Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 15-16 (10.4.1930)
- Date
- 1930-04-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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leimet»»-!AiY Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und 2NSrlyrergefchichte. Von S. SchachnomiH. (Fortsetzung). - Cs entging Abraham nicht, daß der Name Rabbi Landaus in Prag ohne sichtlichen Eindruck auf Mendelssohn blieb. Rabbi Elie war aber wieder ein Zauberwort, das ihn beinahe in Extafe brachte. „Dieser große Mann in Wilna mit dem großen Weltbilde im Herzen, er allein könnte es vollbringen, w e n n es zu vollbringen wäre. Und damit, Freund, wäre unserer Sache noch mehr gedient, als mit allen Reden und Schriften, die für die Aufklärung werben. The Sammlung, die Organisation, sie ist mein Lebenstraum, seit ich selbständig zu denken imstande bin. Aber ein Träum nur. Heit dem, der ihn zu deuten und zu lösen verstände! . . ." Mendelssohn wurde immer lebhafter. „Wer mitten im Leben steht und in die offene Welt schaut, wie ich, weiß, wie viele Fragen auf uns einstürmen; wir können sie nicht lösen, dieweil Israel wie ein Schifflein in der Flut ohne Mast und ohne Führer dasteht. Um nur ein. Beispiel zu nennen: Es ist jüdischer Brauch, die Toten so rasch wie möglich nach dem eingetretenen Tode zu bestatten. In Schwerin aber besteht die Obrigkeit darauf, daß die jüdischen Toten genau wie die anderen, wegen der. Möglichkeit des Scheintodes, drei Tage aufbewahrt bleiben. Die jüdische. Gemeinde sieht darin ein schweres Verhängnis und wendet sich an mich. Ahnungslos äußere ich meine Meinung, daß die rasche Beerdigung nur ein späterer Ghettobrauch sei und keineswegs dem Worte und' dem Sinne in Mischna und Talmud entspreche, glaube sogar, Anhaltspunkte für die Forderung der Behörde iM Talmud zu finden und empfehle ihre Beachtung. Mein vielverehrter Freund und Lehrer, Rabbi Jakob Emden, dessen Gutachten mir die Gemeinde verschwieg, ist aber anderer Meinung. Hier sein ausführliches Schreiben unter Heranholung. der gesamten rabbinischen Literatur, gründlich und erschöpfend wie immer, — aber für die' Vehärdech die nur. nach formalem Recht urM Miner. Vernunft arj?Äten> wenig überzeugeM- Hätten Nr''schon die oberste rabbinische AuÄKA. Me sie Huch vdr MüM steht, d ie EntscheMunA .wHde>Nie sie auch aüsftele, vost üsts rMeMii^lo^'M^rtannt/.und/wohl auch von Behörden beachtet werden." ' - n - „Hier," fuhr Mendelssohn fort, indem 'er weiter in der Korrespondenz herumblätterte, „ein anderes langes Schreiben Rabbi Emdens in Sachen der Noachid i s ch e n Gesetze. Wie soll ich dieses Gutachten meinen Freunden in der Kulturwelt, etwa Gotthold Ephraim Lesstng, Nikolai- Eämpe oder 'Dohm klarmachen? Maimonid es f lehrt: Nur diejenigen FroMmen der Völker haben Anspruch auf die künftige Welt, die sich aus reinem Glauben zu den „Sieben Gesetzen" bekennen,, nicht aber die - Anderen, welche mit dem Verstände, aus ethischest; Antrieb, sich zu dieser Höhe'emporgefunden haben. Sollten diese Männer, die Führer im Reiche des Geistes sind, die Humanität predigen und das Recht aüch ' für - Uns Juden fördernf sollten sie alle aus der Galerie der ünsterhlichen WÄtfrommen" ausgeschlossen ftm nür chell sie aus meiner Vernunft und aus ethischem Emsifindeü so geworden sind? Ich fragte darüber bei Rabbi Emden an, dessen Wort ungemein viel wiegt. Hier der länge, ausführliche und wie immer geistvolle Brief. Aber es bleibh darin bei der Auffassung des Maimonides, — ohne die gewünschte