Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1930)
- Date
- 1930-12-11
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 Nr. 16 De r I s r a e l i t - Blätter . 11. Dezember 1930 bisher trotz ihrer segensreichen Tätigkeit von den jüdischen Hüfswerken stiefmütterlich behandelt. Rabbi Horowitz betrachtet es als eine seiner vornehmsten Aufgaben, Aufklärung über diese Fragen unter den die Brücke zwischen Ost und West bildenden und jeder jüdischen Erneuerung stets willig aufgeschlossenen deutschen Juden zu verbreiten. Er hofft hierdurch den jüdischen Hilfsorganisationen ihre Arbeit zu erleichtern und die Beziehungen der religiösen Juden des Ostens zum westeuropäischen, vor allem zum deutschen Judentum, vertiefen zu helfen. Einen Ansatz zu vermehrter Förderung des religiösen Judentums Osteuropas durch das Westjudentum erblickt Rabbi Horowitz in der Millionenstiftung des verstorbenen Professor Haffkine- Paris für osteuropäische Jeschiwoth und ander Thora- Lehrinstitute. Den Kämpf der deutschen Juden um politische Gleichberechtigung und soziale Selbstbehauptung verfolgt Rabbiner Horowitz mit lebhaftem Interesse und warmer Sympathie; er erhofft von einer zur Erhaltung des Judentums notwendigen innerjüdischen Zusammenarbeit eine erhebliche Besserung der Lage. Der Judenstaat. Versuch einer Neuablehnung des zionistischen Staalsgedankens. Von Hermann Lohen in Hamburg. (Schluß.) Bis zu welcher Naivität Herzl dem Aberglauben seiner Zeit huldigt, mögen folgende Beispiele beweisen. Den jungen Leuten, die in ihrer Karriere in Europa behindert sind«, eröffnet er eine „sonnige Aussicht" auf staatliche Pfründen und Stellen; die Organisationen des Judenstaates will er preußisch-militärisch gestalten, mit Chargen, Avancement und Pensionierung; ja, er entwirft die Fahne des neuen Staates. Alle diese Bedenken könnte das Ziel eines Musterstaates klein und neoenfächlich erscheinen lassen. Doch, ist es Herzl hiermit ernst? Für ihn ergibt-sich d ie Ueberlegenheit des neuen Staates über die älteren nur aus dem Vorteil, den jede neue Einrichtung aus den Erfahrungen von schon bestehenden zieht. Der Grundriß feines Staates folgt ja durchaus dem modern-europäischen und sucA ihn nur in Einzelheiten (Arberterheimstätte, Trucksystem, Assistance par l-e travail u. a. m.) zu verbessern. Mt Mut und Leidenschaft bekennt er: „die Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muß nicht untergehen." Weil äußere Feinde sie zusammenhalten, weil sie zwei Jahrhunderte lebt und leidet, weil ein Judenstaat denkbar ist. Darum muß er errichtet werden? Ist denn der Staat ein Allheilmittel? Das allerdings glaubt Herzl, der betont, daß die Judenfrage weder eine religiöse noch soziale, sondern eine nationale fei, der aber für die Darstellung der jüdischen Nationalität nichts weiter tut, als — sie nennt. Hier zeigt sich das Wesen dieses ökonomisch-organisatorischen Zionismus. Nur Geschichte und Gemeinschaft der Nation können die Entscheidung über die jüdische Lebensform treffen. Herzl aber j befragt sie nicht einmal und will die Juden doch aus den europäischen Heimatländern reißen, in denen sie seit Jahrhunderten leben. Er plant und weiß nicht-, mit welchem Ziel. Er, der an den Geist nicht glaubt, da selbst die jüdische Religion ihm nur historisches Bindemittel ist, stellt wllrürlich drei Dogmen auf: die Unüberwindbarkeit des Antisemitismus, der Staat als oberster Wert und die Tatsache der jüdischen Nation, ohne auch nur den Versulb zu machen, diesem formalen Begriff einen Inhalt zu geben. Die Judenseindschast, den obersten Rechtsgrund, den er für den Judenstaat kennt, will Herzl' gar