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Der Israelit · 1930-05-08 · Heft 19 (8.5.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 19 (8.5.1930)
Date
1930-05-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der jsraelit Dr. 19 1939 ’AiY Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Arärlyrergefchichte. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). XXII. Als sollten hier alle Wien Geister seiner Kindheit aus der Versenkungder Zeit wieder erstehen, hatte Abraham schon am zweiten Tage seines Aufenthaltes in Wilna eine Begegnung, die ihm die gange Vergangenheit wie ein Buch aufrollte. Vor einem kleinen Vethaufe stieß er auf einen großgewachsenen Mann, der in seiner orientalischen Tracht und mit dem Burnus auf dem Haupte auch sonst vieler Augen auf sich lenkte.;; Wie auf Verabredung trafen sie sich, standen sich gebannt gegenüber und. wußten nicht, wer wem nachgegangen war. Nur eine kurze Weile sahen sie sich m die Augen, und zur gleichen Zeit kam es aus beider Mund: „Sarembo!" - „Valentin!" Nur unter diesen Jugendnamen konnten sie, da sie sich nach zehn Jahren wieder Auge in Auge ge genüb erstand en, sich anreden. Dann aber waren sie, kaum daß sie den ersten Händedruck ausgetauscht hatten, für einander die jüdischen Freunde, Abraham Sohn Abrahams und Baruch, Sohn Abrahams. ■ Baruch, breit und braun geworden, erzählte kurz und schlicht von den jungen Leiden der ersten jüdischen Siedlungen in Palästina. In Jerusalem, Liberias und Safed seien Lehr- und Vethäuser errichtet, in denen fromme und gelehrte Männer, von den Liebesspenden der Diaspora erhalten, an heiliger Stätte beten und' das Gesetz studieren. Ihm, Baruch, Sohn Abrahams, obliege die VerwalttM der einlaufenden Gelder und er sei nach Wilna zum Gaon gekommen, um das Sammelwerk neu zu organisieren. „Und Du?" schloß er, die fragenden Augen auf den Jugendfreund gerichtet. „Auch ich bin am Werke der Sammlung," sagte Abraham, „aber ich sammle nicht * Geldes ich sammle Menschen, ich sammle Herzen. Auch ich kam ziM Gaon nach Wilna, daß er bei dieser Sammlullg 'an der. Spitze 'mit, dabei sei." ' „Und^was fagt^ der Gaoch?" , ' ' „Noch nicht, ich Muß zrierst Wilna verlassen." Baruch wurde ernst und nachdenklich. 'Cr flüsterte nur und sah sich ängstlich um. '' ' '; „Durftest Du es wagen, hierher zu kommen?" „Du hast es auch gewagt." „Mich vermißt und sucht wohl keiner. Boris SareMbo ist vergessen, ausgetilgt aus den Herzen, wie aus den Kirchenbüchern. Aber Du, bedenke, Gr . . .". Er wagte nicht, den Namen auszufprechen, als wären sie von Lauschern umgeben. „Graf Valentin Potocki ist nicht vergessen," ergänzte Abraham, weniger ängstlich. „Aber er wird auf anderen Fährten gesucht." Von der Pariser und Amsterdamer Zeit sprachen sie und widmeteneine stille Träne dem Andenken Menachem Leibs, dessen Schicksal Baruch erst jetzt aus dem Munde seines Freundes erfuhr. Aber von Menachem Leib kamen sie bald auf ihre eigene Sache zu sprechen und auf das Gefahrvolle im Unternehmen Abrahams. „Wiste, Freund,"; sagte Baruch, „ich hatte bereits Wind von Deinem Wilnaer Aufenthalte und ich stellte Dir förmlich nach. Ich zittere um Dich, Freund, wie damals. Komme mit mir." .