Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1930)
- Date
- 1930-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JtHilletoti Beilage Der Jsraelit Br. 20 ms Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und TNärtyrergeschichte. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). Das war schon beinahe zu viel auf einmal für den armen Zemach. Soviel Gnade, soviel Glück. Der Kopf war ihm schon benommen bei dem bloßen Gedanken an all das Herrliche und Köstliche, das seiner harrte. Und nun war er dabei und durfte «ins heilige Antlitz des Gaon schauen, die Worte des Dubner wie Feuerperlen sich ergießen sehen ... Konnte ein anderes, himmlisches Paradies noch mehr Licht ausstrahlen? Man war zu einem kleinen Sijumfeste versammelt. Oben an der Spitze der Tafel saß der Gaon unter seinen nächsten Jüngern, unten sammelte sich viel Volk, um etwas von den höheren Weisheiten zu erhaschen. Der Gaon sprach, von den letzten Worten des Talmudtraktates ausgehend, etwas über Bitochaun, Gottvertrauen. Er sprach leise, kurz und prägnant, daß nur die Nächstsitzenden, hörten und nur die geistig Hochstehenden verstanden. Er zitierte einiges aus Sohar und anderen kabbalistischen Schriften, zog eine Grenze zwischen „Eser", das Beistand bedeute und „Jefchuah", die Hilfe auf übernatürlichem Wege sei. Sich letzterer als würdig zu erachten, sei Ueberheblichkeit und Sünde. Der natürlichen Hilfe im Sinne des „Eser" werden wir täglich und stündlich teilhaftig, mit und ohne unser Wissen. Hier ist der Punkt, wo „ V it o ch a u n " zum Elemente unseres Daseins wird, ohne welches wir so wenig leben können, wie ohne Sonne und ohne Luft. Die Schöpfung und die Thora beginnen mit „ B e t h " , das heiße „Bitochaun", dann erst kommen die anderen im ersten Worte angedeuteten Elemente unserer Seele und formen sich zum „Bereschith", zum Anfang, zur Grundlage des Kosmos, wie unseres Lebens/ Zemach hörte höhere Offenbarung. Das Licht war zu stark für feine alten schwachen Augen. „Saget es auch uns, daß wir hören und verstehen," baten die in den unteren Reihen. „Reb Jakauw soll reden, soll es uns verdolmetschen!? „Der Dub n er , der. Dubner," schrieen viele Stimmen, flehend und fordernd, zugleich. Der gebückte kleine Mann mit dem Hellen, schmalen Gesichte im rötlichen Bartrahmen am Pulte sah.fragend zum Gaon hin. Und als dieser nickte, hob er ein wenig den Kops, fuhr sich mit dem großen bunten Tuche über das Gesicht und fing ruhig an, als würde er die Worte an, den Fingern abzählen. „Der Gaon, soll leben, wollte uns erklären, was „Bitochaun", Gottvertrauen, sei« und er sprach Worte tiefster Weisheit. Und ich, fein letzter Knecht und unwürdige Schüler, will Euch dazu ein Gleichnis erzählen." Im Vorgenuffe des Gleichnisses trat eine solche Todesstille in der Menge ein, daß jeder seinen eigenen Atem hören konnte. „Also das Gleichnis," sprach der Dubner, und sein Gesicht wurde Heller und Heller. „Vor dem Dorfe saß Jankel, der Hausierer, mit seinen schweren Packen, um von den Mühen des Weges ein wenig zu rasten. Er hatte noch weit bis zum Ziele und die Last drückte schwer. Da, auf einmal ein Geratter von Htädern — der Maggid markierte das Geratter, daß alle die Räder sahen — Jankel horcht und blickt auf. Mendel, der reiche Hofpächter, kommt mit seinem Wagen, von flinken Pferden gezogen, daher gefahren. Müder