Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 18 Der Israelit 1. Mai 1930 war Abraham, als fiele ein unsichtbarer eiserner Vorhang klirrend zwischen ihn und Rabbi Elle. „Mein Sohn, wenn Dich Sünder locken, so wolle nicht, gehe nicht den Weg mit ihnen, es meide Dein Fuß ihre Pfade!" Es waren bekannte Sätze aus dem Buche M i f ch l e. Mehr hatte der Gaon über den Kreis von Lady nicht zu sagen. „Ihr Rabbi ist ein Großer, und er lehrt goldene Worte des Friedens. Sem Gelübde, bindend auch für seine Getreuen, beginnt mit „Kotaunti!" Ich habe die Abschrift ..." Der Gaon sah das Konzept nicht an. „Gering," sagte er matt und abweisend. „Aber dabei vermessen genug, anderen Ritus und abweichende Gebetordnung einzuführen, die Zeituhr für das Morgenschema zu verrücken, Kabbalabücher statt des babylonischen Talmuds den Jüngern zum Studium zu geben-Die Thora ist in Gefahr ..." „Man sagt dort, der Gaon von Wilna befasse sich selber eifrig mit Kabbala, habe einen Kommentar zum Sohar geschrieben," wagte Abraham einzuwenden, und erschrak vor seinen eigenen Worten. „Die Kabbala ist heilig," sagte der Gaon, „ist das vierte Tor zur letzten Wahrheit, aber nur dem geöffnet, der durch die ersten drei gegangen ist. Die Kabbala ist das offene, uferlose Meer. Wer aber ins offene Meer hinaus zu schwimmen wagt, lerne erst das Schwimmen im geruhigen Strome zwischen sichtbaren Ufern. Mur Meisterschwimmern im Strome der „offenen Lehre" ist es gegeben, sich ins offene Meer der „geheimen Lehre" hinauszuwagen ..." „Ueber all dieses könnte am besten er selber Auskunft geben, Rabbi Schneur Salman, der so heilig wie bescheiden ist und sich sehnt, dem Rabbi Rede und Antwort zu stehen ..." „Er soll erst öffentlich all die Lehren, die die Ehafsidim in seinem oder eigenem Namen verbreiten, abschwören, dann ist der Bann gelöst und die Bahn frei." „Laßt ihn, großer Rabbi, über Eure Schwelle kommen, wie viele andere kommen. Würdige und Unwürdigesogar Nichtjuden. Ich selber . . . Große Dinge hängen an dieser Aussprache, vielleicht der Erlösung Anfang ..." Er staunte selber über seinen Mut. Aber das Gesicht des Gaon blieb hart und kalt und abweisend. Der eiserne Vorhang zog sich gänzlich zu, daß kein Spalt mehr übrig blieb. „Die Thora in Gefahr," sagte der Gaon nur, und es klang schon mehr wie ein. Klagegebet als eine Anklage. „Wer aber die heilige Thora gefährdet, ist im Banne und darf nicht über meines Hauses Schwelle." „Und meine Mission?" fragte Abraham gedrückt. „Sie kann auch ohne sie Erfüllung finden. Ihr müßt von Wilna weg! ..." (Fortsetzung folgt.) nrray mit Elektrizität. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Obwohl in diesen Blättern schon des öfteren auf die schweren Sabdatentweihungen hingewiesen wurde, die mittels der Elektrizität begangen werden, scheint es leider nicht überflüssig, von neuem daraus zurückzukommen, namentlich -bei der zunehmenden Verbreitung des Radio. Viele straucheln an dem Gedanken, daß es doch keine fl-ny sein könne, den elektrischen Schalter zu knipsen. Ein Zündholz anstreichen und dann eine Kerze oder die Petroleumlampe anzünden, das sei freilich was anderes. Das ginge schon gegen das ererbte und anerzogene jüdische Gefühl. Aber den Schalter drehen? Das kann -och nicht so schlimm sein! Solch falsche Auffassungen seien dahin widerlegt, daß einfach jede Lichtbezw. Feuererzeugung strengstens untersagt ist, ganz gleich, auf welche Weise dies geschieht, ganz egal, ob dazu ein größeres oder kleineres Matz an Zeit und Kraft erforderlich ist. Bleibt denn ein Dieb weniger strafbar, wenn er schnell und bequem etwas entwendet? Ist ein Mord etwa deshalb keine ruchlose Tat, weil er rasch ausgeführt wurde, etwa durch einen Schutz? Schnell sündigen heiht auch sündigen. Ob man mit mancherlei Mühewaltungen und Manipulationen Herd oder Ofen schürt oder ob man das elektrische Licht einschaltet, die Tischglocke läutet, an die elektrische Türklingel drückt — ist genau dasselbe, ist die gleiche Sünde, eine Uebertretung des in unzweideutiger Form ausgedrückten, streu- Als nach längerer Zeit der Diener von seinem gen Verbotes: r-navn qt>3 aa’matna ‘733 rm viynn zündet nicht Feuer an in all euren Wohnungen am Sabbattage. Klarer kann es nicht gesagt werden. Es fällt auch die leichtfertige und landläufige Redensart weg, als habe das Verbot irgend einen Zusammenhang mit rabbinischen Verordnungen, sei irgendwie auf einen Propheten oder unsere großen Weisen zurückzuführen. Nein Es ist vollkommen göttliche Willensäußerung, göttliches Dckmt, wie „du sollst ni ht morde:, du s Ust niht ehebrechen du sollst nicht stehlen" usw. Wer am v3V Licht erzeugt hat ein klar gefaßtes Thora verbot übertreten, einen schweren nion, nicht etwa eine rabbinische Satzung Möge man sich hier keiner Täuschung hingeben. Vom Jssur des Telephonierens ist auch schon an dieser Stelle die Rede gewesen. Die „Sabbatvorschristen" von Dr. Ed. Biberfeld bringen im Anhang S. 57/58 eine eigene Abhandlung über das Telephon, seine technische Einrichtung und Funktion. Es ist auch die Frage behandelt, ob man nach einer durch einen Nichtisraeliten hergestellten Verbindung hören und weiter sprechen dürfte. Die technisch begründete Antwort lautet, daß auch in diesem Falle mindestens eine Stromverstärkung durch das Sprechen bewirkt wird, also ein d<r>"oirrn nwn pao in Frage kommt! Nur in großem, wirklichen Notfälle, etwa zur Herbeirufung ärztlicher Hilfe, dürfte davon Gebrauch gemacht werden. Unter allen Umständen aber ist das Anrufen und das- Einhängen der Hörer — außer bei Lebensgefahr — ennma vidk iinm ein v 0 ll st än d i g e f schwerer Jssur. Leider ist mit der Ausbreitung des Radio ein neuer ^>iv3» entstände!-, eine neue Gelegenheit, der Versuchung zu erliegen. Jeder Radiobesiher weiß aus der Hand habung des Apparats, wie dieser vollständig mit der Elektrizität zusammenhängt und durch Batterien gespeist wird. Man kann auch das Aufleuchten von Lichtflammen wahrnehmen. Es ist also dieselbe Verwarnung am Platze wie beim Telephon. Wer sich also am Freitag Abend etwa einen noip juiy dadurch verschaffen wollte, daß er ein „bißchen an den Röchren des Radio" dreht, der könnte sich mit gleichem „Rechte" einen nov «1? verschaffen durch Anzünden einer Havanna oder Zigarette. Im Prinzip und Effekt ists dasselbe. Schließlich bezw. nebenbei die Bemerkung, daß Radiodarbietungen ihrem ganzen Inhalt nach sich wenig oder garnicht vereinen mit dem r->3,y aiiy in jüdischem Geiste. Auch für den streng Gesetzestreuen ist die Versuchung sehr naheliegend, sich der Elektrizität zu bedienen durch die Macht der Gewohnheit. Zündholz suchen und eine Kerze dazu wird nicht leicht jemand am juv, aber einen Griff nach dem Schalter macht man gewohnheitsmäßig gar zu leicht, ebenso einen Druck aus den elektrischen Läuteknopf. In der Tat sind schon so manche dadurch selbst in streng orthodoxen Familien vorgekommen. Wer denkt beim Erwachen immer gleich daran, daß Freitag Nacht, ist? Meistens wird in der Aufregung nach erkannter Sachlage auch noch die zweite ms» ge.an: man löscht schnell aus. Es ist darum raijrm. wie es manche bereits eingeführt, den Schalter mit einer abspcrrenden Klappdose zu überdecken, in