„Wohin?" * „Ich gehe nach Altona und Amsterdam und von dort zurück nach dem heiligen» Lande. Ich muh erll Rabbi Jakob Aschkenast Emden aus suchen, der das Patronat über das Heilige Land von seinem Vater, Rabbi Zewi Aschkenast, übernommen hat und zu der Neuregelung und Vereinigung des, Sammelwerkes ein gewichtiges Wort zu sagen hat. Komm mit. Heute noch verlassen wir Wilna und in einigen Wochen gehen wir in Rotterdam aufs Schiff." ^.oraham überlegte nur kurze Minuten. „Nein, Du weißt, wie es uns einmal Rabbi Halberstamm in Amsterdam sagte: Gott braucht der Diener i n seinem Palaste und auch außen, vor demselben. Ich bin zum Außendienste gerufen, und mein Werk hat kaum begonnen." „Hat der Gaon Dein Werk gesegnet?" „Er hat es gesegnet, aber für den ersten Grundstein uns seine Hand nicht geboten." „So komm mit." „Ich werde bleiben und warten." „In Wilna?" In 'der Nähe von Wilna, einem winzigen Städtchen, in Jlije." ^aruch sprach sinnend das Wort nach, als löste es bei ihm alte Erinnerungen aus. „Abraham", sagte er gedehnt, als holte er die Worte aus der aufgewühlten Kammer der Erinnerungen hervor, „es ging doch immer seltsam mit uns beiden. Immer glaubte ich, an Deiner Seite bleiben zu müssen, um Dich vor Dir selbst zu schützen, so in Wilna, so in Paris, und immer wurde ich, statt Dich zu schützen, von Dir in den Strudel der neuen Dinge mit hineingerissen. Heute, nach zehn Jahren, geht es mir wieder genau wie damals ..." „Darum rette Dich, Lieber, vor mir, so lange es Zeit ist." „Solange Du hier in der Gefahrzone bist, kann ich nicht von Dir." „Mein Fuhrmann wartet bereits, mich von hier wegzubringen. Morgen früh bin ich im weltentlegenen Städtchen, wo man keine verschollenen Grafen sucht." Baruch begleitet ihn zur Fuhre, und erst als sich diese in Bewegung gesetzt hatte, nahm er selber den Weg zur Poststation, wo der große Postwagen mit dem Gespanne nach Westen zur Abfahrt bereit dastand. f XXIII. - Im Städtchen Jlije hatte sich in den zehn oder zwölf Jahren nichts geändert. Das Städtchen hatte seinen Namen von dem es umspülenden Nebenflüsse des Njeinen Wilie, und das Leben-darin plätscherte still ohne Wellenschlag .wie der ruhige Fluß. Jlije hatte nicht den Ehrgeiz, mit an den Strängen ziehen zu wollen, die die Wetträder bewegen. Die große Welt war Wilna. Von dort kam e i nm al in der Woche „Ruwke, die Stute", ein so mit Namen und Spitznamen benamster Wilnaer Fuhrmann, und brachte mit vielen Neuigkeiten allerhand mit, was die guten Jlijer erfreute oder auch ärgerte. Leibzig, der Kommissionär, oft der einzige Fahrgast Ruwkes, lud die Ware ab, die er an die Krämer verteilte. Ruwke, eine Zierde seiner Zunft an Derbheit und Spottsucht, hatte stets einen reichen Vorrat böser bissiger Worte und außerdem die Gewohnheit, alle Spässe, die er in den Wirtshaus ern» am Wege ausgelesen hatte, aus irgend eme beleidigende Weise auf Jlije änzuwenden. So streute er über die Entstehung Jlijes folgendes aus: Als der liebe Gott die Welt erschuf, fiel ihm ein Krümelchtn schmutzige Erde auf Mistboden und er sprach: daraus werde Jlije! . . Die Jlijer hätten es dem bösen Wilnaer Großmaul längst tüchtig heimgezahlt, denn auch das Städtchen hatte Fuhrleute, Träger und Fleischer von gediegenen Fäusten.. Aber man brachte Ruwke und wollte es mit ihm nicht verderben. Waren er und feine Stute doch die einzige Verbindung mit der großen Welt, mit Wilna; das, was erst hundertfünfzig Jahre später Eisenbahn, Auto und Flugzeug dem Westen wurden. In der Dämmerstunde zwischen