Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1930)
- Date
- 1930-04-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. 14 Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und INärlyrergefchichte. Von S. SchachnoWitz. (Fortsetzung). XIX. . Äbraham wollte doch Berlin nicht verlassen, ohne den Dessauer Weisen, von dem er so viel Widersprechendem gehört, den die Einen so hoch in den Himmel hoben, wie ihn die Anderen als Lehrer und Propheten des Abfalls in den Staub zerrten und verdammten, gesehen und gesprochen zu.haben. Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß zum großen Bau des Friedens auch dieser Faktor vonnöten sein könnte. Moses Mendelssohn empfing ihn in später Abendstunde in einem bescheidenen Gemache, dessen Hauptschmuck die mit Büchern von .oben bis unten vollgefüllten Regale an den Wänden ausmachten. Auf dem Tische standen unter der Hängelampe einige Bilder würdiger Männer und zierlicher Frauen und rund herum ganze Berge s von Schriften, Bogen, Büchern und Briefschaften, letztere in Mappen geordnet. Das geübte Auge konnte im Gewirre ein gewisses System und.straffe Ordnung nicht vermissen. Eine betonte Einfachheit, die Reinlichkeit und Ordnung gaben den Rahmen zu 'der sanften, geruhigen Geistigkeit, die das .Haus wie feiner Weihrauchhauch erfüllte. Auf dem erhöhten Stuh!. sah der Hausherr etwas größer aus, als er in Wahrheit war. Ein milder Lichtschein fiel auf das helle Gesicht, darin eine kräftige Rase saß und große, weitgeöffnete Augen Geist und Güte widerspiegelten. Der Kopf mit der großen blanken Stirn und den kurzgelockten Haaren saß Zurückgeworfen und fest im Nacken«, so daß das dünne Spitzbärtchen unter dem starken Kinne in die Luft stach und die Gestalt etwas Statuenartiges erhielt. Der dichtgekräuselte Haarbusch am Hinterkopf wogte den Nacken hinunter und verdeckte fast die Rückenerhöhung. Wie war doch der Mann in Ausfehn, Sprache und Wesen anders, als die Männer, die im Salone Daniel Jtzigs sich zu seinen Jüngern zählten. Auch keiner von den Abraham bekannten großen Rabbis sah diesem Manne ähnlich. Nur wenn er milde lächelte, hatte er im Gesichte und im Tone etwas von Rabbi Jonathan Eibenschütz. Moses Mendelssohn wurde sehr aufmerksam und sein Helles Gesicht überzog eine leichte Wölke, als der Name des Altonaer Oberrabbiner fiel. Was dort eigentlich vorgehe, erkundigte er sich und holte aus einer Mappe ein Schreiben hervor. Er überflog den Brief noch einmal und sagte: „Ich kann Euch den Brief nicht lesen lassen, da er sich in Lobessprüchen für meine Person ergeht, die ich nicht verdiene. Aber Ihr seht, es sind die Schriftzüge von Rabbi Eibenschütz. Wichtiger aber für mich sind die Briefe von Rabbi Äakob Emden, deren ich ganze Stöße besitze. Es sind welche dabei ganz jüngsten Datums." „Man sagt, Ihr neiget im Altonaer Streite nach der Seite Emdens." Mendelssohn sah seinem Gaste klar und offen ins Auge, dann sagte er klug und gemessen: „Wir lieben hier", — er betonte das „hier", als nannte er den Namen einer eigenen Welt — „die Klarheit und Wahrheit. Ich habe sie bei Rabbi Jonathan nicht gerade vermißt, aber bei Rabbi Jakob in einem Maße g e,fund e n, das uns höchste Ächtung abringt. Wir kennen den Gegenstand des Streites zu wenig, aber die Tatsache, daß Rabbi Jakob mit solchem Löwenmut gegen Zaubersprüche und allen Aberglauben für Wahrheit und die Reinheit des Glaubens kämpft, nimmt uns für ihn ein. Mag dem Partner auch Unrecht geschehen sein, — wir nehmen keine Stellung gegen Rabbi Jonathan — das, was Rabbi Jakob bekämpfen will, m u ß als wucherndes Unkraut im Garten unserer Religion ausgerottet werden." „Wer darf sich anmaßen, auf das Haar den Grenzpunkt zu erkennen und zu zeigen, wo sich der reine Glaube vom Beiwerk scheidet? Wird nicht -bequeme Gedankenlosigkeit all das als Wucherpflanze abwerfen, was ihr lästig und als Lebensschranke erscheint?", sagte Abraham und dachte an die Gespräche im Hause des Hofjuden „Rabbi Jakob wäre vielleicht der rechte Mann am rechten Platze, diese scharfe Grengscheidung zu zeigen," erwiderte der Hausherr urti) kramte im Stoße der Briefe herum. „Seht, diese Briefe, diese Gutachten. Was und wie ich ihn frage, die Antwort ist erschöpfend, das ganze Gebiet der Halacha umfassend, und wie logisch alles zusammengefügt! Aber noch ein anderer, den ich nur von der Ferne bewundern durfte, dem netzen den Tiefen der Lehre alle Pforten der Weisheit und Wissenschaften offen stehen, wäre der gegebene Mann, die Lehre und die Zeit richtig und bindend für alle zu deuten: Rabbi Elie in W i l n a." Abraham wurde von einem leichten Schauer ersaßt. Auch in diesem Gemache voll der Bücher und Bilder nichtjüdischer Weisen der Name Rabbi Elie! Auch sonst hatte er zu staunen; er dachte sich den Weisen von Dessau anders, mehr selbstbewußt, mehr von einer Mission besessen, etwas weiter ab von der Welt, wie sie Abraham kannte. Als läse Mendelssohn mit hellseherischem Blicke all das aus Abrahams Gesichte heraus, fetzt er sanft, aber mit Nachdruck hinzu: „Man beurteilt mich falsch, von der einen wie von der anderen Seite. Hier macht man mich zum Propheten, Künder einer neuen Zeit, dort zu einem „Acher", einem Abgefallenen. Wo ich doch in Wahrheit nichts anderes bin, als ein einfacher, treu zur Thora haltender jüdischer Mensch, der seinem Volke in schwerer Zeit nach seinen schwachen Kräften helfen möchte, daß es die Augen dem Lichte öffnet." „Ich sah junge Menschen, die von diesem Lichte völlig geblendet sind," konnte sich Abraham nicht enthalten, zu bemerken. > Mendelssohn wurde lebhaft, sein Auge bekam einen schmerzlichen! Zug.'-!" i1 „Diese jungen Menschen,'die «man gegen uns ausspielt, zeugen für unser Werk. Eine Generationstrebt aus dem Ghetto hinaus, drangt Ungestüm ins offene Licht und bricht alle Brücken hinter sich ab, läßt sich vom Strudel hineinreißen in die Flut des modernen Lebens: W i r aber rufen ihr Halt! zu. Wir sagen ihr: „Bleibet im Lichtkreise, aber die Welt i n E u ch zerstöret nicht! Das Judentum, das Ihr im Herzen, im Blute trägt, halt mit seinem reinen Glauben und seiner Ethik den Blick der Welt aus." Man wertst diese jungen Stürmer nach dem, was sie sind, und bedenkt nicht, was sie g e w o r d >e n w ä r e n o h n e u n s." „Verzeiht die Frage, wie steht Ihr zum praktischen Gesetze?" fragte Abraham geradeaus, da ihm eine Bereinigung seiner Ansichten über den Dessauer in diesr Stunde als ein Gebot der Ehrlichkeit schien. Statt der Antwort holte Mendelssohn aus einer dicken Mappe einige Kongeptbogen heraus und reichte sie dem Gaste. In zierlicher, spitzer Schrift las Abraham: „Die erste Vorschrift des Judentums lautet nicht: du sollst glauben oder nicht glauben, sondern: du sollst tun oder nicht tun!" „In der von Gott gegebenen Verfassung ist Staat und Religion eins, Gott, der Schöpfer und Erhalter, war zugleich König der Nation. Bücgerdienst war zugleich Gottesdienst." „Wer Gott lästerte, war ein