Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1930)
- Date
- 1930-07-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Hfäffe«? fierausgegeßen non der landesorganifation der Agudas-Jisroel in Veutfekland. 6. Jahrgang Hamburg, 3. Juli 1930 / 7. Tammus 5690 Nummer 10 Schriftleitung.'Wolf S. Iacoösort in Kamöurg. Die Eröffnung der Lubliner Jeschiwa. Nun ist das große Ereignis eingetreten. Die .Jeschiwas „Chachme Lublin" ist eingeweiht und ihrem heiligen Zwecke übergeben. Ein neues Kapitel in der Geschichte der polnischen Judenheit, vielleicht der Weltjudenheit, beginnt, und ein höchst erfreuliches in einer Zeit voller Betrübnisse und schwerer Prüfungen. Seit Sonntag strömten die Massen von allen Seiten nach Lublin. In der Nacht von Montag zu Dienstag waren die Wege von Autos, Wagen, Omnibussen und Fußgängern förmlich verstopft. Es war ein Dmatf b'b eigener Art. Die Fahrgäste in den vollgestopften Autobussen sangen fröhliche - Ps-almlieder, daß die Landstraßen widerhallten und die Wälder rechts und links das Echo weithin trugen. Dienstag früh sind alle Straßen und Gassen Lublins vollgefüllt von Menschen. Eine herrliche Sommersomme strahlt über eine Gemeinde von etwa hunderttausend Seelen, die sich aus aller Welt in der Stadt des Maharam zusammengesunden. Alle paar Minuten kommen neue Rabbinen an. „Oberrabbiner Lewin von Rzeszow" — wird bekanntgegeben. „Der Czortkower ist da!" So geht die Kunde von Mund Zu Mund. Alles ist aufgeräumt, aufgelegt, gelüstet zu einem Feste, das man nur einmal im Leben, vielleicht nur einmal in Jahrhunderten, feiern kann. Die Stadt hat ihr Festgewand angelegt. Von allen Balkonen wehen Fahnen, Banner, bunte Teppiche, Guirlanden mit der Aufschrift Q’xan ü'2112- Die Straßen, die zur Jefchiwa führen, sind schon in aller Frühe so belebt, daß rein großes Polizeiaufgebot die Ordnung aufrecht erhalten muß. Berittene und Polizei zu Fuß unter Kommando des Lubliner Polizeipräsidenten selbst verrichten ihren Dienst höflich und entschieden, mit einer gewissen Ehrerbietung, und alles wickelt sich wie am Schnürchen ab. 11 Uhr vormittags. Der Gerer Rebbe führ: mit seinem Schwiegersohn, Rabbi I. M. Lewin, in sein Quartier. Nach ihm die Rebbes von Amschinow, Radoschütz usw. Delegierte aus Deutschland, Oesterreich und London. Die oberste '.Agudo - Leitung vertritt Rabb. Dr. Pinchas M o h n. Die Gäste werden mit Jubel empfangen. Die erschienenen Nummern des .„Warschauer Togblatt" werden den Verkäufern aus der Hand gerissen. Man sieht Pressevertreter aller großen Zeitungen, Vertreter von Ullstein, Havas, Wolff, Reuter ufw. Auch; Gäste des Pen-Kongresses, der zur Zeit in Warschau tagt, sind anwesend. Im Hause von Rabbi Samuel Eichenbaum findet eine Pressekonferenz statt, die mit einer Begrüßung durch Herrn Rabbiner Tobias H o r o w i tz eingeleitet und einem informierenden Referat Oberrabbiner Schapiros selbst ausgefüllt wird. Rabbiner Schapiro beantwortet eine große Reihe von an ihn gestellten Fragen. Nach dieser Konferenz begab sich eine Delegation unter Führung von Ober.. rabbiner Schapiro zum Lubliner Woywoden (Ober,Präsidenten), dem in freundlicher Aussprache die Bedeutung des Lehrhauses nahegelegt wird. Er verspricht, das Haus in seinen Schutz zu nehmen. Urn 1 Uhr Mittag begann der Ansturm auf "den Festplatz, und es war nicht zu vermeiden, daß Händler und Spekulanten sich rechtzeitig in den Besitz von Eintrittskarten gebracht hatten, um sie an Nachzügler zu teuren Preisen zu verkaufen. Punkt 1.30 Uhr wurde auf dem Balkon der Jeschiwo die Fahne gehißt, eine schwarz-weiße Fahne aus Seide, 3!4 Meter lang, mit einem Emblem das rm*? wx by «mm? wx symbolisiert. In der Mitte zeigt die Fahne eine Thorarolle mit künstlerischen Griffen. Zu beiden Seiten iH Der Lubliner Raw der Fahne prangen zwei riesige Fahnen in den polnischen Landessarben. Das Erscheinen der Fahne wurde von der immer riesiger anwachsenden- Menge mit. frenetischem Jubel begrüßt. Der Jeschiwoplatz bietet