Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 31 Der Israelit 31. Juli 1930 Die Konsequenzen der Reichstags-Auflösung. Wir sind es nachgerade schon gewohnt, daß sich innere politische Umwälzungen in Deutschland irgendwie gegen uns auswirken. Die 2Lu flösung des Reichstages und der bevorstehende W a h lk a m p f stellen uns Juden, nicht zuletzt die orthodoxe Judenheit, vor neue Probleme, Sorgen und — neue Gefahren. Das Beispiel in Thüringen und in Sachsen, das Beispiel der letzten Kommunalwahlen ist für uns nicht sehr ermutigend, und von der Zusammensetzung des neuen Reichstages hängen Fragen auch intern jüdischer und religiöser Naur ab, die den. gesetzestreuen Juden am meisten angehen. Es gibt exakte Rechner und Weissager, die nach der thüringischen und sächsischen Grundzisfer die Zahl der Nationalsozialisten in der neuen Legislative einfach mit 3 multiplizieren. So glatt gehen aber politische Rechnungen nie auf. Ueberraschungen nach anderer Richtung wären ebenso möglich Aber immerhin, wer wollte den Ernst der Lage für uns leugnen? Die Lage war schon ernst vor dieser Zuspitzung, die Atmosphäre wird in der Hitze des Wahlkampfes gewiß nicht entgiftet werden. Das bedeutet, daß wir uns jetzt schon zu den neuen Dingen zu stellen haben. Wenn auch unser politischer Einfluß nicht gar so schwer ins Gewicht fällt, so ist es Gebot der Nützlichkeit und der Selbstachtung, daß wir bei den Wahlen denen helfen, die sich als unsere Freunde und Helfer, bewährt haben, die auf gleicher Linie mit uns für Menschenrecht, Versöhnung und Weltfrieden arbeiten. Diese Linie bedingt unsere Stellung und Einstellung zu der einen und der anderen der Parteien, die bis dahin, und wahrscheinlich auch später noch, die Räder des politischen Lebens in Deutschland treiben. Ganz scheiden aus dem Bereiche unserer Betrachtung die extreme Rechte und die ä u ß e r st e Linke aus. Erstere, weil sie die Partei des ausgesprochenen Judenhasses ist, letztere, weil auf ein destruktives Programm eingeschworen, das wir als Staatsbürger und religiöse Menschen, denen die alten Werte und die bestehende Ordnung heilig sind, meiden müssen. Einen Schritt rechts von den Nationalsozialisten sitzt die bis dahin starke und einflußreiche, an das Regieren gewöhnte d e u t s ch n a t i o - n a l e V o l k s p a r t e i. Daß heute auch diese, wie dje extreme Rechte, aus dem Bereiche, unserer Erwägungen ausgeschaltet bleiben muß, liegt nicht in der Natur der Sache und nicht im Wesen nationaler Weltanschauung begründet. Die deutschnationale Volkspartei hatte das Erbe der Konservativen der wilhelminischen Zeit übernommen, hat es aber nicht wenig nach der antisemitischen Seite äusgebaut. Das alles aber nicht aus wesentlichen, nicht aus seelischen Notwendigkeiten, sondern mehr aus taktischen Gründen. Judentum und politisch konservativer Sinn sind keine Gegensätze, gehören sogar unter gegebenen Voraussetzungen zueinander. In. England, wo ein reifer, an der Parteischablone nicht sklavisch hängender, vielmehr auf das Wohl des Staatsganzen bedachter Parlamentarismus herrscht, sind die Juden zumeist in den Reihen der Konservativen zu finden. Ihrer viele haben sich hier als große Führer bewährt. Die jüdische Masse ist bürgerlich, staatserhaltend, scheut gefühlsmäßig und aus Erfahrung gewaltsame Umwälzungen, ist mit einem Worte konservativ. Warum es in Deutschland nicht so sein kann? Das liegt an historischen Zusammenhängen, die im Einzelnen hier nicht erörtert werden können. Man müßte schon auf die Entwicklungen in der Bismarck'schen und nachbismarck'fchen Zeit zurückgreifen. Der Konservativismus in Deutschland war einmal, in der Epoche der Reichsgründung, da er in den freiheitlichen Elementen eine Staatsgefahr sah, gleichbedeutend mit Reaktion. Man mußte ihm die primitivsten Volksrechte Schritt für Schritt abringen. Zum zweiten kam es daher, daß damals die neue Zeit in Deutschland nur e i n e n Teil des deutschen Judentums politisch reif und vorbereitet fand, den liberalen