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Der Israelit · 1930-08-07 · Heft 32 (7.8.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 32 (7.8.1930)
Date
1930-08-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton Der Jsr aelit Dr. 32 193« Zwei Zaddikim als Maurer. Von 3. M. Blaustem. Der Netzer Zaddik, Reb Schulom, ließ in seiner Stadt eine Schul bauen. Er begnügte sich aber nicht mit der bloßen- Aufsicht, die er über Arbeit und Arbeiter hielt, sondern griff hie und da selber zu Lehm und Ziegeln und arbeitete wie jeder andere Tagelöhner. Eines Tages kam fein Bruder, Rebj Leibusch Rokeach s. A., seine Mutter besuchen, die in Belz bei- Reb Schulom lebte, um dts Gebot: „Ehre Vater und Mutter" zu erfüllen. Und zu seinem großen Erstaunen sah er seinen Bruder auf der Bauschicht zusammen mit den anderen Arbeitern . Er wandte sich zu ihm: „In der Gemoro heißt es doch: „Wenn einer in der Gemeinde eine hohe Stelle einnimmt, so darf er vor drei, .Wäschen keine grobe Arbeit ausüben. Reb Schulom, geh lieber in das Vet-Hamidrafch lernen: für die grobe Arbeit sind viele Menschen da, Zaddikim aber sind nur wenige auf der Welt." Reb Schulom stieg von der Bauschicht herunter; ging mit seinem Bruder in das Beth- Hamidrasch und erzählte ihm dort folgende Geschichte: „Als ich in der Stadt Skol lernte, gesellten sich zu mir zwei andere Bachurim und wir lernten alle drei zusammen. Eines Tages wurde uns vom Himmel ein großes Geheimnis offenbart: Wenn wir tausend Nächte hintereinander lernen würden, würde sich uns der Prophet Elijahu offenbaren und uns die verborgensten Rätsel der Thora lösen. Gewaltig groß war schon meine Sehnsucht nach der Offenbarung des Propheten seit dem ersten Sederabende, dem ich als dreijähriges Kind beiwohnte. Nün kam diese Verkündigung. Mit froher Lust und eiserner Kraft begannen wir zu lernen, aber groß ist die Macht des schlechten Triebes. Nach, der zweihu-nidertsten Nacht ermüdete der erste; seine Augen Mosten sich von selbst, und ein tiefer Schlaf überfiel ihn. Er bestand also nicht die Prüfung und trennte sich von uns. Wir setzten nun zu zweit das Lernen fort. Mutig und fröhlichen Herzens erreichten wir die achthundertste Nacht. Und da konnte man die große ,,Gewast des Scftans wahrnehmen., Recht hasten M Westen: ,,Jje.igiMer der Zaddik, desto grösier fein' schlechter Trieb"., Eine furchtbare Nacht war es für meinen Genossen. Er rang Mit, dem schlechten Trieb, unterlag ihm aber am.Ende. Seine Äugenlider schlossen sich von .selbst undso schlummerte mir auch der zweite unseres Bundes ein. Ich spannte alle meine Kräfte an, betete zum Schöpfer der Welt, er möge mir beistehen. Haben doch schon die Weisen gesagt: „G'tt führt den Menschen auf den Weg, auf dem er wandeln will." G'tt stand mir bei und ich erreichte die heißersehnte tausendste Nacht. In dtöM Nacht wandte die „Sitra Achra" ihre ganze Kraft an, um mich in ihre Schlinge zu fangen. Zuerst sielen mir die Augenlider zu, ich konnte sie nur schwer aufreißen. Eine unüberwinUiche Müdigkeit überfiel mich, meine Glieder erschlafften. Mein Willen aber, aus dem ffiunbe Elijahus die Thorageheimnisse zu vernehmen, war groß und erhaben. Ich riß meine Augen mit Gewaft auf, überwand doch die Müdigkeit und' schrie mit lau-, ter Stimme: „Wer die Thora lernt und sie nicht erfüllt, es wäre bester um ihn, er hätte nicht das Licht der Welt erblickt." Die „Klippa" wurde aber nicht des Kampfes müde. Sie griff zu allen Mitteln, um mich von der Thora fortzureißen. Sie ließ einen Surmwind entstehen, der mit Regen und Blitzen die Fensterscheiben des Veth-Hamrdrasch zerschlug. Da erkannte ich die Hand der - bösen „KKppa", weinte zu G'tst-gesegnet sei sein Name, ob der großen Macht des Satan. Ich lernte aber mit den letzten Kräften weiter. Aber der Wind ruhte nicht: riß mächtige Bäume samt den Wurzeln aus, zerstöüe die kleinen Häuschen der Bauern, riß zuletzt auch das Dach des Beth- Hamidrasch herunter.' Angst und Grausen packten mich, denn das heilige Haus schien zu zerfallet. Die Schechina aber verlieh mir eine unbesiegbare Kraft. Meine Stimme verschmolz mit dem heulenden Wind und fftea hinauf zu seiner Herrlichkeit. Unti bevor nachher Morgenstern vom Himmel verschwunden war, stand vor mir der Prophet Elijahu. Seine Augen strahlten wie das Licht, das G'tt für die Zaddikim aufbewahrt hat. ‘ Er setzte sich zu mir undlernte mit mir die Gesetze über den Schulbau. Wie die Harfe Dawids klang feine Stimnte. Eine unsagbare Wonne ergriff meinen ganzen Körper, und ich verstand die Worte der Weisen: „Eine Stunde auf jener Welt ist besser als das ganze Leben auf dieser Erde: aber noch teuerer ist eine Stunde der Reue 'und der guten Taten auf dieser Erde, als das ganze Leben auf jener Welst" .. Ich erhob meine Augen und "sah purpurne Wolken, die der aufgehenden Sonne voraneitten. Und die herrliche Gestalt des Propheten war verschwunden. In diesem Augenblick machte ich ein Gelübde, eine neue Schul zu bauen. „Nun, mein Bruder, soll ich bei diesem heiki-gen Bau nicht helfen?" Reb Leibusch seufzte tief auf und antwortete: „Ja, diese Arbeit darfst du ausüben, aber laste mich auch daran teilnehmen." Beide legten ihre Mäntel ab, zogen Arbeiterschürzen an und trugen auf ihren schwachen Schultern, die von dem Thoralernen geschwächt waren, den ganzen Tag den Arbeitern Lehm und Ziegel zu. Wörtchen des Lubliner Raw'). .ll'ivis r>n D3a mrnVatf ->voi dm ,' Daß o"a (Tribut) für heilige Dinge (mmh) entrichtet wird, zu dem man von keiner Behörde gezwungen wird, ist immer ein großes Wunder (03). * * * Leuten, die in der Inflationszeit ihre Spenden nach dem alten, längst entwerteten Kurse zahlen wollten, diente er mit dem Psalmworte: inxnxi vwn irwi pn iy^ n-miy. In ihren häuslichen Ausgaben wissen sie wohl, daß alles ein Vermögen koste, ihre Zdükoh lassen sie aber im alten'Betrage bestehen. M‘ ' | ••••' * >- * "' .. ' ■ Einem Spötter in Amerika, der ihn mit Rücksicht auf leine Sammelerfolge sagte,, er hätte lieber Kaufmann werden soffen, gab er schlagfertig zurück: viks3 pVur nov •ptoua -,3Vv»i- Sebulün kann sich freuen, wenn Jsachar zu Hause bleibt. Würde Jsachar mit seiner Intelligenz hinausgehen und Geschäfte machen, dann hätte Sebulun nichts zu lachen. . * * * ...... Der Rabbiner im kleinen Städtchen gleicht einem Nagel in der Wand. Hat er einen Kopf, so wird er leicht herausgeholt (in eine größere Gemeinde berufen). * * „Ich sagte oft meiner Rebbezin," scherzte Rabbi Schapiro launig, „Du beanspruchst Ehrungen, in der Gemeinde, recht so! Du denkst i3no -nn ncx- I ch aber weiß' doch, daß Du kein 33N nvrr bist, warum soll ich Dich sonderlich ehren?" ch * ' ch Die Söhne Korahs, sagt der Talmud, rufen aus der Erde: psn;ni n»8 immi hör rwn Warum;n und nicht «ns«? Wenn sich die Korachiden, die in jeder Gemeinde leben, selbst auf Moses und seine Thora berufen, lügen sie. Denn sie wollen damit nur sagen, *) Aus dem i-3i'n ovo zur Eröffnung der Lubliner Weltjeschiwoh von Samuel Nadler, Massora - Verlag Lodz. jmrnm daß di^'heutigen Rabbinen aus Eigenem zu der Lehre Mosis mancherlei zugefügt hätten. * * . * „Wozu Verbände und Organisationen gegen die Gesetzesübertreter?", fragte ein Klügler, „Genügt es nicht, wenn man im Gebete d-o'p^i an sie denkt?" „Denken die Anderen an uns, wenn sie D’p-nxn *>y beten?", war die Antwort Rabbi Schapiros. -I- -i- * Lutoslawski, der bekannte polnische Antisemit, sagte einmal im Sejm: Die Juden könnten Hunde abdecken, wenn sie über ihre ökonomische Lage