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Der Israelit · 1930-07-17 · Heft 29 (17.7.1930) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 29 (17.7.1930)
Date
1930-07-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 29 Der Israelit 17. Juli 1930 gaben absorbiert, uns stets um andere bekümmern. Wir müssen an das englische Sprichwort denken: Charity begins at Home. Wir müssen nicht die palästinensischen Kinder, wir müssen uns selbst erziehen, und das kostet kein Geld, sondern nur Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit. Ich halte es daher theoretisch vom Standpunkt der Aguda aus sür unrichtig, die „drei Wochen"- Sammlung zu veranstalten." Ein Herr aus Wien meldet sich zum Wort: „Es ist fast ein Jahr her, daß die Kenessio Gedaulo stattgefunden hat. Wo bleiben die politischen Leistungen der Agudas Jisroel? Welche Staatsoberhäupter sind von unseren Führern besucht worden? Wer ist unsere Vertretung in Gens? Warum haben wir keine Agency gegründet von allen Denjenigen, die Gegner der zionistischen Ideologie sind? Warum hört die Oesfentlichkeit so gar nichts von unseren Leistungen? Wir brauchen Politik, aber keine Schulen." Ein Rabbiner aus Norddeutschland: „Um Himmels Willen, doch jetzt keine Sonderaktion für die Aguda! Die Einheit des jüdischen Volkes ist jetzt, dank der klugen Zurückhaltung der agudistischen Politik, im Werden begriffen, es ist sehr erfreulich, daß die Jerusalemer Aguda endlich eingesehen hat, daß man in der Stunde höchster Gefahr keine Eigenbrödelei treiben kann, sondern in einer gemeinsamen Abwehr die jüdischen Interessen vertreten kann. Eine Sonderaktion für die Schulen ist direkt gefährlich für den Frieden." Ein Studienrat: „Solange die Schulprogramme in den palästinensischen Schulen nicht entsprechend den jüdischen Realschulen in Preußen eingerichtet sind, halte ich im höheren Sinne es für unjüdisch, diese Schulen zu unterstützen." Ein Herr aus Munkacevo: „Man hat mir erzghlt, daß die Schulen in Erez Jisroel — ich betone: die Schule n, schon der Ausdruck klingt zu modern — allmählich von europäischem Geiste zu stark durchsetzt werden, ja, daß sogar in einem großen Teil der Schulen hebräisch unterrichtet wird. Wir werden bas nicht zugeben und sind deshalb gegen Geldsammlungen." Ein Herr aus Holland: „Es ist mir überhaupt unbegreiflich, wieso die Agudas Jisroel eine Palästina-Zentrale einrichten konnte. Ist denn nicht schon vollauf für alle Bedürfnisse der Orthodoxie seit 100 Jahren gesorgt, nachdem die Kollalim ihre Büchsen aufgestellt haben und Challogelder und Rabbi Meir Bal Hanes-Gelder für Erez Jisroel verwendet werden? Ich bin wohl für Geldsammlungen, aber nur zu Gunsten der einzelnen, schon längst vor der Aguda bestehenden gesetzestreuen palästinensischen Organisationen, welche den großen Vorzug haben, gänzlich unpolitischen Charakters zu sein." Junge Dame aus Deutschland: „Ich bin ja begeistert für Erez Jisroel, aber ich glaube, daß der eigentliche Grund, warum es so schwer ist, Gelder für Erez Jisroel zu bekommen, darin besteht, daß nur Wenige bis jetzt in Erez Jisroel gewesen sind und Land und Leute und die Schulen dort kennen gelernt haben. Wenn ich dazu die Gelegenheit hätte, würde ich mich nachher freiwillig der Agudas Jisroel zur Verfügung stellen, um für das Schulwerk zu werben." Der Vertreter der Palästina-Zentrale bittet nunmehr auch um das Wort und führt folgendes aus: „Es ist sicherlich nicht meiner unbedeutenden Persönlichkeit zuzuschreiben, sondern der guten Sache, daß die verehrten Herren Diskussionsredner sämtlich in so überzeugender Weise meine Ausführungen unterstützt haben und es mir beinahe überflüssig machen, nochmals das Wort zu ergreifen. Denn sie haben ja gegenseitig sich selbst geantwortet. Mein verehrter Nachbar zur Rechten hat durch seine Autobestellung für morgen angedeutet, daß er erfreulicher Weise noch nicht zu