Teil. Die religiös gesinnten Kreise und deren Führer hatten den neuen Staat noch nicht recht zur Kenntnis genommen. Die deutsche Judenheit hatte keinen Disraeli für die deutsche Politik einzusetzen. Es waren nur ein Paar extrem liberale Juden, die bereits außerhalb alles Religiösen standen, die, nach Meinung Bismarcks, die jüdische liberale Politik machten. Sein ganzer Zorn richtete sich gegen diese paar Juden, die im Reichstag zwar nicht Ars Judentum vertraten, aber als einzige Juden im Parlamente, für damalige Begriffe, radikal liberal eingestellt waren. Der Konservativismus von Bismarcks Gnaden sah seitdem im Judentum wie im Liberalismus seinen Erzfeind. So wurde die konservative Partei in Deutschland in der Folge zu dem, was sie ihrer Natur nach nicht hätte sein dürfen, zu einem Tummelplatz aller Elemente, die aus irgendeinem Grund den Judenhaß auf ihren Schild schrieben. Eine andere' Plattform, ein anderes Sammelbecken für wilde nationale Leidenschaften gab es damals rechts der Konservativen noch nicht. Man hätte in 40 Jahren Zeit gehabt, umzulernen. Es fehlte auch nicht an Bestrebungen. Man erinnert sich an eine Bewegung unter G r a b o w s k i, die Jude! für die Mitarbeit in der konservativen Partei zu ,gewinnen, man erinnert sich, wie diese Vemühun- 'gen an dem sogenannten Tivoliprogramme, d. h. an von außen in das konservative Programm hineingetragenen fremden Elementen, die mit der konservativen Ideologie gar. nichts zu tun haben, scheiterten. Also lag es nicht an uns. Und heute? In der Metamorphose von den „Konservativen" zu den „Deutschnationalen" gelangte die Partei bis zu Hugenberg. Hugenberg bedeutet eine Ueberspitzung gerade d e r Bestandteile des konservativen Programmes, die nicht zu ihm gehören. Hugenberg steht mit feinen Trabanten Hitler so bedenklich nahe, daß sie sich bei Gelegenheit brüderlich die Hand reichen können. Indes hat sich nun eine starke Gruppe von der Partei losgelöst, die treue Walterin auch der guten Geister der alten Konservativen werden könnte. Die Distanz zwischen Westarp und Hugenberg ist ungleich weiter, als diezwischen diesem und Hitler. Das hat sich auch bei den letzten traurigen Vorgängen in der Sterbestunde des Reichstages gezeigt. Westarp trat aus der Partei aus, weil er ihr Falschspiel nicht mitmachen wollte, seine Freunde zunächst aus der Fraktion. Hier an diesem Punkte könnte eine neue Möglichkeit erblühen. Es könnte das der Ansatz sein für eine Partei, die unter irgend einem 'Namen die konservativen Grundsätze in Weltanschauung und Politik hütet, ohne in den Haßgesang der bisherigen Deuschnationalen einzustimmen. . Wir müssen abwarten. Nicht viel mehr innere Geschlossenheit weist die Deutsche Volkspartei links von den Deutschnationalen auf. Die Deutsche Volkspartei ist der neue Name für die früheren Nationalliberalen, in der auch viele Juden, und gewiß nicht die schlechtesten,' eifrig und tapfer mitarbeiteten. Es gab sogar eine Zeit, wo für manche religiösen Juden die Nationalliberalen mit ihrem bei allem Liberalismus durchaus positiven Programm etwas besonders Bestechendes hatten. Die Dinge haben sich stark geändert. Wir sehen die Deutsche Dolkspartei in Thüringen und Sachsen und anderswo, nicht zuletzt auch im Reiche, im Schlepptau der Deutschnationalen. Männer wie Kar - d o r f f, die den Mut haben, im Reichstage den thüringischen Gesinnungsgenossen ein Wacheaus! zuzurufen, stehen leider vereinzelt in der PaRei. Dominierend sind die anderen, die über den linken Flügel der Deutschnaionalen hinweg sich mindestens zur Mitte dieser Partes, wenn nicht gar zu Hugenberg, finden. Man wird heute keinem Vom g'ttlichen Zorn. Die nmrr Klage Iirmejahus schließt mit den Worten dem einfachen Wortsinne nach: riss? uno«» o«a o« tu» -o'i>3?„Denn Du hast uns doppelt verschmäht. Du zürnst über uns gar sehr." Das wäre kein harmonischer Abschluß und bei den Propheten sonst, die ihre Strafreden in Trostverheißungen ausschwingen ließen, nicht üblich. Wir helfen uns dadurch, daß wir den vorhergehenden Satz i32'L?o noch einmal wiederholen und uns so künstlich einen schönen Abschluß sichern. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Prophet Jirmejahu uns den letzten Trostschluß versagt hat. Oder doch nicht? - Unter den verschiedenen Synonymen für den Begriff „Zorn" heben sich die drei asr »t|Xj? »nnvi scharf voneinander ab. riv'n ist ein innerer, brennender Zorn, wie schon das Wort, von an. Glut, abgeleitet, besagt. Es ist ein innerer, oft machtloser Zorn, der im Herzen frißt, ohne sich offen austoben zu können. *]Xj? dagegen ist recht eigentlich Schaum, bezeichnet eine schäumende Wut, die sich explosiv nach außen entlädt, um aber dann auch schon zu verfliegen und zu verschwinden. Nur in seltenen und besonders schweren Fällen schasst die Entladung keine Luft, wie bei König Ahasveros, von dem es heißt qisp'i, er schäumte vor Wut, und dennoch 17 ms?a in»ni. saß der Glutzorn noch in ihm. oz?r dürfte wohl die mildeste Art von Zorn ausdrücken, eine Unzufriedenheit über etwas, die mit Haß oder Abneigung nichts zu tun hat. Der innere, der Oeffentlichkeit sich verbergende Zorn, ist bei '"VN, dessen Spiegelbild die Wahrheit ist, nicht angebracht. Er spricht auch darum von sich prr nvm „Innerer Zorn ist nicht bei mir", yLpdagegen ist bei Ihm denkbar, wenn der Zornausbruch im Plane seiner Ergiehungswaltung liegt. Seinen nyi zieht sich die Welt und die Menschheit gar oft zu. Er hat täglich Grund, mit den Geschöpfen seiner Liebe, die seinem Weltenplan entgegenarbeiten, unzufrieden zu sein ov Soa d3?it m Als Bileam, so erzählt der Talmud, sich anschickte, Israel zu fluchen und den Moment erfassen wollte, da G'tt seinem Volke zürne, in diesen Tagen zeigte G'tt nicht einmal die leise st e Unzufriedenheit mit Israel. Darum klagt Bileam resigniert: '7 os?r rri? oyn* n». Bei dieser Definition der Ausdrucksformen für Zorn stellt sich der Schlußsatz in in der Tat schon als Trostverheißung dar? Er ist folgendermaßen zu verstehen Iwvrr» vrr» orr '2. wenn es auch so scheint, als hättest du uns einmal und noch einmal verschmäht, so ist es doch nicht richtiger Zorn oder Abneigung, sondern irw iy u'i'y nvxp, es ist nur aufsch öumender Zorn, der nach außen ausbricht, um zu verfliegen und zu verschwinden. Der Rest ist Erbarmen und Erlösung. Und wir dürfen in einer ganz logischen Jdeenassoziation dabei auf das vorhergehende Wort zurückgreifen: •naiiwY tVn "t na'ffn Kleines Feuilleton. XL' ]'T7nio^oa bv rrnnn rr>n nso o’s» (X'^KB'X) NX'L'IIÄ 1"3X 121V V.112X (Hermon- Verlag Frankfurt a. M.) Die Vorzüge von Meiri's einen Kommentar zum ganzen Talmud umfassenden Hauptwerk m’nan /vn sind bekannt. Die streng methodische, vom Allgemeinen zunr Besonderen fortschreitende Behandlung der talmudischen Themata, die lichtvollen Lösungen schwieriger Einzelstellen, die systematische Darstellung der mpvion mv'v und nicht zuletzt der klare elegante Stil räumt Meiri's Werk eine besondere Stellung in der o'3ie?«7-Literatur ein. — Leider ist der nmnsn ms bisher nur teilweise im Druck erschienen. Um so freudiger wird man es begrüßen, daß durch die vorliegende Publikation der oft ausgesprochene Wunsch nach dem ganzen Werk der Verwirklichung um ein gutes Stück nähergerückt ist. Der Görzer Oberrabbiner A. Schreiber, hat nach der einzigen vollständigen in der Bibliothek in Parma befindlichen Handschrift des ni’nan ma den Kommentar zu 'on veröffentlicht und mit kurzen fortlaufenden Noten versehen. Während der Kontext den unveränderten Abdruck des Originals darbietet, bringen die Noten neben genauen, sehr sorgfältig bearbeiteten Quellennachweisen die Feststellung des richtigen Textes, bei der der Herausgeber alle nur wünschenswerte Behutsamkeit hat walten lassen. Daneben ist aber in den Noten eine reiche Fülle von kurzen, aber inhaltsreichen Bemerkungen verarbeitet, welche die überragende Bedeutung von Meiri's Werk erst ins rechte Licht rücken. Nicht nur die besondere Auffassung einer Talmudstelle durch Meiri, auch ein: