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Der Israelit · 1930-06-26 · Heft 26 (26.6.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 26 (26.6.1930)
Date
1930-06-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Osracfif” zum c.v-s Organ des Kundes gesehestreuer Mischer Kehrer Deutjchlanös. Was kann der jüdische Lehrer zur Hebung des religiösen Lebens auf dem Lande kun? Referat gehalten auf der Jahresversammlung des ,,Unabhängigen ifr. Lehrervereins in Hessen" im Hörsaale der ,,Israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt, a. M." am 5. Januar 1930 von Lehrer H. Kahn, Höchst i. O. In wesentlichen Punkten unterscheidet sich das religiöse Leben der Stadt von dem des flachen Landes. Während in der Stadt dev Träger des jüdischen Lebens der Rabbiner, unterstützt von gleichgesinnten Lehrern und anderen Gemeindebeamten ist, die einen Teil der ihm obliegenden rel. Belehrungspflichten gemeinsam mit ihm tragen, .während vielfach in der Stadt rel. Vereine aller Art existieren, die ergänzend ebenfalls gleiche Ausgaben sich stellen, um das rel. Leben im positiven Sinne zu beeinflussen, ruht aus dem Lande die ganze Verantwortung für das Gedeihen der Gemeinde in rel. Beziehung allein auf den Schultern des jüd. Lehrers. Wahrlich, eine große Verantwortung, die da auf dem Lehrer lastet, aber auch eine herrliche Aufgabe, die derselbe für das rel. Wohl der ihm anvertrauten Gemeinde zu leisten vermag, wenn er diese richtig erfaßt. Wo heute der Lehrer versagt, oder wo durch die Ungunst, der Zeiten und Verhältnisse ein solcher nicht mehr existieren kann, ist das rel. Leben, das früher in den Landgemeinden herrlich blühte und kostbare Früchte reifte, dem Untergang geweiht. Privatleute, wie sie früher allenthalben anzutreffen waren, die aus innerem Triebe mit den Pflichten des Judentums es ernst nehmen. und freiwillig Opfer sich auferlegen um das rel. Leben ihrer Gemeinden auf der früheren geistigen Höhe zu erhalten, trifft man heute nur ganz vereinzelt noch an. Die Zeitgötzen Geld, Genuß, Bequemlichkeit, dann natürlich auch die erschwerten Lebensverhältnisse, ziehen jeden Einzelnen in ihren Bann und lähmen die Tatkraft kn rel. Dingen. Wenn nun der Lehrer in die gleiche Kerbe schlägt, wie dies leider auch vielfach in unseren Kreisen zu beobachten ist, dann braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß eine Oede auf rel. Gebiete eingerissen ist, die schaudererregend von jedem wahrgenommen wird, der noch emen Funken Begeisterung für jüd. Leben und besonders für altjüdisches ni-mp-Leben in seinem Herzen verspürt. Ich brauche Ihnen, meine l. Kollegen vom Lande, nicht zu schildern, welch' krasse Zustände gerade in den letzten Jahrzehnten in den meisten unserer Landgemeinden eingerissen sind, wie groß die Unwissenheit in den primitivsten Fragen des Judentums, wie groß die Verstäudnislosigkeit für die Weltprobleme der Judenheit geworden ist, wie andererseits die Selbstsucht an Stelle der Selbstzucht, die Materie an Stelle des Geistes, das Wort an Stelle der Tat getreten ist; Sie kennen dies alles aus Erfahrung. Steht es doch fest, daß es für das Judentum ungemein gut bestellt wäre, wenn nur die Hälfte dessen für dasselbe getan würde, was über es in den letzten Jahren alles geredet wurde. Leider ist es Tatsache. daß viele Lehrer auf dem Lande nicht ganz unschuldig sind an diesen betrübenden Zuständen, die, wenn es uns nicht gelingt, sie von Grund aus zu ändern, zum Untergang des Landjudentums führen. Bei manchem nnserer Kollegen gilt der Grundsatz ans *a ntiia kvi Ruhe und Behaglichkeit sind schöne Errungenschaften, i-msn '2 pan nrri die Einnahmen aus der Stelle sind gut und auskömmlich, weshalb soll ich mich bei den Leuten unbeliebt machen durch Ermahnungen und Belehrungen, die vielfach unerwünscht sind. Bei anderen gilt leider der zweite Teil des oben zitierten Verses ^>av^ i»aV t>»i naiv o»V m'i daß er dem Willen seiner Gemeindeeingesessenen sich beugen muß, weil er ein iaisr dö ist, der durch sein kärgliches Einkommen aus der Stelle nicht existieren kann und infolgedessen allerlei Nebengeschäfte betreiben muß, die ihn zwingen, die Gunst seiner Schäflein sich zu erhalten, die gar zu leicht