Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jeullleion Beilage Der Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und TNärlyrergeschichte. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). ' Als wollte er dieser Meinung entgegentreten, brachte der'Rabbi! mit einer leisen Handbewegung das wilde Gewoge zum Schweigen. Er hatte noch etwas zu sagen: „Die Chochmoh ist fester Grund, die Binoh dagegen ein Strahl, der dahin und dorthin leuchten kann. Man kann auch aus anderen Wegen als den unsrigen zu Deoh hinaufgelangen. In der Vielfalt der Menschen und Völker und ihrer Strebungen führen viele Wege zu dem Ende, von dem es heißt: Und es füllt die Erde Erkenntnis Gottes, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt..." ...... „Viele Wege?" stand es auf den fragenden Gesichtern. „Wie unterscheidet man den rechten Weg vom falschen, wenn es viele der rechten gibt?" „Wenn er im Hause des Herrn seinen Ausgang nimmt und vom Grunde der Chochmoh zur Höhe der Deoh führt, dann ist er der rechte. Was nicht auf diesem Grunde gewachsen ist, ist fremdes Gewächs und schädlich." / Ein Gleichnis: „Im Palaste des Königs standen die Bauleute und die Zimmermeister, um alles nach dem Pesten und Schönsten auszugestalten. Der eine malte mit roter Farbe, der andere zog blaue Striche und der dritte brachte schwarz-weiße Verzierungen an. Unverständige, die dem zusahen, lachten: „Wie uneins die Werkmeister miteinander sind! Will der eine weiß, so wählt der andere schwarz, der malt grün und jener blau. Wie soll daraus ein Ganzes entstehen?" Die Meister aber jagten die unverständigen Störer hinaus und setzten ihre Arbeit fort. Und siehe, aus der Vielfalt der Farben und Formen entstand das Herrliche, woran der König feine helle Freude hatte." „Aber warum hadern sie miteinander, die Führer, wenn sie gleichen Zielen im'Dienste des Schöpfers zustrebeni?" Wieder ein Gleichnis: ‘)(i „Des Königs Garten hatte'viele Eutgaygs? tore. An jedem standen die AZ achter, um , es zu bewachen, und in gewissen Zeitabständen der Pacht schrieen sich die Wächter mit, lauter Mimwe Rufe zu.. . . Die Diebe' und Äübrecher! abseits im Busche dachten: „Sie grollen' und hadern miteinander und werden« die Eingangstore schlecht bewachen. So dringen wir ein, wir werden leichte Arbeit haben!" Wie wurden sie aber getäuschtals sie sich dem Garten näherten' und die Wächter, die sich durch die Zurufe gegenseitig nur wach hielten, einig genug' fanden, um von ihnen aufs Haupt geschlagen zu werden . . Das verstand jeder, der es verstehen wollte. „Kotaunti! ". Wort für Wort sagte die Gemeinde die Sätze des Kapitels nach. Noch bis in die tiefe Nacht hinein hielten die Chassidim nach Tisch das Gemach, in das sich der Rabbi zurückgezogen hatte, belagert. Es war nicht viel Zeit zu versäumen, denn mit Sonnenaufgang wollte der Rabbi aufbrechen und heimwärts nach Lady ziehen. Glücklich derjenige,, dem es' gegönnt war, noch einen Mrahl aus dem heiligen Antlitz, ein- Blitzwort aus dem begnadeten Munde in dieser Nacht zu erhaschen. Auch der wandernde Abraham, dem die Gnade großen Erlebnisses geworden war, gehörte zu den Glücklichen. Er hatte nur zwei Sätze gesprochen, als er allein vor ihm stand, und der Rabbi