nicht verschwinden lassen-. „Die -allgemeine Verbrüderung ist nicht einmal ein schöner Traum. Der Feind ist nötig für die höchsten Anstrengungen der Persönlichkeit. Ich meine, die Juden werden immer genu-g Feinde haben, wie jede andere Nation". Warum dann noch den Zionsstaat, der doch ö'te Feindschaft beenden sollte? Sollte die Diaspora nur deshalb unmöglich sein, weil der Feind in ihr nur näher, einzelner und rücksichtsloser auftritt als gegenüber dem Judenstaat? Herzl kommt über dieses unzureichende Motiv, den Antisemitismus, in -der Rechtfertigung seines Projektes nicht hinaus. Die selbstverständliche Zweckursache jeder nationalen Bewegung: die Sicherung und Förderung bes eigenen Wesens kommt für ihn nicht in Betracht. Er will gar nicht die Vollpersönlichkeit zu größerer Entfaltung bringen, die jüdische Art, auf gemeinsamem Boden fruchtbar machen. Auch für die Zukunft lehrt Herzl: „Wir erkennen uns eigentlich nur noch am väterlichen Glauben als zusammengehörig." Kern äußeres Merkmal der Nationalität soll im Judenstaat entstehen, keine gemeinsame Sprache gesprochen werden. „Wir werden auch drübenbleiben, was wir sind. Dcvwcndcf Hguda-Onarken * ßvkättliek in allen Ortsgvnppen so wie wir nie aufhören werden, unsere Vaterländer, aus denen wir verdrängt werden, mit Wehmut zu lieben." Dann wäre ja vas wichtigste Ergebnis der Auswanderung nach Palästina die Sehnsucht nach Europa, das nächste Ziel -der Juden: unter dem schallenden Gelächter des Erdballs in die Heimatländer zurückzukehren. Bis hierhin verirrt sich das Herzlsche Projekt. Man müßte glauben, daß Herzls Anhänger sich durch diese Folgerung belehren ließen. Aber aus dem zähen Glauben an die Heiligkeit des Staates und aus der Mutlosigkeit vor dem Antisemitismus geben sie an diesem Punkt ihre sonst so praktische Logik aus. Herzl betont immer wieder sein nützlich-nüchternes Denken und seine Feindschaft gegen das Utopische. Er nennt aber seinen Plan eine „Idee" und vergißt, daß in diesem Wort seit Platons Zeiten alles Endgültige, Wertvolle, Geistige mitschwingt, kurz alles, was ihm selbst zu fehlen scheint. Er sagt von der Judenfrage: „sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen". Das mag richtig fein; unmöglich aber ist, daß sie „im Rate der Kulturvölker" zu lösen sein wird. Nur die geistige Gemeinschaft der Nationen vermag es. Liegt aber in ihrem ethisch-religiösen Dasein, dessen stärkstes Symbol der jüdische Messianismus ist, die Notwendigkeit eines eigenen Staates beschlossen? Man darf nicht auf die nächste Lösung verfallen, wenn die fernste die richtigste ist. (Aloys Fischer) Die fernste: die nicht den materiellen Ursachen, sondern den geistigen Zwecken gehorcht. Das schönste Wort, das Herzl schrieb, lautet: „Nur die Desperados Laugen zum Erobern". Das' gilt für den ganzen Kreis menschlicher Gedanken sind Taten. Aber aus der praktisch-ökonomischen Gesinnung seiner Zeit wurde die Weite dieses Gedankens verkleinert zum wirtschaftlichen Fall. Das aber ist typisch für das Herzlsche Denken: Alles was geistig, schmerzlich, für unsere Begriffe wesentlich am jüdischen Problem istwird nicht beachtet; das Zufällige, Aktuelle aber überaus betont, der Staat als letzter Sinn der Gememschaft verkündet. . Gewiß: der Zionismus ist über Herzl hinaus-. gekommen. Man beeilte sich, den Staatsgedanken mehr und mehr durch den Siedlungsgedanken zu verdrängen; Selbst die auf glercyem^^onomischem Standpunkt standen, spürten die Lücke des Herzlichen Waus und fanden einen besseren Grund, für den Judenftaat einzutroten: weil sie ' den Untergang der Juden als letzte Folge der Assimilation befürchteten. Mit