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Der Israelit · 1930-05-15 · Heft 20 (15.5.1930) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 20 (15.5.1930)
Date
1930-05-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 20 Der Israelit 15. Mai 1930 fehlen, wie der Stadtpolizist, der Schabbosgoi und der Stadtbock, der im Schutze der Immunität seiner Erstgeburt in den morastigen Straßen ein wildes Leben zum Gaudium der Äugend und Schrecken der Alten führte. Lemke kam aus der weiten, großen Welt, sollte sich in Petersburg und anderen Städten, die kein jüdischer Fuß betrat, aufgehalten haben. Im Städtchen trug und gab er sich noch wie ein Schlachziz, ging im kurzen Pelze und langen blanken Stieseln daher mit einer flachen, Mütz auf dem Kopfe, die man schon als Amtsmütze ansprechen konnte. Und weil er viel mit dem Pristaw und den anderen Uniformierten ver kehrte, trank und spielte, bekam er selber den Namen „Knöpfet". Durch diese Beziehungen konnte er einem nützlich sein oder noch mehr Un gelegenheiten machen, darum mußte man sich mit ihm halten. Aus dieser Einsicht der klugen Jlijer, deren keiner die Sprache der Behörden und des Landvolkes sprach und schrieb, zog Lemke Knöp fel seine reichen Einkünfte. Die Jlijer, die es lieb ten, alles, was sie taten und nicht taten, mit Bibelsätzen zu verbrämen, nannten es: „Lo jechraz" - Gelder. Den „Hund" und die „Zunge" konnte man sich in Anlehnung an Mosis H, 11 still hinzudenken ... Daß der junge, schmucke Lemke auf einmal gar ein Schnupfer und beständiger Kunde Zemachs wurde, hatte seine guten Gründe, von denen die Liebe zum Tabak am wenigsten ins Gewicht fiel. Das konnte bald ein Blinder sehen Als es Esther selbst merkte, lachte sie ihr helles Lachen, von dem man selten wissen konnte, ob es Wohlgefallen oder Hohn war. Als aber Lemke gar einmal den Weg ins Bethaus fand, sich an den psalmodierenden Zemach heranmachte und von Esther mit größter Deutlichkeit zu sprechen anhub, nahm dieser eine unbewohnt große Prise aus seiner Horndose, führte sie behutsam in beibr . Nasenlöcher, daß sein Kopf in konvulsivische Be wegungen geriet und er nieste so brausend, daß der Ständer wackelte. Sollte heißen: „Nein, nein, nein, nein!!!" Er glaubte es drei- und viermal unterstreichen zu müssen. Bon wegen der Versuchung für Esther, dieweil stadtbekannt war, wie oft sich dieser weltgewandte Jüngling rühmte, aller Mädchen Herzen im Sturm zu nehmen. Aber diese Vorsicht war gar nicht vonnöten. Esther lachte nur laut und ging dem Knöpfe! seitdem gänzlich aus dem Wege. Sie zog es vor, lieber über Dinge zu lachen, über die sich andere ärgerten. Es war schon ihr Los immer, in der Jlijer Mund zu sein. War sie früher „Die heilige Jungfrau von Wilna", später „Das Omen nach jecheffrenu", so war sie jetzt die Heldin, die dem allge haßten Knöpfe! heimgeleuchtet hatte. Schon in den früheren Bezeichnung^ lag neben dem Spotte eine gute Dosis von Verehrung. Sie wuchs jetzt in der Achtung ihrer Jlijer Mitmenschen zusehends. Aber Lemke Knöpfel war nicht von der Sorte, die sich leicht abweisen und einschüchtern läßt. „Kommt schon die Zeit," sagte er. Er konnte warten . . . Um diese Zeit — die erste Sonne fing gerade an, den Schnee zu schmelzen und ihn in Bächen und Tümpeln in die Witija hinunterzuspülen — landete der fremde junge Blondbart eines Tages im Städtchen und saß still und bescheiden im Beshamidra-sch, das zugleich das größte Bethaus im Orte war, an dem geöffneten Folianten. Das fiel nicht sehr auf. Des öfteren pflegten solche „Peruschim", lerngierige ältere Jünger, sich aus dem Gewühl und Geräusch der Großstadt ins geruhige Städtchen für eine Zeitlang zu flüchten, um hier ungestört im Selbststudium die geistige Vollendung und rabbinische Reife zu erlangen. Es war auch nicht weiter auffällig, daß der Fremde sehr oft nach Wilna fuhr. Solche junge Leute im letzten VorbereitUnigsstadium durften die Fühlung mit dem Zentrum natürlich nicht verlieren. Ruwke, der Fuhrmann, wußte nur zu berichten, daß er den Fremden in Wilna oft aus dem Hause oder der Klaus des Gaon kommen sah.! Was schon eher im Städtchen auffiel, war die saubere, gute Kleidung und Haltung des fremden Mannes und daß er, im