Wanderer, sagt Mendel — der Dubner singt die Einladung wie ein Musfarlied — steigt nur ein! Ich nehme Euch ein Stück Weges mit. Glücklich sitzt nun Jankel auf dem weichen Heu im Wagen. Wie wohl, wie weich ists Jankel! — alle erleben es, wie wohl es Jankel ist/ — Aber seine schweren Packen hält er krampfhaft mit beiden Händen umklammert im Schoß. Dummer Jankel — der Dubner singt. — Warum legt Ihr Eure Last nicht ab?, fragt der Pächter. Und Jankel sagt demütig und bescheiden: — Der Dubner verkriecht sich, um dieses zu markieren, in ein Nichts — Es genügt wohl, Reb Mendel, daß Ihr m i ch fahret, soll ich Euch auch noch den schweren Packen aufladen,?" Schweigend und' regungslos sieht der Dubner vor sich hin. So wird wohl, in diesem Augenblicke der einfältige Jadkel ausgesehen haben. Wie eine Salve schoß düs Lachen der Gemeinde hin. War das ein dummer Menschder nicht wußte, daß er ja, indem er die Last mit den Händen umklammert hält, sie ja dennoch dem Wagen auferlegt. Es vergingen Minuten, bis der Dubner weiter reden konnte. Nun aber hatte sein lachendes Auge einen strengen Glanz angenommen und seine Stimme hatte ganz andere Farbe bekommen, hatte etwas Lockendes, Kosendes, Beschwörendes: „Brüder, Ihr lacht über den dummen Jankel. Und wisset nicht,-daß jeder von Euch selber so ein Jankel ist, der glaubt zu tragen, indem er getragen wird. Hält uns doch der große Fuhrmann, der Herr der Welt, von der Wiege bis zum Grabe in seiner Fuhre. Und wir klammern uns krampfhaft mit beiden Händen an unser Päckchen Elend und Sorgen, und lassen es nicht los, als könnten wir es tragen und Ihn entlasten. Wie sagt doch Mischte: „Wirf Gott deine Last zu, Er wird dich versorgen." Und Jesajas: „Ich Habs geschafft und Ich trage es! ..." Ein Zauberwort hatte die lachenden Menschen m ernste und besinnliche umgewandelt. Ihre Blicke wurden weit und in manchem Auge perlte eine Träne.-— Noch vieles von dieser Art bekam Zemach an diesem Abend zu hören. Seine Mission: daß es überhaupt ein Jlije gab und einen Tabakstößel, hatte er, einmal in eine höhere Welt versetzt, längst vergessen. Gegessen wurde auch etwas. Es war nicht gerade viel. Einige weiße Semmeln und auf Tellern feinzerlegte Heringe kamen auf den Tisch. Dazu nur eine Flasche Schnaps und ein Block braunglänzenden Honigkuchens. Nur die oben am Tische saßen, wuschen die Hände. Wie es schien, weniger um zu essen, als vielmehr um die Segensgebete zu sprechen. Ohne Hast und Hader wurden die wenigen gefüllten Gläschen und der braungelbe Kuchen herumgereicht. Wer einen Tropfen, oder Happen abbekam, führte ihn bedächtig ohne Gier zum Munde wie zur Ausübung einer heiligen Handlung. Kaum begonnen, war der „Schmaus" auch schon zu Ende, und der Gaon sprach, mit festgeschlosfenen Augen den Becher mit beiden Händen hochhaltend, das Tischgebet. Ueber der heiligen Stimmung, die die leise zitternde Stimme des Gaon verbreitete, vergaßen die Menschen das sonst übliche laute Mitbeten. Zemach wandte kein Auge von dem verklärten Gesichte des benschenden Gaon ab. Alle Engelchöre des Paradieses hörte er bei diesen Gebetworten mitsingen. Halt! Was war das? „Denn Tag für Tag hat er uns Gutes erwiesen, erweist er uns Gutes, wird er uns Gutes erweisen-für immer, zur Gunst, zur Gnade, zum Erbarmen, zu Befreiung, Errettung und Gelingen, Segen, Heil, Trost, Ernährung und Versorgung und