aus Schäflein sich zu beißenden Hunden verwandeln, wenn der von ihnen abhängige larpa es wagen sollte, jemandem zu nahe zu treten. Doch es ist das verfehlteste, was der Lehrer tun kann, wenn er sich den jeweiligen rel. Anschauungen seiner Gemeinde fügt und nicht nach einem klar erkannten Prinzip seine Tätigkeit ausübt, sich nur leiten lassend von dem Gedanken, nur auf dem Boden der nun kann eine Gemeinde sich dauernd erhalten, '’oja Va D”pnnV naio omv dpV nmv Fügt er sich den jeweiligen Anschauungen, die meistens auf das negative gerichtet sind, sägt er selbst den Ast ab, auf dem er sitzt. Denn erstirbt das jüd. Leben auf dem Lande, wird auch der Lehrer überflüssig. Sieht man doch heute schon zahlreiche gutsituierte Mittelgemeinden, die sich bei Vakanz ihrer Lehrerstelle gar keine Mühe geben, dieselbe wieder zu besetzen, sich mit einem ein- oder zweistündigen Filialunterricht begnügen und im klebrigen alles' dem Zufall überlassen. Aber dieser materielle Standpunkt allein soll und darf uns nicht leiten: vor allen Dingen darf der Idealismus innerhalb der jüd. Lehrerwelt nicht aussterben; muß doch der Lehrer wissen, daß unsere a'aan nicht nur den Satz geprägt haben nun pn pn an sondern auch den Gegensatz prr min pn as und daß er die heilige Aufgabe hat, das Samenkorn der rrnin nann auszustreuen, zu pflegen, zu hüten und zur Entwicklung zu bringen. So ist es seine unabweisliche Pflicht, für die Rettung und Erhaltung des Judentums alles, was in seiner Kraft steht, zu unternehmen, selbst wenn er dadurch Schwierigkeiten und Mißhelligkeiten persönlicher Natur zu erdulden hätte. Er muß vor allem, will er einen Teil von iniv-> erhalten, selbst ein „Kämpfer für G'tt" sein. Der große Gedanke, Retter der min und mersa b'X» in seiner Gemeinde zu sein, wird ihn mit Leichtigkeit über diese Schwierigkeiten hinwegbringen und ihn, in dem Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, Beruhigung und Trost finden lassen. Was kann nun der Lehrer zur Hebung der Religiosität tun und was muß er tun? Seine Hauptbetätigung liegt natürlich in der Schule! Hier muß er seine ganze Kraft und sein ganzes Wissen einsetzen, um dem Kinde Kenntnisse und was noch viel wichtiger ist, Liebe zum angestammten Glauben, Freude an jüd. Betätigung derart ins Herz einflöhen, daß dadurch die häuslichen Widerstände, die sehr häufig diesem Bestreben des Lehrers sich entgegenstellen, überwunden werden können. i-i»"pfiB in&an mnanV niaiij? irrvn ntn»» ^a Man muß unter allen Umständen in persönlichem Kontakt mit den Eltern stehen, um ihnen klar zu machen, daß die Theorie der Schule mit der Praxis des Elternhauses stets im Einklang stehen muß. Gute Erfolge sind hier mit der Einführung von Elternabenden, deren Einrichtung ich Ihnen dringend empfehlen möchte, zu erzielen; Abende, an welchen man sich mit den Ellern oder einem Teil derselben rückhaltlos, aber auch mit vollem Ernste über alle hier in Betracht kommenden Probleme aussprechen muß. Man hat hier den Eltern klar zu machen, wie sie einen nie wieder gutzumachenden Zwiespalt in das leicht empfängliche Kinderherz einpflanzen, wenn sie zu Hause diejenigen Gesetze mit Füßen treten, die dem Kinde in der Schule als Grundlagen des Judentums gelehrt werden. Man stelle ihnen vor, daß es dem Lehrer unmöglich ist, das Kind von der Wichtigkeit des nav von der Bedeutsamkeit der piwn nix» usw. zu überzeugen, wenn die Eltern nar? bbrin sind, oder der Vater morgens nicht i'>vn legt.. Ich lege den Ellern oftmals die Frage vor, warum sie ihre Kinder der Religionsschule Zuführen?. Und erhalte ich dann, wie es meistens der Fall ist, die Antwort: Ja, sie müssen doch etwas vom Judentum erfahren, dann weise ich sie immer wieder darauf hin, daß dies nur möglich ist, wenn sich Theorie und Praxis, d. h. Schule und Haus gegenseitig ergänzen, denn dort, wo kein religiöses Erlebnis ist, kann auch keine Religion sein. Wenn man nur erreicht, daß Eltern, die na» ‘»Vn» sind, dies wenigstens nicht mehr vor den Augen ihrer Kinder tun, wäre auch schon vieles erreicht. Man veranstalte Lese- und Heimabende, an denen man neben aktuellen Stoffen auch religiöse Fragen in anziehender Weise bespreche, um Kenntnisse über das Judentum