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Der Israelit · 1930-07-03 · Heft 27 (3.7.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 27 (3.7.1930)
Date
1930-07-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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. j-w1 1 „; ■ : rrr Abraham Sohn Abrahams. (: Eiye Helden- und MartyrergefchWe. Von S. Schachnowitz. (Schluß.) XX. Finstere Nacht hielt den Platz vor der Kathedrale eingehüllt wie in ein schweres schwarzes Tpch. Der Mond hatte sich in ferne Wolkenstrüßen verzogen, und kein Sstrnlein leuchtete dsijch die graue Nebeldecke, Es rieselten kalte Trapsen zur Erde. Im Klostergarten betvegten sich die Hlütenkrorstn der Kastanienbäume'' rpie kleine SÄö^rglöcklern, die den Tön verloren'hüben. Die in Grün und Goldgehaltene Zwiebelkuppel der Kathedrale sah in der Silhouette wie die Nachthaube eines im Stehen schlafenden Riesen aus. ' Auf der graslosen -Fläche in der-Mitte des Platzes um di^ die Eisenstäbe noch standen, geisterten zwei schwache Lichter, hoben und senkten sich, verschwanden und blitzten wieder auf, wie aus der Erde kommend, in die Erde versinkend. Cs waren dünne Kerzchen in der Hand zweier Menschen, die auf dem Boden kauerten und Afchenstaub und Knochensplitter in ein Tuch, das schneeweiß in die schwarze Nacht stach, sammelten und ausnahmen. Zemach, der Tabakmacher, und Esther, seine Tochter, waren zum Schwuausfeste nach Wilna gekommen, weil es sie in Jlije nicht hielt. Gegen Mittag des zweiten Festtages hatte sich die Kunde vom Schicksal des Ger in der ganzen Judenstadt verbreite und düstere Schatten auf die Festesfreude geworfen. Aller Herzen waren an diesem Tage zu einem großen, in Leid und Stolz schlagenden jüdischen Herzen vereint. Wie aber das Fest zu Ende gegangen war, dachten nur zwei Menschen daran, daß noch eine letzte schwere Liebestat gegen den heiligen Märtyrer zu erfüllen war: Zemach und ferne Tochter. Sie schlichen sich auf Umwegen mit dem in Form eines Sterbe- Lleides zurechtgemachten weißen.Leinentuche. An-. die Tumoh-Gaffe hinaus, nicht' ohne' erst mit Sündenbekenntnis und Sterbegebeten sich für diesen Gang, der leicht ihr l e tz te r. werden könnte, vorzub eretten. - : ■ Schon Ane halbe.Stunde arbeiteten sie hie-,! mit dtn Kerzlein stets so lavierend,! baß sie von ihrem. Körper gedecktsbliebW und' keinen verttäM rischen«Schein nach aüßen gaben.« Die Arbeit «war noch nicht « zu Ende, die Asch^-mußte «von Erde, Knochen von verkohltemReisig« gesondert' werden. Die Splitter lagen in weitem Umkreisezerstreut. „Wenn'Schritte kommen," mahnte der Baten „dann verlöschen wir rasch die Lichter und werfen uns platt zu Boden." - „'Hiergenau auf diesem Platze," flüsterte Esther, die die Mahnung gar nicht hörte, „lagen wir, so dünkt, es mir, damalsals er künt und mich aufhob'und meine Wund en wusch, er, dessen Asche wir heute auflesen 1 . ." Tränen ersttckten ihre Stimme, darin auch ihre weiteren Worte ertranken. „Psch! . . . Ich höre was . . ." Esther hörte nicht und löschte das Licht nicht gleich aus. . Als sie-es jetzt tat, war es zu'spät. Bor ihnen stand, wie aus derNachö gekrochen, ein unförmliches, schmutziges Kleiderbündel, üus dem im Dunkel nur mit Mühe die Linien einer' Menschengestalt herauszüerkennen waren. Nur die zornig blitzenden Wolfsyugen in dem umwickelten borstigen Gesichte verrieten Leben. In seiner Rechten hielt der unheimliche Mensch einen Stab oder eine