dem Wesen und der Bedeutung der Ässimilation für die Entwicklung des zionistischen Staatsgedankens wird sich ein zweiter Aufsatz zu beschäftigen haben. Aus der Bewegung. Hamburg-Altona. Die Agudas Jisroel Frauen-- gruppe Hamburg-Altona zeigt im 3. Winter ihres Bestehens einen erfreulichen wetteren Ausstieg, der sich sowohl in der stetig zunehmenden Zahl ihrer Mitglieder als auch in der Intensität der Mitarbeit ausprägt. Das Wintersemester wurde mit einem Tee-Nachmittag (im Hause von Frau Regina Bachrach) eröffnet. Den Mittelpunkt dieser Veranstaltung bildete ein Referat der Vorsitzenden, Fräulein Studienrat Lilli Freimann: „Der jüdische Sommer 5690 (1930)", die es verstand, in klaren Worten alle Ereignisse des jüngsten Sommers, die die jüdische Welt angehen, an uns vorüberziehen zu lassen, und unsere Stellungnahme aus Grund-unserer jüdischen Weltanschauung zu präzisieren. Unser Winterprogramm hat einen weiteren Ausbau erfahren. Reben dem wöchentlichen Tefilloh-Schiur unter Leitung des Herrn B. S. Jacobsohn, der eine sehr zahl-, reiche Hörerinnenschar vereinigt, und neben dem ebenfalls schon im 3. Jahre laufenden Fibelkurs der — an Hand der Mandelbaum-Rothfchild'schen Fibelbücher — in hebräische Grammatik unnd Methodik des hebräischen Grundschul-Unterrichts einführt, hat eine Sidro-Arbeitsgemeinschaft begonnen die regem Interesse begegnet. (Diese Arbeitsgemeinschaften, die in erster Linie die Mütter dazu befähigen will, ihre Kinder die Thauro verstehen, zu; lehren, bespricht daher auch in erster Linie an Hand von . Erklärern und Midroschlm die Form, in der man Kinder j der verschiedenen Altersstufen an den Inhalt der Sidroh heranführt.) Alle Teilnehmerinnen arbeiten — nach gründlicher häuslicher Vorbereitung — gleich intensiv mit. Voraussichtlich wird infolge der großen Beteiligung eine j Teilung in verschiedene Gruppen vorgenommen werden . müssen. Auch ein zweiter Fiöelkurs beginnt für Reu-Anfängerinnen. Neben diesen wöchentlichen Veranstaltungen finden allmonatlich größere Vorträge, mit anschließend«: . Aussprache statt. Vortragende sind in der Regel Mitglieder der Gruppe. Das Thema dieses, Monats lautet: "Erziehung zur jüdischen Frauenpersönlichkeit" und wird ausgehend" von Jacob Rosenheims Schriften behandelt. - Im nächsten Monat wird über Berufswahl der jungen Mädchen gesprochen werden. Der Händarbeitszirkel, der ebenfalls wöchentlich zusammenkommt, entfaltet eine rege Tätigkeit. Die bei den Zusammenkünften hergestellten Arbeiten werden einmal jährlich versteigert; in diesem Jahre wurde der beträchtliche Erlös der Palästina-Centrale der Agudas Jisroel zugeführt. j Durch die regelmäßigen Zusammenkünfte und die gemeinsame Arbeit ist ein starkes Gefühl seelischer Verbundenheit unter den Frauen unserer Gruppe entstanden, und dies erscheint uns vieleicht äls der schönste Gewinn unserer Zusammenarbeit, die uns allen viel Anregung, Freude und Förderung bringt. . PoslscKeck-Konlen: Landesdirektorium des Keren HatoraH~ in Deutschland Hamburg Nr. 24753 II Keren Hatorah-Kommissariat Leipzig Nr. 70147 (P. Sch. A. Leipzig) (P. Sch. A. Hamburg). Keren Hatorah-Kommissariat Berlin, P. Sch. A. Berlin Nr. 73991 C. Keren Hatorah-Kommissariat Frankfurt» a. M. Hr. 4L6W (P. Sch. A. Frankfurt a.M Keren^atorah-Kommissariat Breslau, P. Sch. A. Breslau Nr. 60510 fflr Iwan Müller. Keren Hatorab-Kommissanat Nürnberg Nr. 18440 (P. Sch. A. Nürnberg) Keren Hatorah-Konunissariat Hamburg P. Sch. A. Nr. 40953 für Dr Julius Basel Keren Hatorah-Kommissariat Köln Nr 50131 (P. Sch. A. Kfiln) ■ || Keren Hatorah-Kommissariat Kartsruhe Markus Stern-Bankkonto :Ignaz Ellern,