klagen. „Da würden aber ihre Vertreter im Sejm protestieren", ries Rabbi Schapiro dazwischen. „Wessen Vertreter?" „Die-Vertreter der Hunde . . ." * * * Nur keine Halhheit. lnxpn smsi ino ooi> Entweder ganz hinan, oder gar nicht anrühren. * * * . Die Wahrheit ist ein Nagel. Je mehr und heftiger man aus sie einschlägt, um so tieftr dringt sie in die Masse.; Aus dem Reiche der See und Souue. Das große Wunder. „See und Sonne, Wellen und Wonne!" Mit diesem Reime lockt im Hafen zu Norddeich ein farbiges Riesenplakat des Norddeutschen Lloyd zur Dampferfahrt nach den Inseln der Nordsee und der Perle der Inseln, Norderney. Er hat sein Versprechen nur zur Hälfte gehalten, der gute Lloyd. An Wasser und Wellen hat es hier wahrlich keinen Mangel; was aber die Sonne und die Wonne betrifft! . . . Die Sonne hat sich im Juni und in der ersten Hälfte des Juli so angestrengt und verbraucht,'daß sie nun in Ferien gegangen ist. Und als wir hier landeten, mußten wir zu unserem Schmerze wahrnehmen, daß sie leider nicht an die Nordsee gegangen ist. Etwas anders steht es aber Mit der Wonne. Eine höchst individuelle Sache, gehört zum Jnnenressort unserer Verfassung. Wo sie von innen heraus quillt, ist sie wetterfest wie ein alter Schiffer und unabhängig von Sonne und Regen. Noch nie' habe ich das Psalmwort von den „mächtigen Stimmen der Wellenbrüche" so tief und innig empfunden wie am ersten Morgen, da ich die See in Flut und Wut sah, da bei strömendem Regen sich, vom Orkane gepeitscht, die Wellen haushoch erhoben und fchneeschlagend an den grauen Quadern des Dammes sich brachen, und es weit im Horizonte, wo Himmel und Wasser ineinander fließen, so aussah, als würde es zugleich von oben nach unten und von unten nach oben regnen ... , ,, sind,jetzt,mach kaum.>einex,Stunde.?,.Alte Verse treten ctus dem Dunkel meiner kleinen.Bibel,,, gleisen über die. Fluten, rollen mit o^n'Wellen ststd 'ststd rvärmes, rau*: schendes LebK:':„.Wüs ist dir, Meer, daß .hü fliehest? ." „Dü z erb rodelst mit Deister Macht das. Meer!" „Siehe,Mit meinem Drohrufe trockne ich oie Meeresfläche,,, äüs!" „Zurück, bis hierher kommst du und nicht weiter!" -Der Stärkst schweigt. 'Langsam, feine letzte ' Wut austobeäd;r zieht sich das Wässer -zärück.- 'Wodie Flüt vor»' hin noch kochte und zischte, als Wollte sie die Welt verschlingen, gehen wir auf trockenem, warmem, graugelbem, muschelnbesätem Sande. „Das ist die Ebbe", belehrt mich der barfüßige Mann in der roten Hose fachmännisch. Ein dummes, plattes Wort, wollte es mich bedünken, für ein Wunder der g'ttlichen Allmacht, das der Binnenländler zum ersten Male so erlebt, wie ein plötzlich aus Blindheit Genesender den ersten Sonnenaufgang erleben würde ... Die „Gemeinde" zu Norderney. Wer sich da Norderney als ein graues Pünktchen im Meere denkt, das mit denersten Herbstwinden sich von einem Paradiese in eine Teufelsinsel verwandelt, ist nicht wenig überrascht, bßi der Landung von säuberen, gut gepflegten und rot gepflasterten Straßen empfangen zu werden, durch die zwar der Pferdeomnibus aus Altväterzeiten gemütlich torkelt, die aber von schönen, modern ausgemachten Geschäftsauslagen flankiert sind. Das Jnseldorf zählt auch im Winter mehr als 5000 Einwohner, hat gute Schulen, Kirchen, Denkmäler und alle denkbaren Einrichtungen einer modernen Kultur und Unkultur. Selbstverständlich auch Kinos, Cafes und Varietees. Alle Häuser haben weiße Erker, Veranden und Balkone mit rotem oder gelbem Hintergrund und sind, wenn sie nicht gerade Hotels, Geschäfte oder Cafes sind, mindestens „Pensionen mit oder ohne Logis". Dieses Weiß-Rot-Gelb ergibt im Zusammenklang mit dem Backsteinpstaster und mit dem Blumenmuster des Veranda-

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