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Der Israelit · 1930-06-12 · Heft 24 (12.6.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 24 (12.6.1930)
Date
1930-06-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage Abraham Sohn Abrahams. [tJF ä Eine Helden- und Alärtyrergefchichle. Von S. Schachnorvitz. (Fortsetzung). Cr wiederholte und wiederholte sich dos Wort und zitierte mechanisch weiter. Und nun stand ihm, wie plötzliche Erleuchtung, der ganze Satz und seine Deutung klar vor der Seele: „Der spricht vonseinemVater und seiner Mutter, ich habe sie nicht gesehen und seine Brüder kennt er nicht, und um seine Söhne weiß er dicht, indem M hütet Dein Wort und Deinen Wund wahret er-" Und! jetzt wußte er auch genau, in welchem Zusammenhänge der Gaon in jener weihevollen Stunde am Sedertische den Satz zitierte: „Terach war jenseits-<L:es Stromes. Abraham aber dies seits, darum war jener nicht mehr der Vater von diesem. Wenn der „Nahar", — es ist der Lichtstrom der höheren Erkenntnis — zwischen zwei Menschen liegt, sind- Gesetze der Natur aufgehoben, und die Stimme des Blutes verstummt, und es war schon so, daß Abraham mit Recht von Vater und Mutter sagte, er habe sie nie gesehen, wie Lewi seine Brüder, die Söhne seiner Mutter, nicht kannte ..." . Wie er ihn mit seinem kurzen, durchdringenden Blick dabei ansah. War das eine Anweisung für ihn? ... Er sollte sich nicht kampflos opfern. Warum? Vielleicht, weil er sein, Abrahams/ Spiel nicht verloren gab und e r daher versuchen müßte, sich seiner Mission zu erhalten ... Mit Erleuchtung und Erkenntnis erhob sich Abraham an diesem Tage von seinem harten Lager. Entschlossenheit war in seinem Herzen. Aber seine Lage hatte sich seitdem nicht gerade gebessert, sein Gefängnis war nicht angenehmer geworden. Kleine gelegentliche Aufmerksamkeiten und Erleichterungen wechselten mit vielen Härten und Quälereien. War ein Wärter in Ton und Tat freundlich und entgegenkommend, 'standest dieserst drst andere entgegendie zUW PeiMgM-aüs/BerUf^'^sind Neigung erkorenwären." ‘ Es 'war/'Hm^Embar. d aß ohen zwei' Mächte * widerstreist/nd/'üm Mine Seelewarben, die eine' — vielleichk War He? Hand der Frau in Schwarzdahinter — muiW Lockunst dieärMre mit StreHe'ustd!'^ösMst'. Die erM hatte-wohl einige MheiM' Wegst und die Hilfe bestimmter Wärter sich erkauft, doch schien die andere Macht die höhere und die stärkere. Aus dem Munde des alten Ambrosius, der zu der ersten Macht gehörte und mit seiner Ohnmacht typisch für diese war, wußte Abraham zur Genüge, daß der Prälat, der neue Herr des Klosters, nicht nachgebe und daß hinter ihm die gesamte hohe Geistlichkeit und der große Adel des Landes standen, die längst seine Sache zu der ihrigen und einer Ehrensache der katholischen Kirche der Welt machten; daß sogar Rom mit der Angelegenheit befaßt wurde und' daß diese Instanzen längst nicht mehr nach dem Willen und den Wünschen der alten Gräfin fragten. Der alte Graf war tot und Ambrosius war alt. Und die Kirche, die so viele der verlorenen Söhne um diese Zeit zu beklagen hatte, brauchte ein Exempel . : . Bei dem Widerstreite der zwei Mächte spürte aber Abraham in allen Pdven das heftige Arbeiten einer d ri t t e n Macht auf seiner Seite: Hinter dem--.schwereisernen Tore seines Gefängnisses, eine SNaße weiterbeteten und weinten die Besten und Edelsten vor ihren Folianten und Pfalmbüchern für ihn. Der Gaon saß versonnen in seinem Lernzimmer und sah hinauf ... In