Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1930)
- Date
- 1930-06-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Safed 1× ep/1046078
- Ukraine 1× ep/1001131
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Seite 10. Nr. 24 Der Israelit „Und auf der anderen Seite wartet Deiner Gefängnis, Marter, Schmach und Tod. Wähle! . . . Sprich das eine Wort nur: „ich bereue", und Du kannst g l e i ch hier bleiben, im Erbe Deiner Väter ..." Abraham tat den Mund aus, zum ersten Worte in diesem Raume, es war auch das l e I31 £: „Ich bin der Jude Abraham und habemit all diesen Dingen nichts zu tun." Die rote Eminenz schüttelte den Kops: „Alles verloren! Die Justitia kann ihren freien Lauf nehmen."- Da geschah etwas, was alle im Raume erzittern machte und sogar in die steinernen Züge der hohen Geistlichen Bewegung brachte. Dte verhüllte Frau, die bisher starr wie eine Heilige aus schwarzem Marmor in ihrem Armsessel lehnte, erhob sich rasch, ging behenden Schrittes an Abraham heran, sah ihm in die Augen, befühlte seine Hände, und sie brachte, an die geistlichen Richter gewendet, mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehören schien, schwer hervor: „Ist e r es? Ich werde unsicher, hochwürdige Herren. Ueberlegt es, bevor Ihr das letzte Wort gesprochen, daß sich nicht unschuldiges Blut an das Andenken meines Kindes heftet. Er sieht mich nicht, er kennt mich nicht. Ueberlegt's, ich flehe Euch an. Ich werde unsicher . . ." Die Herren im Ornate wechselten stumme Blicke. Nur der alte Ambrosius hatte die Augen heruntergeschlagen. Dann sprach die fremde Eminenz weich und gütig: „Gräfin, wir begreifen Euer Leid und ehren Euren Schmerz. Aber G'ttvater und der Sohn, der am Kreuze gestorben ist, verlangen von Euch ein Sakrifizium. — Die heilige Gerichtsbarkeit nehme ihren Lauf," wiederholte er scharf und entschieden. , Auf anderen Wegen und in einem anderen Wagen wurde Abraham seinem Gefängnis wieder zugeführt. Im Palais der Potocki erloschen die Lichter. Im Armstuhle faß eine alte Frau in Schwarz und weinte tränenlos still in sich hinein. Keiner von den Ahnen in den goldenen Rahmen hatte für sie einen tröstenden Blick. (Fortsetzung folgt.) Me ein Heiliger stirbt angetreten. Er hielt ihn nicht mehr zurück. Seinen Aufenthalt hatte er gut ausgenützt. Noch am Montag abend gab der semp 830 feine n»3on zu dem soeben erscheinenden Werke des Munkaczer Rebbe. Am Dienstag früh liest er ihn zu sich bitten, er war schon sehr schwach. Auf Zureden des Rebbe .nahm er ein wenig Milch, worüber er vorher vernehmlich mm machte und den Rabbi mit n’»’ n-’in segnete. Auf weiteres Zureden, noch ein wenig zu nehmen, entgegnete er vtst ’as nma nnsn mw griff mit der rechten Hand an seinen Bart — und war nicht mehr. Nun noch einiges über das Leben des heiligen Dahingeschiedenen. Sein Alter wird von manchen auf 116, von anderen auf 120 Jahre angegeben. Dieses Alter kann schon richtig sein, denn wer ihn gesehen mit seinem durchgeistigten Gesichte, einer Mumie gleich, bei dem nur die Augen lebten, die in jugendlichem Feuer glühten, staunte, wie er bei alldem noch mit Begeisterung seine Gedanken zum Ausdruck brachte und feine Zuhörerschaft durch die feinen Pointen seines Vortrages hinriß. Schreiber Dieses wollte ihn bei einem Besuche photographieren, doch wars in dem wegen der Hitze verdunkelten Zimmer nicht möglich. Seines hohen Alters wegen trug er auch im Sommer einen Pelz. Nach seiner eigenen Angabe war er bei der Ritualmordbeschuldigung und den großen Judenverfolgungen in Damaskus schon ein Mann in reifen