primitivster Form genügt auch eine Stosshülse als Verdeckung. Keiner ist vor Irrtum sicher. Wo man nach guter altjüdischer Sitte das Sabbatlicht durchbrennen läßt ,wird man kaum der Versuchung erliegen zu knipsen. Das Licht ist auch in dieser Beziehung' ein narr. Zn vermeiden ist die Benutzung der elektrischen Klingel; zwar kann man vor mv die Batterie ausschalten, doch ist dies oft mehr oder weniger mit Umständlichkeiten verbunden. Eine hübsch angebrachte Läuteglocke nimmt sich auch nicht vorsintflutlich aus. Ihre Benützung soll zwar auch wegen f>ip vyavn Hervorbringen eines Tones unterbleiben. Im geschehenen Falle aber ist dies weit entfernt von der großen 7-ns?' die die Benützung der elektrischen Glocke involviert. Möge jeder, der sich nicht selbst täuschen will, das Auge offen halten, um einem schweren Jssur auszuweichen, einem Jssur, der sonderbarerweise eigens in der min hervorgehoben ist und der den Talmudweisen Anlaß bietet zu tiefgründigen Erörterungen. Ainderecke. Das Ei! Von Micha Josef bin Gorion. Aus dem Hebräischen übersetzt von Alexander Vabad in Leipzig. Man erzählte sich einmal eine Geschichte von den Dienern des Königs David, die bei einer Mahlzeit zusammensaßen und Eier aßen. Einer vön der Dienerschaft, der besonders hungrig war, und der seinen Teil im voraus verzehrt hatte, schämte sich jetzt bei der Mahlzeit vor einem leeren Teller zu sitzen und sprach zu einem Diener: Borge mir ein Ei. Da antwortete der andere: Ich werde dir ein Ei borgen, wenn du mir vor Zeugen geloben wirft, daß du mir das Ei und den Nutzen, den ich aus dem Ei haben könnte, bis zur Zeit, wo, sich es von dir wieder bekomme, zurückgibst. Der andere willigte ein und er bekam das Ei geliehen. Kameraden das verborgte Ei samt dem verabredeten Nutzen zurückverlangte, wollte er ihm nur das geborgte Ei wiedergeben. Sie gingen mit ihrer Streitsache vor den König David. Am Toreingange des Palastes trafen sie aber vorher mit seinem Sohne Salomo zusammen, der stets am Tore zu sitzen pflegte und jeden, der beim Könige vorsprechen wollte, nach der Ursache der Audienz befragte, bevor er ihn vorließ. Und als der Diener kam, der das Ei geborgt hatte, sagte Salomo zu ihm: „Gehe jetzt zum König und erzähle mir nachher, wie er geurteilt hat." Da kamen die beiden Diener und die Zeugen vor David. Der Diener, der das Ei geborgt hatte und die Zeugen erzählten, was ausgemacht war, und daß der andere Diener jetzt den Nutzen des Eies verweigere. Da sprach der König: Zahle was ausgemacht war. Da sprach der Diener: „Ich weiß nicht, wieviel." Da wurde die Rechnung des Königs folgendermaßen aufgestellt: Im ersten Jahre ein Küchlein. Im zweiten Jahre konnte dieses Küchlein 18 andere zur Welt bringen. Im dritten Jahre konnte jedes dieser 18 Küchlein andere 16 Küchlein gebären und so auch im vierten Jahre." So entstand also eine sehr große Rechnung. Auf dem Rückwege, erzählte nun der enttäuschte Diener das Urteil dem Sohne Salomo. Da gab ihm Salomo folgenden Rat: „Geh, kaufe Bohnen und lasse sie abkochen. Nachher stelle dich an der Straße aus, welche der König mit seinen Heerscharen passieren muß. Sobald du nun die Schar von der Ferne siehst, beginne die gekochten Bohnen aus dem gepflügten Felde, das unmittelbar an jener Straße liegt, zu säen. Und sage jedem, der dich fragen wird: Gekochte Bohnen. Und wenn man dich fragen wird: Hast du schon jemals gesehen, daß gekochte Bohnen andere zur Welt gebracht haben, so frage ihn: Hast du schon gesehen, daß ein gekochtes Ei ein Küchlein gebar?" Da ging der Diener sofort hin und tat, wie ihm befohlen. Und als die