdkrüstchen Norderney mitten in das große Meer warf, mitgeschaffen. Diese Synagoge hat bereits ihre fünzfigjährige Geschichte und ihre Tradition. Damals war noch Baron Willy von Rothschild hier zur Kur und andere mehr denn „fünf Frankfurter", und große Berliner und Hamburger und Breslauer, die dafür sorgten, daß bei den später entstandenen vortrefflichen Hotels am Platze die jüdischen Gäste auch geistig und religiös nicht unterernährt werden. So entstand dieses hübsche G'tteshaus mit 88 Männerplätzen und mit allen heiligen Utensilien, die zu einem G'tteshause gehören. Viele Mäntelchen und Decken tragen in Goldlettern auf rotem Samt bekannte Frankfurter Namen. Aus einem Anschläge im Vorraum erfährt man, daß Synagoge und Gemeinde heiliges Exterritorium unter dem Schutze eines Allerweltkuratoriums sind, in dem Frankfurt mit Jacob Besthoff gut vertreten ist. Die Synagoge ist nicht ein Denkmal nur, sondern sie führt ihr tägliches Leben. Morgens und abends ist G'ttesdienst. Am Freitag abend und Sabbat morgen ist sie bis auf den letzten Stehplatz voll gefüllt. Im Vorraume steht im Schranke sogar eine komplette Talmudausgabe, die auch benutzt wird. Von der ersten Lenzessonne wird der heilige Raum aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküßt und er erreicht mit den hohen Feiertagen, da die ansässigen fünf Norderneyer noch einmal für Minjang'ttesdienst sorgen, seinen Höhepunkt, um für ein halbes Jahr in den Winterschlaf überzugehen. Betreut wird diese Synagoge mit Liebe und Eifer von einem zuverlässigen, thorakundigen Manne, der zugleich als Vertrauensmann des Emdener Rabbinates seit drei Jahrzehnten schon hier Sommer für Sommer das Kaschruthwesen in unserem Hotel (Hoffmanns Hotel Falküberwacht und auch sonst alle religiösen Bedürfnisse der Kurgäste aufs Beste zu befriedigen weiß. Ein etwas herrischer Mann, mit dem sich in Dingen des Kultus und Ritus nicht spaßen läßt. In der Umsicht und Energie des Mannes liegt aber die größte Gewähr auch für die Aengstlichsten. Er steht auf exponiertem Posten, wie auf einem religiösen Leuchtturm im Meere, und muß auch danach gewürdigt werden. Im Hotel. In unserem Hotel wickelt sich ein buntes und im Ganzen jüdisches Leben ab. Am Sabbat waren auf der rund um das schöne Haus herum sich schlängelnden Veranda sämtliche Tische für gut zweihundert Personen gedeckt. Freitag abend brannten Sabbatlichter fast auf jedem Tische. Das Lied.„zur Begrüßung der Engel" umsummte manches Licht. Jeder Tisch eine Familie für sich, ein trautes Sabbatheim mit Licht, Lied und Liebe. Bor dem Tischgebet erhebt sich das Zionslied in drei verschiedenen Melodien, die ineinander kreuzen, und es mutet an wie ein Kampf zwischen Zionismus und Aguda in Tönen. Gebenscht wird aber gemeinsam . . .'Aus den Häuptern der Männer sitzen die Hüte, darunter bei manchen Dreiwochenbärte üppig wuchern. Es ist alles gut jüdisch. Natürlich auch die gute Sabbatkost. Der Apparat, von geschultem Personal bedient, funktioniert tadellos. Und der Hausherr, wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke, weiß mit geübtem Blicke und fester Hand das Schisflein so sicher durch die Fluten des Hochbetriebes an allen Klippen vorbei zu leiten, daß sich alles wie am Schnürchen abwickelt. Zur Führung eines Hotels, und gar eines jüdischen Hotels, gehören nicht allein Wissen und Technik, sondern auch Herz. Es ist längst ein dummes.