Jahren. Diese fand im Jahre 1840 statt. Gehör und Sehkraft waren auffallend gut, und er sprach mit gut vernehmbarer, verständlicher Stimme unter lebhaften Handgesten. Schreiber Dieses hatte auch das Vergnügen, einige min nm aus seinem heiligen Munde zu vernehmen und sich an der verjüngenden Kraft der Worte dieses Greises zu stärken. Jede halachische Anfrage beantwortete er sofort mit Unterstützung entsprechender Zitate. Aus die Frage, ob D’am zu den mvi-ipn D’mp gehen dürfen, überraschte er mit. der Antwort, hierüber wäre im rmu nso des Munkaczer Rebbe schon eine Abhandlung. In seiner Jugend wirkte er als Chacham in seiner Geburtsstadt Konstantinopel. Er hatte Zeit seines Lebens keine Bezahlung angenommen, sondern hatte eigenes Vermögen. Später wirkte er 50 Jahre lang in derselben Eigenschaft in Damaskus, zog sich dann nach Safed zurück, und erst seit 5 Jahren lebte er in Jerusalem. . Seine zahlreichen druckreifen Werke hielt er streng verschlossen, ohne auch nur eines der Oeffentlichkeit zu übergeben. Zufolge seines hohen Alters überlebte er alle feine Angehörigen. Seine Frau war ihm schon vor 50 Jahren gestorben und ein Sohn und eine Tochter, wie auch ein Enkel sind in jungen Jahren von hinnen gegangen. Er war einsam, nur vom mmn ms erhalten. Vielleicht trägt die Veröffentlichung dazu bei, daß die unschätzbare Bibliothek, unter Zuziehung einer zu bildenden Kommission, verwertet wird und der Erlös, zur Edition der Werke des Zadik verwendet wird, denn es lehnt sich das religiöse Gefühl eines jeden frommen Jehudi dagegen auf, daß diese unschätzbaren Schriften eventl. in einer Bibliothek unter Schloß und Riegel verwahrt aufbewahrt bleiben. Die lehrreichen Gedanken müssen Gemeingut der Judenheit bleiben, und nur so kann dem sarnp wo ein sinniges Denkmal errichtet werden. S. L. Zum Tode des Chacham Rabbi Schlome Elieser Alfandri. Der berühmte Greis, unter dem Namen wy mo- — der. heilige Greis — bekannt, ist am Dienstag i"rr verschieden. Die kleine Geschichte aus den letzten Tagen seines Lebens, die ich nun erzähle, könnte ganz gut eine Legende aus der Zeit des cmpn db? ^3 sein, und ist so mystisch, als wäre sie dem Hirne eines orientalischen Erzählers entsprungen. Und doch haben wir sie in den letzten Tagen miterlebt. Es ist an der ganzen Sache nichts übertrieben oder zurecht gemacht, nur reine Tatsachen aneinander gereiht, die von vielen Menschen miterlebt wurden. Schon vor 2 Jahren wollte der Munkaczer Rebbe, mit dem er seit Jahren in schriftlichem Verkehre stand, den Chacham besuchen, doch lehnte er.dessen Besuch mit der Begründung, es wäre hierzu noch Zeit, höflich ab. Bei einer Gelegenheit ließ er ihm schreiben, ins' Sk 'NX msr „Fürchte nicht, ich werde noch leben". Wie ich von der nächsten Umgebung des Verstorbenen hörte, verlangte er plötzlich am 21. Adar — an einem Freitage — eine Viertelstunde vor dem Lichtanzünden Papier und Schreibzeug, denn, sagte er, es wäre jetzt Zeit, an den Munkaczer Raw zu schreiben. Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, persönlich diesen Brief zu lesen, er beginnt mit den Worten ns 3iv "i*" und endete mit n i’-a 83’ 83 Infolge dieser Einladung trat der Munkaczer Rebbe seine Palästinareise nach nov an. Das Zusammentreffen dieser beiden verwandten Seelen — der Altersunterschied war Jahrzehnte — war sehr rührend, jeden Tag besuchte der Rebbe den Greis, der nicht müde wurde, vor der begleitenden Gesellschaft seinen scharfen Geist in jugendlicher Frische sprühen zu lassen. Aber es mußte geschieden werden. — Das letzte Schiff, wenn der Munkaczer noch vor Schwuaus in seiner Heimat eintreffen wollte, ging am Mittwoch, den 21. Mai, von Jaffa ab und am Dienstag früh hauchte der -vnn 8’3a wie ihn der Munkaczer nannte, seine reine Seele aus. Unter Beteiligung von ungefähr 4—5000 Leidtragenden fand noch am selben Tage die '’ii!