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Der Israelit · 1930-05-01 · Heft 18 (1.5.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 18 (1.5.1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a. M., den - Ein Centralorgan fQr das orthodoxe Judentum l/l Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Viertellahrpretse^tentst>^chend dem^deut^chen Inlandspreis zuzüglich Kosten des^Streifband-Ver^ mark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 6 Fr.; Tschecho-Slowakei 28 Kronen; Ungarn Pengö 6 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Textsette 250 Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M, Rechneigrabenstratze 7. Tel. Hansa 2108t sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In» und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Geschäfts««,.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, II, Tel. Hansa 25865. Platzvorschr. ohne Verbindlich!. ... . „, r direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt lMain) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wie« Nr.79005. —Postsparkassenamt Budapest Nr. 1842t. — Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII7254. — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 24869 — Böhmische Unionbank in Prag— Banca Mannarosch Blank & Cojn Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten fich ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Es ist Zeit! Von Saly Geis in Tel-Arviw. Vor zwei Jahrzehnten — 'länger ist es nicht her, doch inzwischen tobte der umwälzendste aller Kriege=—stellte sich die Situation der Weltjudenheit wie folgt dar: Das deutsche Sprachidiom war das einigende Band, da das Häuflein orientalischer Juden mit dem spanischen Sprachidiom nicht, zählt. Auf dem ganzen Erdenrund verstanden sich die Juden durch eine als „Jüdisch" sich benennende Mundart der deutschen Sprache. Diese Sprache wurde bei den Juden Osteuropas sowohl wie bei ihren Emigranten, die die jüdischen Zentren-Nordamerikas und Englands bildeten, in Haus und Schule, in Handel und Wandel gesprochen, und in diesen Lauten erschien« in Petersburg, Warschau, Wilna, in London, Newyork, Chicago eine große Tagespresse. Mischehen und Dausen kannte man wohl in den Kulturländern Westeuropas, aber sonst waren fir eine Seltenheit. Es schien, daß sich das Problem einer zukunstskräftigen Weiterentwicklung in der noch ungebrochen scheinenden, Kompakten j; osteuropäischen Judenhm lösen werde. So war noch vor zwei Jahrzehnten das Bild. — Und heute! — Heute besuchen -z. B. in der Ukraine mir noch 37 Proz., in Weißrußland nur noch 34 Proz., in Polen nur noch 22 Proz. und in Zentralrußland gar ng-r noch 7 Proz. der jüdischen Kinder Schulen "mit „jüdischer", d. h. deutscher Unterrichtssprache, und dieses „Heute" bedeutet auch schon gestern«. Die Kinder, deren Eltern in deutscher Sprache jüdischer Färbung unterrichtet wurden, besuchen Schulen mit russischer, ukrainischer, litauischer, polnischer Unterrichtssprache in Osteuropa und lernen in den Masfenansiedlungen osteuropäischer Juden wie Z. B. in Paris und Antwerpen französisch oder i'' London und in den Städten Nordamerikas englisch. In den neuen Sprachen ist das Judentum zu einem Religionsunterricht von wenigen Stünden die Woche geworden, und diesen frequentiert in Amerika mit seinen 4lÄ Millionen Hubert nur ein Drittel der Kinder, während zwei Drittel nicht einmal das Dürftigste vom Judentum erfahren. In Rußland mit seinen drei Millionen. Juden hat die Regierung den Religionsunterricht bei schweren Strafen verboten. ' Wie ein explosiv auseinandergesprengter Fels liegt--jetzt das Judentum da, das wie ein Fels die Jahrtausende überdauert hatte. Dabei ist die Zahl der Juden in den letzten drei Jahrzehnten von 10J4 auf 16 Millionen gestiegen. Wenn diese Gesamtsituation mit der steigenden Ausdehnung nach außen eine dauernde Abnahme an« dem inneren Gehalt der Judentumswerte feststellt, dann erweist sich wieder einmal, daß Mische Menschen nicht gezählt, sondern gewogenseinwollen. Roch vor einem halben Jahrhundert basierte der weit überwiegende Teil der Gesamtjudenheit auf dem überlieferten, offenbarten