Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1930)
- Date
- 1930-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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26. Juni 1930 Nr. 2« 30. Siwan 5690 Begründet von Dr. Lehmarm in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1,30 Mark Monatlich; Ausland: Vierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifvänd-Bersandes) Deütsch-Ssterreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.;-ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 6.; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Jugoslavien 55 Din.; Litauen 7.5V Lit.; Rumänien ab i. 7. 27. 15V Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum.Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 6 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.5V Krön.; Norwegen3.5V Krön.; Schweden 3.50Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. . Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 5V Goldpf. für die siebengespaltene Nonvareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Famtlienanzeigen nur 4V Pf. 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Eine Welle, von rechts und' links, von Bayern, SachMund Preußen kommepd^hat in diesem kleinen Flecken Seen ihr Bett gesunden, kein Ruhebett, sondern sie stieg zur gewaltigen Brandung an. Als die Sache bis .zu den Schulgebeten gegen die „art- und landfremden Rassen", der Berufung nationalsozialistischer Agitatoren, als Hüter der Ordnung in die 'Polizei und Petreuer der Wissenschaft an > die Universität-gedieh, reagierte der bessere und gesunde Teil des deutschen Volkes, und es setzte eine -Abwehrbewegung ein, die zur Zeitnochim vollen-Gange ist. S ti m mu ng u n d Ab w e h r i n •- - Thüring e n. ■ Bon der Stimmung in Thüringen selbst wissen Eingeweihte bedenkliche Dinge zu erzählen. Die nationälsozialkstische Regierung, in Weimar hat ein starkes Rückgrat im Hinterlände, Bauern auf. dem Dorfe und Mittelständler in der Stadt, denen es,- wie allen überall, schlecht genug geht, gehen mit Frick, der ihnen den Schuldigen an dem wirtschaMichenNiedergangundden Sünderi- Döck zeigt, auf - /d en man ungestraft dr'einhauen kann. Das wirkt: immerhin ein bißchen' beruhigend- und als Trost in der Rot. Die Intellektuellen? Die. Studentenschaft ist ja bekanntlich heute überall im neuen Deutschland in der vorderste;; Reihe im Kampfe — gegen Recht und Freiheit, somit auch gegendie Juden. Eine große Schar von Bess-ergesinnten und Einsichtigen -läßt die Dinge an sich herankommen, verharrt in-ab-wartender Stellung und denkt: Entweder hat das neue Regiment sein Gutes, so mag es bestehen, auch wenn es nicht nach unserem Geschmacke ist, oder es taugt nicht und wird sich bald von selbst erledigen, es lohne nicht die große Aufregung.. So kommt es denn, daß die Abwehrbewegung, in den politisch liberal gesinnten Kreisen in Thüringen selbst ungeheuer schwach ist. Es protestieren, recht eigentlich nur die Gastwirtevereine, und missen Warum. Die um ein weniges rechts von den Demokraten stehende Deutsche Bölkspartei macht im Landtag die Fricksche Politik lustig und unbesorgt bis zu den Schulgebeten mit. Die Soziald e m.o k r a t i e ist entweder machtlos oder glapbt, die'«Sache nicht allzu ernst nehmen zu .müssen. Nationalsozialistisches Regime sei eine innerlich so hohle Sache, daß sie ohne Antrieb von außen bald in sich zerfallen müsse. Das kann sein. Aber man unterschätzt dabei den unwiderstehlichen Reiz des Hakenkreuzes äüf rotem Grunde, der Synthese von „national" und „sozial" auf drängende I ugen d, die sich austoben will, und auf die Arbeiter, denen aus der Ideologie des Marxismus eine Passe gezeigt.wird zu einem Punkte, wo man drauflos schlagen kann : auf den Staat, wie man es als organisierter Arbeiter von je her getan undauf die