ein grandioses Bild. In Erwartung des feierlichen Momentes fangen Chasi sidimgruppen an, spontan zu singen und zu tanzen. Die Stimmung steigt an und reißt alle mit, Juden und Nichtjuden, Glägbige und Ungläubige. Alle Dächer in der Umgebung und in den .anliegenden Straßen sind schwarz von Menschen. Durch vier verschiedene Tore strömen die Menschen auf den Platz; das eine Tor für die nummerierten Plätze, durch das andere Tor drängen sich die Inhaber von Stehplätzen, ein eigenes Tor führt zur Frauengalerie und vorne der schmale geschmückte Eingang ist für das Präsidium reserviert. Und vor jedem Tor eine Schwadron berittener Polizisten, die bei der Ruhe und Ordnung schon mehr wie eine Ehrenwache anmutet. 3.15 Uhr erscheinen auf der Estrade die Rebbes mit dem Ezortkower und dem Gerer an der Spitze. Hinter ihnen Vertreter der Regierung und der städtischen Behörden. Zuletzt steht der Pietrokower Raw, Oberrabbiner Schapiro, oben und lacht zu der vieltausendköpfigen Menge hinunter. Ein mächtiger Chor erhebt sich, es ist der berühmte Czenstochower Chasan, Josef Begatsch, mit seinen Meschorarim, die ein eigens für diesen Zweck komponiertes raun tp nmn singen. Das Orchester spielt die polnische Nationalhymne, die stehend und in atemloser Stille angehört wird. Der Pietrokower Raw beginnt mit Donnerstimme, die aber ihre bekannte Wärme und Weichheit nicht einbüßt, die Eröffnungsrede. Die Einleitung ist hebräisch und ist eine Begrüßung der Rebbes, der E^engäste, der Delegationen und der Menge. Sodann entbietet er in polnischer Sprache einen-Gruß an die Behörden und die Vertreter der Regierung, darauf hinweisend, daß mit der Vierländer-Synode Lublin die erste Residenz der jüdischen Freiheit und der jüdischen Autonomie zur Zeit des Königs Sigismund war. Nach diesen Einleitungen beginnt erst die eigentliche Festrede. Er erörtert die Beweggründe, die ihn zu dieser großen Gründung geführt haben. Es war ein schöner phantastischer Traum, der nun Wirklichkeit geworden ist, und er spricht von den Schwierigkeiten des Weges bis zu dem Ziele am heutigen Tag. Er schließt mit einem Segensspruch und einer ni2b»i awn Die Worte lösen ungeheure Begeisterung aus, die sich in langanhaltenden Ovationen äußert. Es folgen Begrüßungen. Es spricht der Lubliner Woywode; ein Vertreter des Bildungsministeriums; der Referent für jüdische Angelegenheiten beim Kultusministerium; der Stadtpräsident von Lublin; als Vertreter des Militärs General Dobrozizki. Großen Eindruck inachten die Worte eines Ministerialvertreters im Kultusministerium. Er sagte kurz: „Die polnische Regierung erwartet, daß die Jeschiwa Männer hervorbringt, wie Rabbi Meisels und Rabbi Perlmutter." Es folgen Begrüßungen aus jüdischem Munde. Der Ezortkower Rebbe spricht mit leiser Stimme, aber in der Menge herrscht Todesstille und die Nahestehenden hören die Worte dvtj m 12 NN2V21 nb-’M 'n nwy „Der Festakt von Lublin ist ein Fest für das gesamte Judentum".- Der Gerer Rebbe beginnt seine Begrüßung mit den Worten: 'i2i nb m. Es spricht dann für die Agudas Harabbanim in Polen Oberrabbiner Lewin aus Rzeszow. Der Vorsitzende des Lubliner Kehillarates und darauf der Präses der Kehillaverwaltung begrüßen in polnischer Sprache. Es sprechen noch dre Sohn des Ezortkower Rebben; der Vizepräsident der Warschauer Kehilla, Herr Jakob Trockenheim; der Präsident der Lodzer Kehilla, Herr Münzberg; der Vizepräsident der Lemberger Gemeinde, Herr Jakob Witels, Herr Feibusch Stempel im Namen der Krakauer Kehilla: Rabbiner Silberstein für das Warschauer Rabbinat und Deputierter Wischlitzkj im Namen des Kaufmännischen Vereins. Nach diesen offiziellen Begrüßungen erfolgt die Oeffnung der Pforten und der feierliche Akt des Mesusothanschlagens. Die erste Mesusoh schlägt unter feierlicher Stille der Ezortkower Rebbe am Haupteingang an. Darauf überreicht Oberrabbiner Schapiro den goldenen Schlüssel dem jüngsten Schüler der Jeschiwa, — er heißt Gedalje Melde aus Berlin, — der mit zitternder