vor dem König herziehenden Scharen ihn fragten, was er säe, antwortete er: Gekochte Bohnen. Und als sie über ihn spotteten und fragten: „Hast du schon gesehen, daß gekochte Bohnen Früchte gebracht haben?" sagte er: „Habt ihr schon gesehen, daß ein gekochtes Ei Küchlein hervorbrachte?" Und so sprach er zu allen Soldaten, die ihn fragten. Als der König das erfuhr, fragte er den Diener: „Und wer hat dir denn diese Antwort eingegeben?" da sprach der Diener: „Ich mir selbst". Und der König sagte: „Aber Salomo hat dir dabei doch geholfen, nicht wahr?" Das bejahte der Diener. Da ließ der König Salomo rufen und sprach zu.ihm: „Was hast du zu dieser Angelegenheit zu sagen?" Da erwiderte Salomo: „Weshalb soll der Mann für Dinge verurteilt werden, die noch garnicht aus die Welt kamen? Das geborgte Ei war gekocht und konnte daher auch keine Küchlein hervorbringen." Das sah der König ein und der Diener brauchte bloß ein Ei zurückzugeben. Das meint der Vers in den Psalmen (Kapitel 72,1), wenn er sagt: „Gott gib Dein Gericht dem König und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne." Der fünfte Band des Großen Vrockhaus (Döc—Ez). (784 Seiten, Preis in Ganzleinen EM. 26.—, bei Umtausch eines alten Lexikons EM. 23.50.) Man wird heute für die Beurteilung der Notwendigkeit und Brauchbarkeit eines großen Nachschlagewerks einen wichtigen Maßstab darin finden, wieweit es uns bei den Fragen, die uns täglich begegnen, hilft und weiterbringt. Es muß dem Großen Brockhaus immer wieder bestätigt werden, daß er gerade in dieser Richtung Vorbildliches leistet. Der fünfte Band bringt eine ganze Reihe von Stichwörtern, die im täglichen Leben eine Rolle spielen, und unter diesen fällt vor allem der Artikel „Elektrizität" auf. Wer bisher als Lai ohne Verständnis vor den geheimnisvollen Vorgängen im Innern einer elektrischen Klingel oder eines Elektromotors gestanden hat, kann sich hier einen genauen und erschöpfenden Einflick in das ganze Stoffgebiet verschaffen. Wer von uns hat eine Ahnung davon, wie ein Eisenbahnfahrplan ausgestellt wird? Ein Blick auf den dargestellten ^bildlichen Eisenbahnfahrplan" vermittelt einen Begriff hiervon. Unter „Eisenbahnsicherungswesen" erfahren wir von den neuesten Sicherungsmaßnahmen gegen Eisenbahnunfälle und wissen nun, was „elektrische und optische Zugbeeinflussung" ist ein besonders aktuelles Thema. Doch genug von Technik, es soll nicht aussehen, als ob die Technik den anderen Wissensgebieten gegenüber bevorzugt worden sei. „Englische Kunst" bringt prächtige Bildtafeln, die Zeittafel (Englische Literatur" reicht von Beowulf bis zu Shaws „Apple Cart" (Der Kaiser von Amerika), dessen deutsche Uraufführung in der letzten Spielzeit viel» Aufsehen erregt hat. Wichtig ist der Artikel „Erste Hilfe", der durch seine Terttafeln einen hervorragenden Anschauungsunterricht gewährt. Die beiden Tafeln „Erste Hilfe bei Haustieren" werden dem Landwirt willkommen sein. Im Artikel „Druckverfahren" wird uns auch darüber berichtet, wie die schönen Bildbeilagen entstehen, die wir in den ersten fünf Bänden dieses für den modernen Menschen unentbehrlichen Nachschlagewerks bewundern können. Alles in allem ein Band, der sich mit Stolz gleichberechtigt neben seine früher erschienenen vier Brüder teilen kann. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <5. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Schachn ow itz. ebenda. — Für die'pädagogische Beilage: Lehrer L. Kauf man«, in Sprendlingen <Kr. Offenbach). - Verlag Israelit", G. m. b.H„ Frankfurt a. M- - Druck: Hermon Verlag , und Druckerei, Frankfurt a. M.