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Der Israelit · 1930-04-03 · Heft 14 (3.4.1930) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 14 (3.4.1930)
Date
1930-04-03
Page
– (sequence 17)
Language
German
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r.v-L. rzie^ümj und E»cl?re Pädagogische Beilage ztitn „Üsraefif Organ »es Kunöes gesetzestreuer Mischer Kehrer Deutjchlan-s. Religionsschule^uud Kunst. Referat gehalten in Luzern am 19. Mai 1929 auf der Tagung des „Verbandes israelitischer Religionslehrer und Kantoren in der Schweiz". Von Jechiel Llchtenstein. Ich gehe, wohl nicht fehl» wenn ich annehme, daß, als Sie das Thema, das zu behandeln ich die Ehre habe, angekündigt sahen, annahmen, es fei mir ein Interpunktionsfehler unterlaufen: anstatt des Punktes sollte ein Fragezeichen stehen: Religionsschule und Kunst?" Nun denn! Der Punkt ist an seiner Stelle und es obliegt mir, die Beziehungen zwischen Religionsschule und Kunst zu untersuchen ... der Religionsschule nämlich wie sie sein soll nicht, wie sie ist. - Der Religionsunterricht soll religiöses Leben fühlen lassen, religiöses Wisfeu vermitteln. Wir wollen darum vorher den Fäden, die von der Kunst zur Religion führen, nachgehen. Wir stellen weiter fest: die Religionsschule ist eine Schule und müssen darum auch das Verhältnis der modernen Schule zur Kunst aufdecken, um erst dann unser eigentliches Thema zu behandeln. Folgende Dreiteilung ergibt sich somit: Religion und Kunst, - Schule und Kunst, Religionsschule und Kunst. ' ' ■ I. Hinsichtlich ihrer Ziele identifizieren sich Kunst und Religion vollkommen: beide wollen uns über des Alltags Sorgen, Kleinheit und Materialismus in eine höhere Wirklichkeit erheben. Während aber der Gesetzgeber der Kunst der Künstler ist (es genügt dem Kunstwerk, dem subjektiven Gefühl des Künstlers Gestalt gegeben zu haben), forscht der religiöse Mensch nach dem Willen des Weltenschöpfers, gemäß dem Maßstab des Absoluten und Obkektiven. Düs Kunstwerk gibt sich damit zufrieden, als angenehme Täuschung hingenommen zu werden; die Religion erhebt den Anspruch, offenbarte Wahrheit zu sein. Der Künstler ruft aus: „Wie schön ist dieser Berg, dieser Mensch! oder gar nur: diese r Gesichtszug!" Der religiöse Mensch singt mit dem Psalmisten nvsa vav nui« '2 'i2ii’ny2«8 oder: "«1122 a’isvaa’avn-Er sieht die Welt als Ganzes. Das klassische Drama zeigt nur Vorgänge, die sich innerhalb 24 -Stunden abspielen; die Religion lüftet den Schleier der Ewigkeit. Durch die Religion fühlen wir uns mit der ganzen Schöpfung verbunden. Wir erkennen unsere Nichtigkeit und bekennen demütig: 121210 ’2 buk na oder «21 isr vi2« 2E?n Wir wissen, daß alles Irdische vergänglich ist, und daß selbst die Größen von heute und gestern nur als Tropfen im Meere des Weltgeschehens gelten. Sogar von den Nationen behauptet der Prophet: 12002 012188'PNV21 '!>ia ia2 onx ]n Es besteht aber die Gefahr, daß, den Blick auf die Unendlichkeit gewandt, wir den- Boden unter uns verlieren. Da kommt die Kunst und greift regulierend in unser Leben ein, indqm sie unser Auge wieder auf das Einzelne richtet: man vertiefe sich beispielsweise in die Laokoongruppe. Jeder Zug — eine Welt für sich. Wollte man die Religion mit dem Teleskop vergleichen, so die Kunst mit dem Mikroskop. Die Wissenschaft bedient sich beider: die Menschheit braucht Religion und Kunst. . ... Das bisher Gesagte bezog sich auf das Verhältnis des religiösen Gefühls schlechthin zur Kunst. Welches ist nun das spezielle Verhältnis des Judentums zur Kunst? Es genügt-diese Worte, auszusprechen, um vielfach sofort den Einwand zu hören, das Problem sei gar kein Problem: 121811 >21 *>os i»2 ■]> nvyn «i> stehe im schrofsesten Gegensatz zu jeglicher künstlerischen Regung, 'rovaa p’vsai mbi 1112 i^nan 1V822 2'nna ii>82 21N2N 1'br nbva m *v>2 N82 na ^8 N82 na 18181 bedeute den Tod jeder Liebe zur Natur. Sie werden vielleicht auch die schwerwiegende Tatsache festhalten, daß selbst beim Bau des Tempels .Juden nur als Arbeiter verwendet wurden, während die Leitung in phönizischen Händen lag. Geschichtlich ist noch hinzuzufügen, daß das spätere Ghetto mit seinem Iudensleck, seinen gefängnisartigen Mauern, seinem Schmutz und Elend jedes künstlerische Schaffen im Keime erstickte: wo die quälende Sorge um das trockene Stückchen Brot, um das nackte Leben nagt, da bauen die Musen nicht gern ihr Heim. Just erschien all das als etwas Gottgewolltes und in der Bibel schon Angekündigtes. Man zitierte: 120’-, iep Dt? H.182 und vergaß, daß rein sprachlich gesehen, in dieser Beweisführung etwas nicht stimmte: na’!