> statt. Der hohe Gast konnte seine Reise ungestört antreten, seine greiser Freund hatte auch seine Reise ins Jenseits Die Juden in Buchara. Der Moskauer Korrespondent der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der der Eröffnung der Turksib (Turkestan- Sibiriens-Eisenbahn beigewohnt und bei dieser Gelegenheit einen Teil der mittelasiatschen Länder besucht hat, machte auch eine Reise durch Buchara und traf mit den verschiedenen Kreisen der dortigen Judenheit zusammen. lieber das Leben dieses isolierten jüdischen Stammes hat er die folgenden Informationen gesammelt: Die jüdische Bevölkerung in Buchara hat sich seit Beginn der Sowjetherrschaft in diesem Lande aus ungefähr die Hälfte vermindert. In Alt-Buchara, wo unter der Herrschaft des Emir 8000 jüdische Seelen lebten, befinden sich gegenwärtig nicht mehr als etwa 2000 jüdische Seelen. In dem ganzen Rayon Samarkant, wo eine große Bevölkerung von Buchara-Juden existierte, zählt man heute nicht mehr als 15 000 Juden; im Kreis Taschkent zählt man nicht mehr als 3000 Juden. In ganz Buchara leben heute etwa 45 000 Juden. Die Sowjetregierung hat alle unter der Herrschaft des Emir in Geltung gewesenen rechtlichen Beschränkungen gegen die Juden abgeschafft. Früher mußten die Juden an Stelle eines Gurtes einen Strick tragen, es waren ihnen besondere Stadtviertel zur Wohnung angewiesen, das Reiten war ihnen verboten. Die jüdische Bevölkerung freut sich über die ihr zuteil gewordenen politischen und menschlichen Freiheiten, sie leidet aber ungeheuer unter der schlechten Wirtschaftslage, die für sie als handeltreibenden Bevölkerungsteil unter der Sowjetherrschaft eingetreten ist. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Buchara setzte sich früher aus wohlhabenden, zum Teil sogar sehr reichen Kaufleuten zusammen. Seitdem die Sowjetregierung den privaten Handel verboten hat, blieben die Juden ohne Existenzmöql'chkeit. Die vermögenden Juden wänderten insgeheim nach Persien und Afghanistan aus, in Buchara blieben die. ärmeren Elemente zurück. Der Durchschnittsverdienst einer jüdischen Familie in Buchara beträgt im Monat 40 Rubel. Sehr viele Familien verfügen nicht emmal über dieses äußerste Existenzminimum; die Ve- 12. Juni 1930 schäftigungen, denen sie, obliegen; Schneider- und Kürschnerhandwerk, Seidenweberei u. ä., sind sehr wenig ertragreich. Führer der Judenheit von Buchara ersuchten den JTA-Vertreter, die jüdischen Hilfsorganisationen in Europa und Amerika auf die Notlage der Buchara-Juden aufmerksam zu machen, damit endlich etwas zur Linderung der verzweifelten Wirtschaftslage der Buchara- Juden getan wird. Der größte Teil dieser Juden zählt zu den Deklassierten. Die Sowjetregierung stellte ihnen zwar Boden zur Verfügung und verhilst ihnen dazu, sich in Produktionsgenossenschaften zusammenzutun. Aber das jüdische Element ist an Landarbeit noch nicht ge-, wöhnt, es fehlen Instrukteure, auch fehlt es an Maschinen für die Produktionsgenossenschaft. Würde ihnen agronomische Beratung zur Verfügung stehen, so könnten sie auf dem ihnen überwiesenen Boden Baumwolle und Getreide bauen. In Buchara existieren bereits über 30 landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften mit insgesamt mehr als 2000 Mitgliedern, unter ihnen 45 jüdische