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Der Israelit · 1930-07-17 · Heft 29 (17.7.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 29 (17.7.1930)
Date
1930-07-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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FeniHem- Beilage fir. 29 1920 ür/J Reb Mäuschke Sah. der doppelte Millionär. Von Jakob Simon*). In dem kleinen, dicht an der Dubissa gelegene Städtchen M. wohnte, es mögen nun schon etwa fünfzig Jahre her sein, Reb Motte! Katz, ein ordentlicher und anständiger Jude, der sein tägliches Brot schwer und sauer durch Warentransporte für sich und seine aus Frau und 14 Kindern bestehende Familie verdiente. Schwer und fauer, denn die von Reb Mattel zu bewältigende Arbeit war gewiß nicht leicht, und hätten nicht gleichzeitig seine beiden ältesten Söhne Chaimke und Mäuschke ihrem.Vater tüchtig.cheiin Packen, Laden und Tragen geholfen, fast wäre es ihm unmöglich gewesen, die Last der Arbeit allein zu tragen. So.ging es aber immerhin, derM. gleich' nach dem Morgengebet, wenn Chaimke und Mäuschke schon die Pferde angeschirrt hatten, zog die kleine Karawane, die aus drei mit je einem Pferde bespannten Wagen bestand, zur nächsten Dampferanlegestelle an den Rjemen, welche etwa 15 Kilometer von M. entfernt war, und transportierte von dort aus die mit dem Dampfer aus Kowno eingetroffenen Waren für alle in M. wohnenden Kaufleute ins Städtchen. Eisen und Zucker, Leder und Petroleum, Manufakturen und Seife, Kolonialwaren und. Heringe und was sonst noch der Mensch gebraucht,--wurden tagein, tagaus von Reb Mottel und seinen Söhnen transportiert, und es soll tatsächlich noch eine Reihe wichtiger „Kaufleute" in M. geben, die an Reb Mottel noch heute für ihren Transport Gelder schuldig sind, trotzdem ihn schon über 15 Jahre der grüne Rasen deckt. Während aber nach dem seligen Ende Reb Mottels sein ältester Sohn Chaimke des Vaters Arbeit übernahm, litt es den intelligenten Mäuschke nicht mehr in M. Ihn zog es hinaus in die weite Wett, hinaus in das Leben, hinaus in die Fremde, um dort sein Glück zu suchen. 25 Jahre etwa waren vergangen. Draußen in der weiten Welt hatte Mäuschke fein Glück gemacht. . In . dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten hatte er sich in zähester Arbeit vom Lastträger hinaufgearbeitet und über hundert Etappen war. eD ein Mann geworden. der über ein bedeutendes Transportgeschäft und ein großes Vehinogen perfügte. Und doch hatte Reb Mäuschke die .Seinen nicht vergessen. Monatlich schickte er die. ,,Dolläre;n" nach M. Eine Schwester nach der anderen war im Hafen der Ehe gelandet mit Hilfe des nicht unbeträchtlichen „Nadans" (Mitgift), den Mäuschke aus Amerika nach Hause gesandt hatte. Die ganze gewaltige Familie Katz hatte die so oft notwendige Stütze, an dem reichen Mäuschke aus Amerika, und noch heute erinneri sich das ganze Städtchen M. daranwie er vor etwa zehn Jahren seinem Vaterstädtchen, von Heimweh getrieben, einen Besuch abstattete. Damals,als er von dem Ves-Aulom (Friedhof) zurückkam, hatte er für alle und alles mit vollen Händen gestiftet, für das Waisen-., und Altersheim, für das Krankenhaus' und für das Asyl, für die Synagogen und für die Volksküche, für *) Aus dem neu erschienenen Novellenbuche „Jüdische Provinzbilder" aus Litauen von Jakob Simon (Joske Burstein) geben wir mit Genehmigung des Verlages (F. W. Siebert, Memeler Dampfboot A.