— und böswilliges — Märchen, von der „Unfähigkeit jüdischer Wirte und Minderwertigkeit jüdischer Hotels" zu sprechen. Erstklassige jüdische Hotelbetriebe sieht man heute überall in Stadt und Kurort. Auch in Norderney darf sich kein Jude, und wäre er von Haus aus noch so verwöhnt, darauf berufen, daß er durch Komfortmängel im jüdischen Hotel gezwungen sei, in nichtjüdischen Häusern Logis zu nehmen. Das Strandleben. Selbstverständlich gibt es hier außer Synagoge, Hotel und „Schirhamaalaus" auch das, was man, die einen etwas lüstern, die anderen voll sittlicher Enrüstung, mit Strandleben bezeichnet. Wer aber Norderney einzig von der Perspektive der Badehose wertet, tut dem Bade Unrecht und verstößt gegen die Tatsachen. Phantastische Gewandung sieht man hier in Fülle, viel Geschmacklosigkeit, aber — auf der Straße wenigstens — wenig Anstößigkeit. Wenn ich morgens nach sieben den kleinen Weg in die Synagoge mache, tauchen aus allen Straßenecken Menschen auf, Frühaufsteher, in geblümten und gestreiften Schlafröcken, in weißen, dunklen und buntfarbigen Pyjamas, daß may sich mit einiger Phantasie ganz gut nach a p a n versetzt fühlen könnte. Die weißverzierten BalkoNe vor roten Mauern könnten P og o d a s sein, der Steinhaufen der Städte ein japanischer Götzenaltar. Eine braune Rasse, diese Japaner, und lieben es, sich in buntes, lang und formlos geschnittenes Zeug zu hüllen . . . Und die Worte, die sich Portiers, Scheuerfrauen, „Kulis" und „Rikschakutscher" von Pogoda zu Pogoda in schnarrenden unverständlichen .Rachenlauten zurufen, könnte ganz gut ein japanischer Dialekt sein. Europäer, die sich einzeln zwischendurch bewegen, stören das Bild ganz wesentlich . . . Und am Strande? . . . Wenn ich so gegen elfe vom Promenaden strande aus einen Blick rechts nach Norden werfe, dann hat sich das Bild schon gründlich geändert. Dann bin ich wie im Fluge von Japan in ein Jndianerland in einem noch unentdeckten Teile Amerikas hingelangt . . . Dieser Haufen menschlicher Nacktheit, der sich d.a auf einer verhältnismäßig kleinen Wasserfläche tummelt, hüpft, tanzt und sich aus- und ineinander wälzt! Karl May ist zwischen Urwald und Wasser wieder auferstanden! Siehe da, wie sie jetzt mit der Armbrust ausholen, sich im schäumenden Wasser aufeinanderstürzen, Pfeile, wohl vergiftete, gegeneinander schleudern! Und der Mann in der' knallroten Hose auf dem Podium, der unausgesetzt tutet und eine rote Fahne schwingt, dürfte der Häuptling sein, dem seine Mannen Beute samt Skalp zutragen. Was d i e heute wohl zu Mittag essen werden, könnte man begierig sein ... Alle haben sie nämlich kannibalischer? Hunger, behaupten sie, wenn sie aus dem Wasser kommen ... Leute, die a n gezogen sind, schämen sich, dahin zu gehen ... Das ist alles. Was sonst noch von den „Schrecken" des Strandlebens erzählt wird, ist Märchen, Meeresfabel. Und wer dieses Treiben nicht mag, bleibt eben auf der Strand Promenade oder geht ins geschlossene Herrenbad. Für eine bestimmte Kategorie gesetzter Menschen, zu der auch Schreiber dieses gehört, wird die Nordsee sogar „extra gewärmt" und in „Einzelkabinen serviert". Mehr kann man wahrlich nicht verlangen . . . Wer aber in Nachtstunden, wenn so gegen elfe die Lichter am Strande verlöschen und die