Majestätsschänder, wer den Sabbat freventlich entheiligte, hob einen Grundsatz der bürgerlichen Gesellschaft auf." „Das sogenannte Zeremonialgesetz des Judentums ist ebenfalls oder recht eigentlich göttlichen Ursprunges, dessen Verbindlichkeit so lange fortdauert, bis es dem Allerhöchsten gefallen wird, es ebenso laut und öffentlich abzuschaffen, wie er es offenbart hat." „Ist das geoffenbarte Gesetz von Gott, dann darf sich der im Hause Jakob Geborene nicht davon willkürlich befreien. Es ist uns erlaubt, über das Gesetz nachzudenken, seinen Geist zu erforschen, hie und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, einen Grund zu vermuten. Ein Gesetz könne nur dann geändert werden, wenn es dem höchsten Gesetzgeber gefiele, seinen Willen unzweideutig darüber erkennen zu geben. So lange dieses nicht geschieht, kann uns unsere Vernünftelei nicht von strengem Gehorsam befreien, den wir dem , Gesetze schulden.-" Abraham las diese und viele andere Sätze und berauschte sich förmlich am Glanz und Gehalt der Worte und Gedanken. „Wem gehören diese Bogen und wer hat diese Worte gesprochen und geschrieben?" fragte er. Mendelssohn erwiderte einfach und bescheiden: „Es sind Gedanken, die mir in stillen Nachtstunden ützer Judentum und Religion, Gott, Welt und Mensch in den Sinn gekommen sind. Sie sind nicht neu, mir aber neu, weil ich sie an der Philosophie der früheren und jetzigen Lehrer, im Verkehre mit den erlauchten Geistern der Zeit mir von neuem erwerben mußte. Ich brachte sie in diese einfachen Formeln, und werde sie zu Nutz und Fromm meiner Glaubensgenossen in einem Buche herausgeben. Das Buch soll den Titel „Jerusalem" oder ähnlich tragen.' Noch weitere Stellen aus dem sauberen Manuskripte las Abraham. Die Antwort auf feine Frage, wie Mendelssohn zum praktischen Gesetze stehe, war darin voll gegeben. Das helle Gesicht, das Auge voll Geist und Güte, die einfache, beherrschte Sprache ließen jede Unehrlichkeit, jeden Zwiespalt zwischen Tat und Gesinnung bei diesem Manne als vollkommen ausgeschlossen erscheinen. Aber Abraham konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: „Und bei solchen herrlichen Verkündigungen kann es geschehen, daß junge Menschen pietätlos, ja frivol gegen das alte Gesetz reden und handeln und sich dabei noch zu Euren Jünqern Zählen?" Moses Mendelssohn lächelte wie ein gütiger Vater, der für die Schwächen seiner Kinder nur ein verstehendes und verzeihendes Kopfnicken hat. „Diese Jungen mit ihren sürwitzigen Reden! Gärender Wein, er wird sich klären und gut werden. Sie werden sich finden, wenn die sammelnde Hand sie nicht verläßt. Mit der Linken zurückweisen und mit der Rechten heranziehen!" schloß er hebräisch mit einem Talmudzitat. „Die sammelnde Hand!" wiederholte Abraham, und seine Gedanken wurden auf ein anderes, sein eigenes Gebiet übergeleitet. Er war vom Zauber der Persönlichkeit des Deffauer angezogen und gestand es sich offen ein. Es waren nicht die letzten Bedenken gegen seine Art gewichen. Aber er faßte volles Vertrauen zu dem Manne, der mit seinen mißgestalteten Körper wie ein König dasaß und von Hochgedanken erfüllt war. Er verstand es vollauf, wie dieser abgeklärte Geist schon in der vornehmen Art, wie er sich gab und sich die.Formen schuf, die Menschen so gewgltig an sich fesselte Was Abraham im Haufe Daniel Jtzigs und auch in Frankfurt nicht tat, tat er jetzt. Er gab sem Geheimnis preis, erzählte in großen Zugen feme Herkunft, seine Geschichte und sei-