Mincho und Abendgebet saßen die braven' Kleinstadtleute am langen grünen Ofen im Beshamidrasch und erzählten sich Geschichten vom GaoninWilna, genau wie sich anderswo die Anderen im „Stübel" die Wundertaten des Ladyer und des Baalfchem-tow erzählten ... Zemach, der Tabakmacher, lebte noch, trotz der Wissenschaft in Wilna, für die er seit gut zwölf Jahren tot war. Nur daß er den Tabak nicht mehr stieß und mahlte. Das besorgten Frau und Tochter mit weit größerem Schwünge. Er tat nur die Mixtur dazu, die. immer noch sein Geheimnis war, und die dem'Tabak ein Aroma und eine explosive Nieskraft gab, daß fein Ruf weit über Wilna drang. Für^den guten Absatz sorgte Leibzig, der Kommissionär. So konnte Zemach sorgenlos den ganzen Tag und ein gut Teil der Nacht mit Lernen,'.Beten und T i l l i m s a g e n verbringen. Das war den Lungenspitzen, die Leiser der Feldscher, bei ihm entdeckt hatte — was nicht einem Juden alles zukommen kann! — allenfalls zuträglicher als das Tabakstoßen. Die Psalmen beherrschte er alle auswendig, mit solcher Sicherheit, daß er längst kein Psalmbuch dazu brauchte. Das war besonders bequem für die Nacht, deren immer größer werdende Schlaflücken so auf beste Weise ohne Oelverbrauch ausgefüllt werden konnten. Esther war zu einem Mädchen von hohem Wuchs, roten, frischen Wangen und dunkelfeurigen Augen herangeblüht, das mit seinem Temperamente und wohllautender Stimme eine Pracht entfaltete, die schlecht stand zu des Tabakmachers Armseligkeit im kleinen Häuschen. Sie war bereits über die zwanzig, und dies machte Zemach, richtiger seiner sanften, alternden Dwoire schwere Sorgen. Er, Zemach, hatte seit dem „bösen Begegnis" vor zwölf Jahren in Wilna sonst keine eigentlichen Sorgen. Er sagte Tillim und wußte, wenn er lange genug die Psalmen gebetet, würde sich alles geben und .auch der richtige für Esther kommen ... Nicht etwa so, daß sich keiner um die „schöne Esther" — sie hieß schon längst so im Städtchen — beworben hätte! Im Gegenteil: es kamen deren zu viel, und das brachte'Sorge; es kamen Fuhrmannsgehilfen, die so weit waren, sich Pferd und Wagen zu kaufen und eine Frau zu ehelichen; es kamen Schneider, die bereits mit der Nadel eine Schneiderin und eine Schar Schneiderlein ernähren konnten; es kam sogar ein Handelsmann mit gutem Warenvorrat und guter Kundschaft. Selbst Leibzig, der Kommissionär, ein „Jude in besten Jahren", und bereits seit vier Wochen Witwer, machte eine bezügliche Anfrage. Sie alle wollten Esther, — wie sie schon ihres Namens wegen sagten, — in ihren Palast bringen und zu ihrer Königin machen, oder in Jlijer Prosa: sie „nehmen, wie sie steht und geht." Zemach schob bei den erstgenannten bedächtig eine Prise von seinem Besten in die Nase, und es ergab sich von selbst, daß beim starken Niesen der Kopf nicht nickend nach unten, sondern ablehnend Nach beiden Seiten in Bewegung kam . . . Nur bei dem Namen Leibzigs, des Kommissionärs — er war ein feiner Jude mit Geld und Thorakenntnis — zwang die Nase den Kopf leicht nach unten ... Esther selbst lachte laut, als hätte man einen guten Witz gemacht und würdigte sie alle, den Fuhrmann, den Schneider und den Handelsmann, aber auch den Kommissionär nicht einmal eines Blickes. Damals erfanden sie für die „schöne Esther" noch den Spitznamen „die heilige Jungfrau".

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