Gegensätze zu allen Vorstellungen von Wanderlehrern und Wanderschülern, von keinem etwas.annahm, im Gegenteil, noch vielfach aus seiner'Tasche gab nicht im Veshamidrasch schlief, sondern sich ein gutes Zimmer mietete und seine Verpflegung mit gutem Gelde bezahlte. Er sprach wenig und ge messen, blieb verschlossen, ohne recht eigentlich unnahbar zu sein, konnte Zudringliche mit einem Lächeln abweisen, das nicht gerade verletzend wirkte. (Fortsetzung folgt.) Paris. Wer da von den echtjüdischen Zentren Deutschlands kommend annimmt, daß man in Paris, der bekannt schönen Stadt, keine Gelegenheit hat, an Jüdischrett festzuhalten der irrt sich ganz gewaltig. Tlnternehmen wir einen kleinen Ausflug durch Paris; nicht im Fremdenauto, um die vielen Straßen und herrlichen Bauten zu betrachten, lenken wir nicht einmal unsere Schritte in Parkanlagen, Vergnügungslokale und Theater, sondern suchen wir die Stätten auf, wo wir auch in Paris jüdisches Wesen und uns alle verbindende Art kennen lernen können. Für eine von den Synagogen in Paris ist uns die Adresse Rue Cadet 10 gegeben worden. Zunächst einmal die Straße finden! Mit etwas Geschick schlängeln wir uns durch die mit besonderer Vorsicht aus den Fußgänger rücksichtnehmend geführten Autotaris, um zu dem den Verkehr regelnden „agent de Police" zu gelangen, der uns mit allergrößter Zuvorkommenheit den gewünschten Weg genau beschreibt. Wichtig ist jedoch, die Nummer der Straße genau behalten zu haben, denn nach außen hin unterscheidet sich dieses Gebäude, wo sich die e^chul befinden soll, nicht im geringsten von den anderen Häusern. Erst nach einigem Suchen findet man im Hofe versteckt die kleine Schul. Wenn man auch am rop hier nicht allzu viele Leute antrifft, so mutet einen schon allein der Anblick und das rührige Wesen des greisen ehrwürdigen Rabbis angenehm an. Auch manch bekanntes Frankfurter Gesicht sieht man hier. Jedenfalls hört man hier fast mehr Deutsch als Französisch. Nur mp -Nachmittag kann man einem französischen Vortrag und Eemoro'schiur beiwohnen. Freitag abends finden sich alle hier stationierten frommen jungen Leute aus manch bekannter Familie Deutschlands, Kopenhagens usw. im Restaurant zum mp-Essen ein und sozusagen immer benscht man an einem Tische zu zehnt. In einem anderen Restaurant macht man die Bekanntschaft sehr vieler netter, junger, frommer Menschen, meistens aus der Tschechoslovakei und man fühlt sich in diesen! jüdischen Milieu heimisch. Aufpassen muß man nur, daß man nicht mangels allzu großer französischer Kenntnisse dieselbe Art der vielen Speisen im Restaurant mehrmals bestellt. Sollte vielleicht deshalb der Inhaber dieses Restaurants die Speisekarte außer mit französischen auch mit hebräischen^Bezeichnungen verstyen haben? An ^8)UNg bCt einem Abend der Woche lädt ein bekannter frommer Advokat junge Leute in seine Wohnung, um ihnen Gelegenheit zu geben, Gemoro zu lernen. Der Leiter des Schiurs, ein jugendlicher Rabbi, dem die jungen Leute besonders zugetan sind, gibt mit klangvoller Stimme Erklärungen in französischer Sprache. Für das ungewohnte Ohr mag diese Art des Lernens etwas merkwürdig klingen, aber man gewöhnt sich sehr gerne an oen Laut der 'Sprache, zumal natürlich 'der traditionelle Klang der Gemoromelodie erhalten bleibt. Schön ist, das Zugehörigkeitsgefühl, das Verbindende, auch hier in Paris zu finden, und wenn man von oen Sehenswürdigkeiten und Schönheiten von Paris berichtet, darf man nicht vergessen, heroorzuheben, daß es in Paris noch genügend jüdische Menschen gibt, die sich Mühe geben, hier die Jugend dem Judentume zu erhalten, hier, wo es etwas schwer ist, vollkommener Jehudi zu bleiben, weil das Leben hier leichter genommen wird. — Eines ist jedem von Deutschland Kommenden auffallend, nämlich, daß man kein Hakenkreuz oder derartige Unsitten auf der Straße hier findet, sondern, daß sogar nichtjüdische Firmen den , juif pratiquant" mit seiner Sabbatruhe respektieren und achten. Dank sei an dieser Stelle allen Pariser jüdischen Familien, die in freundlicher Weise sich um ßie hier lebenden ausländischen jüdischen jungen Leute kümmern. Dies nur ein winzig kleines Bild des orthodox-jüdischen Lebens ins Paris. L. D. (Heinrich