Juden, die man bislang unter dem Schlüsselworte „Kapital" gehaßt und bekämpft hat. In diesen Reizmitteln in Verbindung mit der Not, die die Menschen in die extremen Lager treibt, liegt die Lösung des Rätsels vom rapiden Anwachsen der Krast und der Zahl der Hitlergarde in all den deutschen Landen. D i e Hattung d e r Reichsre g i cr un g. Man hatte längst erkannt, daß Frick und das neue Weimar als Unordnungszelle im Reiche keine thüringische: Gefahrsondern.eine d e u t s che Gefahr bedeuten,'und so griff Berlin ein. S e verin g, der sogleich diese .Gefahr klar erkannte, ergriff auch sofort wirksamste- Abwehrmaßnahmen. Den Teufel bei den Hörnern-konnte oder wollte auch er nicht packen, er hätte sonst mit den Machtmitteln des Reiches einem Hetzpolitiker von. dieser schlimmsten Sorte den Weg in das Ministerium ein-es deutschen. Staates verlegen müssen Mit der Aera Wirth im Kabinette Brüning stieg wiedr der Mut der thüringischen Rational-- helden. Aber es blieb auch Wirth, nach einigen schwächlichen Ausgl-eichsversuchen, nichts anderes übrig, als die Politik Ssverings in Sachen Thüringens wieder aufzunehmen. Die Reichst a g s v e r h a n d l u n g am 17. Juni gab ein klares Bild über die. Entwicklung und Zuspitzung der Dinge. Die Rede Dr. Wirths und feine Darstellung all der gescheiterten.Friedensverhandkungen klangen doch wie ein Kommentar zu dem Jesajanischen Worte: Q’yEnV n ->vrr 'ibv pn- Von hoher Warte, als tiefreligiöser Mensch, mit einen; Herzen, das für Menschenrecht warm schlägt, zeigte' Wirth, wie die Not .im. heutigen Deutschland beten lehre», wie aber die von Frick und Konsorten ersonnenen Haßgebete schon xnehr ästz Fluch und Sakrileg wixken, deM.als MWtk zü Gott. Gegen wen richtet sich.hie-ÄMlätze des Verrates und...Betruges ingdiesen Gebeten, den Gebeten eines Mannes, der wegen Beihilfe zu Hochverrat zu einem Jahr unddrei Monaten Festungshaft verurteilt worden ist? Die Ju de n seien gemeint, erklärte Frick öffentlich und bestätigte es auch in einer reichlich konfusen Rede in dieser Reichstagsverhandlung. „ U m d e r E h r e der deutsch e n I u de n w i l l e n b est r eit e i ch da s," rief der Reichsinnenminister. „Ich weise diesen Vorwurf zurück. Niemand ist: berechtigt, einen Volksteil in Deutschland von vornherein ob seiner Art zu diffamieren. Das ist der Ken; unseres staatlichen Lebens, daß jeder Staatsbürger r«; seiner Ehre, Würde und Freiheit geschützt wird." Mit dankbarer Freude muß noch ein Punkt in dieser denkwürdigen Reichstagsverhandlung festgehalten werden: die Rede des volksparteilichen Führers Abg. von K a r d orff. Seme Partei -in Thüringen leistet leidtr zu unserem großen Schmerze Frick treue Heeressolge. Kardörff aber schließt sich für die Volkspartei in Preußen voll und ganz den Anschauungen Dr. Wirths an. Er sagt, Nationalsozialisten gehören ihrer ganzen politischen Einstellung nach nicht in führende Beamtenstellen und Frick gehöre nicht in die Leitung einer Regierung. Die Schulgebete seien eine schlimme Profanierung der G e b e t s h a n d l u n g, wie die Berufung eines Günther an die Universität in Jena eine Entweih u n g d er W i s se n s cha ft ist. So spricht ein aufrechter Mann, -und seine Worte sollten in der Volkspartei in Thüringen einige Schamröte Hervorrufen. / D i e ,j ü discheAbwehr. Die Juden in Thüringen sind so gering an Zahl (0,2% der Bevölkerung.),.,daß es dem Antisemitismus dort beinahe an de'rit"plastischen Gegenstand seines Kampfes fehlt. Der Karüpf.jst auch daher mehr ein grundlätzlicher, gegen Berlin>gegen die Republik, gegen die Verfassung. Immerhin haben die Juden Thüringens -in Eisenach, der größten Gemeinde des Ländchens, sich zu einer Protestversammtung eingefunden und in Reden, Aussprache und Entschließung kundgetan, daß sie nicht willens seien, all die Denrütigungen und Be-