Menschenstimmen verstummen, einsam auf dem Damme sitzt und besinnlich, mit Augen für die grandiose Unendlichkeit des Alls, in die schwarz kochenden Fluten sieht, hellhörig für die Stimme der Schöpfung vernimmt, wie „Abgrund zu Abgrund ruft":: wer solchermaßen in nächtlicher Stille dem gewaltigen Wunder Auge in Auge gegenüber steht, dem kommt ohnehin alles menschliche Gehaben und Getue so winzig, so klein, so komisch und so lächerlich vor, daß es auf das bißchen Narretei am Vormittag gar nicht mehr ankommt . . . „Wir bauen eine Burg . . ." , Das Schönste an Norderney sind seine Kinder. Norderney ist ein großes Kinderheim. Aus allen Ecken und Enden, aus allen Gassen und Gängen, in den Gärten und Vorhäfen und Spielplätzen, schreien, lachen, 'johlen, singen und jubilieren Kinder. Sie beherrschen die Straße, sie beherrschen den Strand, sie beherrschen mit Fahne, Ball, Schaufel und Eimer, mit Lärm und Lachen die Insel. Wer da klagt über Geburtenrückgang in Deutschland, der komme nach Norderney und werde eines Besseren belehrt. Schwarzgebrannt, in Eskimogewändern,. in Turngewändern oder gar keinen Gewändern kommen sie aus den vielen Kinderheimen und ziehen mit selbstverfertigten Fahnen, mit Sang und Klang durch die Straßen. Viele blasse, kränkliche Gesichtchen sind schon nach wenigen Tagen wie aus Kupfer. Auch jüdische Kinder aus dem Heime der Zionsloge, aus Privatheimen, so unter bewährter Leitung der Frankfurter Frau Golde, aus Schulen und Ferienkolonien sieht man frisch und froh und frei (von einem vierten „f", auf das die Kinder ein gewisses Ferienrecht haben, wollen wir hier höflicherweise schweigen . . .) sich am Strande tummeln, im Spiel mit Bällen und Wellen. Kinder, Kinder, überall Kinder? . . . Und zieht unsereiner einmal den Rock aus, um mit den Kleinen und Kleinsten hinter dem Balle herzukugeln, wird es ihm doch plötzlich ganz sonderbar frei und weit zumute. Kommt ihm doch mit dem Balle ein bald vergessenes Stück seiner eigenen Kindheit wieder zugeflogen . . . Schade nur, daß der Ball mit der Illusion ebenso rasch wieder fortrollt ... „Halt, der Onkel hat ja gar nichts gekonnt. Er muß noch^ einmal werfen! . . „Auf, Kinder! Her mit Hacke und Schaufel, wir wollen graben, wir wollen bauen. Wir bauen eine Burg. Haufen um Haufen. So, was eine herrliche Burg! Jetzt noch einen Wall davor, gegen Wind und Wetter nämlich. Und eine Grube mit einer Rinne, nein, einem Kanal bis zum Meer. Seht, wie sich die Grube durch den E3 Die großartigste Neuerung seit Erfindung des Gasherdes! Braten u. Grillen im eigenen Saft, ohne Begießen, öhneVorkenntnisse, im neuen SENKING - - Gasherd Mod. 1930 Rituelle und Sabbat-Vorschriften werden gern berücksichtigt > E. HAGE & Co. Am Eschenheimer Tor 3 Kanal mit weißem «schaumwasser füllt, weiß wie Schnee Herrlich!" Und nun rasch eine Fahne daraus. Meinetwegen schwarz-weiß-rot, meinetwegen mit dem Davidsstern. Was liegt daran? Der Teufel hole die Politik . . . Wer ist Brüning? Was soll die „Notverordnung" und die neugibeldete Staatspartei? Der Reichstag auseinander? Haben d i e aber schlecht gebaut! „Sammlung wozu?" hieß es mit großen Lettern in einer Ueberschrift der „Frankfurter Zeitung" vom Dienstag, die wir am Freitag erst erhielten. „Wozu?" fragen auch wir. Mehr als die Überschrift hat keiner von uns gelesen. Tuen sich