> a'pi-rr nw ist nicht — wie yu2 irii’ und andere es tun — mit ns’i ’amn '1 ivo» wiederzugeben. Schon Jbn Esra schrieb:;a ns’ stir»n) ri’ai ns’ En’B «!>i - ns’ unser großer pos— Raschi — sagt kurz: 2’ni’ — ’ns’ r>2iii,a Psychologisch gesehen, ist es immerhin interessant sestzustellen, wie man durch ein gewisses Hineinlesen in den Tert die freud- und kunstlose Gegenwart^ eigene und fremde Vorurteile, mit dem religiösen Gefühl auszusöhnen versuchte. Nun denn! Die Thora kennt keine Kunstfeindschaft im Sinne der Ghettopsychologie. Uesere Bioel, das größte literarische Kunstwerk aller Zeiten, wäre im Widerspruch mit sich selbst, wenn dieser Gegensatz wahr wäre. Immerhin eine Einschränkung ist notwendig: Kunst und Religion, oder gar im Gegensatz zur Religion ist ihr unannehmbar: die schönste Zeusstatue ist in ihren Augen eine ... eine Lüge und sie donne-rt dazwischen: 100211 «i-i iipon «!>. Aus ähnlichem Grunde konnte das Judentum keine Heiligen-, Madonnen- und Jesusbilder schaffen: wir beten den Geist an. Ein Mensch — und wäre er noch so groß — bleibt für uns Mensch: selbst die herrliche Mosesstatue mußte von Nichtjuden gemeißelt werden: uns genügte r10a mn. Die Reinheit unseres Gottesglaubens konnten wir nie und nimmer preisgeben; es sei denn, daß wir uns selbst und unsere Daseinsberechtigung preisgäven. Und wenn auch die steinernen Tafeln zertrümmert werden: -'183 iniv nvmsi der Geist des Judentums, der Ewigkeitswerte in sich birgt und - der unserer Nachkommenschaft vermittelt werden sollte, blieb unversehrt. Während somit zugegeben werden muß, daß das Judentum in einem gewissen Gegensatz zu den plastischen Künsten und zur Malerei stehen kann, so sei daraus hingewiesen, daß mit diesen zwei Zweigen das künstlerische Schaffen doch nicht erschöpft ist. (Wir sprechen hier nur von.dem Verhältnis des Judentums — und nicht der Juden! — zur Kunst. Es ist bekannt, daß Juden auf allen Gebieten Großes geleistet haben: Mar Liebermann hat sogar ein Iesusbild gemalt!) Die rein geistige Einstellung des Juden zum Problem mag Grund dafür seich daß von allen Künsten diejenige, die -am wenigsten stoffgebunden ist. die Musik, von uns am meisten gepflegt worden ist: jüdische Musik war schon im Altertum sehr berühmt; die Kirchenmusik geht, nach einer sehr verbreiteten Ansicht, vielfach auf die Tempelmusik zurück. Musikalisches und religiöses Erlebnis stehen in engstem Zusammenhang. Man achte auch auf die große Zahl von Musikinstrumenten, die in der Bibel genannt sind! Schlaginstrumente: 8’22S28 Q’nVxa n’i>xi>3tqin SBIasmffrumente:nixi:mi>2i’iBiipy>i>n Saiteninstrumente: 1122 nz>y ü>22 Als Nebukadnezar die Schätze des eroberten Palästina forfführte, vergaß er die Musikinstrumente des Tempels nicht (II. Könige, XXV, 14). Schon die Tatsache, daß unsere Väter die Musik ihrem Gottesdienst einverleibten, zeigt die hohe Bedeutung, die sie ihr zumaßen: nur das Höchste und Edelste hat seinen Platz im Heiligtum. An den Bächen Babylons aber wollten und konnten sie nicht' mehr spielen. Wem die Kunst nicht Herzenssache ist, der kann auf Kommando singen. Menschen aber, die aufs innigste mit ihr verbunden sind, können nur dann singen, wenn das Herz es ihnen eingibt. Auf fremden Boden: hängen sie ihre Harfen an die Weiden und stöhnen: 122 nai« by 'i i»o m i»oj -p«! Ueber die Wertschätzung der Literatur seitens des> Volkes des Buches in diesem Kreise zu sprechen, hieße Selbstverständlichkeiten vortragen. Wie sollte man die jüdische Geschichte der letzten 2009 Jahre definieren, wenn nicht: eine Geschichte von Büchern und . . . Tränen? Alles hat man uns genommen, nicht aber unser Buch . . . denn vorher hätte man unsere Seele nehmen müssen. Daß der Jude unzertrennlich mit seiner