in die Ellernkreise zu tragen, die schulentlassene Jugeni^ durch den Einfluß der Eltern vom Besuche des Kinos '?». dgl. abzulenken und sie für jüd. Veranstaltungen zu interessieren. Dort jedoch, wo Belehrung und gütliches Zureden nicht zum Erfolge führt, muß evtl, auch mit der nötigen Strenge vorgegangen werden. Man achte daraus, daß kein Knabe ohne msaa vain zum Unterrichte erscheint, daß der regelmäßige G'ttesdienst von denselben besucht wird und erzwinge dies, evtl, durch Bestrafen des Kindes wegen Ungehorsam, auch gegen den Willen der Eltern. Besteht doch die Hauptaufgabe des Lehrers viel weniger darin, dem Kinde eine große Menge Wissensstoff beizubringen, als vielmehr darin, das Kind an die Ausübung der Gesetze zu" gewöhnen, wenn es auch zunächst kein volles Verständnis hierfür aufzubringen vermag, weil nur durch die Gewöhnung das Erfüllen des G'ttesgesetzes sozusagen zur zweiten Natur werden kann. rinvt' nsa. Der Lehrer mutz weiter durch Bearbeitung der Ellern es zu Wege bringen, daß sie ihre die höheren Schulen besuchenden Kinder, die dort nur den obligatorischen N.-U., der. gewöhnlich nur aus Geschichte und R.-L. besteht, genießen, den regelmäßigen R.-U. der Religionsschule freiwillig besuchen lassen. Lernen sie ja sonst überhaupt nicht oren, nicht nbon- und »»in -Uebersetzen, können sie ja sonst an keinem G'ttesdienste teilnehmen und werden damit schon in der Schulzeit dem Judentum vollständig entfremdet. Den in diesen Fällen häufig gebrauchten Ausreden von Ueberbürdung der Kinder usw. muß der Lehrer einerseits dadurch Rechnung tragen, daß er erstens den Unterricht auf die Tage legt, die nicht zu sehr mit Vorbereitungsausgaben für den nächsten Tag belastet sind und zweitens nicht zu viele Hausarbeiten für die R.-Sch. ausgibt, sondern das Haupttätigkeitsgebiet für diese Kinder in die Stunde verlegt, andererseits darf er aber auch nicht verfehlen, Eltern darauf hinzuweisen, daß, wenn ihr Kind so kräftig ist, die Anstrengung der verschiedenen Sportsbetätigungen, des Musik- und Tanzunterrichts u. dgl. mmVn zu ertragen, ihn; auch ein 2—3-stündiger R.-U. in der Woche nicht zu schaden vermag. Besonders weife man die Eltern auf die Wichtigkeit der Religion als Schutzwall gegen sittliche und moralische Verrohung der Jugend hin, ein Hinweis, der gerade in heutiger Zeit seinen Zweck selten verfehlt, da schon viele Ettern das Verfehlte der heutigen Erziehungsmethode, das Kind sich selbst erziehen zu lassen, am eigenen Leibe erfahren. Durch Auswahl geeigneter Themata, die die Freude und das Interesse des Kindes Hervorrufen, muß man ferner zu erreichen suchen, daß diejenigen Kinder, die nicht gerade mit dem 14. Lebensjahre einer beruflichen Ausbildung zugeführt werden, freiwillig nach der Schulentlassung noch mindestens ein Jahr die R.-Sch. an bestimmten, ihnen gelegenen Tagen weiter besuchen. Hier kann man sich mit Mädchen die Vorschriften über Fleischkoschermachen npi>in und nbn, Toweln usw., mit Knaben die Gebetseinteilung an vrn na»-Besprechung der Einschaltungen an besseren nina» und v"i', Zusammenhänge der niivam m*no usw. durchnehmen. (nisa r"'in). Ich habe damit die besten Erfahrungen gemacht, selbst Kinder aus areligiösen Häusern besuchen mit Freuden diesen sog. Fortbildungsunterricht und wirken dadurch auch sehr günstig für das Elternhaus, dem sie gar manches, von dem die Ellern bisher keine Ahnung hatt^, übermitteln und evtl, zur Einführung bringen. Es ist von großer Wichtigkeit, in steter Verbindung auch mit der schulentwachsenen Jugend, besonders mit den Knaben, zu bleiben, sie so an sich zu gewöhnen, daß sie bei jeder Versuchung zu einer «na? das Bild ihres Lehrers vor ihrem geistigen Auge auftauchen sehen, feine Ermahnungen im Geiste hören und sich fürchten, eine nbas zu tun. In meiner Gemeinde sammeln sich alle Jungens am na» Nachmittag in meinein Hause (z. Zt. ist dies allerdings aus besonderen Gründen nicht der Fall, wird aber bald wieder sein) um *ns»p gu lernen, im Vorbeten und Leijenen ausgebildet zu werden usw. Welche Freude bereitet es den Jungens, wenn sie selbst im G'tteshause als Chasan fungieren dürfen und die Sache klappt. Und

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