Familien, die nach der Revolution aus der Ukraine und aus Weißrußland nach Buchara gekommen sind. Ueber 4000 jüdische Kleinhandwerker sind in Produktionsgenossenschaften organisiert. Es fehlt nicht an Rohstoffen, aber an Maschinen. Der. stellvertretende Ministerpräsident von Uzbekistan erklärte dem JTA-Vertreter gegenüber, die Regierung plant die Ansiedlung von 5000 Familien der Buchara-Juden auf dem Lande. Jüdische Frauen in Buchara werden immer mehr als Arbeiterinnen in die Seidenwebereifabriken ausgenommen. Der JTA-Vertreter konnte feststellen, daß das religiöse Leben unter den Juden Bucharas unter der Sowjetherrschaft sich nicht vermindert hat. Allein in der Stadt Samarkant mit einer jüdischen Bevölkerung von 8000 Seelen zählte er im jüdischen Viertel 32 Synagogen und Bethäuser. In Alt-Buchara mit 2000 jüdischen Seelen existieren sechs Synagogen, während drei andere durch die Kommunisten in Kulturanstalten umgewandelt wurden. Die religiöse Tradition wird intensiv geübt, in keinem jüdischen Hause wird am Sabbat gearbeitet. Die jüdischen Kinder aber, die die Sowjetschulen besuchen, werden in einem antireligiösen Geist erzogen In ganz Buchara existieren 24 Sowjetschulen für jüdische Kinder, die von 2750 Kindern der Buchara-Juden besucht werden. Unterrichtssprachen sind russisch und tadzschikisch, hebräisch ist verboten. Auch die Unterhaltung von Chedarim ist gesetzlich untersagt. Die hebräische Sprache, die unter den Bucharer Juden so stark verbreitet war und auf deren lebendige Beherrschung diese Juden so stolz waren, ist jetzt im Untergehen. Nur ein ganz kleiner Teil der Jugend pflegt heute noch das Hebräische. Da in Buchara Fleisch nur auf Karten durch die Konsumläden ausgegeben wird, wird kein Vieh geschächtet und Koscher-Fleisch ist überhaupt nicht zu haben. Die jüdische Bevölkerung verzichtet darum auf Fleischnahrung, nur in seltenen Fällen kann man sich geschlichtetes Geflügel leisten. Der Kommunismus ist unter die Buchara-Juden nur wenig gedrungen, in ganz Buchara zählt man 113 jüdische Kommunisten, die meist Kleinhandwerker sind. Aber auch diese Kommunisten hüten die religiöse Tradition und besuchen die Gottesdienste in den Synagogen. Unter der kommunistischen Jugend (Komsomol) zählt man etwa 300 jüdische Knaben und Mädchen. Mehr als 1000 jüdische Kinder sind den kommunistischen Pionieren angeschlossen. Die Juden nehmen teil an den Sowjetverwaltungsorganen. Im allgemeinen glauben sie an die Zukunft der Sowjetherrschaft. Einige der jüdischen Sowjetmandatare, die nicht Kommunisten sind, erklärten dem JTA-Vertreter gegenüber, daß die Juden sich unter der Sowjetherrschaft viel besser und freier fühlen als unter der Herrschaft des Emir und des Zarismus; die Sowjetregierung, so sagten sie, laßt den Juden soziale Fürsorge durch Ermöglichung konstruktiver Arbeit zuteil werden. c * o z L_ M I TELE w JULIUS SCHMIDT FRANKFURT AM MAIN LANGESTRASSE 7 TELEFON HANSA 25865 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE INSERATEN.AN¬ NAHME FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS - INSERATE DES »ISRAELIT« AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN, WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINALPREISEN ♦ANNAHME VON DRUCKSACHEN (HANDEL, GESCHÄFTE, PRIVATE) FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLER. AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ- UND BUNTDRUCK Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t, 93.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck:;Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.I