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Der Israelit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der Israelit Df. 22 193« Abraham Sohn Abrahams. mm 'AflK Eine Helden- und TNärtyrergefchichle. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). Als Abraham am Morgen vor der Hochzeit auf dem Wege zur Schul auf Lemke Knöpfet stieß, mußte er, wie im Zwange, zu ihm Hinsehen. Es war nicht eigentlich Lemke, der feine Blicke anzog, als vielmehr dessen Begleiter, ein Mann mit rotem, vollem Gesichte und borstigem Schnauzbarte, die Stirn voller Narben, der trotz des sonnigen Tages in kurzem Ziegenpelze und überlangen Schaftstiefeln steckte. Wie kam jetzt Abraham plötzlich die Erinnerung an den kleinen Friedhof in Paris, wo sie an jenem trüben Nachmittag Menachem Leib beisetzten! Wie Blei legte es sich auf Abrahams Seele. Ein Schatten huschte über seinen Weg, und er wußte nicht, aus ' welchen Tiefen er kam. Irgendwie muhte die Erscheinung m!it jenem Begräbnis in Zusammenhang stehen. Als er jetzt fast mechanisch nach dem Manne zurücksah, hatte sich auch dieser umgewandt, und ihre Blicke trafen sich. Lemke hielt den Polen untergesaßt und wies offenbar nach ihm, nach Abraham, hin. Eine leise Unruhe begleitete Abraham in den Abend, und auch noch nachts in die Träume hinein. Die Morgenstrahlen kündigten seinen Hochzeitstag an. Es war von ihm eine „stille Chuppo" gewünscht, und er bat Esther, sich bereit zu halten, nach den „sieben Tagen der Freude" mit ihm still abzureisen, vielleicht über die Grenze. Vielleicht geschah es auf Anordnung des Gaon in Wilna. Man fragte nicht viel und war bereit. Aber es war schon in Jlije alter Brauch, daß sich Jeder bei Nachbars Hochzeitsfest — Nachbaren waren alle in dem aus Markt und langer Gaffe bestehenden Städtchen — als nächster Angehöriger fühlte und nicht erst auf Einladung wartete. So kam es denn, daß schon vor der Chuppo es im „Haufe der Braut" wie im. „Haufe des Bräutigams" hoch herging, die „Klesmer" (Musikkapelle) spielte und Motte Badchen seine von Späßen, unterbrochenen rührseligen Reden in Reimen hielt. Die Chuppo auf . dem Schulhofe war von vielen zitternden Kerzen umfäümt, und alle gutherzigen Frauen Jlijes^yalfen! mit ihren Tränen. Dwoire, der Brautmutter, die baA nicht mehr weinen konntt, gern und reichlich aus. Am Abend nach der Chuppo brannten im Hause Zemachs> aus dem aller Hausrat ausgeräumt war, so viele Stearinkerzen wie in der Schul am Versöhnungstage, und es kamen so viele geladene und ungeladene Gäste, daß sie nur schichtweise an die Tische, darauf die Schnapskaraffen! und der goldgelbe Honigkuchen standen, herankonnten. Rabbi Leibest, der uralte Rabbi von Jlije, ein weitläufiger Verwandter Zemachs, war da, obwohl er sich nur noch auf zwei Krücken, fortbewegen konnte. Und- Joffel Beer, der Chosen, hatte' feine Sängerfchar, die sonst nur an hohen Feiertagen in Funktion trat, mitgebracht, um „Mischeberach" für Brautpaar, Brautettern und' Gäste g e g e n b a r.zu singen. Es wurde getrunken, gesungen, geschnupft und genießt, bei dieser „stillen Hochzeit", daß der Boden von Jlije rund herum im weiten Umkreise erdröhnte. Dwoire weinte, wie es sich gehörte, und Zemach hatte zu alldem die passenden Psalmsprüche. Kussel, der Chewrohschammes,. stieg aber nach dem fünften Gläschen auf den Tisch und Hub an, das Lob von Braut und Bräutigam in Versen zu verkünden. Esther hatte nasse Augen, well ihr Abraham zuflüsterte, 'es könnte