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Der Israelit · 1930-07-31 · Heft 31 (31.7.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 31 (31.7.1930)
Date
1930-07-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Jetiilleioii Beilage Der Jsr aelit Anker fremhem Himmel. Von Ilja Mai. - Deutsch von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. m-rr*-'* Ich habe hier einen guten Freund. Er heißt Amrum und stammt aus Jaryfchew. So hieß er in seinem Heimatstädtchen und so nennt er sich auch hier — in Brasilien. Von den wohlklingenden Namen wie Adolphe, Alfredo, Germano, Pedro, Bernardo, hat er sich nicht verlocken lassen,: sonhern blieb der schlichte, einfache Amrum. Amrum' mar in seinem früheren HeiMatsort eine- Zeitlang 'in einer Branntweinbrennerei beschäftigt. Dann besaß er eine Milch- und Butterhandlung und lebte in auskömmlichen Verhältnissen. Sein Daseinskampf mar nicht leicht. Morgen für Morgen mußte er aufstehen, „wenn der-liebe G'ttnÄch schlief", bei Regen und Stürm. Dafür aber hatte er sein Haus, feinen füllen, warmen Winkel. Später . . . später mußte er die Heimat verlassen, um unter fremdem Himmel Brot und Glück zu suchen. Hier in Brasilien hat er einen kleinen Laden, in dem er neue und alte Schirme feilbietet und Reparaturen ausführt. Dieses nicht gerade sehr schwere Handwerk konnte er in einer verhältnismäßig kurzen Zeit erlernen. Ich möchte noch nachträglich bemerken, daß der arme Awrum nur ein Auge hat. Er erzählt,' eine Zigeunerin habe ihn als Kind mit ihrem bösen Blick angeschaut und dadurch einen Star in sein rechtes Auge hineingehext. Wenn Awrum einen Damenschirm, dem feine Düfte entströmten, repariert hat, spannt er ihn aus und stellt ihn auf den Fußboden. Dann geht er einige Schritte zur Seite und betrachtet ihn — als Künstler — aus der „Ferne". „Finden Sie nicht auch, daß er wunderschön geworden ist?":ifragt er dann selbstbewußt. Wo läge auch ein solcher Schirm jetzt, wenn ihn Awrum ihn nicht repariert hätte? Sicher doch irgendwo unter altem Gerümpel. Awrum hatte früher keinen Schimmer von Regen- und- Sonnenschirmen. In dem Städtchen IarhschM uM//ein SchitM säst Mbekannt.Mür derÜNäöÄner'hätte eiiM Regenschirm/ der über memufMsiüsint ttmrö&n Der Schirm existierte geMMMHM'Us'-Syck'bol.-Wüf'irAendeme Weise MUß , dock) der D'and' eines'-MAlschen tzekennzefchnrk'-seittr/'Dek Soldät hät W ' Gewehr, brr Lanhfäger'1 West' Säbel 'und:; 8er'1 Rabbiner1 -4eiNen Schirm. 'Regnete es -in Jaryfchew, sahen die Leute zu Hause: das Geschäft konnte warten, es lief nicht fort. War es heiß, na, dann gingen sie auf die Schattenseite. Für die Bürger dieses Städtchens brauchte eiNj.Schixm ,Liberhaupt picht zu existieren./., * ' ' Uebrigens hat Awrum eine sehr unangenehme Erinnerung - ckn eine Geschichte!/ in - der - -gerade der Schirm des RabbinersihNü-arg mitgespielt hatte. Eines Sonntags, so, wie lange ist es schon her!) war zu Awrums Vater der Drtsrabbiner gekommen. Awrum war damalsinoch ein kleiner Junge, der erst angefangen hatte, die jüdische Schule zu besuchen. Den Knaben interessierte weniger der Rabbiner als dessen Schirm — dieses Meisterwerk. Wie, wenn 'er ein Stäbchen herausbräche und eine prächtige Wage herstellte, um damit im Laden spielen zu können! Er tats. Doch spater . . . Ich will es unterlassen, den Verdruß des Rabbiners zu schildern. Dieser gütige Mann zeigte für die Tat des Kindes Verständnis. Aber