war vollkommen im Klaren über Abrahams Geschichte, seine Wünsche und Hoffnungen, seine Wege und Ziele. Er schüttelte das sorgenbeladene Haupt. Ein schöner Gedanke, ein leuchtendes Ziel. Allein: „Ich schaue es, aber nicht jetzt, ich erblicke es, aber nicht m Bälde," zitierte er einen Schriftvers. „Es war eitel Frieden, Liebe, Erbarmen und Brüderlichkeit, was aus dem Munde des Rabbi an diesem Abend kam. „Wissen sie bas in Wilna, kennt dort der Gaon diese gute Gesinnung?" wagte Abraham die Frage. „Der Große in Wilna" — Abraham hatte recht gehört, er sagte „der Große" — „will uns nicht kennen, will uns nicht verstehen. Alle Geheimnisse der Welt undder Wissenschaften sind ihm offenbar, nur das Tor zu unserem Herzen und zu unserer Lehre ist ihm verschlossen, und er wünscht nicht, daß wir es ihm erschließen." „Ich werde zu ihm gehen," glühte Abraham in.,heller Hoffnung, „werde ihn mit der ganzen Kraft meiner Seele, mit dem ganzen Schmerz und der ganzen Liebe meines Herzens all das vermitteln, was ich heute «abend gesehen und gehört habe. Die heilige Sache wird meiner Zunge die Kraft des Wortes verleihen. Die Herzen der beiden Großen in Israel müssen zusammenschlagen und hinter den beiden die vielen, vielen. —" „Er hat mich nicht empfangen, als ich um Einlaß bat," sagte Rabbi Schneur Salman bitter, aber ohne Groll. „Er wird aber den Rabbi suchen, Boten nach ihm aussenden, wenn er von mir die volle Wahrheit hört, und der Nebel, den Zwischenträger über die Wahrheit gebreitet, sich gehoben hat." . „Ich werde, wenn er mich ruft, wie auf Adlersflügeln zu ihm eilen und die Stunde segnen, da ich vor ihm, wie ein Schüler vor dem Lehrer, ein Diener vor dem Herrn-, sitzen kann Und ihm das Innere unseres Lehrens und Tuns ausbreiten kann. Aber wird er es? Kommt die Stunde?" Der Rabbi hielt die flache Hand vor die angestrengten Augen und schaute in die Weite. „Ich sehe die Stunde kommen: in« hundiert Jahren und später werden meine und seine Jünger Seite an Seite und Schulter an Schulter sitzen und für Gott, sein Volk und seine Thora arbeiten. Aber jetzt' ist die SoüNe noch, vom Ne-, bel bedeckt, führt noch Satan seinen.wilden« Tanz! zwischen üti£, ähf^ um, die Geister zu verwirren und die Herzen der Brüder * einander zu txti* fremdend „Ich werde Satan aus dem WegMWhgen. Der Nebel wird sich zerstreuen unWUMaWe Sonne bricht auf." „Gott segne Euer Tun, junger Freund," lautete des Rabbis letztes Wort. Es klang aber wie ein Segen auf längere Sicht. . -...-• XXI. Nichts hatte sich in den zwölf Jahren, die aus dem.Valentin einen-so gründlichen Abraham gemacht hatten, an der litauischen Grenze und in Wilna selbst geändert, es sei denn, daß er das Eine und das Andere jetzt mit anderen Augen sah. Dächals war er ein Klerikus aus der Kathedrale,-dem die Judenistadt mit ihrem Markte und ihren Vethäufern eine fremde Welt voller Wunder und Geheimnisse war, heute ein blondbärtiger unter den dielen schwarz-rot- und graubärtigen Juden, der die Straße des' Ostrabrama und der Kathedrale nicht betreten durste, ohne daß ihm deb Hut vom Köpf, vielleicht sogar dieser vom Rumpfe geschlagen worden wäre. Nach innen und außen« ein anderer, stand , er in der Welt seiner Vergangenheit, im Traumvk. IS