Stangedie mannshoch über feines Kopf ^na^srogi^af^fe^ner Brust blinkte eine Laterne. „Was macht Ihr da?" schrie der Unhold mit heiserer Stimme. „So ein Pack, he, sucht sich den Platz für seine nächtlichen Liebeleien justament vor Kathedrale und Kirche aus, justament vor der Mse . der heiligen Jungfrau, he". — Cr muhte lachen vor lauter heiligem Zorn. „Schert Euch da weg, sage ich Euch, bevor kfy mit meiner Schildiwehr aushole." „Euere Gnaden," wollte Zemach anheben, während er im Inneren das letzte Sündenbekenntnis wiederholte. „Ach was, Gnaden," unterbrach der unheimliche Mensch, „ich bin Pettuschka, der Nachtwächter und mein Gehalt reicht nicht mal aus, um in der Schenke meine Glieder .für den Dienst der...Nacht richtig zu-erwärmen. Daß der Teufel den ganzen Pack hole . .. . Nun zum ersten und zum letzten Wale, was Heilst Ihr da nächtlicherweise? Ihr habt sogar Schaufel und Sack, habt Ihr hier am Ende einen Schatz vergraben?" „Wir sind arme Leute," hatte Zemach einen Einfall. „Wir leben von Lumpens Asche und Knochen, die^mfr bei Nacht sammeln unh tags verkaufen. Laßt, uns, Herr, den kleinen. Verdienst." Pettuschka, der schlechtbezahlte und stets durstige Nachtwächter, mußte jetzt wirklich lachen. „Asche und Knochen! Die Kirche hat zuweilen Asche und Knochen zu vergeben. Stimmt! Die Kirche ist voller Liebe, sie vergießt nie Blut — sie verbrennt höchstens. Aber das fei Euch gesagt: Ihr Lumpenpack, die Asche da gehört der Kirche, und die Kirche, bei Nacht wenigstens, bin ich..." Zemach verstand und schob dem Wächter das längst bereit gehaltene Geldstück in die Hand. Pterufchka besah'es beim Lichte der Laterne und trottete brummend mit dem Riesenstecken weiter. Am Morgen nach dem Feste waren alle Männer der Gemeinde auf dem Friedhofe versammelt. Aus der schwarzen Bahre wurde das hemdartig gefaltete weiße Leinentuch gehoben und ins Ehrengrab gesenkt. Man weinte still, aus vollem Herzen, jeder für sich. Laute Klage wurde nicht erhoben, Trauerreden nicht gehalten, auch keine Totengebete WWt. Man durfte kein Aufsehen erregen. ..Ueberdies hatte das Fest noch für einen Tag Sttahlen zurückgelassen, die offene Klage und laute Trauer verdrängten. ' Deo Grabhügel war aufgeworfen, und das fenkreüste Prettchen davor trug die. einfache Aufschrift: „Hier.ruht der Heilige, Abraham, Sohn Abrahams, Ger Zedek." . .Wehen' dem Grabhügel, mit ' dem eine neue Reihe begann, stand der Gaon, Rabbi Este, noch eine Weile. Mffinnend, afs könnte. H sich von dieser Wätte nicht f ö trennen. Plötzlich ließ er halblaut .ein Wort fallen. Die Menschen, die chn, stm -Gefühle,' von ihm in dieser weheschweren Stunde etwas hären zu müssen, umringten, horchten wie erlöst auf. Es war ein hebräischer Satz aus dem Stufengesange der Psalmen:- - - ' „Dies .ist: meine Ruhestatt für die Ewigkeit, hier will ich wohnen, denn ich habe Lust daran." .; Die Männer der heiligen Bruderschaft verstanden und zogen sogleich ein Gehege um den fteien Platz neben dem Märtyrergrode des Ger Zedek. . .; XXII. Auf dem alten Friedhofe zu Wilna beschattet ein Wunderbaum mit feinen nach vier Seiten gewaltig auslangenden Aesten und> Zweigen zwei Gräber. Keiner weiß, wann der Baum aus der Erde wuchs und wer ihn gepflanzt hatte, ob er überhaupt von Menschenhünd gepflanzt würde. Väter und Vätersväter haben schon in Ehrfurcht vor ihm gestanden, seit Hundert Jahren und länger. ' Wie ein Stesnblock siH.Her Stamm-.. Hit so vielen