den Schulen beteten Kinder Psalme für ihn. Und dort im kleinen Städtchen Jlije weinte ein Mädchen aus Engelsaugen und' sang ein alter Mann unaufhörlich Psalmlieder . . . . All diese Gebete, all diese Psalmen, all diese Tränen sah und hörte Abraham in seiner Abgeschlossenheit. Die dritte Macht arbeitete gewaltig, und' reichte sie vielleicht nicht aus, um ihn zu retten, so gab sie ihm die Kraft, deren er jetzt bedurfte. Die Verhöre und Vernehmungen waren im Gange. Man half schon zuweilen, da gütliches Zureden verschlug, mit Rad und Schraube nach. Abraham blieb stark. -Man wollte von ihm nur das eine wissen: ob er bekenne, Valentin, Sohn des Grafen Stanislaus Potocki zu sein? Nein, lautete die beharrliche Antwort, er sei der Jude Abraham mrd habe mit Graf und Potocki nichts zu tun. Als sich die Leiden vermehrten, dachte er in schwachen Momenten, diesen ein offenes Bekenntnis entgegenzusetzen, das das rasche grausige Ende bringen mußte. Dann aber bekam die „dritte Macht" wieder Gewalt über ihn, deren Rauschen jenseits der Gefängnismauern seine Seele vernahm, und weisend und warnend sang es in seine Ohren-: „Und zu Lewi sprach er . . ." Einmal sollte die alte Frau in Schwarz im Gerichtssaale in Gegenwart der Richter, im Anblick der Marterwerkzeuge und der brennenden Wachskerzen, klar aussagen, ob sie den Angeklagten als ihren Sohn erkenne und anerkenne, und mit dieser Aussage nach langen qualvollen und zwecklosen Vernehmungen endlich die letzte Entscheidung bringen. Wie eine Heilige aus einer anderen Welt stand sie da, küßte das goldene Bild vor der Kerze, trat noch einmal -an ihn heran, faßte ihn mit zarter Hand an, und ihre flehenden Augen suchten undfanden immer wieder die seinen, so sehr -er sie abwenden mochte. „ V a l entin! " schrie sie auf, „mein Kind, was haben sie aus Dir gemacht, nimm Vernunft an, schüttele die bösen Geister von Dir ab und kehre in die Arme der Mutter zurück! ..." Abraham ließ die Arme schlaff fallen, sein Auge schaute' -weg, der Mund blstb stÜMM. /:.DedIÄstkHe- Richter besiegelte,.aber mit harkest b'lecheryer"Stimme das SchickM Abtzahams:-' ' „Gräfin Potocki erkennt es,.in.,aller Oeffentlichkest-anstwas wir alle langst .wissen.. Es ist klar und zu Recht erwiesen, daß " her Angeklagte Valentist Graf Potocki 'ist, der den, Adel seines Väterhauses bon sich geworfen Und den Schwur gegen die heilige Kirche gebrochen hat. Seine verstockte Seele erkennt nicht die Wahrheit und kennt nicht die Reue. Das Urteil kann nach heiligem kanonischem Recht - und Gesetze gesprochen tv erden ..." Ambrosius, der die alte Frau stützte, hob abwehrend die! Hand. Er hatte noch einen Plan und eine letzte Hoffnung, die er den Richtern zuflüsterte, bevor das letzte Wort gesprochen war. Tags darauf/stand eine blitzsaubere Karosse mit dem Wappen des Hauses Potocki, mit livrierten Lakaien, und Dienern am Viergespann, vor der großen Freitreppe der Kathedrale. Abraham, in neue Kleider gesteckt, wurde heraufgeholt und zwischen die aufgeputzten Diener in den Wägen' gesetzt.,. .Die zu einem Hochzeitsfeste rollte der Wagen vierspännig, von feurigen Rossen-gezogen, hinaus durch Feld und Wald, bis zu dem in einem Waldparke zwischen Alleen und Altanen, Seen und Wiesen gelegenen Palais der Potockis. .Bauern am Wege blieben stehen, entblößten das Haupt und grüßten ehrerbietig das gräfliche Wappen. Im großen Empfangssaale des Palais waren die Männer des hohen Adels und der höchsten Geistlichkeit