Erbarmen und Leben und Frieden und alles Gute". — Der Gaon zählte die einzelnen Dinge, wie man Goldmünzen Langsam und bedächtig zählt und Stück für Stück auf den Tisch legt — „und an allem Guten laß uns nicht fehlen, a l j e ch a s s r e n u . . ." Halt! Stille und darauf ein brausendes „O m e n" der ganzen Gemeinde. Das war Zemach etwas Neues. Das wußten auch alle anderen nicht. So wollte und entschied es Rabbi Elie in Wilna, daß n a ch „ j e ch a f s - renn" Omen gesagt werde. Daß er ein Anliegen beim Gaon hatte, daß er mit einem Aufträge nach Wilna gekommen war, hatte Zemach längst vergessen, wie ihm Haus uns Hof, Dwoire und Jlije gänzlich aus dem Sinne gekommen waren. Er war der höheren Gnade gewürdigt worden, hatte den Gaon gesehen, den Dubner gehört und erfahren, daß er — und ach so viele mit ihm — in der Erfüllung einer der einfachsten Pflichten es täglich falsch gemacht hatten . . . Da es sich ergab, daß Ruwke noch in der gleichen Nacht Fahrgäste nach der Gegend von Jlije hatte, fuhr Zemach gleich mit. Nach einer Fahrt von einer Nacht und einem halben Tag kam er mittag in Jlije an. Dwoire brauchte nicht zu fragen. Sie sah es seinem strahlenden Gesichte an, daß die Reise nach Wilna nicht umsonst war. „Dwoire, liebes Weib," sagte er beglückt, „lade für heute abend alle Vettern und Basen, auch den Rabbiner und den Schachet und wen du von Gelehrten und angesehenen Männern sonst immer erreichen kannst. Richte ein Mahl, wie sichs gehört, ich habeEuch und ihnen allen was Großes zu sagen." Dwoires Augen standen voller Tränen, als sie draußen Esther umarmte: „Man darf nicht sündigen. Ein Vater ist doch ein Vater! . . . Er hat für sein Kind gesorgt. Und heute abend ..." Am Abend war das kleine Häuschen des Tabakmachers zu klein für die vielen Gäste, und es gab auch manch guten Bissen. Es herrschte Spannung und Freude. Alle wußten, was es galt, doch wollte keiner vorgreifen, dem Hausherrn die Freude des Ueberraschens verderben. Er würde schon reden, wenn Zeit sei. Vor dem Benschen erhob sich Zemach. Feierliche Gesichter. Dwoire weinte Vorschußtränen. „Und nun, Rabaussai, tue ich Euch kund und zu wissen, daß .man i m T isch gebete n a ch „ j e ch a s s r e n u „ Omen sagt. So macht es der Gaon Rabbi Elie in Wilna." Lähmende Stille. Bis Dwoire herausplatzte: „Ist das alles?" ,„Ja, was denn sonst? Ist das nicht genug?" Dann benschte er laut vor. Ein brausendes „Omen" nach „jechessrenu" lohnte seine Mühe. Zuletzt gab er noch das Gleichnis des Dubner zum Kapitel „Vertrauen" zum besten. Er hatte alles andere vollkommen vergessen. Jetzt waren die Tränen Dwoires noch echter und bitter. Esther aber lachte aus vollem Herzen. „Vesser ein „Omen" am richtigen Platze, als ein Chosion am unrichtigen." Diese Geschichte lag schon gut zwei Jahre zurück, und Jlije hatte darüber ein volles Jahr gelacht. Wenn im Städtchen eine Partie wider Erwarten nicht zustande kam oder auseinanderging, sagte man seitdem „Omen nach jechessrenu . . ." Ein Moment ernster Besorgnis für Zemach war L e m k e K n ö p f e l. Lemke Knöpfet war m Jlije vor ein paar Jahren hineingeschneit und stand plötzlich da, so auffällig und aufreizend, daß ihn keiner übersehen durfte. „Eine eingeschleppte Krankheit," sagten die Jlijer und suchten sich auf ihre Weise mit ihr abzufinden. Diese Lemkes durften dem Städtchen von damals so wenig