Ritzen ustd Runen,^'wie die Zähl' feiner Jahre ist, breit und stark im Boden. SchoNdgleich über der Erde stteckt er rundherum Riesenarme üus, die sich etwas höher zu eigenen Stämmen und Bäumen vergrößern, so daß sich , die Kronen ohen schon zu Mein ganzest aüs einer Wurzel erwachsenen Haine finden. Lünten, wo das Geäst sich vom Mutstrholz nach!, allen Seiten in die Weite reckt, sind Höhlungen und Klüfte entstanden, darin, wie in gedeckten Zetten, Menschen hausen könnten- , In der Höhe sind im Sommer Geäst und Blätterwerk so dicht, daß man darunter wie in einer geschützten Laube wandeln kann. Tief in der Erde sollen sich die Wurzeln durch den ganzen Friedhof erstrecken und die Gebeine aller Gerechten grüßend berühren ... Ganz oben in der vereinigten Laubkrone halten allmorgendlich mit Sonnenaufgang alle Vögel ihre Versammlungen ab und singen Me Lieder, als wollten sie die Toten aus ihrem "Schlummer wecken. Betroffen von dem Anblick und im Banne der «heiligen Pracht, steht der Fremde unter dem natürlichen Laubdache, das die beiden heiligen Gräber deckte und liest, auf dem einen Grabsteine zur Rechten: „Rabbi'Clie, Sohn Schlomes,.Per Gaon von Wilna", auf dem anderen zur Linken: „Abraham, Sohn Abrahams, der Ger Zedek". „Und," erzählt der alte Diener, „von Zeit zu Zeit, wenn sich Sturm erheht, raunt und rauscht es in den Blättern des Büumes, und' man hört Worte, Klagen und Mahnungen . . . Kommt es aber so schlimm, daß, was G'tt verhüten mag, ein Ast bricht, dann ist schweres Unglück im Anzuge, für die Welt und für Israel ..." In der Nacht zum neunten Aw 5674 tobte ein Sturm durch das Tötenfeld von Wilna und es pfiff und' heulst durch die Zweige und Blätter des Wunderbaumes, daß man glaubte, lautes Weinen komme aus den zwei heiligen Gräbern darunter... Und dann b r a ch e i n d i ck e r Z w e i g und fiel krachend zu Boden . . . Am Morgen des neunten Aw jenes Jahres sangen keine Vögel in den Wipfeln des Wunderbaumes auf dem Friedhöfe zu Wilna . . . Lebendig begraben? Von Heinrich Einstädter. „Wir wollen nicht vom Krieg im allgemeinen sprechen, es möchte zu unerquicklich sein. Ein einzelnes Erlebnis lassen Sie mich erzählen, und Sie werden die Schlußfolgerungen schon selbst ziehen."' '' * Wir, Hatten uns auf einer Ruhebank niedergelassen, die einen Ausblick auf die malerische Umgebung von Mrsfeld gewahrte.! Me für die Rhön so charakteristtschenBergLegel. versperrten nirgends die Fernsicht, sondern ließen allenthalben zwischendurch Raum für liebliche.und" unter sich ganz verschiedenartige Landschaftsbilder. Die frische Gebirgsluft hatte uns, wie gewöhnlich, früh hinausgelockt, und die ims umgebende himmlische Ruhe ließ uns oft daran vergessen, daß es anderwärts ein buntes und lautes Getriebe gebe, das die Nerven aufpeitscht und die Menschen durcheinander jagt. In unsrer Gesellschaft befand sich ein Herr aus der Lahngegend. Er hatte den Weltkrieg als Angehöriger einer Sanitätskolonne miterlebt und gehörte zu jenen, die noch elf Jahre nach beendigtem Kriege jeden Tag ihrem Schöpfer dankten, daß er st? gesund zu . Frau und Kind zurückgeführt hat. Seine Erzählungen waren schlicht und treu, durchaus nicht „ausgemacht", und so hörten wir gern, wenn er uns zuweilen etwas berichtete. Wie gewöhnlich schickte er auch jetzt die Bemerkung voraus, daß derartige Ereignisse durchaus nicht zu den Seltenheiten gehörten, daß

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