Mann über den Antisemitismus und feine Heilung.) Unter dem Titel „Sieben Jahre Chronik der Gedanken und Vorgänge" läßt Heinrich Mann, der berühmte Dichter und Zeitkritiker, im Verlag Paul Zsolnay (Berlie-Wien-Leipzig) eine Sammlung von Aufsätzen und Reden erscheinen, die auch einen Aufsatz, Der Antisemitismus und seine Heilung" enthält. „Die selbstbewußtesten Völker unseres Kulturkreises", schreibt Heinrich Mann, sind am wenigsten antisemitisch. Der Antisemitismus beginnt dort, wo man an Erfolge nicht lange genug gewöhnt ist und die eigene Stellung in der Welt noch als Problem empfindet. Er artet aus, wo ein Volk geknechtet ist. Er erhält sich in mehr oder weniger bösartiger Form nach nationalen und politischen Befreiungen, die zwar im Aeußeren vollzogen, aber innerlich noch nicht erworben sind. Der deutsche Antisemit oder vielmehr der „national" genannte Menschentyp, der die meisten Antisemiten stellt, war Franzosenfresser, bider Zwischenfall eines deutschen Sieges über Frankreich ihn in dieser Hinsicht erleichterte. Er verlegte sich auf den Haß Englands, bis der Weltkrieg ihm die Wohltat erwies, ganz Europa, auch England, im Wert herabzusetzen, Sieger, denen selbst nicht allzu wohl ist, zehren immerhin weniger an seinem ungesestigten Selbstbewußtsein als vor der Niederlage. Die Qual dagegen, die sein Judenhaß ihm bereitet, kann der deutsche Antisemit nicht loswerden. Die Juden zu übersehen, wäre Selbstzerstörung, denn er hat mit seinen Juden alles gemein, das Land, die Wirtschaft, die Art zu denken und zu leben, seine Haltung vor Fremden, vor den Aufgaben der Welt, und sogar die Güte seines Selbstvewutztseins. . . Sein Gedächtnis bildet in ihm einen „Minderwertigkeitskomplex". Er kann die Zeiten der nationalen Unterlegenheit nicht vergessen. Er braucht daher die Ueberbetonung des nationalen Wertes. Unentbehrlich ist ihm der Haß, und unentbehrlich die Nähe des Gehaßten, ein sichtbarer, täglich erreichbarer Gefährte, an dem er sich ausläßt, mit dem er um die Palme streitet. Denn Antisemitismus ist nicht nur die Ablenkung eigener innerer Nöte. Er ist auch der schwierige Vollzug einer Angleichung oder der bittere Verzicht auf sie. In der Vorstellung des Antisemiten ist der Jude der schlaueste und härtestete der Lebenskämpfer. Jeden, der Erfolg hat, ist er zuerst geneigt, als Juden anzusprechen. Man frage nicht lange, was der Antisemit am liebsten auch seinerseits wäre und in gelungenen Fällen wirklich wird. Er wird genau das, was man jüdisch nennt. Ihm entgeht freilich zumeist der Anteil des Juden an der gerade vorhandenen Geistigkeit, — und eben dies ist ein wichtiges Geheimnis der jüdischen Erfolge. Der Antisemit wäre konkurrenzfähiger, wenn er weniger Geringschätzung hätte für Werte, die nicht sogleich Geld ergeben. Er täte gut, seine Begier nach Macht auf die Ideen auszudehnen. Sie sind große Mächte. Wenn der Antisemit denken lernte, würde er erstens Zusammenhänge entdecken, die ihm noch fehlen, so die hier genannten. Wie erst, wenn er besser denken lernte als die Juden, die darin heute auch nicht Meister sind! Er würde sich selbst samt seinen Juden über die Landesgrenzen hinweg in eine umfassende, bei weitem wichtigere kulturelle Gesamtheit einreihen. Der Gedanke an seine Nation wäre ihm kein Grund zur Gereiztheit mehr, keine Qual mehr. Er wäre zugleich bescheidener und stärker. Er würde, um leben zu können, des Hasses nicht mehr bedürfen. Er wäre glücklicher. Er wäre daher kein Antisemit mehr." Rinderecke. m Nummer 19. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. Delila. Pharaos Tochter. Wasthi. Königin von Saba. Zipora. Jftachs Tochter. Lea. Delila. Mirjam. Seres dem Haman. Die Israeliten beim goldenen Kalb. Orpha. Mirjam. Rebekka. Wasthi. Rachel. Elkana die Hanna. Jezebel. Esther. Mirjam. Loths Weib. Richtige Lösungen sandten ein: Julius Weil, Nürnberg (9 Jahre alt). Perez Posen, Frankfurt a. M. Anonymus in München. Geschw. Sulamith u. Joseph Ansbacher, Wiesbaden. Mirjam Victor, Hindenburg O.-S. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag Israelit", T. m. b. H.. Frankfurt a. M. — Druck: Hermon Verlag und Druckerei, Frankfurt a. M.

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