IM lande seiner Kindheit, das das gleiche geblieben war. Auch am und im Häuschen hinter der großen Schul hatte sich nichts geändert. Die tiefbedeckte Frau in der kahlen und peinlich sauberen Stube mit dem offenen Kamine schien nicht älter geworden« zu sein. Der Diener im Vorzimmer war der gleiche, nur daß er jetzt ganz grau war und selber wie ein großer Rabbi aussah.' Hell leuchtete des Gaons Antlitz aus dem von breiten schwarzen Streifen unterbrochenen blendenden Weiß des Gebetmantels. Das Auge war nicht älter geworden.. Die Bücher, Schriften, Tafeln, Zeichnungen lagen zuhauf auf Tisch und Regalen. Wie blendendes Licht empfing Abraham, als er das Gemach betrat, so daß er mit der Hand über die Augen fuhr. Rabbi Elte wandte ihm den vollen Blick zu. Die Strenge darin war durch eine seltsame Wärme gemildert. Er streckte chm die Hand entgegen, als hätte er ihn erwartet. „Gesegnet, der da kommt, Frieden über Euch, Abraham, Sohn Abrahams!" „Ueber Euch Frieden, mein Lehrer und Meister! Der Rabbi kennt mich?!" Wann und wo er damals, vor zwölf Jahren, vor ihm gesessen und was er gesprochen hatte, konnte chm der Gaon genau wieder sagen, aus Tag, Stunde und Wort. „So leicht erkennt man mich in Wilna wieder?" fragte Abraham beunruhigt. Der Gaon musterte ihn noch einmal von oben bis unten. „Mit dem äußeren Auge gesehen, nicht so leicht. Ich hörte Eure Geschichte und wußte gleich, daß sie die Fortsetzung jenes Abends war ... Ich machte mir in meinem Herzen ei!n Bild' von Euch, und danach habe ich Euch sogleich erkannt. Nun wohl, Ihr seid in höherer Mission hier, nicht eingedenk der Gefahren ..." „Gefahren, Rabbi? Ich bin ein anderer. Und die mich mit den Augen des Geistes sehen .." „Werden« Euch nicht erkennen und' verraten! wollt Ihr sagen." Der Gaon stockte, als komme chm ein Wort nicht auf die Lippen. Er sah sinnend vor sich, als flimmerte ihm etwas vor Äugen. „Was führt Euch hierher?" „Der Weg zu Euch, großer Rabbi. Die Augen« von ganz Israel sind auf Euch gerichtet. Amsterdam und Altona, Prag und Frankfurt. Ein Wort von Euch, und frohe Botschaft geht durch die jüdische Welt. Es, wäre dies das Licht, das Feuer; Feuerzeichen vön Berg zu Berg, bis die ganze Gola in ein Licht gehüllt ist." „Nein, ich sehe anderes Licht, anderes Feuer . . . Bleibet nicht in Wilna ..." „Und meine Botschaft an Euch, von Euch an Israel?" „Sie muß im Stillen reifen, im Dunkel der Erde gedeiht die Saat. Gehet dahin, wo Ihr den Augen der spähenden Geier entzogen seid. Es darf in nächster Nähe sein, so nahe, daß wir öfters reden können. Aber, nur nicht Wilna . . „ I l i j e! " fiel es Abraham aus dem Munde, und er wußte nicht wie. „Es «darf auch Jlije sein. — „Siehe, diese Stadt ist so nahe, dahin zu flüchten und sie ist winzig. So rette ich mich denn dahin, sie ist ja so gering, und es lebe meine Seele!", schloß Rabbi Elie hebräisch mit den Schriftworten aus der Geschichte Lots. Es klang wie ein Segen auf den nahen Weg. Aber Abraham hatte das, was ihm zuoberst im Herzen, lag, noch /Nicht ausgesprochen. Er rang nach Worten:-/ „Ich war," sagte er unsicher, „an der Grenze auf dem Wege hierher Zeuge einer Versammlung am Tische des Ladyer ..." Das Gesicht des Gaon verdüsterte sich. Es