-G. in Memel) einen der zwanzig lustigem Ausschnitte aus dem Leben des litauischen Städtchens wieder. Der Autor versteht das kleine beschauliche jüdische Kleinstadtleben in Litauen in hübschen Bildern festzuhalten. das Kinderhaus und für die Schule, für jung und alt, für Jude und für Christ. Und ms er damals am Schabbos in der Klaus den Maphtir als choschuver (geehrter) Gast gebetet und für seinen seligen Vater- Reb Mottel das Kaddischgebet gesprochen hatte, da lief ihm das Herz über, längst vergessene, längst vergangene Zeiten zogen an ihm vorüber. Es war die Heimat, öie die Fremde nie ersetzen konnte. Und als er, o Wandel der Zeit, in dem neuen Fordautomobil'seines Bruders Chaimke zur nächsten Bahnstation fuhr, mit dem Segen des Row und allen guten Wünschen der Gewührim (reichen Leute), Bale - batim und öffentlicher Institutionen beladen, um in seine zweite Heimat zurückzukehren, da begleitete ihn nicht nur das halbe Städtel, sondern auch eine umfangreiche Familie, denn es hatte sich herausgestellt,daß sich die 13 Geschwister Mäuschkes in herrlicher Weise vermehrt hatten, und hätte nicht das weibliche Geschlecht das männliche weit überwogen, so hätte aus dieser Nachkommenschaft Reb Mottels seligen Angedenkens der litauische' Staat eine anständige kriegsstarke Kompagnie aufstellen können. j Aber auch das ist schon-Z^ehn Jahre her, und inzwischen ist die Verwandtschaft Mäuschkes in und um das Städtchen M. erheblich angewachsen, und auch das Vermögen Reb Mäuschkes in Amerika hat sich in starkem Maße vermehrt. Heute spricht man im Städtel M. von dem vielfachen Millionär „Mister Moritz Katz" aus Amerika Mt Andacht auf den Lippen, und wer zur Familie des „bewußten Millionärs" gehört, kann im Städtel M. nie untergehen. Ihm gibt man Kredit, seine Wechsel sind gut und werden nicht nur in der Jüdischen Volksbank, nein, sogar auch in der Litauischen Ukio Bankas diskontiert, ihm gibt man sogar auf ein Zeit eschen die Ware heraus, „nur kauf und nimm", denn was kann passieren, wo ständig die „Dollaren" aus Amerika Monat für Monat pünktlich eintreffen? „Was heißt, ein Neffe oder ein Bruder von Reb Moritz Katz aus Amerika, eine Kleinigkeit, ihm soll man nicht kreditieren, Nu Emmes (Wahrheit), wem sollte man denn überhaupt noch Kredite geben!" Würde Moritz Katz aus Amerika, der bewußte Millionär, der ganz M. mit der Umgegend für einen Bruchteil seines Vermögens abkaufen könnte, jemals zugeben, daß auch nur ein einziger aus der ganzen Familie bankrottiert, und wäre es sogar mit einem Vermögen von 10 000 Lit oder 1000 Dollar? Nie und nimmermehr könnte dies passieren, und darum gelten bis weit und breit sin der. ganzen Umgegend. herum die Mitglieder der Familie des?, seligen Reb Mottel Katz, -des Fuhrmannes von- M., als die bestem Kunden und die sichersten, denn der - „bewußte doppelte Millionär in Dollaren" steht als eine' Säule von Erz hinter ihnen.; Aber eines schönen Tages blieben die „Dollaren" aus Amerika aus. Es verging ein Monat, es vergingen zwei, ja, es vergingen drei Monate, weder liefen die Dollaren aus Amerika ein, noch erhielt man in M. irgend eine Nachricht vom reichen Moritz Katz aus Amerika, Im Städtel war man in äußerster Besorgnis, ja, diese Besorgnis steigerte sich sehr bald zu großer Unruhe. Schon fing man an, den Mitgliedern der Familie allmählich die Kredite zu entziehen, bei der Jüdischen Volksbank begann man sogar schon die Wechsel in beschränkter Anzahl zu diskontieren. Alles, was Katz hieß und was zu Katz gehörte, geriet in nicht zu kleine Schwierigkeiten, denn eine Kleinigkeit, konnte man in der heutigen Zeit bei der großen Wirtschaftskrise ohne Kredite leben? Es waren Zeiten, wie solche die Familie Katz noch nicht erlebt hatte. Was konnte man tun? Am nächsten