fein, daß sie schon früher, vielleicht morgen schon von hier fort müßten, auf keinen Fall könnten sie aber länger als über die Hochzeitswoche hier bleiben. „Wohin, Geliebter?" „Vielleicht in weite Ferne, vielleicht nur aus Jlije hinaus, wo es weniger laut ist, wo man uns weniger kennt. Werden uns in Wilna noch einmal dieser Tage Bescheid hol-en." Das Geheimnis seines Lebens stand zwischen ihnlen, und sie mochte nicht daran rühren. „Choston und Kalloh sollen leben!" schrie es im Chore, als Kehrreim zu einem besonders gelungenen Knittelvers Kussels, des Chewrohschammes, der nach dem sechsten Gläschen Motte, den Berufsbadchen, mit seinen Späßen und. Reimen schon überbot. ,, Daß groß und breit wie ein Pferd jetzt der Pristaw mit leuchtender Kokarde aus der schiefsitzenden, für den Kürbiskopf zu kleinen Mütze und vielen bunten Schnüren auf dem blauen verschossenen Uniformrocke ins Zimmer hineintrampelte, hinter ihm her fein schwarzer zottiger Hund wie em Untier der Vorwelt, erschreckte keinen, fiel gar nicht auf. Pawel Dumakof, der Inhaber der höchsten Polizeigewalt im Städtchen, ein gutmütiger. Mensch von enormem Körpergewicht, war mit den Juden ganz verwachsen. Er sprach ihre Sprache, als wäre er im Wllnaer Schulhof zur Welt gekommen, aß leidenschaftlich gefüllte Sabbatfische, lud sich am Pessach bei jedem zu Schnaps, Mazzo und „Knödlach" ein und fehlte bei keinem jüdischen Familienfeste. War ein Jllde in Jlije einmal mit irgendeinem der unzähligen Gesetze in KonfM gekommen, so gab es dafür feste Preise, nach Liter berechnet, und der gute Pawel Dumakof regelte die Sache aufs beste, ohne jemals eine Oberbehörde für den Fall zu bemühen. Rabbi Leibele, mit dem er besonders gut stand, hatte ihm -einmal aus Talmud Merk: „Alles, was sich auf Festland befindet, ist auch im Meere da," und noch aus eigenem hinzugefügt: Was der G e n e r a l g o u v e r - N e u r in Wilna, ja, was der Z a r in Petersburg ist, das fei er, Pawel Dumakof, in Jlije! Das galt. Was war natürlicher, als daß Zemach auffprang und dem Pristaw das. größte Glas voll bis an den Rand einschenkte. Pawel goß das Glas in einem Zuge hinunter, wischte sich den gewaltigen grauen Schnurrbart undsagte gedehnt, indem ihm Jemand noch -einmal Ärischenkte. erkomme nicht deswegen,, aber wenns Hochzeit wäre, gratüli^e .er qustalle Fglle . .*<. Nur tue es ihm Pawel-,stotterte verlegen — der .fremde Mann mit dem ,blonden Parte, den er schon längere Zeit hier sthe, müsse mit.„Orfore, von oben . . . Dienst!" . Er trank Noch ein-> .mal, und erst jetzt gingen ihm die' Augen 'richtig 'auf. „Cs ist, wie mir scheint, gar der Bräutigam selbst, da störe ich die Freude. Bedaure wirklich: aber Dienst ist Dienst . . .!" * Das Ganze war zum Lachen. Man kannte den Dienst Pawel Dumakofs nur zu gut. „Was kostet es? ..." „Zunächst noch eins trinken, Herr Poritz!" Aber Pawel hatte diesmal so merkwürdige Haltung ,und seine Augen, die zwar nach dem dritten Glase stark angelaufen waren, schauten steif und dienstlich darein. Er wies mit der Hand zur Türe. Von dort schob sich der Pole mit dem ausgeschwemmten Gesichte und der pockennarbigen Stirn in die Stube. Die zwei Polizisten, die ihm folgten, kannte keiner, sie waren fremd im Orte. Ihrer strammen Haltung und sauberen Uniform nach durften sie aus Wilna fein. Abraham war jetzt vollkommen im Bilde. Was feine Seele morgens nur ahnte, erkannten jetzt feine fehenden Augen klar und deutlich. Der Pole im Ziegenpelz