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Der Israelit · 1930-07-10 · Heft 28 (10.7.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 28 (10.7.1930)
Date
1930-07-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 28 £et Israelit 10. Juli 1930 er eben alles meinen. Es ist den Blättern gegeben, je nach ihrer Parteirichtung das Blankoformular auszufüllen. Das vielverbreitete jüdische Blatt in Hamburg, das in letzterer Zeit gern die Geschäfte der jüdischen Verbände besorgt, zieht aus dem „Offenen Brief" als der Weisheit letzten Schluß die merkwürdige Lehre: Nun sei es höchste Zeit, den „Reichsverband der deutschen Juden" zu gründen!! Er soll der rettende Engel der deutschen Judenheit, wie ihn die „Deutsche Republik" in einer dunklen Vision sieht, sein. Die „Jüdische Rundschau" dagegen zeigt gar nicht übel Lust, die Moralpredigt der „Deutschen Republik" zum Gegenstände einer Auseinandersetzung über z i on i st i s ch e und nationale Probleme zu machen. Etwas paradox, aber immerhin ein Versuch der Sinngebung . . . Wir glauben die delphinische Auslassung ganz anders deuten zu können. Das ganze ehrliche Streben der von bedeutenden und' um Deutschland verdienten Männern geleiteten „Deutschen Republik" ist darauf gerichtet, für Republik und Verfassung zu werben, die Burg der deutschen Freiheit vor den feindlichen Elementen von rechts und links zu schützen und sie zu befestigen. Welcher Jude wollte das nicht? Abgesehen von unserer auf Recht und Liebe abgestimmten religiösen Einstellung, wissen wir wohl,, daß im Rahmen der Verfassung auch unsere Rechte gut gesichert sind. Unser Schicksal als Fleichberechligte Staatsbürger ist mit der heutigen Staatsform so eng verknüpft, daß die Feinde gegen die „jüdische Republik" anstürmen. Ob uns Parlaments- und Kommunalwahlen bei Demokraten, Zentrum oder der Sozialdemokratie finden, wir halten, wie diese genannten Parteien, treu und fest zu Republik und Verfassung. Aber der „Offene Brief" will, wenn wir ihn recht verstehen, mehr. Wir sollten mehr in den V ord ergrun d der deutschen Politik treten, sollten als Akteure des politischen Geschehens uns mehr an sichtbarer Stelle bewegen, mehr dem Vorbilde der Rathenau und Preuß folgen. Und darin, so scheint uns, werden die edlen Männer der „Deutschen Republik" unserer Lage nicht voll gerecht. Daß die Rathenaus und die Preuß's in keiner Rasse zu dicht gesät sind, ist eine Tatsache, die sich nirgendwo so deutlich zeigt, wie in der derzeitigen deutschen Politik. Hat aber der Opfergang eines Rathenau — wir find stolz auf ihn als Menschen, wenn er auch religiös leider nicht zu uns gehörte — der jüdischen Gemeinschaft im Sinne des „Offenen Briefes" wirklich fo viel genützt? Hat sein Leben und sein Märtyrertod Israels kleine Bibel. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Ein bekanntes Wort unserer Alten lautet: ,, ne?» ayVa “iso nsi na» rm ana Moses schrieb (nach E'ttes Diktat) sein Buch und das des Bileam". Hier ist das Kapitel, das uns von dem ersten Zusammentreffen Balaks, des Moabiterkönigs, und des heidnischen Sehers Bileam berichtet, aus der gesamten hl. Schrift herausgehoben und förmlich als eine zweite Bibel bewertet. Es ist in der Tat pbz ncna reich an Lehren und Anregungen und verdient besondere Aufmerksamkeit. Das Kapitel beginnt nvs ns msx p pS>a svi „Balak der Sohn Zippors sah, was Israel an Emorr getan an 'a nur» raay.n »as» ar»r»i na", Da fürchtete sich Moab vor dem Volke sehr,denn es war zahlreich i-nnv 'aa 'aan arciv pp°-i und es hatte Moab Widerwillen vor den Kindern Israel." Der Erzählung Anfang ist höchst charakteristisch. — Moabs König sah, was Israel Emon getan. Offenbar nur das allein sah er, daß Israel gegen mächtige Heere kämpfte und sie mederrang, daß aber Israel nirgends der Angreifer war, sondern immer zum Kampfe herausgesordert wurde, das wollte er nicht sehen. Wäre es für ihn, wenn er wirklich Israels Macht fürchtete, nicht folgerichtiger