jener Gruppe gehört, welche durch die wirtschaftliche Lage der Gegenwart gezwungen ist, jede altruistische Forderung zu negieren. Je weniger die große Masse in der Lage ist, Beträchtliches leisten zu können, um so mehr werden, diejenigen, die von dem Lenker^der Schicksale mit Glücksgütern gesegnet sind, das große Manko ausgleichen, welches durch den Ausfall so vieler, die gerne geben möchten und nicht können, entsteht. Ich bewundere sein Zartgefühl, mit welchem er lieber aus eigener Tasche die von der Ortsgruppe zu erwartenden Leistungen ablöst, als daß er die große Mehrzahl der Mitglieder dadurch in Verlegenheit bringen würde, daß er die Ausrufe der Palästina-Zentrale verteilt. Ich bin überzeugt, daß er bei der Bemessung dessen, was er mit seiner sechsköpfigen Familie heute anl Taanis gespart hat, er den Wert einer solchen Mahlzeit als Maßstab nimmt, wie er zumindest in einem gutbürgerlichen Haushalte üblich ist und diesen Betrag dem Schulwerk zugute kommen läßt, gerade weil seine Bedenken an und für sich so berechtigt sind. Natürlich fallen sie in diesem Spezialfall völlig weg, da ja jeder, der überhaupt noch Mahlzeiten zu sich nimmt, und das dürfte die Mehrzahl aller Agudisten sein, irgend etwas am Taanis spart. Dieser Betrag aber soll Lehrern und Kindern zugute kommen, die auch nicht gerade mit irdischen Glücksgütern gesegnet sind und in deren traurige Lage man sich heute leider noch viel mehre hineinversetzen kann als bisher. Mein junger Freund, der die ethische Verinnerlichung so stark unterstreicht, kennt sicherlich die chassidische Regel, daß der Anfang jeder Selbsterziehung ein Mißtrauen gegen sich selber sei., der v*n biv2' das Aufgeben des eigenen Jchgefühls. Wo gibt es ein besseres Mittel zur Selbsterziehung, als Fürsorge für junge Menschen, die> in materieller und ideeller Hilflosigkeit nach der Unterstützung des fernen Bruders und der fernen Schwester sich bangen? Wo gibt es in der jüdischen Weltanschauung ein Beispiel dafür, daß der ideelle Egoismus berechtigter sei als der materielle? Wo hat die Aguda jemals ein anderes Programm aufgestellt, als die Lösung der.Klallaufgaben? Wohl wächst das Individuum gerade durch die Beschäftigung mit diesem über sich hinaus. Eine bessere Selbsterziehung für die Jugendgruppe, deren Vorsitzender mein verehrter Opponent ist, gibt es nicht als den praktischen Probierstein ethischer Vervollkommnung bei seinen Freunden durchzuführen und zus veranlassen, daß jeder auf ein Stückchen seiner Lebensbehaglichkeit zu Gunsten ideell und materiell hungriger Menschen in Erez Jisroel verzichtet. Der Gesinnungsgenosse aus Wien und der verehrte Herr Rabbiner aus Norddeutschland sind eigentlich zwei Größen, die sich gegenseitig balancieren. Dem einen ist die Aguda zuviel, dem andern zu wenig politisch, dem einen zu wenig, dem andern zuviel aggressiv. Bei solcher sich widersprechenden Kritik scheint es nicht ganz ausgeschlossen, daß die Aguda durch ihren Mittelweg das Nichtige getroffen hat. Aber nehmen wir einmal an, beide Kritiker hatten Recht, so ist es doch sonnenklar, daß jede Palästina-Politik der Agudas Jisroel, ja, jede politische Einstellung, Gewicht und Bedeutung nur durch Leistungen erhält. Es ist töricht, eine politische Geste zu machen, hinter der keine Leistungen stehen. Es ist ebenso unsinnig, sich bei Zionisten als palästinfreundlich aufspielen zu wollen, bloß dadurch, daß man schweigt und nichts tut. Von jedem dieser beiden Standpunkte aus ist eine Forderung unerläßlich: Leistungen, und die Leistung, die die Agudas Jisroel verlangt, ist wirklich bescheiden genug: Aufbau jüdischer Kinderseelen in Erez Jisroel. Ohne diese Leistung sinkt die politische Gebärde zur Farce herab, ohne diese Leistung hätte nimmermehr die palästinensische Agudas Jisroel das politische Ansehen erlangt, welches sie heute besitzt. Eines freilich muß ich konzedieren: den Lehrplan