Judentum, — und heute hält ihm nur noch ein Bruchteil die Treue; jedenfalls aber ten>- diert die Entwicklung zu diesem Bruchteil hin. Man fügt den Interessen der Orthodoxie den größten Schaden zu, wenn Selbstbeschönigung die Klarheit über den wirklichen Stand der Dinge meidet. Auch bei ihrem heutigennumerischen Verhältnis kann die Orthodoxie eine Macht sein! — Die Judenheit Palästinas beträgt nur ein« Hundertstel der Gesamtjudenheit und stellt trotzdem eine , motorische Kraft dar, die die jüdische öffentliche; Meinung überall in der Diaspora in Bewegung hält. Aber die Judenheit Palästinas; hat in sich die Kraft eines beharrlichen Willens. So ist z. V. das kleine Tel-Awiw das Zentrum des hebräischen! Verlagswesens geworden, und läßt bereits durchschniM'ch jeden Tag im Jahre ein neues hebräisches Buch erscheinen, damit die Summe des gesamten hebräischen und anderssprachigen jüdischen Verlagswesens der Welt weit, weit übertrefsend. Allein der seit etwa einem Jahrzehnt bestehende Jugendfchriften - Verlag „Omanuth" der Frau Dr. Persitz, der Meisterwerke der Weltliteratur in hebräischer Uebertragung bringt, hat bereits eine Million Mark investiert. Die Orthodoxie braucht vor allen Dingen Führer, die nach Jrthros Rezept Tüchtigkeit, Gottesfurcht, Wahrheitsliebe .und materielle Selbstlosigkeit in sich vereinigen! Die Tüchtigkeit bringt Kenntnis der Zeit und organisatorisches Talent. Die Gottesfurcht muß eine bewußte sein, genährt vom Worte der Thora und hinstrebend zur Verwirklichung der Thora als höchstem Lebenszweck, als Ideal. Beide, persönliche Fähigkeit und Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Thora, des Wortes Gottes, können aber nur dann zu schöpferischem Segen werden, wenn Wahrheitsliebe und materielle Setbsttosigkeit sich mit ihnen verfchwistern. Sonst bleibt das ehrliche, offene Wort unausgesprochen und die energische Tat ungeboren. Nicht nur die großen Führer, auch die kleinen und selbst die kleinsten, deren Einfluß sich nur auf ein Minjan erstreckt, sind zum höchsten Daseinszweck eines jüdischen Menschenlebens berufen, wenn sie die vier Voraussetzungen Jithros erfüllen. Aber erst, wenn sie alle wie in. eine Symphonie sich zusammenfügen«, ist die Rät der Zeit gerettet. .- Einen Moscheh Rabbenu hat es nur einmal gegeben. Doch auch er brauchte zur Seite Männer der Tüchtigkeit, Gottesfurcht, Wahrheitsliebe und. Selbstlosigkeit, und diese mußten in immer engeren Kreisen bis zum Volk ihre gleichgeartete Fortsetzung finden. Können wir auch nicht mehr von des Horebs Höhen aus Gottes Händen das Gottesgesetz dem Volke bringen, so ist es doch die von Moses weitergegebene Lehre. Der Einzelne, jeder Einzelne ist der Mittelpunkt seiner Umgebung, lenkt als solcher Blicke auf sich und löst Wirkungen aus. Darum geht die Sache des Judentums jeden Juden an, der sich als Erbe seiner Vorfahren fühlt und diese Erbschaft-«auch den« künftigen Geschlechtern erhalten will. Der Einzelne, jeder Einzelne kann zu einem Führer nach Jithros Forderung werden! Tüchtigkeit ist nur eine Frage der Selbsterziehung. Selbsterziehung aber heißt Organisation des Tages vom Erwachen bis zum Einschlafen, um in fteier Handlungsweise seinen Daseinszweck so zu erfüllen; wie ihn sonst aste Wesen der Welt unfrei erfüllen. Nichts anderes als diese Disziplinierung von Zeit und Kraft nach dem Willen ' des Weltschöpfers und Welttetters ist der Zweck unserer Thora. Zu dem Prädikat der Tüchtigkeil gebärt aber auch die Aneignung von Erfahrungen im Verkehr von Mensch zu Mensch und eine umfassende Allgemeinbildung, erworben durch gute Schulung und ein bis ins Alter wach bleibendes geistiges Interesse. Von Moscheh ben Amran, dem Pflegesohn einer ägyptischen Prinzessin, über Moscheh ben Maimon, dem Leibarzt des Sultans von Aegypten, bis zu Samson Raphael Hirsch haben die Größten in Israel stets das Wissen ihres Zeitalters beherrscht und waren gerade des-, halb zu ihrer Größe emporgestiegen. Gottesfurcht, die zweite Eigenschaft, setzt Scheu vor der Sünde, Abscheu vor einem häßlichen Wort oder einer häßlichen Handlung unwürdig des im

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