gewesen, friedlich mit dem gefürchteten Volke ein Bündvermocht, der antisemitischen Hydra nur einen Kopf abzuschlagen? Das war nicht seine Schuld und ist nicht unsere Schuld, und seine Tragödie wird keinen Juden, so er das Zeug dafür hat und Beruf und Neigung für die große Politik verspürt, davon abhalten, gleich ihm in die Arena zu treten und alle Prüfungen eines Führers für das deutsche Vaterland auf sich zu nehmen. A l s Damm gegen die reißenden, Fluten des Judenhass es aber hat sich dieses öffentliche Hervortun der Judennichtbewährt. Es öffnete umgekehrt alle Schleusen, durch die neue wilde Wellen einbrachen. Aber, sagen die Männer der „Deutschen Republik", stärkt Ihr das Regime, so st ä r k t I h r E u ch, und sie, die gefestigte Republik, wird schon mit starker Hand all die erforderlichen Dämme schaffen, auch die für Euren Schutz. Das kann und soll aber die Republik tun, auch ohne daß jüdische Namen in alle Gassen hinausgeschrieen werden. Die Tragbalken des neuen Deutschland ruhen im Volke, und die Judenheit gehört samt und sonders zu den im tiefen Boden verwurzelten und im stillen Winkel sich erhebenden Stützen der Republik. An der Fassade und an allzu sichtbarer Dachstelle würden sie sich und dem Staate viel weniger nützen. Wie die Antwort auf den „Offenen Brief" immer erwartet und gegeben wird, die darin geschilderten Gefahren sind nicht schwärzer geschildert, als sie sind. Wir tun in stiller redlicher Arbeit und in religiöser Vertiefung, was wir können. Das Weitere muß der Staat tun. Er kann unseren Tribut verlangen, aber nicht gleich in der klingenden Münze der gesteigerten politischen Aktivität. Fatalistische Resignation? Nein, das nicht; aber im übrigen ist und> bleibt es doch so, daß wochenrundschau. Wahre Freiheit! In einem linksstehenden Lodzer Blatte werden die Eindrücke der L u b l i n e r Festtage in folgenden Gedankengängen zusammen gefaßt: Ein ausländischer Journalist, der vor kurzem Mussolini in Rom besuchte, sagte, nach seinem Urteil über den Faszismus gefragt, die Methode sei zur Schaffung der Ordnung wohl gut, ms der Freundschaft zu schließen und sich so gegen Ueberfälle und Angriffe zu schützen? In Wahrheit war es aber wohl nicht Furcht vor Kampf und Niederlage, die Balak erfüllte und zum Handeln trieb. na» axi» pp-, ^rrnv 'aa Moab emfand Widerwillen.Gegen Gefühle und Empfindungen ist auch die bessere Einsicht wehrlos und ohne jede Macht. Wie bei dem Pharao in Aegypten, so herrschte bei Balak eine undefinierbare innere Abneigung gegen das israelitische Volk vor. Daraus erklärt sich, wie Israels Leidensgeschichte im „Schmelzofen Aegyptens" so auch der Versuch, über dieses gehaßte Volk durch die Zauberkünste eines Bileam den Fluch G'ttes zu erwirken. Eine neue Methode wurde hier im Kampfe gegen Israel versucht. An die Stelle des offenen Kampfes mit Eisen und Schwert trat jetzt die Waffe des listigen Wortes. Wir wissen, wie oft und wie mannigfaltig in der Geschichte uyseres Volkes diese Waffe geschmiedet wurde. Wie Bileam suchten unsere Widersacher immer wieder Fehler und Makel am Volkskörper Israels zu erspähen, — meist mit dem gleichen Erfolge: die da fluchen wollten, mußten segnen. y>i» »apt V» asm n»rvi ,,Moab sprach zu den Aeltesteu Midjons." In seiner Feindseligkeit gegen Israel blieb Moab nicht isoliert. Ja, die sich bisher befehdet hatten, fanden sich zusammen, wo es galt, das gehaßte, so wenig gelittene Israel zu befehden. Schön heißt es im Midrasch: by am rra m nrr m a'a'nv imv a’a^a 'av> a"ni>» 'b» rra' ‘imtbi nr m anm dim inny »arr prr bk -mrm -,»rr an» -mrr h» ay am» nanna ia’aVi „Zu vergleichen ist's damit: Zwei Hunde bekämpften lange emander, da kam einem von ihnen plötzlich ein Wolf in den Weg. Da sagte der andere Hund, unterstütze ich meinen Gefährten nicht, so lause ich Gefahr, daß der Angreifer morgen über mich kommt, nachdem er jenen nn Kampfe erlegt hat." Auch davon weiß unser« Leidensgeschichte viel zu erzählen, daß im