war kein anderer -als der Masin, der ihm auf dem Pariser Friedhöfe da- .nals nachfpionierte, der ihm ein eindringliches Geschäft anbot: die Ausfindigmachung seiner selbst. Abraham hatte mit dem Instinkte eines gejagten Wildes die Situation klär und rasch erfaßt. Er drückte Esther, die totenbleich dasaß und noch nichts begriff, die Hand. Durch diesen Händedruck wutde ihr die ganze Rot seiner Seele vermittelt. Sie zitterte. Die Anderen im Hause konnten es aber immer noch nicht fasten, und wollten es nicht wahr haben, daß mit dem dicken, dummen, trunkenen Pawel eine Gefahr in ein jüdisches Haus emziehen sollte. Kräftige Männer mit gediegenen, gut geübten Handwerker¬ und Arbeiterhänden stellten sich schützend vor Abraham, suchten ihn auf den Schultern hinauszutragen. Da stellte sich aber heraus, daß neben den fremden Polizisten im Haufe noch ein halbes Dutzend von der Sorte draußen, den! Lauf der Gewehre nach Türe und Fenster gerichtet, postiert waren. Im Momente aber, wo die Männer im ersten Schrecken von Abraham ließen, hatten ihn schon die Büttel wie mit eisernen Klammernin ihrer Gewalt und führten ihn gefesselt hinaus. Hinter dem Haufe stand ein geschloffener Wagen, den keiner ansahren sah und hörte. Abraham wurde förmlich hineingeworfen, wie ein gebundenes Lamm, das zum Markte gefahren wird. Zu feinen beiden Seiten, sowie vorne und hinten saßen bewaffnete Polizisten, und hinaus ging es ohne Licht auf leichten Rädern mit eiligen Rosten in die Nacht. Die ganze Verladung hatte nur wenige Minuten gedauert. Eine Stille trat ein, wie-nach einem Sturm, der alles Leben ins Meer gefegt hatte. Im Haust Zemachs erloschen die Lichter, die Gäste gingen einzeln auseinander, wie aus einem Trauerhause. In ihrer Kammer weinte Esther. In ihre Beklemmung klangen Worte: „Ich bin den gleichen Weg gegangen-Prosechten wissen um einander. Darum kenne ich den Grafen, wie ich die Geschichte deines Lebensretters kenne —" E r war es. Ihre' Seele wußte es schon seit Wochen, nun wußten es auch ihre wachen Sinne. Eine höhere Erscheinung, damals wie heute; und damals wie heute kaum, daß sie sichtbar wurde, wieder dem Auge entschwunden . . . Sie weinte um Abraham, weinte um ihre Jugend . . . Lemke Knöpfet erhielt an diesem Tage im Städtchen einen neuen Namen: Der Mosser (Denunziant). Und wer ihn aussprach, spuckte weit aus:; . . Lemke wollte morgens, als wäre nichts geschehen, ins Haus Zemachs tteten,di!e Türe war fest verriegelt und fein Klopfen blieb unbeachtet. Lemke ging zum Bäcker, wollte Brot haben „Brot? Bedaure, ist keins gebacken worden." Im Lebensmittelkram war gerade der letzte Hering aus der Tonne, der letzte Tropfen Erdöl aus dem Faste verkauft worden, als ihn Lemke bettat, um einzukaufen. Er mußte ohne Brot und im Finstern ins Bett gehen. Auf d er Sttaße ttaf er Le ib zi g , den Kommissionär, der ihm oft was aus Wilna mitbrachte und mit dem er sonst gut stand. „Leibzig!" rief .er von der Ferne. „Wann geht Ihr nach Wilna? Werde Euch was zu verdienen geben. Wir brauchen ..." Auf einmal war Leibzig, sonst so behende und auf Verdienst aus, taub und stumm und blind, machte weiten Bogen,als sah er ihn gar nicht. „Ach, sieh da, Ruwke, der Wilnaer Fuhrmann," fteute sich Lemke. ,',Euch suche ich gerade, ich fahre mit nach Wilna." „Da kommt Ihr um eine Stunde zu spät. Mein Wägen ist voll wie eine Heringstonne, kein Platz mehr für eine Stecknadel," bedauerte

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