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Der Israelit · 1930-07-24 · Heft 30 (24.7.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 30 (24.7.1930)
Date
1930-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jtnilkton Hül Reb Muschke Satz, der doppelte Millionär. - Von Jakob Simon. ' (Schluß.) Vorsichtig, aber in höchster Erregung, entfernte man die großen Siegel und' entnahm dem Kuvert ein Schreiben mit eingeprägtem Stempel, auf welchem in Maschinenschrift für Chaimke nicht zu entziffernde Worte standen, und da man feststellte, daß dieser Brief in englischer Sprache geschrieben war, so gab es G'tt sei Dank noch in M. einen Ausweg, den Inhalt zu erfahren, denn „Boruch, der Fleischer" war in jungen Jahren einst in Amerika gewesen, allwo er sein Handwerk erlernte, so daß er nun noch einiges aus der englischen Sprache kannte. Vis Boruch, der Fleischer, erschien, war inzwischen das ganze Städtchen zusammßngelaufen,, um ebenfalls die wichtige Neuigkeit aus dem großen versiegelten Brief zu erfahren, und unter großer Spannung aller las Boruch vor: „Ich habe Ihnen die Mitteilung zu machen, daß Herr Moritz Katz, wohnhaft zu Newyork, 676. Str., am 2. Januar gestorben ist. Als Testamentsvollstrecker mache ich Ihnen hiervon Mitteilungals nächstem Angehörigen. Hochachtungsvoll Brookers, Advokat." Hätte eine Bombe mitten ins Städtchen eingeschlagen, sie hätte gewiß auch keine andere Wirkung gehabt, als dieses Schreiben auf die Masse der Zuhörer hatte. Von Chaimke und- Chane hörte man nur einen lauten Schrei, dann stob die Masse auseinander, um diese gewaltige Neuigkeit erst zu verdauen. Und diese Nachricht bildete während der Zeit, wo die Familie' „Schiwe" saß, das Tagesgespräch des. Städtel, denn nicht nur der Tod des großen Millionärs Mäufchte Katz war wichtig, nein, noch wichtiger war die Tatsache, daß nunmehr seitens der gesamten Familie das große Erbe angetreten werden muhte, und was war davon die natürliche Folge? Die Folge war, daß es in ganzen Gegend keine größeren Gewirim (reiche Leute) gebe, als die ganze Familie Katz mit allem, was dazu gehörte. Kaufleute rechneten schon genau aus, wieviel hunderttausend Dollar auf jeden einzelnen der Familie käme und welchen Kredit man jedem Mitglied der Familie einräumen ckönne. Welches Glück würde über das ganze Städtel nun-kommen, tvenn "erst die amerikanischen Millionen nach M. wandern würden. Eine Kleinigkeit! Mil- Wnen Dollaren, wer hätte in der ganzen Gegend an em; so großes' „Massel" jemals gedacht. Und als die Familie „Schiwe" abgeseffen hatte, begann ein großer Handel, denn jeder Kaufmann riß sich darum, daß nur jeder -einzelne der „Katzenfamilie" bei ihm kaufen sollte, ganz abgesehen von dem Kredit, den man in Anspruch nahm, denn die Wechsel waren alle gut, man brauchte sie erst gar nicht zur Bank zu geben, man konnte sie ganz ruhig zu Hause liegen lassen und konnte dabei ganz ruhig schlafen. Was tut man aber, wenn man in Amerika eine große Erbschaft anzutreten hat und in M. in Litauen sitzt? Man muß natürlich nach Amerika fahren, .um darauf zu achten, daß von den Millionen nicht eine verschwindet, so dachte man schon seit einiger Zeit in der Familie^ Katz, und kein Wunder, daß sich innerhalb der Katzenfamilie ein arger Zwist darüber entspann,, wer nun eigentlich nach Amerika fahren solle, um für alle die Millionen nach M. zu bringen. Keinef traute dem andern, jeder glaubte im stillen, daß es immerhin möglich wäre, daß er zum mindesten um einige Tausend Dollgr übervorteilt werden könnte. Und abgesehen davon, daß derjenige, der für alle diese Reise