was, die Menschen da draußen. Und sind doch, so wie hier, nur ein winzig Häuflein Nacktheit im großen, gewaltigen und endlosen Meere . . . In London haben sie einen neuen Chassidismus verkündet. Großartig! Chassidimtanz mit Orgelbegleitungl Schinken-Schirajim . . . Wir bauen weiter! ... „Vorsicht, die Flut!" „Sie niacht uns nichts, wirft unsere Burg nicht um." „Hierher, Kinder. Werde euch eine schöne Geschichte erzählen. Sie steht im Talmud und fiel mir eben gerade so ein: War da ein großer Kaiser in Rom, der meinte, er sei auch ein G'tt. Sprach zum Rabbi: „Möchte gar zu gerne euren G'tt, den G'tt Israels, kennen lernen und ihn an meiner Tafel bewirten." „Gut," schlug der Rabbi ein, „Er kommt aber nicht allein, kommt mit großem Gefolge, wo willst du sie alle setzen?" „Hier, am weiten Strande ist Platz für alle," bestimmte der Kaiser. Und nun kamen die Stranddiener in den blauen Jacken und roten Hosen, und die Kurdiener im gelben Rock, und all die Fischer und Matrosen mit den schönen Backen- und Rundbärten und stellten Tische auf, Tische vom Nordstrand bis zum Weststrand und noch weiter yinaus bis zum Hafen. Und durch die Sperre durfte jetzt keiner mehr, auch nicht mit Kurkarte. Und auf die Tische kamen Speisen und Getränke vom Besten, was das Kaiserhotel auf seiner Speisekarte hatte, frischgeräucherte Flundern und Wein und Sprudel und E i s ja Eis! Das alles für den G'tt Israels und seine Scharen. Und alle rdie badenden Menschen am Nord- und Weststrand versteckten sich im Busch, wie einst Adam und Eva im Paradies, und schämten sich, dieweil sie nichts an hatten und der liebe G'tt nahe war . . ." „Und??? . . ." „Und wie das alles fertig war, erhob sich ein Sturm, ganz wie am letzten Dienstag morgen, als alle Strandkörbe umfielen, und dieser fegte alle Tische mit Speis und Eis ins Meer und all dieses wurde von den Wellen fortgettagen. Ei, freuten sich die Möwen . . ." „Was ist das?" erschrak der große Kaiser von Rom. „Nichts besonderes," sagte der fromme Rabbi. „Cs waren nur die ersten Diener unseres lieben G'ttes, die sich ihren Teil holten, die anderen kommen-nach. Heißt es doch in den Psalmen: „Er macht zu seinem Boten die Winde, seine Diener sind Feuerflammen . . ." Nun wollte der Kaiser nicht mehr mitmachen, sagte auch nicht mehr, er sei ein G'tt ..." „Und weiter, weiter???" drängten die Kleinen. „Ja, die Geschichte geht wohl weiter, aber das versteht ihr, Kinder, noch nicht. So viele haben in allen Zeiten gebaut und gebaut, Tische gedeckt, als gälte es für G'tt und die Ewigkeit. Und sie bauten doch in Sand und in Wasser . . . Das werdet ihr alles erst später begreifen . . ." „Und nun, Kinder, auf, mit Schaufel und Spaten. Wir bauen weiter! . . ." ^ÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT AM MAIN LANGESTRASSE 7 TELEFON HANSA 25865 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE INSERATEN-AN- NAHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS - INSERATE DES »ISRAELIT« AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÖR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN, WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINALPREISEN*.ANNAHME VON DRUCKSACHEN (HANDEL, GESCHÄFTE, PRIVATE) FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLER. AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ- UND BUNTDRUCK