Markttage stand „Jankel, der Magere", welcher Mäuschkes älteste Schwester Chane, die Dicke, geheiratet hatte, schon ohne Ware, denn von ihm war bereits der erste Wechsel zum Protest gegangen. Es war ,eine Schande, man wagte knapp noch über die Straße zu gehen. Da entschloß man sich endlich, das letzte zu tun, was überhaupt noch möglich war-, man kam zusammen, kratzte die letzten Cents zusammen und'telegrüphierte nach Amerika: „Mäuschke. was ist mit Euch?" Aber auch auf dieses Telegramm ging keine Antwort ein, und waren schon die ersten Stunden nach der Absendung des Telegramms Stunden, die zu Wochen wurden, so machte nun die Ungewißheit einer gewissen Verzweiflung Platz, die durch nichts übertroffen werden konnte.' So vergingen etwa 14 Tage unvergleichbarer Niedergeschlagenheit für die Familie Katz und ernster Besorgnis für die Gläubiger. Da, an einem schönen Frühlingstage, gerade, als ein guter Markt im Städtel stattfand und Hunderte von Bauern ihre Produkte in Waren umtauschsien^. an einem Tage,- an welchem die Verzweiflung der Familie Katz ihren Höhepunkt erreicht hatte» weil man zusehen mußte, wie andere handelten und verdienten, cm diesem verzweifelten Sommertage brachte der Postbote zu Chaimke einen großen Einschreibebrief - mit dicken Siegeln an jeder Ecke und mit den der Familie Katz seit Jahren vertrauten amerikanischen Briefmarken beklebt, auf dem mit einer für alle unbekannten Schrift zu lesen war: „Mister Chaim Katz, in M., Lithuania". (Schluß folgt.) Line Abendunterhalluug in der Sommerfrische. Ort: abgeschlossener Raum im Cafe eines fashionablen Badeorts. Zeit: eine Stunde nach dem Anbeißen am 17. Tamus. Personen: ein Vertrer der Palästina-Zentrale, Damen und Herren aus verschiedenen Agudagruppen Deutschlands, Oesterreichs, der Schweiz, Hollands und Osteuropas, der Hotelier, ein Kellner. Der Vertreter der Palästina-Zentrale hat soeben eine schwungvolle Rede gehalten, worin er ausführte, daß es jetzt die Aufgabe der Agudas Jisroel sei, zu beweisen, daß, unabhängig von jeder politischen Konstellation, ihre Tätigkeit für das Schulwerk in Erez Jisroel nicht erlahme. "Er fordert auf, daß jeder der Anwesenden sich mit einer Spende für das Schulwerk beteilige und will die Liste zirkulieren lassen. Er gibt sie zu diesem Zwecke dem Kellner. Der Kellner reicht die Liste einem Kurgast, der nebenberuflich auch Vorsitzender.eipkr größeren-Agüdagruppe ist. Dieser, sagt zunächst leise zum KellNÄ: „Schleiden Sie Mir'mal für morgen einige' Adtesterft' ausi wo. man Privatautos mieten kann,';da ’ ich morgen Anen Tagesaüsflug ins benachbarte'Gebirge machen töiß." / ' Laut fährt er dann fort: „Es ist mir unbegreiflich, wie angesichts der heutigen wirtschaftlichen Lage man auch nur den Mut finden kann, wieder mit einer neuen Sammelaktion an die agudfftische Oeffentlichkeit heran zu treten. Heute, wo so und so viele Leute in Deutschland den schwersten Kampf um ihr Dasein führen, haben wir wahrhaftig näherliegende Aufgaben, als für das Schulwerk in Palästina zu sorgen. Ich will mich ja nicht ausschließen, wenn die übrigen einverstanden sind. Aber ich bin im Prinzip überhaupt gegen Sammlungen. In meiner Gruppe habe ich deshalb auch aus Prinzip die Aufrufe der Palästina-Zentrale niemals verteilt." . Als zweiter Diskussionsredner ergreift ein Student das Wort, der mit seinen Eltern zur Kur anwesend ist und führt folgendes aus: „Der Sinn der Aguda wird verdunkelt, wenn wir uns nicht verinnerlichen und anstelle von ethischer Selbstbearbeitung, von den Tagesauf-

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