unternehme!: würde, auch eine anständige Rechnung aufmachen würde, hätte er doch nebenbei das Vergnügen einer Reife nach Amerika gratis und franko auf Kosten der anderen. Warum also, sollte Chaimke für Jankels koscheres Geld oder Boruch für Meierkes, echte Dollaren fahren, und nachdem man sich in genügender Weise über dieses Problem herumgestritten hatte, wurde endlich eine Einigung darüber in der Weife erzielt, daß d-rei Frauen, Schwestern und Schwägerinnen, allein nach Amerika fahren sollten, um die Millionen von Dollaren nach Litauen überzuführen. Acht Tage später saßen Chane, die Dicke, Ssörke, des Bäckers Weib, und Riwke Jochelsohn, die achte Schwester, auf dem Dampfer und fuhren n. Kl. mit allen guten Wünschen der Familie bewaffnet, nach Newyork. Es war ein erhebender Moment, als die drei Mitglieder der Familie Katz im Büro des Advokaten in Newyork erschienen, um ihre Erbansprüche geltend zu machen. Chane lebte bereits in dem Gedanken, gar nicht mehr nach M. zurückzufahren, denn, . was heißt Newyork, wenn man Millionen „Dollaren" zur Verfügung hat. Sie hatte bereits den Plan entworfen, den mageren Jankel, ihren Mann, mit dem nächsten Dampfer Nachkommen zu lassen, und schon jetzt in Newyork eine passende Wohnung zu mieten. Und als sie grade bei dem Projekt inihren Gedanken angelangt war, in einer der belebten Straßen der Stadt ein streng koscheres Restaurant zu eröffnen, erhob sich der Advokat, der inzwischen die Beglaubigungspapiere der drei Frauen geprüft hatte, ging zu dem großen Tresor, der in der einen Ecke des Zimmers stand und entnahm dem obersten Fach desselben ein großes Kuvert mit großen roten Siegeln. Nachdem er dasselbe erbrochen hatte und die Spannung unter den drei „Katzenfrauen" auf dem Siedepunkt angelangt war, las er das erste Schreiben aus diesem Kuvert vor und übersetzte dasselbe dabei gleich in die Muttersprache unserer Freunde aus M. „Dieses, mein Testament," so lautete das Schreiben, „soll drei Monate nach meinem Tode geöffnet werden." Da heute der 72. Tag nach dem Ableben des Herrn Moritz Katz ist, so kann das Testament erst in achtzehn Tagen geöffnet werden, so erklärte der Advokat, weshalb er die Damen bitte, sich an dem genannten Tage zu ihm zu bemühen, da die Papiere in Ordnung seien, und dann der Eröffnung nichts im Wege stände. Inzwischen.wartete in M. alles, was Beine hatte, mit Upgeduld auf die Millionen, hie nun doch in einigen, Tagen spätestens eintreffen mußten, denn hje Geschäfte und die Wechsel und die Kredite hatten bereits eine beträchtliche Höhe erreicht und allzulänge durfte man mit den Zählungen gewiß auch nicht warten, denn da das Kapital der meisten Kaufleute gewiß auch nicht ausreichte, um die Kredite der einigen hundert Mitglieder der Familie Katz zu befriedigen, hatte man in der Hauptstadt bei einer Reihe von großen Kaufleuten erhebliche Anleihen für diese sicheren Geschäfte gemacht, denn es handelte sich ja doch schließlich nur um einige Tage. In Newyork aber war der große Tag herangekommen, und pünktlich zur bestimmten Zeit saßen die drei Katzenfrauen beim Notar, der mit feierlicher Miene das große Kuvert aus dem besagten Tresor nahm, es erbrach und vorlas: „Ich bestimme hiermit, mein Vermögen für: ... Es folgten eine lange Reihe wohltätiger Anstalten mit erheblichen Summen, es folgten weiter Häuser und Grundbesitz in langer Reihe als Stiftungen für alle erdenklichen Zwecke, es folgten weiter eine Reihe Unternehmen, für diejenigen Mitarbeiter gespendet, die in vielen Jahren harter Arbeit mit Moritz Katz gemeinsam geholfen hatten,;i. Kr. ro it_wo sein Vermögen