versammelt. .Es strotzte von Uniformen, Ordensbändern, -schwarzen und weißen Ornaten-. Die geistlichen , Richter waren alle mit dabei, an deren Spitze aber ein fremder Geistlicher mit spitzer Adlernase im feuerroten Kardinalsmantel. Undim hochlehnigen Armsessel saß die Frau im schwarzen Gewände und hatte rotgeweinte Augen im leicht verschleierten Gesichte. Neben ihr stand der alte Ambrosius, der öfters, wie tröstend ihre Hand berührte. Als Pater Ambrosius Abrahams ansichtig wurde, trat er leise an ihn heran, erfaßte seine Hand und flüsterte ihm väterlich ins Ohr: „Valentin, mein Sohnknie vor Deiner Mutter hin, bitte sie, und in ihr Mutter Kirche, um Verzeihung und alles ist gut! . . ." Des Alten Stim-Me war ganz gebrochen, die Worte kamen aus dem zahnlosen Munde wie aus einem hohlen Fasse. Abraham, wandte das Gesicht ab, das in dieser Minute einzige Zielscheibe war für Blicke der Neugier, des Hasses und auch des Mitleides. Wie in wohl vorbereiteter Prozession, die fremde Eminenz an der Spitze, wurde er von Saal zu Saal, von Gemach zu Gemach geführt. Im Ahnenfaal, wo die lebensgroßen Bilder und Statuen all der Potockis bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurück, teils in ihrer Kriegsrüstung, standen, verweilten-sie am längsten. Aus tannengefchmücktem, bronzeäem Rahmenschaute, wie bittend, der alte Graf Stanislaus Potocki zu ihm hin. Es ging dann in den Prunksalon, zum alten Silberschatz, zur Waffensammlung, zur Bücherei, zu den alten Kunstschätzen, den Trophäen aus Jagd- und Kriegszügen, wie aus Pilgerfahrten der Ahnen. ,Jm Parke, wo .die Bäume im vollsten Blütenschmucke standen, darin, wie zur Feier des Tages, die Vögel zwitscherten und trällerten, blieben sie -stehen.-Man sah die Fischer am Teiche angeln und die Netze ziehen. Auf den Hügeln der Gemarkung schwangen sich die Flügel der Windmühlen in der Luft wie große Käfer. Vom Gebüsche her dröhnte das Jagdhorn und-von Zeit zu Zeit Geknatter von Büchsen. Am Waldrande fuhren die Bauern mit Sang und Peitschengeknall das Holz aus den gräflichen Wäldern ins Tat hinab.; i Nunmehr trat die rote Eminenz, die, wie Abraham ahnte, eigens aus-Warschau, vielleicht gar ags Rom.hergeschickt wurde, um. in seiner Hache oberstes Recht zu sprechen, leise' heran und tichtete eine kurze Ansprache an ihn,'hörbar für alle, wie um Zweck und Sinn der Führung zu erklären: . ,.;1 „Graf Valentin Potocki! Wir haben Dich hierher gebracht, in Dein väterliches Gut, daß Du siehst, was astes für Dich auf dem Spiele steht, und Vernunft annimmst, bevor es zu spät ist. Es ist all dies Eigentum-der Familie Potocki, und Du bist der alleinige Erbe, der Herr und Besitzer all dieser Macht und Pracht. Du hast, Valentin, Sohn des Stanislau, Graf Potocki, schwer gegen die Kirche und den- Namen Deiner Väter gesündigt, indem Du die geweihte Priesterkrone und das Diadem des Familienadels wie wertlose Schale von Dir geworfen hast. Aber die Kurie will Gnade vor Recht walten lassen — Deiner hochseligen Ahnen wegen, die allezeit Stützen-des Altars und Schutzpatrone der Klöster und Kirchen waren. Schwöre Deinen Wahn ab und bekenne öffentlich: ich habe gefehlt! ... Du wirst Deine reuige Seele in Liebestaten für die Kirche, von den letzten Schlacken reinwaschen, und alles ist gut ..." Da Abraham sich nicht rührte und sein Mund geschlossen blieb, fuhr der Geistliche im roten Gewände fort, ruhig, aber scharf und streng:

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