Awrums Vater war anderer Ansicht. Er verabreichte dem Söhnchen eine tüchtige Tracht Prügel. Was der Knabe öä angestellt hatte, war in den Augen 1 des Vaters eine nichtswürdige Handlung. Wenn es noch ein einfacher Schirm gewesen wäre, -aber der Schirm des Rabbiners, — unerhört. Diese Prügel hat Awrum heute noch nicht vergessen. Ach, das Leben hat dem armen Awrum doch arg zugesetzt. Jetzt muß er in Brasilien ausgerechnet Schirme reparieren. Es liegt, also auf der Hand, daß der Schirm des Rabbiners sich gerächt hat. ' Ich unterhalte mich gerne mit Awrum. Unsere Gespräche sind — Erinnerungen. Gewöhnlich gehe Ich zu ihm in den Laden an Regentagen. Wenn wir von vergangenen Zeiten sprechen, verbreitet sich in dem halbdunklen Raum eine ganz, sonderbare Stimmung. Vor kurzem suchte ich Awrum wieder einmal auf undn sprach mit ihm von der Heimat. Plötzlich sagte er wehmütig: „Schön ist es doch in dem Städtchen gewesen. Hatte ich Hunger, schnitt ich mir ein Stück vom guten schwarzen. Soldatenbrot ab,, streute Salz darüber und fügte noch etwas Knoblauch hinzu. Wie gut schmeckte das. Und die Kartoffeln! So groß wie eine Faust. Hier sind sie eine Seltenheit und werden als ganz besondere Frucht m den Schaufenstern ausgestellt. Doch bei uns! In meinem Keller hatte -ich viele Zentner liegen. Aber nicht nur Kartoffeln. Jeden Herbst kaufte ich zentnerweise Aepfel, Reinetten. Das waren Aepfel! Ich schüttete sie auf den mit Stroh ausgelegten Boden und lieh sie überwintern. Welch ein Duft strömte da aus dem Keller einem entgegen! Wie aus dem schönsten Garten. Reinetten, Königsäpfel! ..." Ich schwieg, denn auch ich war, gleich ihm, in einer ganz besonderen Stimmung. Rach einer Weile schaute ich ihn an und sagte, um ihn auf andere. Gedanken zu bringen: „Sie haben heute viele rote Stoppelhaare im Gesicht. Weshalb rasieren Sie sich nicht, Awrum? Die Kundinnen, die Ihren Laden betreten, sehen doch sicher nicht gern eine solche Fratze." „Was soll denn das heißen? Ich erlaube mir zu bemerken, daß ich keine Fratze habe, sondern ein Gesicht . . . Jawohl! . . . Ich erzähle Ihnen von Reinetten, und Sie kümmern sich um meinen Bart!" --/Awrum ist-beleidigt und schweigt. Er ist in Gedanken--zu- Hause — - in Jaryfchew, Er stellt sich,vor, wie er. -nach einery. regnerischen Herbsttage, an dem der Jahrmarkt abgehalten wurde, nach Hause gekommen war. In den Zimmern war £Sr wgM.-uA gemütlich. Seine.iDrau hatte ein schmackhaftes'NachtesM' zuberenet' Md ein Schnäpschen Kirschwasser auf den Tisch gestellt, das das Blut erwärmte und die Sorgen verscheuchte. Die Petroleumlampe erleuchtete dos Zimmer. Und wenn es Zeit wurde, das Abendgebet,zu verrichten, stand er auf und ging in die Ecke, um sich zum Ewigen emporzuschwingen. Die kleinen Plackereien des Alltags waren dann gemildert und erträglicher. . . Auch hier in Brasilien:- ist Awrum .feinem alten jüdischen G'tte treu geblieben. Er betet zweimal täglich — morgens und abends. Er bittet den Ewigen, , ihn, den kleinen Wurm auf dieser großen Erde, nicht zu veroessen. Er habe doch eine Familie, die er ernähren müsse. O, wenn der liebe G'tt nur häufiger regnen ließe. Er würde dann alle feine Schirme verkaufen können! Die Schirme! Sie verfolgen ihn selbst in!. seinen, Träumen ... Awrum stellt sich vor, G'tt, der Allmächtige, sitze dort oben „im siebenen Himmel" auf seinem Throne und vor ihm liege ein großes, dickes Buch Br 31 1930 — das