jüdischer Realschulen in Preußen haben unsere Schulen in Erez Jisroel n i ch t. Wenn Sie aber unseren verehrten Herrn Studienrat zu einer Synthese mit unseren Gesinnungsgenossen aus Munkacevo zusammenschmelzen, so haben! Sie ungefähr, was unsere Schulen sein wollen: Jeder Schultyp, der von unseren großen rabbinischen Führern in Erez Jisroel — wohlverstanden in Erez Jisroel, nicht in Preußen und nicht in Karpathorus — gebilligt und zugelassen wird, wird von Agudas Jisroel eingerichtet. Keiner aber wird eingerichtet werden, wenn uns die Mittel fehlen. Je mehr Menschen wir hinüberschicken können, die führend und leitend sind, um so mehr wird unser Schulwerk jenes Ideal erreichen, das uns ja allen vorschwebt. Juden voll niin und nm* z u erziehen, die in der Lage s r n d , s ich selber im Lebten durchzusetzen. Und, das wird der verehrte holländische Diskussionsredner zugeben, daß zum Unterschied von früher heute Menschen nach Erez Jisroel hingehen, nicht, um dort zu sterben, sondern um dort zu leben, und daß die Tatsache doch feststeht, daß trotz aller orthodoxer Organisationen für diese Menschen noch immer nicht genügend gesorgt ist, wobei die unleugbar großen Verdienste anderer Organisationen in ^keiner Weise geschmälert werden sollen. Sie sind, meine Herren, meistenteils Geschäftsleute. Kennen Sie irgend einen Geschäftsbetrieb, der bei allen-konservativen Traditionen es ablehnt, die vor hundert Jahren geübten Methoden des Geschäftslebens zu modernisieren? Gibt es irgend eine Firma, die so arbeitet wie im Jahre 1830? Der große.Mussarlehrer, Rabbi Israel Salant, sagte einmal anläßlich einer Simchas-Tauroh-Feier: „Obwohl die Thora höher steht wie jede Sechora, sei er zufrieden, wenn man nur dieselbe Einsicht und Energie für die Verbreitung der Thora aufwenden würde, wie für ein Geschäft." Hat man je in einem Geschäfte gehört, daß man keine neue Kunden wirbt, keine neuen Filialen einrichtet? Wir wollen doch alle das Nämliche. Freuen wir uns, wenn der Umsatz vergrößert -wird. Wir hoffen, daß weiterhin ein recht reger Wetteifer in allen Organisationen sein wird zum Wohle von ganz Erez Jisroel. Und wenn die Aguda nichts geleistet hätte, als daß sie als erste orthodoxe Organisation neben ihren Knabenschulen Mädchen schulen in Erez Jisroel eingerichtet hätte, so wäre dies allein schon ein Grund, ihr die entsprechende Förderung zuteil werden zu lassen. Der Wunsch der Diskussionsrednerin, durch Augenschein Erez Jisroel einmal selbst persönlich kennen zu lernen, finde ich nicht nur begreiflich, sondern ich hoffe, daß es sich sehr einfach verwirklichen läßt. Die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel Hat nämlich für den Sammler oder die Sammlerin, welche das höchste Resultat bei der „Drei Wochen"-Aktion erzielt, eine Freikarte für eine Reise nach Erez Jisroel gestiftet bekommen. Ich bitte Sie, verehrtes Fräulein, diese Reise zu verdienen, indem Sie meine unvollkommenen Ausführungen durch Ihre Werbetätigkeit unterstützen. Ich stelle zunächst den konkreten Antrag, daß wir alle, die wir heute gefastet haben, den Gegenwert eines Mittagsmahles zeichnen ..." Stimme des Hoteliers aus dem Hintergrund : . „Meine Herren, ich bin damit völlig einverstanden, aber ich glaube nicht, daß, wenn unsere Sammlung auf diesen Kreis beschränkt bleibt, inan damit das Schulwerk in Erez Jisroel erhalten kann." Vertreter der Palästina-Zentrale: „Darin muß ich Ihnen beipflichten. Was schlagen Sie denn vor?" Hotelier: „Veröffentlichen Sie doch unsere Unterhaltung hier in den Agudablättern, damit man es in den Kurorten und zu Hause liest. Es werden sich überall Leute finden, die sich dafür interessieren." Vertreter der Palästina-Zentrale: „„Gut, ich bin damit einverstanden, aber auf die Gefahr hin, daß dann unter Umständen jemand anderes sich die Palästina-Reise verdient!" E.

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