aufzubauen, und endlich folgte die Summe von fünfzigtausend Dollar für die Familie des Verstorbenen in seiner Heimat, die nach seinem Wunsche in gleiche Teile an alle Angehörigen der Familie verteilt werden sollten. Vierzehn Tage später, als die drei Frauen wieder in M. anlangten, hgtte sich im Städtchen etwas abgespielt! Einen Monat später war das halbe Städtel pleite. Die fünfzigtausend Dollar waren verschwunden. Heute „handelt" man wieder in M. ganz normal, und wenn man von Mäufchke Katz, dem „doppelten Millionär aus Amerika" spricht, so sagt man höchstens: er war ein „Mefchuggener"! Der Flickschneider. Van Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. Josef Brenner ist ein armer Flickschneider. Er lebt mii seiner sechsköpfigen Familie in einem einzigen Zimmer einer dumpfen, feuchten Kellerwohnung. Im angrenzenden Raum fristet fein armseliges Dasein sein bester Freund, der Mützenmacher David Bernstein, der ebenfalls mit einer großen Familie gesegnet ist. Tagaus, tagein sitzt Josef auf seinem Schneidertisch'und flickt. Flicken, immer wieder flicken. Etwas anderes gibt es nicht für ihn. Ab und zu entreißt sich seiner bedrängten Brust ein Seufzer. Er überlegt, wie er mit dem kleinen Verdienst, den ihm seine Flickarbeit abwirft, die. aus allen Ecken schreiende Not lindern könne. Aber alles Rechnen ist umsonst, die Zahlen sind zu klein für eine so große Familie. Josef hat eine fleißige, brave Frau. Sie hängt an ihm mit rührender, zärtlicher Liebe. Geduldig teilt sie mit ihm alle Sorgen und klagt nicht über das harte Los, das ihr beschieden ist, denn alles, was G'tt tut, ist wohlgetan. Josefs ganzes Glück sind seine fünf Kinder. Es sind blutarme, unterernährte Knaben. Er hat sie alle gut erzogen. Sie besuchen die Schule, aber das Lernen fällt ihnen schwer, besonders den beiden Jüngsten. Die Lehrer, die die wahre Ursache ihrer mangelhaften Leistungen nicht zu kennen scheinen, haben oft einen scharfen Tadel für sie. Das kränkt die Kinder, und in ihrer Not flüchten sie zu ihrem Vater, dem armen Flickschneider. Er tröstet sie so gut er kann: sie sollen sich ja nicht grämen, er werde schon mit beri Lehrern sprechen. Er geht zum Schulvorsteher und bittet ihn um Nachsicht. Mit bewegten Worten stellt er ihm seine traurige Lage vor. Die Kinder seien schwächlich und hätten kaum das Notwendigste zum Essen, aber dumm und unaufmerksam' seien seine guten Kinder nicht. Josef ist ein frommer Mann. Jeden Morgen und jeden Abend geht er zum G'ttesdienst in das kleine Bethaus.-Außerdem hört er noch den Vorträgen aus dem Talmud zu, die sich täglich un-' mittelbar an den Abendg'ttesdienst anschließen. Wenn er'dann heimkehrt, erwartet ihn seine Familie an dem einfachen, aber sauber gedeckten Tisch. Und während seine Frau das karge Mahl aufträgt, spricht Josef von den grenzenlosen Schönheiten und den tiefgründigen Weisheiten, die in den talmudifchen Abhandlungen niedergelegt sind. Begeistert erzählt er von den großen Männern, die an diesen unvergleichlichen Schöpfungen gearbeitet haben. Seine Frau folgt aufmerksam und staunend seinen Worten, und die Augen der Kinder hängen bewundernd an seinem strahlenden Gesicht. Nur so konnte es geschehen, daß die Erläuterungen.der Talmudabschnitte ihm und seiner Familie oftmals ' eine Mahlzeit ersetzten. Eines Morgens, während des G'ttesdienst.s, hört. David . Bernstein, der neben ihm stand, wie Jyfef mit Inbrunst betet: „Gelobt seist Du, Herr, unser G'ttz König der Welt, daß Du mir das gibst, was ich brauche." Verwundert lauscht Da-

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