Buch des Gerichts. .In diesem Buche sei sein Name vermerkt, und es seien alle seine Taten .! auf Erden, die guten und die bösen, darin ausgezeichnet. Und wenn er einst vor das Antlitz des Höchsten treten werde, werde er nichts verbergen können, denn die Engel würden das schwere Buch aufschlagen und seine Taten verlesen. Und alle die.se Taten würden dann auf der Wage der Gerechtigkeit abgewogen . . .! „Awrum, wollen Sie nicht nach Hause reisen, in die Heimat? . . ." suche ich ihn aus seinen Träumen zu erwecken. „Ich werde reisen . . . Hier werde ich nicht sterben . . . Dort, zu Hause stehen die Gräber meiner Lieben. Dort ruhen meine Eltern, mein Großvater und Meine Brüder ..." Awrum versinkt wieder in Schweigen. Ihm fehlen die Worte, um seine Gefühle ausdrücken zu.können. Lin Sendschreiben des Sabbaks. Rabbi Abraham eben Esra führte eine Korrespondenz mit dem Sabbat. Der. Brief war zum ersten Mal im „Schulchan Aruch" des Rabbi Jizchak Luria abgedruckt. Die Vorgeschichte dieses Briefes beschreibt R. Abraham eben Esra folgendermaßen: Im Jahre 4919, am 14. des Monats Teweth, — es war an einem Freitag — war ich Abraham eben Esra in einer Stadt auf einer Insel, die man das Ende der Erde nannte. Ich schlief in der "Nacht zu Sabbat sehr gut und sah im Traume einen Engel in Menschengestalt. Er hielt mir einen Brief vor Augen und sagte, das sei der Br iefSabbats, für mich bestimmt, und ich sollte ihn an mich nehmen. Ich neigte mich mit tiefem Dank gegen G'tt für diese Ehre und nahm den Brief mit beiden Händen entgegen. Ein seltsamer himmlischer Duft strömte der Brief aus und übertrug sich auf meine Hände, sobald sie mit ihm in Berührung kamen. Die ersten Zeilen drangen wie Balsam in mein Gemüt; Worte waren es, süß wie Honig. Die letzten Zeilen brachten mich aber in größte Erregung, mein Herz klopfte heftig und es schmerzte mich tief in die Seele. Was habe ich denn gesündigt, was habe ich Unrechtes getan, daß mir Sabbat einen solchen Brief schickt? Bin ich mir doch keiner Schuld gegen den Sabbat bewußt. Von Kindheit auf,, seitdem ich G'tt und seine Gebote zü erkennen Helerrst habe, liebte ich den Sabbat. Lange bevor noch der Sabbat' kommt, sehe'- und gehe ich ihm mit jübelndem Herzen entgegen' und begleite'ihn, wenn/^r geht, Mit Gesang Waus. Wo hat Sabbat ünter seinM' Knechten noch so eisten treuen Freund und Menet - wie Mich? Warum lätfo dieser Brief mnd diese Vorwürfe? Darauf antwortete der himmlische Bote: „Hatte doch Sabbat gehört, daß deine Jünger gestern Bücher in dein Haus brachten, die die heilige Lehre auslegen. Und darin wird gesagt,, daß die Freitagnacht nicht zum Sabbat gehöre, daß man sie durch Arbeit und werktätiges Tun uyd Denken entweihen dürfe. Darum läßt dich Sabbat mit diesem Briefe,.bitten, haß du deine Lenden gürtest und . den heiligen Krieg erklärst all denen, die den Sabbat mindern wollen, und du-dich vor keinem scheust." Da erwachte ich voller Angst und Schrecken, stand rasch aus, warf mich in meine Kleider und wusch die, Hände. Dann trug ich alle Bücher, die mir Freitag ins Haus gekommen waren, ans Fenster ins Mondlicht, und wie erschrak ich nun, als mir da die Erklärung zu dem Schriftsätze: „Und es ward Abend und es ward Morgen,' e i n Tag". Da hieß es, es sei dieses der. Morgen des zweiten Tages gemeint,, so, daß der Tag mit dem Morgengrauen beginne und mit dem Sonnen-

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