Thora verbunden ist, haben selbst die Henker der Inquisition eingesehen: als sie unsere Heroen zum Scheiterhaufen führten, warfen sie auch die heiligen Rollen mit in die Flammen. Wir machen immerhin aus folgendes aufmerksam: dem Juden ist die Kunst nie und nimmer Selbstzweck: l'art pour l'art - ist ihm ein unbekannter Begriff. Er begnügt sich nicht mit der Form, er sucht auch den Inhalt, und diesen in erster Linie. „Schön" übersetzt er mit 2iv: apy» i’bn« 120 na (Das darauffolgende i'vi D’imiu zeigt, daß eine andere Deutung ausgeschlossen ist!) Die gleiche Bedeutung von 210 finden wir in der .1212! ni2>’8i 11210 ni’12 12.8121121 iai>iv2 ion «t>v £=j’3itj (Bäume können wohl „schön" : keinesfalls „gut" sein!) Eine andere Bemerkung: Von Bezälel heißt es: a’p*>« nii ins «bwi Gottesfurcht und Künstlertum mögen gemeinsam das Heiligtum bauen; von Oholiab und seinen Gehilfen sagt die Thora: naan ’nm 2V 02n bo 2!>2i- Ehochma ist der Inbegriff des Höchsten in religiöser undallgemeiner Bildung. Halten wir fest, daß der Jude das Gute mit dem Schönen identifiziert. Da das Wahre —wie oben dargetan — von vornehmem dazu gehört, so sehen wir die herrliche jüdische Dreieinigkeit erscheinen: diejenige des Wahren. Guten und Schönen. II. Spräche ich nicht in einer jüdischen Lehreroereinigung, sondern vor irgend einem pädagogisch gebildeten Publikum, ich bin sicher, daß auch dann jeder meiner sehr verehrten Zuhörer mir beipflichten würde, daß eine.ändere Einstellung als diejenige des Judentums schlechthin unmöglich ist: der Jugendbilöner kennt kein einziges Fach, aber auch kein einziges, das etwa um seiner selbst willesti in der Schule gepflegt würde. Mag ein verbissener Mathematiker sich einreden/man müsse Mathematik rnoV lernen, mag der Zeichenlehrer überall und stets nur Stifte und Farben sehen: für den wahren Erzieher hat jedes..Fach nur insofern und soviel Wert, als es der Mlgemeinbkldung dient. An diese Gedanken knüpfen auch die Kunsterziehungsbestrebungen an. Sie verweisen darauf, daß unser, bisheriges System zum großen Teil versagt hat. Anstatt sämtliche Seelenkräfte zu entwickeln, hat man sich, einseitig auf das Gedächtnis- und Kopfmäßige verlegt, anstatt Menschen zu formen, hat man Gramophone. aufgezogen — die Erziehung wurde ebenso mechanisiert wie unser sonstiges Leben, wo die Schreibmaschinne die Handschrift zu ersetzen droht, die Rechenmaschine — den Rechenkops, der Film das Buch verdrängt, die Photographie — sie' Malerei. Der Mensch sinkt im Werte, die Maschine steigt.. Trifft diese Kritik der modernen Unkultur Nicht auch die Schule, die — ihrer heutigen Struktur nach — so herzlich wenig fürs Gemüt übrig hat und wo selbst der Gesinnungsunterricht sich nicht von diesen Fehlern frei hält? Das Zerpflücken und Zerzausen des Tertes, die grammatische und sprachliche Analyse sind wahrlich nicht dazu angetan, die Herzen der Jugendlichen dem Schönen zu erobern. Vielmehr sind diejenigen unzählbar, die im Sprachunterricht für ihr Leben lang, die Lust an der Literatur eingebüßt haben. Und wie gar mancher wollte von der Religion nichts mehr wissen, weil er die Religionslehre mit dem Religionslehrer verwechselt hat? . . . und nur" zu oft war der Hauptzug in der „Methode^ des letzteren die Langweile. Die Mängel des modernen' Unterrichtsmechanismus erkennend, sannen die besten Köpfe unter, den. neueren Pädagogen auf eine gründliche. Reform unserer Schule. F. W. Förster proklamierte die Notwendigkeit des ethischen Unterrichtes; Götze, Wolgast und, vor ihMn, Rein schrieben die Kunsterziehung auf ihre Fahne. Kunsterziehungstage wurden einberufen und leisteten anerkennenswerte Arbeit: Dresden 1901,. Weimar 1903, Hamburg 1905. .Neue Zeitschriften entstanden: „Kind und Kunst", „Der Säemann", „L'art ä l'ecole" u. a. m. Die Aufgabe der neuen Vereinigungen konnte nicht darin bestehen, sieben- oder zehnjährige Künstler heranzubilden, sondern gegen den übertriebenen Intellektualismus anzukämpfen uNd dem Gemüte zu' seinem Rechte zu verhelfen. Das Kind sollte beim Spiel beobachtet, seine Anlagen studiert und gefördert werden — ohne jeglichchi

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