Kampfe gegen Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! E U GE li OCHS Spezialist dafür Moselsfr.16 . Taunus 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten es sei nur zu bedauern, daß sie die Freiheit unterdrücke. Darauf der Duce: Die Freiheit im tiefsten Sinne dieses Wortes hat nur derjenige, der das Bedürfnis nach der Freiheit nicht verspürt. ... Wenndem so ist, meint nun das Blatt,, dann wären die Orthodoxen i n P o l e n die f r e i e st e n M e n s ch e n a u f Erden. Sie verspüren nicht das geringste Bedürfnis nach, dem, was wir Freiheit nennen. Sie fordern nicht bei der Regierung ein jüdisches Schulwesen, verlangen keine Regierungsgelder für Belange der jüdischen Kultur, es steht ihnen auch nicht der' Sinn nach öffentlichen Stellen und Regierungsämtern — und stellen doch e i n e n m o nu m e ntalen Bau für die Thora hin, vor dem wir alle, einschließlich der Presse und! der Regierungsbehörden, voller Bewunderung stehen! Will das Blatt in feinen weiteren Ausführungen daran den.Mangel an Freiheitssinn bei. der Orthodoxie zeigen, so hat es doch, ohne zu wollen, damit die Wurzel gezeigt, aus der uns in all den Jahrhunderten die wahre Freiheit erwachsen ist, „Freiheit, die wir meinen, die unser Herz erfüllt," ist niTn auf Grundlage des mm^n bv ivnn- Solange sich das Judentum, losgelöst von der Welt, bar des Schutzes von außen, ohne Stütze des Staatsgesetzes, ausleben konnte, schuf es aus sich heraus blühende Gemeinden, eine jüdische Reinkultur und- Geistesschätze, an denen wir heute noch zehren. Im engen Rahmen staatlicher Konsistormlgesetze,. schrumpfte das Judentum in den Ländern des Westens zu einem „Kultus" zusammen, verkümmerte und trocknete immer mehr ein. Die- Ober- und Kirchenräte napoleonischer Schöpfung sind die luftdichten Büchsen, in denen der jüdische- Kultus hermetisch abgeschlossen und konserviert ist. Auf diesem dürren Boden wächst kein lebendiges Judentum. Die alten Jeschiwoth, um Me sich kein Staat und keine Behörde kümmerte, waren Pflanzstätten des jüdischen- Geistes. Die' Kirchenverfassungen in Frankreich, Italien und einigen Landen Süddeutschlands sicherten dem jüdischen Kultus die Freiheit nach außen und trafen ihn zugleich in der Wurzel. Sollte man nicht in Polen, wo man heute nach der „Verfassung", nach dem „Oberrat" und nach dem staaMch anerkannten „Oberrabbiner"' schreit, sollte man dort nicht daraus etwas lernen?" Israel sich häufig die heterogensten Elemente eins wußten^. Men Zwist und Widerspruch überwanden unsere Gegner,, wo es gast, gegen unsere Gemeinschaft die Waffen zu schmieden. Erleben wir solches nicht auch noch in unfern Tagen? Brauchen wir aber zu verzweifeln? Das ..Buch' Bileams" lehrt uns doch gar zu eindringlich, daß am Ende unsere Feinde sprechen müssen, wie Bileam wider seinen Willen gesprochen hat: inai -pa nasr rjaa’E«? kVi .Siehe zu segnen habe ich (als meinen Teil) empfangen, und Er hat gesegnet, uund ich kann es nicht wenden." Das sei unsere Hoffnung und Zuversicht, so ernst auch die Zeichen der Zeit sind. Wir haben jene überdauert, die unser Heiligtum in Schutt und Trümmer gesenkt und uns den Wanderstab in die Hände gedrückt, daß wir noch heute klagen und trauern um den verblichenen Glanz von Zions Herrlichkeit. Israel wird auch in Zukunft sich als ai>iy ay als das Volk der Ewig-- fett erweisen, wenn es sittlich rein und glaubensfest: bleibt, daß von seinen Familienzelten, und G'tteshäusern gilt: l-nnv'y'oaav» apy iav nv Wie gut sind deine- Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!" Al eines Feuilleton. Sabbatstrenge. Unter diesem Titel lesen wir in der. ..Züricher' Volkszeitung": Traf ich jüngst eines Samstagmorgens einen neunjährigen Knaben bitterlich weinend an das Gitter eines Schulhofes gelehnt. Ich hatte zwar große Eile, wollte mich aber dennoch des unglücklichen Schülers annehmen. Am Boden lag ein Mäppchen so leicht, daß:

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