Weite m der Interpretation. Da wäre doch, schon im Interesse unserer' bürgerlichen Rechte, ein entscheidendes Wort von einem h ö ch st e n Forum sehr heilsam. „Ja, unsere Rechte!" Es war zü merken, wie tief dieser Gegenstand Mendelssohn in der Seele lag. „Da schreibt ein gewisser Johann Kölbel e in Frankfurt a. M. Bücher voll Gift und Galle gegen uns und findet Glauben. Wer hört, wer glaubt unsere Verteidigung? So lange nicht die Widerlegung der Anwürfe von einer zentralen jüdischen <Äelle kommt, bleiben sie haften. „Im englischen Parlamente wird über die Judenfrage verhandelt ustd Dinge verbreitet, die auf falscher Deutung des Judentums und seiner Schriften beruhen- Bei uns in B e r l i n herrscht Voltaire im Reiche des Geistes öder des Ungeistes, verfälscht die deutsche Art und die schöne deutsche Sprache wie er die Stimmung gegen die Juden beeinflußt. Er hat den großen König Friedrich ganz in seiner Gewalt. Ein portugiesischer Jude, Isaak Pinto/wagte es, ihm mit einer Gegenschrift zu dienen, die all seine Verdrehungen in jüdischen Dingen mit Geist und Witz aufdeckt. Aber wer ist Pinto? fragen die Leute hüben und drüben. Was bedeutet ein Name gegen den Haß der Welt? Von einer Turmspitze herab muß Wacht gehalten werden und von dort her müssen die Glocken rufen, zur Samsnlung und Rettung ... „Auch unsere Freunde, die es gewiß gut meinen, bedürfen der Weisung von höchster jüdischer Stelle, wenn sie uns nicht statt Nutzen schweren Schaden bringen sollten. Ich denke an Christian Wilhelm Dohm, einen vortrefflichen Mann, der den Juden wohlgesinnt ist. Aber seine „Schutzschrift" für die Juden weist noch der Vorurteile genug auf, die wegzuräumen, nur die ganze Nation in ihrer repräsentativen Oberleitung imstande wäre. Ja, die Zeit, die Aufklärung, die Stellung der Juden zur Welt und Kultur, die Emanzipation, alle diese Dinge eien nach Sammlung, nach Organisation. —" All diese begeisterten Reden für den von Abraham mit so viel Liebe gehüteten Plan hinterließen bei ihm doch leinen kleinen bitteren Nachgeschmack. Es wurde ihm mählich klar, daß der Weife aus Dessau in der Organisation etwas anderes sieht und von ihr ganz was anderes erwartetals die in Amsterdam, Prägend Frankfurt. Immerhin, möchte jeder seine JdeM Md' Hoffnungen in den Rahmest hineintragen, är würde, wenn er einmal geschaffen ist, M alle decken und schützen.; : Mit dieser Hoffnung und. dem Versprechen Mendelssohns, bei/Daniel Jtzig wegest der fittanziellen Hilfe für den großen Plan vorstellig zu werden, verließ Abraham Berlin. In der kleinen Stadt ander Oder wurde Abraham von dem noch jugendlichen Rabbi I o - fest Teomim mit der dankbaren Freundlichkeit eines Einsamen, dem eiste Friedensbotschaft ins Haus weht, empfangen und mit größter Aufmerksamkeit angehört. Der junge Rabbi hatte über Streit und Einigkeit in Israel seine ei genen Ansichten. Er, der große Kenner der Dezisören, hatte ist seinem großen halachischen Werk, das damals schon so viel Aufsehen in der Welt erregte, gelehrt, in der Vielfalt und im Widerstreite der Meinungen stets das Einen de. B i n d e n d e und Entscheidend e heraus/ zufinden. „Wie feine Lehre, so ist Israel selbst," meistte er. ' „Der Kampf geht mit verschiedenen Mitteln und Waffen um die gleiche heilig? Sache. Gefahr droht nur von e i n e r Seite, von der, wo die heilige Lehre nicht mehr gilt und Dr. 15 •H 1930 gegen sie gearbeitet wird." Wolle Abraham, gegen diese Gefahr, die ihren Herd in Berlin hat, die Geister in der jüdischen Welt sammeln, da wollte er, obwohl er ungern die Lernstube verlasse, gewiß nicht zurückstehen. Der Plan der Organisation interessierte ihn schon, weil er von Rabbi Jecheskel Landau, dem Manne, den er über alle Maßen verehrte, ausging. Die geistige Oberinstanz in Jerusalem erfüllte chn Mit Begeisterung. In Einzelheiten hatte er andere Meinung, und er begründete sie. Er blieb aber dabei: komme die Organisation zustande, so hätte sie ihr Augenmerk nicht nach Altona, nicht nach Frankfurt und nicht nach Wilna, sondern einzig und allein nach Berlin zu richten. Denn, was wollte es bedeuten, wenn in Altona zwei große Männer miteinander hadern? Sind sie etwa verschiedener Meinung über Deutung und Auffassung der heiligen Lehre, die Handhabung der Halacha? Legt etwa de< eine anders seine Tefillin als der andere? Im Gegenteil. Der eine beargwöhnt den anderen, er würde es in der Betreuung des allen gemeinsam heiligen Gutes etwas fehlen lassen. Mißverständnisse, zu deren Aufklärung es keines Sanyedrin und keiner „Semicho" bedarf. Gegen das ewig Menschliche und die von diesem gezeitigten kleinen Üebel würden auch sie nichts ausrichten. Die Sache sei nicht in Gefahr. Was wollte es bedeuten, wenn in Wilna der große Gäön Rabbi Elie Bannstrahlen gegen eine Gruppe schleudert, die er im .Verdacht hat, daß sie vor lauter Gottsucht die Gebote Gottes nicht ganz in der altvorgefchriebtznen Weise befolgte und sich vom Studium der Lehre ablenkte? Entscheidend sei, daß diese Gruppe unter ihrem großen Führer sich g e g e n d i e s e V o r w ü r f e wehrt, beteuert, daß sie, und gerade sie, treu zu Gott, seiner Lehre und seinen Geboten stehe. Auch da würde die Zeit die Mißverständnisse, und häuften sie sich auch zu Berg, beseitigen. Die Gefahr beginne mit Menschen, die bewußt jenseits von Gott und der Thora stehen und solche Ansichten wie Gift in die Brunnen streuen. Menschen solcher Art sammeln sich in Berlin, und hier gelte es, eine Sache des Satan im Keime zu vernichten, bevor sie Israel erfaßt hat. Er hatte sie in seiner Berliner Zeit, gerade im Hause seines Wohltäters, mit Entsetzen wachsen sehen. Die Vierländersynode als Grundmauer für die große Sammlung anzusehen, hielt er für fehl. Die Synode hätte längst an Autorität verloren. .Und.es sei besser,/auf ganz neuem reinem Grunde zu bauen, als /auf?'Trümmern. Helfenkönne, nur 'ejner,, Rabbi E l tfc. aus Wilna. Er inGemeinschaft Mit dem Prager/Oberräbbiner und den anderen Größen, der Zeit würden es vollbringen, wenn . . . '/ Dann würden sich auch die Münster, die heute im Widerstreit miteinander stehen, von selber zu gemeinsamer Arbeit finden. Ob er, Rabbi Teomim, Daniel Jtzig für die Sache interessieren könnte? Ja und nein. Der Hofjude, der es der neuen-Zeit schuldig zu sein glaube', alles, was im Namen der Bildung und Aufklärung in sein Haus kommt, zu dulden und zu fördern, dürfe zunächst den eigentlichen und letzten - Zweck der großen jüdischen; Verbindung nicht erfahren. Komme aber Abraham mit einer Empfehlung des VZilnaer Gaon nach' Berlin zurück, mit einer Zusage dieses Größten, sich an der Sammlung der Geister zu beteiligen, vielleicht gar die Führung zu übernehmen, dann könne Daniel Jtzig nicht widerstehen. Der NaMe des Gaon würde chm und bei allen von ihm geführten jüdischen Magnaten alle Kümmerst des Herzens öffnen. Sie würden, ohne ein Wort zu redest,'das gctyze Unternehmen finanzieren. Schon um einen Rückhalt für ihre Verteidigungsarbeit bei den Fürsten zu haben, die es liebten, ihnen harte Rätsel in religiösen Dingen aufzugeben.